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Im Museum von Colmar kann man eines der berühmtesten Werke
der spätmittelalterlichen Malerei sehen: den »Isenheimer Altar«
von Matthias Grünewald.
Im Zentrum des Altars steht eine Darstellung der Kreuzigung Jesu.
Beeindruckten ist nicht nur die übermenschliche Größe der dargestellten
Personen, beeindruckend ist vor allem die Darstellung des schrecklichen
Leidens Jesu. Auf dem Bild darunter auf dem Altarunterteil sieht
man die Grablegung Jesu, links ist der Heilige Sebastian dargestellt,
ein Märtyrer, rechts der Heilige Antonius, de Schutzpatron der Kranken
und des Antoniterordens.
Das Bild stammt ursprünglich aus dem Kloster der Antoniter in
Isenheim im Elsass und ist zwischen 1512 und 1516 entstanden.
Im Zentrum des Bildes steht die Kreuzigung Jesu. Je genauer man
hinschaut, umso deutlicher sieht man, wie brutal realistisch Grünewald
die Qualen Jesu dargestellt hat. Die festgenagelten Hände recken
sich grausam verkrampft zum Himmel. Der ganze Körper ist mit Wunden
von der Geißelung übersät. Dornen von der Dornenkrone stecken in
Armen und Körper. Der geschundene Körper beginnt schon abzusterben.
Der Kopf mit dem schrecklichen Dorngestrüpp ist nach vorn gesunken,
der Mund ist wie im Stöhnen erstarrt. Über der Szene liegt Dunkelheit.
Der Himmel ist schwarz

Links vom Kreuz kniet Maria Magdalena. Neben ihr, ganz in weiß,
Maria, die Mutter Jesu. Sie wird vom Lieblingsjünger Johannes gestützt.
Rechts neben dem Kreuz steht Johannes der Täufer. Historisch gesehen
ist das nicht korrekt, weil Johannes damals schon nicht mehr lebte.
Aber dem Maler geht es nicht um eine historische Darstellung, sondern
er möchte den Menschen deutlich machen, was da auf Golgatha wirklich
passiert. Und Johannes der Täufer weist mit einem riesigen Zeigefinger
auf Jesus, so als als ob er jedem deutlich machen will: hier, auf
den kommt es an! Er hat ein Buch in der Hand, wahrscheinlich das
Alte Testament, und das soll ausdrücken: das ganze Alte Testament
läuft auf Jesus zu, auf diesen Moment seines Todes. Das ist das
Ziel und das Geheimnis der langen Geschichte Gottes mit den Menschen.
Jetzt kommt - wie wir es vorhin in der Lesung (Galater 3,6-9.14)
gehört haben - der
Segen Abrahams durch Jesus zu den Völkern.
Links neben Johannes sieht man ein Lamm, eine Erinnerung daran,
dass Johannes ja einmal von Jesus gesagt hat: das ist das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt trägt.
Es ist nun wichtig zu wissen, dass der Antoniter-Orden den besonderen
Auftrag hatte, sich um Kranke zu kümmern. Er entstand am Ende des
11. Jahrhunderts. Damals wurden weite Landstriche Westeuropas von
einer Krankheit heimgesucht, die man wegen der heftigen brennenden
Schmerzen, die sie verursachte, das »Heilige Feuer« nannte.
Daran war aber nichts heilig, sondern es war eine schreckliche,
schmerzhafte Krankheit. Heute weiß man, dass es sich um eine Vergiftung
durch Mutterkorn handelt. Ein Chronist aus dieser Zeit berichtet:
»1089 war ein Seuchenjahr, besonders im westlichen Teil Lothringens,
wo viele, deren Inneres das Heilige Feuer verzehrte, an ihren zerfressenen
Gliedern verfaulten, die schwarz wie Kohle wurden. Sie starben entweder
elendig, oder sie setzten ein noch elenderes Leben fort, nachdem
die verfaulten Hände und Füße abgetrennt waren. Viele aber wurden
von nervösen Krämpfen gequält.«
Die gepeinigten Menschen nahmen damals Zuflucht bei den bekannten
Heiligen, darunter auch dem Heiligen Antonius. Seine Gebeine lagen
angeblich in der Kirche eines kleinen Dorfes in der Nähe von Grenoble.
Als dort immer mehr gesunde und kranke Pilger erschienen, um Bewahrung
vor dem heiligen Feuer oder Heilung zu erbitten, bildete sich eine
Laienbruderschaft zur Betreuung der Pilger. Das war zuerst eine
Gruppe von etwa 10 Menschen. Damit hat alles angefangen. Aber sie
wurden bald mehr. Sie bauten schließlich ein eigenes Krankenhaus,
ein Spital. Es dauerte nicht lange, da wurde ihnen auch in anderen
Orten die Betreuung der Kranken übertragen. Bald war der Orten für
seine therapeutischen Leistungen berühmt.
Eines der Klöster des Antoniterordens war Isenheim. Vor den Altar
in der Klosterkirche wurden die Kranken geführt, wenn sie im Spital
aufgenommen wurden. Der Eindruck muss gewaltig gewesen sein. Und
wenn die Kranken genauer hinsahen, dann sahen sie die zerschundene,
mit Wunden übersäte Haut des gekreuzigten Jesus.
Grünewald hat sie so gemalt, dass sie genauso aussah, wie die
Wunden und Geschwüre der Menschen, die an dem Heiligen Feuer litten.
Wir wissen das, weil Grünewald an einer anderen Stelle des Altars
einen an dem Heiligen Feuer erkranken Menschen gemalt hat.
Hier sieht man, wie der ganze Körper des Kranker von Geschwüre
bedeckt ist, und sie gleichen den Wunden auf dem Leib des gekreuzigten
Jesus.
Wenn also die Kranken vor diesem Bild standen, dann sahen sie
einen Jesus, der die gleichen schrecklichen Schmerzen erlitt, die
sie auch so gut kannten. Sie verstanden: der weiß, wie das ist,
wenn der Körper nur noch eine einzige Wunde ist, wenn die Glieder
einem bei lebendigen Leibe absterben, der kennt diese Schmerzen,
bei denen man nur noch schreien kann.
Grünewald ist es gelungen, im Gesicht des gekreuzigten Jesus
die ganze Qual dieser Situation zu zeigen. "Ja," konnten
die Kranken sagen, "genauso geht es mir. Genau das fühle ich.
Genauso möchte ich manchmal schreien, aber selbst dazu fehlt mir
die Kraft." Grünewald hat einen Jesus dargestellt, der den
ganze Schmerz und das ganze Elend der Welt fühlt und in dieser Qual
zu Tode kommt. Einen Jesus, der sich nichts erspart hat, und der
stirbt am Elend der geliebten Welt Gottes. Dazu können einem die
Worte aus Jesaja 53 einfallen: "Fürwahr, er trug unsere Krankheit
und lud auf sich unsere Schmerzen."
Grünewald hat dem Bild seine Deutung mitgegeben: am Fuß des Kreuzes
sieht man ein Lamm. Schaut man aus der Nähe hin, dann sieht man,
dass dieses Lamm Blut verliert. Das Blut strömt in einen Abendmahlskelch.
Jesus, das Lamm Gottes, gibt sein Blut, und damit sein Leben, und
er gibt es, damit alle Anteil bekommen können an diesem Leben. So
wie es bei Jesaja heißt: "Die Strafe liegt auf ihm, auf dass
wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt."
Grünewald hat in seinem Bild also ganz besonders diesem Zusammenhang
zwischen dem Kreuz Jesu und der Heilung herausgestellt. Denn Heilung
ist ausgegangen vom Orden der Antoniter. Deswegen kamen die Menschen
ja von überall her, weil es hier Hilfe gab: durch den Antoniuswein
und den Antoniusbalsam, beides berühmte Medikamente. Und durch die
geistliche Wirklichkeit, die in der Mönchsgemeinschaft präsent war.
Man sieht daran, dass Gebet und Medizin sich nicht widersprechen,
sondern sich gegenseitig fördern und ergänzen. Uns Evangelischen
scheint es vielleicht seltsam, dass diese geistliche Wirklichkeit
durch einen Heiligen repräsentiert wird. Aber in dem Bild von Grünewald
wird deutlich, was die eigentliche Kraft dahinter ist: nämlich die
Hingabe Jesu, der im Auftrag Gottes an die dunkelsten und schrecklichsten
Stellen der Welt gegangen ist, der einen hohen Preis dafür bezahlt
hat, Gott auch an diese Orte der Qual zu bringen.
Und damit macht er sichtbar, woher überhaupt die Kraft kommt,
wenn von christlichen Gemeinden Heilung ausgeht. Es ist diese Bereitschaft
Jesu zur bedingungslosen Solidarität mit der Welt, die so schrecklich
leidet an ihrer eigenen Abwendung von Gott. Nur weil Jesus bereit
war, dies alles zu ertragen, deshalb konnte die Hilfe und die Heilung
Gottes wieder einen Weg zu den Menschen finden. Das ist das Potenzial,
dass bis heute in der Kirche wirkt und und tatsächlich immer wieder
Menschen gesund gemacht hat, auf vielen verschiedenen Wegen, durch
christliche Heilkunst ebenso wie durch Fürsorge, Liebe und Gebet.
Es gibt keinen Widerspruch dazwischen, weil es alles aus einer Quelle
kommt. Man muss nicht Gebet und Segen gegen Medizin oder gegen Liebe
und Fürsorge ausspielen, wenn deutlich ist, dass es alles einen
Ursprung hat. Es ist diese Tat Jesu, die das Tor zum Leben Gottes
wieder aufgestoßen hat und bis heute in der Kirche wirkt und ihre
Kraft entfaltet.
Wenn man den Lieblingsjünger Johannes auf dem Bild von Grünewald
genau ansieht (es ist der junge Mann auf der linken Seite, der sich
um die weiß gekleidete Maria kümmert), dann erkennt man eine Ähnlichkeit
zwischen seinem Kopf und dem Kopf Jesu. Sicher, der Kopf des Jüngers
ist kleiner, und die Fülle der Qual, mit der Grünewald das Gesicht
Jesu dargestellt hat, die findet sich nicht bei Johannes. Aber trotzdem:
der Schmerz Jesu spiegelt sich wider in den Gesichtszügen des Johannes.
Jesus hat die Kraft, seine Nachfolger zu prägen. Deswegen hat es
in der Kirche immer wieder Menschen gegeben, die bereit waren, nicht
vor dem Elend zu fliehen, so wie damals die ersten zehn Antoniter
in der Zeit des »Heiligen Feuers«. Und daraus entsteht dann Hilfe
und Heilung. Wenn Menschen bereit sind, sich so von Jesus prägen
zu lassen, dann kann Gott mit seiner heilenden Kraft eingreifen.
Wenn im Spital der Antoniter die Kranken vor dieses Altarbild
geführt wurden, dann sahen sie vor sich die Quelle der Heilung von
Körper und Seele, auf die sie vertrauten, und wegen der sie nach
Isenheim gekommen waren. Sie verstanden: nun bin ich zu dem gekommen,
dem kein Preis zu hoch war, um mich zu erreichen. Ich bin zu dem
gekommen, der meine Schmerzen so gefühlt hat, wie ich sie kenne.
Der mein Elend geteilt hat. Jetzt bin ich angekommen. Und jetzt
bin ich bereit dafür, von ihm das Leben Gottes zu empfangen.
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