Nach zehn Jahren Erfahrung mit dem Nationalsozialismus schreibt Dietrich Bonhoeffer zum Jahresende 1942 für sich selbst und für einige vertraute Freunde einen Rückblick auf das, was sie gemeinsam in dieser Zeit gelernt haben. Er schreibt:
 

Wer hält stand?
Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinandergewirbelt. Dass das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen. ...
Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf. Wo sind diese Verantwortlichen?


Wer hält stand? Das war die Frage, mit der sich Dietrich Bonhoeffer auf vielen Stationen seines Lebens beschäftigt hat. Er hatte schon früh den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus erkannt, als andere Kirchenmänner politisch durchaus mit Hitler sympathisierten. Er hatte schon früh gesehen, dass die Kirche dem Judenhass Hitlers in aller Klarheit widersprechen musste.

Bonhoeffer ist zuerst ein Entdecker gewesen, der in seinem liberalen Elternhaus früh die Frage nach Gott gestellt hat und diese Frage dann in seinem Studium weiter für sich geklärt hat. Die Begegnung mit dem Nationalsozialismus aktivierte in ihm das Beste aus den beiden Traditionen, in denen er stand: die geistige Freiheit des liberalen Bürgertums einerseits und die Bibel andererseits. Er hat sein Leben lang versucht, diese beiden Welten zusammenzubringen.

Vom Entdecker wurde er zum Erneuerer: er machte sich von da an auch ganz praktisch auf die Suche nach Grundlagen, von denen aus dem Nationalsozialismus zu widerstehen war. Er erlebte, wie Menschen Hitler zufielen, weil sie in ihrem Denken kein Widerstandspotential gegen ihn hatten. Und er dachte darüber nach, was für einen Grundansatz Menschen brauchen, damit sie unabhängig bleiben und widerstehen können. Wie muss man denken, um in solch einer Situation standzuhalten?

Bonhoeffers erste praktische Antwort darauf lautete: Wir brauchen eine neue Art von Kirche, die Menschen so in Gott verankert, dass sie resistent werden gegen den Sog des Nationalsozialismus, Menschen mit klarem Widerstandspotential. Er bekam die Gelegenheit, diese neue Kirche experimentell zu erproben, als er die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde übernahm. Von 1935 bis 1940 hat er junge Theologen der Bekennenden Kirche auf ihre Aufgaben als Pfarrer vorbereitet. Zuerst im Predigerseminar, das bald verboten wurde, aber illegal noch einige Zeit weiterbestand. Und als die Gestapo 1937 das Predigerseminar schloss, da gab es noch bis 1940 ein improvisiertes Sammelvikariat. Damals hat er junge Theologen auf eine unsichere Zukunft vorbereitet, denn sie wussten nicht, ob sie jemals eine sichere Pfarrstelle bekommen würden, oder ob sie nicht vielleicht nur im Untergrund als Pastoren tätig sein würden. Zu dem Rüstzeug, das er ihnen mitgab, gehörte die praktische Erfahrung einer geistlichen Gemeinschaft. Unter seiner Leitung entstand so etwas wie ein geistliches Kraftzentrum. Die jungen Theologen lernten, regelmäßig eine Meditationszeit mit der Bibel zu verbringen und in verbindlicher geistlicher Gemeinschaft zu leben. Dazu legte Bonhoeffer ihnen die Bergpredigt als Regel für das Zusammenleben aus. Daraus entstand sein Buch "Nachfolge".

In diesem Buch findet sich der Begriff der "billigen Gnade": eine Gnade, die Menschen zugesprochen wird, ohne dass ihnen auch die Notwendigkeit der Umkehr und der Erneuerung des Lebens ermöglicht und abverlangt wird. Und er schreibt: "Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche." Dagegen entwarf er eine Lebensgestaltung aus der Bergpredigt heraus.

Er schrieb damals an seinen Bruder: "In der Bergpredigt sitzt die einzige Kraftquelle, die den ganzen Zauber und Spuk einmal in die Luft sprengen kann." Also auch da wieder die Frage: wo sitzt die Kraftquelle, die dem Nationalsozialismus ein Ende bereiten kann? Und Bonhoeffer fährt fort: "Die Restauration (also die Wiederherstellung) der Kirche kommt gewiss aus einer Art neuen Mönchtums, das mit dem alten aber nur die Kompromisslosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der Nachfolge Christi gemeinsam hat. Ich glaube, es ist an der Zeit, hierfür die Menschen einzusammeln." Das war seine Hoffnung, eine Gruppe von Menschen zu sammeln, die mit ihrer Radikalität eines Lebens in der Nachfolge Jesu Ausstrahlung in die gesamte Kirche hinein hatte.

Aber man muss sagen, dass der Krieg seine Hoffnungen in dieser Richtung sehr begrenzt hat: viele seiner jungen Theologen wurden bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen, viele sind gefallen. Aber Bonhoeffer hat aufgrund der Erfahrungen mit dieser Kommunität im Predigerseminar Finkenwalde das Buch "Gemeinsames Leben" geschrieben: ein Buch, das bis heute Menschen inspiriert und anleitet.

Noch viel später, als er schon längst verhaftet war, hat er weiter überlegt, wie eine Kirche aussehen müsste, die eine wirkliche geistliche Macht sein und der Barbarei des Dritten Reiches widerstehen könnte. Und er hat damals geschrieben:

"Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, evtl. einen weltlichen Beruf ausüben.
Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, "für andere dazusein"."

Diese Vision einer "Kirche für andere" ist beim Neuanfang der evangelischen Kirche nach dem Kriege für viele leitend geworden. Wirklich umgesetzt worden ist sie nicht - sie wartet noch auf ihre Verwirklichung.

Schließlich, als ihm seine Kirche nicht folgte auf den radikalen Wegen, die er ging, wurde er mit wenigen guten Freunden zusammen zum Verschwörer. Er wurde zum Kämpfer, zum Widerstandskämpfer. Ein Kreis von hohen Beamten, Offizieren und Politikern plante ein Attentat auf Hitler. Als es 1944 misslang, fielen Tausende der Rache der Gestapo zum Opfer, auch viele Menschen aus Bonhoeffers Verwandtschaft.

Bonhoeffer hat stets darauf bestanden, dass dies seine christliche Entscheidung war, dass dies alles gewachsen war aus seiner Verwurzelung in der Bibel. Er lebte von der Bibel, er war verwurzelt im Positiven der Bibel, er strahlte Freude und Begeisterung aus und beeindruckte damit die Menschen. Es war seine Antwort auf die Frage: "Wer hält stand?" Derjenige, der in Gott verankert ist, auf seine Stimme hört, sich von ihm mit Freude füllen lässt und so immer wieder seine Unabhängigkeit gewinnt.

Spätestens seit dem Beginn des zweiten Weltkrieges lebte Bonhoeffer im Horizont des Todes. Das brachte die Verschwörung mit sich. Und in dieser Gemeinschaft der Verschwörer fand er etwas, was er so vielleicht auch in der geistlichen Gemeinschaft des Predigerseminars nicht gefunden hatte: Menschen, die sein tiefstes Anliegen - die Befreiung seines Volkes von dem nationalsozialistischen Joch - teilten. Immer wieder klingt Kritik auf an denen, die sich in frommer Weltflucht der Verantwortung für die kommende Generation entziehen, oder die es für unfromm halten, für eine bessere irdische Zukunft zu abreiten. "Mag sein" schrieb er, "dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen - vorher aber nicht."

So lebte er in seinen letzten Jahren mit der Ahnung, dass er das Kriegsende und die Befreiung Deutschlands nicht erleben werde. Aber gleichzeitig verlobte er sich und schrieb Skizzen für eine neue Kirche, die bis heute aktuell sind, und auf deren Verwirklichung wir immer noch warten. Er stieß auf Menschen, die sich nicht als Christen bezeichnet hätten, die aber durch den Gang der Ereignisse (und vielleicht auch durch die Begegnung mit ihm) Zugang fanden zu längst verschütteten christlichen Wurzeln.

Er schreibt: "Andere Zeiten erlebten es, dass die Bösen zu Christus fanden und die Guten ihm fern blieben. Wir erleben es, dass die Guten Christus finden und die Bösen sich gegen ihn verstocken. Andere Zeiten konnten predigen: ehe du nicht ein Sünder geworden bist wie dieser Zöllner und diese Dirne, kannst du Christus nicht erkennen und finden. Wir müssten eher sagen: ehe du nicht ein Gerechter geworden bist wie diese um Recht, Wahrheit, Menschlichkeit Kämpfenden und Leidenden, kannst du Christus nicht erkennen und finden."

D.h., wer sich nicht am politischen Widerstandskampf beteiligt, dem bleibt Christus fremd. Das ist die politische Zuspitzung der Lehre von der teuren Gnade: nur wo Umkehr und Lebenserneuerung ist, nur dort versteht man überhaupt, wer Jesus ist. Ohne Nachfolge hat man nur ein Zerrbild von Christus.

Diese Verbindung der klösterlichen Gemeinschaft im Predigerseminar in Finkenwalde mit der politischen Praxis des deutschen Widerstandes - diese Verbindung hat es damals nur in der Person Bonhoeffers und einiger weniger Mitstreiter gegeben. Dafür hat Bonhoeffer in seinen letzten Jahren Wege skizziert, die bis heute noch nicht auf breiter Front gegangen worden sind. Diese Verbindung war seine endgültige Antwort auf die Frage "Wer hält stand?". In diesem Sinn hat sich Bonhoeffer noch in seinen letzten Tagen mit dem Neffen des russischen Kommunisten Molotow angefreundet, einem Atheisten, den er in der Haft traf, und hat auf dessen Bitte seine letzte Andacht gehalten. Hätte es für diese Antwort Bonhoeffers auf die Frage nach dem Standhalten eine breite Basis in Deutschland gegeben, dann hätte Hitler nicht so einfach seine Zerstörungen anrichten können.

Aber so blieb Bonhoeffer am Ende nur noch, mit dem Zeugnis seines Lebens seinen Weg, seine Entwürfe, seine Vision zu bekräftigen. In einem Gedicht über Mose, der das Gelobte Land nur von Ferne sehen kann, aber selbst nicht hineinkommt, hat er wohl von sich selbst gesprochen.

Seine Ahnung hat ihn nicht getrogen. Aber sein Wunsch, der Tod möge ihn nicht zufällig, nicht Abseits vom Wesentlichen treffen, dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Wir haben es eben gehört, was er zwei Jahre vor seinem Tod geschrieben hat: "Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freiwilliger Einwilligung." So ist es gekommen. Als die SS kam, um ihn aus dem Kreis der anderen zu holen, sagte er zu einem Mitgefangenen: "Das ist das Ende, für mich aber der Beginn des Lebens".

Einer der letzten, die ihn noch gesehen haben, war der Lagerarzt von Flossenbürg. Er schrieb später: "Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich aufs Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen."