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"Das Geschehene verfolgte mich wie ein Albtraum"

(November 2004) Unglück und Notfallseelsorge waren Thema des "Besonderen Gottesdienstes" gestern Vormittag in der voll besetzten Groß Ilseder St.-Nikolai-Kirche. Eine Spielszene sowie eine Gesprächsrunde beleuchteten Emotionen und Gedanken, denen Rettungskräfte nach Notfall-Einsätzen ausgeliefert sind.

Wenn Menschen plötzlich mit Verlust, Zerstörung oder Tod konfrontiert werden, steht die Notfallseelsorge bereit, um Opfer, Angehörige oder Rettungskräfte zu begleiten. Im Kreis Peine begann die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Rettungsdiensten nach dem Zugunglück von Eschede 1998. "Wir merkten, da kann etwas passieren, wo wir beide gefordert sind", sagt Pastor Walter Faerber.
Wie belastend für Rettungskräfte Hilfe am Unglücksort sein kann, machen zwei aktive Mitglieder der Groß Ilseder Ortsfeuerwehr, in einer Spielszene deutlich. "Lass' mich doch erstmal in Ruhe", sagt der Feuerwehrmann (Thorsten Jünemann) als ihm seine Frau, gespielt von Anke Braackmann, nach einem Einsatz zu Hause aus der Jacke hilft. Er habe eine Person aus einem Auto herausgeschnitten, Kinder waren dabei. "Das Mädchen blutete am Kopf, der Junge war wohl schon tot, ich hatte das Gefühl, dass es David sein könnte", sagt der Feuerwehrmann, der dann aufsteht und doch noch einmal über das Geschehene mit seinen Kameraden reden will. Die Gottesdienst-Besucher, darunter viele Feuerwehrleute, applaudieren, denn solche Szenen haben sie selbst auch erlebt. Der Feuerwehrmusikzug Hohenhameln spielt zwischendurch Choräle.
"Rund 3500 aktive Feuerwehr-Mitglieder, darunter 200 Frauen, gibt es im Kreis Peine", teilt Burkhard Rothermund, Diakon im Kirchenkreis Peine, mit und spricht mit Kreisbrandmeister Siegfried Klein, Gemeindebrandmeister Berend Heinemann und Ortsbrandmeister Uwe Rau über deren Einsätze und Verarbeitung. Die drei Feuerwehrmänner - alle selbst Väter - erzählen, dass sie vor allem Unglücke mit Kindern sehr berühren. "Bei einem Einsatz in Solschen sind zwei Kinder verbrannt und erstickt, da stellt man sich die Frage, war man schnell genug, hat man alles richtig gemacht", sagt Heinemann. Trotzdem lege man während des Einsatzes eine "gewisse Kaltschnäuzigkeit" an den Tag, fügt Rau hinzu. "Man arbeitet nach einem Schema", sagt er. Das bestätigt auch Klein. Er berichtet von einem Unfall mit drei Jugendlichen an einem Weihnachtstag vor einigen Jahren. "Die drei starben später. Das Geschehene verfolgte mich wochenlang wie ein Albtraum", so Klein. Er hätte sich damals Gespräche gewünscht, stehe deshalb der Notfallseelsorge positiv gegenüber. "Die Gesellschaft hat den Umgang mit Not den Spezialisten überlassen", sagt Faerber in seiner Predigt. Unfälle, Notfälle und Katastrophen seien ganz weit aus dem Erfahrungshorizont des einzelnen Menschen herausgetreten. Der Notfallseelsorger hole Menschen behutsam in die Welt zurück, in der es sich trotz Unglück und Leid zu leben lohne.

Von Birthe Kussrohl-Ihle, Ilsede-Groß Ilsede

Peiner Allgemeine Zeitung, 08.11.2004

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