| Aus dem Boot steigen | |
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© Walter Faerber |
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22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. |
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Unter den Füßen von Petrus wird es hart; was eben noch vom Wind gepeitschter Schaum gewesen ist, das fühlt sich mindestens an wie ein elastischer Rasenuntergrund, sobald er seinen Fuß darauf setzt. Wie schafft der Petrus das nur? Kriegt er das wirklich hin? Und die Antwort ist: Nein, das kriegt er nicht hin, das würde er nie schaffen. Wenn Menschen glauben, dann passieren Dinge, die sie nie schaffen würden, aber mit Gottes Hilfe wird es möglich. Glaube ist die Kunst, sich so für die Kraft Gottes zu öffnen, dass um uns herum Dinge geschehen, die ohne Gott nicht geschehen würden. Aber gehen wir erst noch einen Schritt zurück und fragen uns: wie ist es dazu gekommen, dass sich die Jünger morgens um drei mutterseelenallein in einem gefährlich schlingernden Boot zwischen lauter ungemütlichen Wellen vorfinden? Die Antwort ist: Jesus war schuld. Er hatte sie allein losgeschickt, mitten in den Sturm hinein. Es war, als ob er gedacht hätte: die haben jetzt lange genug Sachen über mich gelernt, es wird Zeit, dass sie mal neue Erfahrungen mit mir machen. So wie man sagen könnte: irgendwann ist der Konfirmandenunterricht zu Ende, und dann lernt man nur noch dazu, wenn man eigene und echte Erfahrungen mit Jesus macht. Jesus hat also dafür gesorgt, dass sie in diese ungemütliche Lage gekommen sind. Und während sie sich mit Leinen und Rudern und Schöpfeimern abmühen, betet er. Und als sie schon ziemlich nass sind, da beschließt Jesus im Gespräch mit seinem Vater im Himmel, dass nun die Gelegenheit da ist, wo sie ein bisschen mehr über ihn erfahren sollen. Das ist ja auch für Jesus ungewöhnlich, dass er über den See Genezareth zu Fuss geht. Normalerweise nimmt auch er dazu ein Boot. Es hat Leute gegeben, die haben behauptet, in Wirklichkeit hätte es da unter Wasser einfach große Steine gegeben, und Jesus wäre auf denen entlanggelaufen, aber das ist Unsinn. Niemand kann auf Trittsteinen den großen See von Genezareth überqueren. Nein, Jesus wiederholt da mit den Jüngern etwas, was Gott schon früher mit einzelnen besonderen Menschen wie Mose oder Elia getan hat: er geht in seiner ganzen Herrlichkeit an ihnen vorüber und will ihnen damit seine Göttlichkeit und Gegenwart zeigen. Es ist einer jener ganz, ganz seltenen Momente, in denen Gott sich unverhüllt auf überwältigende Art Menschen zeigt. Deswegen sitzen die Jünger wie gelähmt im Boot und rufen nicht etwa: Hallo Jesus, nimm dir schnell einen Schöpfeimer und hilf uns! Nein, sie schrien vor Angst. Sie haben sowieso schon genug Probleme mit dem Sturm, und jetzt kommt da auch noch so ein Gespenst auf sie zu. Von unserer Warte aus fragen wir natürlich, warum sie Jesus nicht erkannt haben. Aber das ist es ja, dass wir Schwierigkeiten haben, die Gegenwart Jesu zu bemerken, gerade wenn die Wellen der Enttäuschung über uns zusammenschlagen und der Zweifel und durchschüttelt. Immerhin einer, Petrus, begriff, was da passierte, und noch mehr: er sah,. dass dies eine Gelegenheit für ein einmaliges geistliches Abenteuer war. Er sagte zu Jesus: Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen! Ich finde daran zwei Dinge bemerkenswert: einmal, dass Petrus offensichtlich gemerkt hat, dass Jesus seine ganze Macht mit den Jüngern teilen will. Jesus will nicht ein herausragender und einmaliger Wundertäter bleiben, sondern er will, dass seine Jünger, dass wir, Zugang bekommen zu den Kraftquellen Gottes, aus denen er selbst schöpft. Jesus hat kurz vorher seine Macht zu heilen mit ihnen geteilt also denkt Petrus: warum nicht auch die Macht, auf dem Wasser zu gehen? Zweitens aber finde ich bemerkenswert, dass Petrus sich von Jesus ausdrücklich beauftragen lässt, bevor er sich auf den Weg über das Wasser macht. Es geht nicht um Wagemut an sich, sondern um Gehorsam. Ich muss unterscheiden können zwischen einer echten Berufung von Gott und einem dummen Impuls, der aus mir kommt. Von dem späteren Petrus gibt es ja diese ganzen netten Geschichten, wie er am Himmelstor den Pförtner macht. Eine davon geht so: Ein Mann klopft an das Tor zum Himmel, und Petrus fragt ihn: kannst du mir einen Grund sagen, weshalb ich dich in den Himmel lassen soll? Was hast du denn Besonderes getan? »Oh,« sagt der Mann, »ich kam gerade vorbei, als so eine Gruppe betrunkener Rocker rumlungerte und die Passanten belästigte. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen damit aufhören. Und als sie nicht auf mich hörten, bin ich zu dem Anführer gegangen, habe sein Motorrad umgetreten, ihn in den Magen geboxt und ihm den Ring aus der Nase gerissen.« »Ich bin beeindruckt« sagt Petrus. »Das war ja echt mutig. Und wann war das?« »Eben gerade«, antwortet der Mann, »vor einer Minute!« Mut allein ist nicht genug; er muss auch begleitet sein von Weisheit und vom Hören auf Gott. An dem Petrus, der auf dem Wasser geht, wird nicht einfach Risikobereitschaft gepriesen. Es ist wichtig, dass er erst einmal sicherstellte, dass Jesus es für eine gute Idee hielt, aus dem Boot zu steigen. Aber Jesus verstand, dass Petrus ihn so sehr liebte, dass es für ihn nichts Größeres gab, als auch in einer so bedrohlichen Situation bei ihm zu sein. Und er wusste, dass Petrus gerade im Begriff war, einen entscheidenden Schritt zu tun. Denn in jedem von uns gibt es eine Stimme, die uns sagt, dass es mehr im Leben geben muss als ein trockenes Plätzchen im Boot. Wir sind zu mehr geschaffen als dazu, uns halbwegs unbeschädigt durchs Leben zu schlängeln, zu tun, was man von uns erwartet und nur im Urlaub mal ein bisschen Ungewöhnliches zu erleben. Es gibt etwas in dir, das übers Wasser gehen will, das die Bequemlichkeit verlassen und sich ins Abenteuer eines Lebens mit Gott stürzen will. Es gibt eine Ahnung davon, was für ein Leben das sein könnte, wenn die Kraft Gottes sich in deinem Leben entfaltet und um dich herum ungewöhnliche Dinge geschehen. Unser Leben ist dazu bestimmt, nicht einfach vorüberzugehen, sondern hier in dieser Welt deutliche Spuren zu hinterlassen, Spuren des Himmels mitten auf der Erde. Und da dabei zu sein, das ist eine Verlockung, die irgendwann auch dem nüchternsten und abgestumpftesten Otto Normalverbraucher über den Weg läuft. Aber es gibt keinen Zaubertrank, um das zu erleben, keine Pille, die man dafür einwerfen muss, es gibt nur einen Weg: man muss aus dem Boot steigen. Und du kannst das nicht als Zuschauer erleben. Stell dir vor, wie es Petrus wohl geht! Er hat eine Einladung zum größten Abenteuer seines Lebens, er darf etwas tun, was noch nie vor ihm ein Mensch getan hat und gleichzeitig rutscht ihm das Herz in die Hose, wenn er an den Sturm da draußen denkt. Ich finde es schon bei schönem Wetter ziemlich schwierig, auf dem Wasser zu laufen muss es denn wirklich gleich so ein Sturm sein? Aber Jesus traut uns immer mehr zu, als wir von uns erwarten würden. Und wenn Petrus jetzt nicht aussteigt, wird so ein Moment vermutlich nie wieder kommen. Was sind die Boote, in denen wir festsitzen? Ist es ein vollgepackter Tag, der uns überhaupt keinen Raum mehr lässt an Gott zu denken? Ein Fernseher oder ein Computer, der jede freie Minute absorbiert? Freundinnen und Freude, und was die von mir denken würden? Die Angst davor, sich auf etwas Unsicheres einzulassen und die Bequemlichkeit zu gefährden, an die wir gewöhnt sind? Aber Petrus atmet tief durch, steigt mit einem Bein über die Bordwand, dann zieht er das andere nach, noch hält er sich an der Reeling fest, dann lässt er auch da los, und er geht auf dem Wasser auf Jesus zu. Und es wird ein einmaliger Moment, den er sein ganzes Leben lang nicht vergessen wird. Großartig! Dieser eine Moment hat seinen Glauben an die Macht Gottes wahrscheinlich mehr gestärkt als sämtliche Predigten, die er im Lauf seines Lebens gehört hat. Aber dann passiert es. Er bricht ein. Einen Augenblick hat die Angst wieder Macht über ihn bekommen und sofort wird das Wasser wieder so weich und durchlässig wie immer. Und er tut das einzig Richtige: er schreit nach Jesus, und sofort ist der da und zieht ihn wieder heraus. Ich weiß nicht, was in diesem Moment die anderen Jünger im trockenen Boot gedacht haben. Vielleicht waren sie ja erst ein bisschen neidisch auf Petrus. Aber als er einbrach, da hat vielleicht der eine oder andere gesagt: siehst du, ich habe es ja gleich gesagt. Der Petrus packt es nicht. Ich hätte ihn ja gewarnt, aber dickköpfig wie er ist, der lässt sich ja nichts sagen. Liebe Freunde, wenn wir uns in das Abenteuer eines Lebens mit Gott stürzen, dann gehen wir immer das Risiko ein, dass uns zwischendrin die Angst wieder packt. Weil nämlich Angst und Wachstum zusammengehören. Es gibt kein Wachstum ohne Krisen, und es gibt keine Krise ohne Angst. Und wir sind immer in der Gefahr, dass die Leute im sicheren Boot sagen: ich habe gleich gewusst, dass das schief gehen würde. Und natürlich hat Petrus in gewisser Weise versagt. Er hätte der Angst keinen Raum geben dürfen und auf Jesus schauen müssen. Aber ich glaube, dass die wirklichen Versager ganz woanders saßen. Sie saßen im Boot. Wer nichts riskiert, kann sich auch nicht blamieren. Ihr Versagen wurde nicht bemerkt, nicht beobachtet, nicht kritisiert. Sie blieben auf der sicheren Seite. Nur Petrus riskierte es, sich öffentlich zu blamieren. Aber dafür war er auch der einzige, der das Gefühl kannte, wie es ist, unter seinen Fußsohlen hartes Wasser zu spüren. Und nur er wusste, wie es ist, wenn man etwas wagt, das man ohne Gottes Hilfe nie schaffen würde. Nur Petrus erlebte, wie es ist, wenn Gott tatsächlich seine Kraft in meinem Leben spürbar werden lässt. Und nur er erlebte, wie es ist, in einem Moment größter Hilflosigkeit und Angst von Jesus ergriffen und gehalten zu werden. Gott bietet uns solche Situationen an, in denen wir das erleben werden. Er zwingt uns da nicht hinein. Aber er gibt uns immer wieder Möglichkeiten, mit etwas Mut den Schritt zu tun in seine Gegenwart hinein. Den Schritt, nach dem sich etwas in uns sehnt. Darum geht es im Glauben. Davon kann man dann auch reden im Konfirmandenunterricht. Ins Boot setzen tun wir euch heute. Ob ihr auf das Wasser hinausfahrt, wird sich zeigen. |
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