Das verborgene Netz des Segens
(Konfirmation II)

© Walter Faerber

30 Die Apostel kehrten zu Jesus zurück und berichteten ihm, was sie alles in seinem Auftrag getan und den Menschen verkündet hatten.
31 Jesus sagte zu ihnen: »Kommt jetzt mit, ihr allein! Wir suchen einen ruhigen Platz, damit ihr euch ausruhen könnt.« Denn es war ein ständiges Kommen und Gehen, so dass sie nicht einmal Zeit zum Essen hatten. 32 So stiegen sie in ein Boot und fuhren an eine einsame Stelle. 33 Aber die Leute sahen sie abfahren und erzählten es weiter. So kam es, dass Menschen aus allen Orten zusammenliefen und noch früher dort waren als Jesus und die Zwölf.
34 Als Jesus aus dem Boot stieg, sah er die vielen Menschen. Da ergriff ihn das Mitleid, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Darum sprach er lange zu ihnen.
35 Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu Jesus und sagten: »Es ist schon spät, und die Gegend hier ist einsam. Schick doch die Leute weg! 36 Sie sollen in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich etwas zu essen kaufen!« 37 Jesus erwiderte: »Gebt doch ihr ihnen zu essen!« Aber die Jünger sagten: »Meinst du wirklich, wir sollen losgehen und für zweihundert Silberstücke Brot kaufen und ihnen zu essen geben?« 38 Jesus fragte sie: »Wie viele Brote habt ihr denn bei euch? Geht, seht nach!« Sie sahen nach und sagten: »Fünf, und zwei Fische.«
39 Da ließ er die Jünger dafür sorgen, dass sich alle in Tischgemeinschaften im grünen Gras niedersetzten. 40 So lagerten sich die Leute in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. 41 Dann nahm Jesus die fünf Brote und die zwei Fische, sah zum Himmel auf und sprach das Segensgebet darüber. Er brach die Brote in Stücke und gab die Stücke den Jüngern, damit sie sie an die Leute verteilten. Auch die zwei Fische ließ er an alle austeilen. 42 Und sie aßen alle und wurden satt.
43 Sie füllten sogar noch zwölf Körbe mit dem, was von den Broten übrigblieb. Auch von den Fischen wurden noch Reste eingesammelt. 44 Fünftausend Männer hatten an der Mahlzeit teilgenommen.


Über fünftausend Leute auf einem Haufen, und nichts ist vorbereitet!

Es wäre wahrscheinlich für viele unter uns ein Alptraum, wenn bei der Konfirmation heute auch so improvisiert werden müsste, wie Jesus das hier tut.

Eigentlich wollte er es ja anders machen. Geplant hat er eine Segeltour mit anschließender Pause im Grünen, und alles nur im kleinen Kreis. Aber weil die Leute ihn unbedingt hören wollen, macht er eine spontane Großveranstaltung daraus. Jesus kann das. Der konnte stundenlang reden, ohne vorbereitetes Konzept. Aber das Besondere war, dass es auch nach zwei Stunden immer noch so frisch war wie am Anfang. Das lag daran, dass er Gott aus erster Hand kannte, authentisch. Deswegen redete er belebend und nicht ermüdend. Er führte die Menschen, die ihm zuhörten, in die Gegenwart Gottes, er sorgte dafür, dass für sie die Wirklichkeit Gottes greifbar und plausibel wurde.

Und wenn sie so eine Zeitlang bei ihm gewesen waren, dann merkten sie, dass sie andere Menschen wurden. Es bedeutet ja Last und Mühe, wenn wir unsere Tage ohne Gott leben müssen. Wir merken das nur nicht so richtig, weil wir uns daran gewöhnt haben. Genauso, wie wir das Gewicht unseres Körpers nicht spüren, weil wir es nicht anders kennen. Höchstens morgens beim Aufstehen, da bekommt man vielleicht kurz einen Eindruck davon, was für ein Körpergewicht wir Tag für Tag mit uns herumschleppen. Und so merkten sie erst bei Jesus, was für eine Last sie Tag für Tag mit sich herumgeschleppt haben, sie merkten es, weil sie diese Last dort verloren.

Tag für Tag das Gesicht wahren müssen, sein wahres Gesicht verstecken, bis man es selbst nicht mehr kennt, all die kleinen und großen Lebenslügen aufrechterhalten müssen, immer neu um den Platz in der Welt kämpfen, immer wieder das schlechte Gewissen beruhigen, sich Sorgen machen, was denn passieren wird, wenn ... , immer wieder versuchen, es den Leuten recht zu machen, immer wieder auf die ganzen Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, weil man Angst hat, jemanden zu verprellen - all das ist so anstrengend und ermüdend, aber wir können uns das Leben kaum noch anders vorstellen. Aber in der Gegenwart Jesu wird einem das Stück für Stück abgenommen. Da atmet man auf, und Geist, Seele und Körper werden gesund. Deswegen kamen sie ja alle zu ihm, weil sie wussten, dass dort das wirkliche Leben zu finden war.

Und ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass die da alle draußen im Freien waren. Die waren weit weg von ihren ganzen sonstigen Verpflichtungen und Bindungen, rausgeholt aus dem Alltag und offen für Neues. So wie wir ja auch weggefahren sind, nach Tettenborn zur Konfirmandenfreizeit, für ein paar Tage in eine ganz andere Situation, auch wenn da natürlich für das Essen vorher gesorgt war. Aber Gott zu begegnen, das ist oft leichter in einer Situation, wo wir unseren normalen Alltag hinter uns lassen.

Und jetzt ist die Frage: funktioniert das auch, wenn sich der Hunger meldet? Die Jünger haben offenbar das Gefühl: jetzt müssen wir doch wieder zurückkehren in das normale Leben. Beim Essen hört der Spaß auf. Und sie stupsen Jesus an und sagen: denk daran, dass du die Leute nicht in die Situation bringst, dass sie hungern müssen. Schick sie weg, dass sie sich was bei McDonalds holen! Aber das ist unrealistisch – soviel Essen gibt es im ganzen Umkreis nicht zu kaufen. Wir hier könnten doch auch nicht jetzt plötzlich für 5000 Leute Hamburger besorgen.

Vor allem aber würde das bedeuten: das Netz, das Jesus gerade unter den Menschen geknüpft hat, wird gleich wieder zerrissen. Kaum meldet sich der Magen, da ist es aus mit all den großen Reden von Gott. Aber nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: wenn das Netz Gottes fest genug geknüpft ist, dann sorgt es auch dafür, dass die Menschen satt werden.

Jesus weiß, dass im Hintergrund der Welt das ursprüngliche Netzwerk der Schöpfung liegt. Denn Gott hat die Welt gebaut auf dem Fundament des Segnens und Gebens. Und das funktioniert immer noch, auch wenn davon viel verschüttet ist und wir erst graben und suchen müssen. Aber die Schöpfung, von der wir leben, durch die fließt ein überwältigender Segensstrom, und da gibt und nimmt jeder. Die Pflanzen geben den Sauerstoff ab, von dem Tiere und Menschen leben, und sie bekommen zurück das Kohlendioxid, das sie brauchen. In verschwenderischer Fülle werden Früchte, Farben, Aroma und Geschmack geschaffen, viel mehr, als zur reinen Fortpflanzung nötig wäre. Wir könnten gar nicht leben, wenn die Pflanzen ängstlich ihren Sauerstoff und ihre Früchte bunkern würden, bis sie die Garantie haben, dass sie genügend Kohlendioxid zurückbekommen.

Es hat Leute gegeben, die haben die Natur beschrieben als ein ewiges Fressen und Gefressenwerden, aber das ist überhaupt nicht der Hauptgesichtspunkt. Da haben Menschen ihre eigenen Fantasien in der Natur wiedergefunden. In Wirklichkeit herrscht in der Schöpfung ganz überwiegend Kooperation und Ergänzung. Und auch wir Menschen geben uns gegenseitig einen Vorschuss von Vertrauen, und es funktioniert in der Regel. Wenn ihr dran denkt, wie wir am Ende der Konfirmandennachmittage immer miteinander zu Abend gegessen haben, von dem, was alle mitgebracht haben, die einen dies, die anderen das, dann hat es immer gereicht, und übrig war auch noch was. Ein klein wenig hat sich auch da gezeigt von dem Reichtum Gottes.

Dieses ganze Netzwerk des Segnens, des Gebens und Teilens in der Schöpfung ist bis heute unsere eigentliche Lebensgrundlage, obwohl wir es schlecht behandeln und schon ziemlich viele Löcher hineingeschnitten haben. Und da am See Genezareth greift Jesus direkt auf diese Grundstruktur der Welt zu und vertraut ihr und leitet auch die anderen dazu an.

Aber sogar die Jünger sind skeptisch. Dabei kann man kurz vorher lesen, wie Jesus sie losgeschickt hat, um selbst zu predigen und zu heilen – und zwar ohne Geld, ohne Vorräte, ohne Sachen zum Umziehen. Gott sollte sie versorgen. Und, hat er es getan? Ja, klar, sie hatten immer genug. Und es hat seit damals genügend Christen gegeben, die solche Erfahrungen gemacht haben, manchmal auch ganz wunderbar: Gott versorgt uns. Es klappt. Aber jetzt, bei diesen vielen Menschen, da trauen die Jünger dieser Erfahrung nicht mehr.

Stattdessen haben sie im Kopf schon genau überschlagen, was Verpflegung kosten würde: 5000 Hamburger, aber es müssten schon BigMäcs sein, damit die Leute auch satt werden. Was kostet das zusammen? Jedenfalls viel zu viel.

Und Jesus sagt: hört mit dem Kopfrechnen auf und werdet Realisten! Ihr seid unheimlich gut darin, Geld auszugeben, das ihr nicht habt, und man wird davon natürlich ungeheuer satt, aber wieviel Brote wir denn tatsächlich haben, unten im Boot, wisst ihr das? Nein? Dann geht und schaut nach! Und dann kommen sie zurück mit ihrem Tagesproviant, fünf Brote und zwei Fische, und Jesus lässt die Leute Platz nehmen, nicht als ungeordnete chaotische Masse, sondern in überschaubaren Gruppen, wo keiner untergeht. Und er nimmt die Brote und die Fische und dankt für das, was da ist, und er bricht das Brot und gibt es ihnen, und ich glaube, diese Geste, wie Jesus immer das Brot gebrochen und ihnen gegeben hat, die hat sich ihnen unvergesslich eingeprägt. Darin hat sich das Geben und Schenken Gottes wiedergespiegelt. An der Geste haben sie ihn auch nach seiner Auferstehung wiedererkannt.

Und da am Ufer des Sees Genezareth verteilen sie das bisschen, was sie haben, und alle werden satt. Und noch viel weniger als bei anderen Wundern ist hier zu erkennen, wie das eigentlich funktioniert. Wird das Brot wirklich mehr? Oder hat Jesus ein Beispiel gegeben, dass man großzügig und unbesorgt teilen soll, und als daraufhin alle ihren Proviant aus der Tasche holten und miteinander teilten, da reichte es für alle?

Ganz genau kriegt man das nicht heraus. Auch bei anderen Wundern ist das manchmal so, dass man nicht weiß: was bleibt da im Rahmen unseres normalen Weltbildes, und was sprengt diesen Rahmen? Ich habe neulich ein Buch gelesen von einer Frau, die ohne Geld lebt. In Dortmund, glaube ich. Tatsächlich ohne Geld, ohne feste Wohnung, ohne einen Schrank voller Kleidungsstücke zum Wechseln, ohne Vorräte im Kühlschrank. Und das geht. Wenn man sich das genauer anschaut, dann merkt man: das ist alles erklärbar. Sie passt auf fremde Wohnungen auf, deren Besitzer im Urlaub sind oder sonst irgendwie weg, sie organisiert eine Lebensmittelverteilung für Bedürftige, wo sie Sachen verteilen, die in Lebensmittelgeschäften übrig bleiben, und davon bekommt sie auch was ab. Das ist alles nachvollziehbar, wieso das funktioniert.

Und trotzdem sagt sie, dass das Gottvertrauen die größte Errungenschaft dieser Jahre ist, in denen sie nun schon ohne Geld lebt. Und sie redet davon, wie für sie ganz deutlich ist, dass Engel um sie herum sind, und wie sie immer wieder erlebt, dass sie genau das bekommt, was sie jetzt eigentlich braucht, einfach so, ohne dass sie was dazugetan hat. Und sie sagt: ich bin so viel reicher als früher, ich habe von allem mehr als genug, ich kann jetzt weitergeben und schenken.

An vielen solchen Punkten zeigt sich, dass man sich die Welt nicht wie einen Steinbruch vorstellen muss, aus dem man sich halt das Nötige herausbricht und den Schutt kippt man am Ende wieder rein, fertig. Das ist genau die Art zu leben, die so müde macht! Aber viel eher ist die Welt wie ein Netz aus vielen Kanälen, durch die der Segen Gottes strömt.

Und ob man zu diesen Segenskräften in der Welt Zugang hat, das hängt davon ab, ob wir ein offenes oder verschlossenes Herz haben, ein Herz voll Glauben und Liebe, ein Herz, das sich für Gott öffnet. Diese ganze Konfirmandenzeit mit der Segnung am Ende, das ist ein Weg, um diesen Zugang zu öffnen, zu verstehen und einzuüben.

Von jetzt ab seid ihr dafür verantwortlich, ob ihr diesen begonnenen Weg weitergeht, Schritt für Schritt, und immer besser lernt, wie man ihn geht. Damit wird man nämlich nie fertig. Immer wieder muss man mutige neue Schritte machen. Die Jünger mussten es riskieren, dass sie ausgelacht wurden, als sie mit ein paar Brocken Brot zu den vielen hungrigen Leuten kamen. So wie sie es vorher riskiert hatten, ohne Geld und Essen von Jesus losgeschickt zu werden. Es ist immer eine mutige Entscheidung, sich auf die Wirklichkeit Gottes einzulassen, aber sie wird normalerweise belohnt. Jesus konnte so viele außergewöhnliche Dinge tun, weil sein Herz diesen Zugang hatte zur Wirklichkeit Gottes hinter den Dingen. Deswegen hörte die Welt auf ihn. Und er hat diesen Zugang dann auch wieder für andere geöffnet. Er hat den Heiligen Geist weitergegeben, damit auch andere in dieser Wirklichkeit des Segens leben können. Er fordert uns auf, dieser Wirklichkeit zu trauen und das echte Leben zu finden.


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