Während der Predigt waren zwei Szenen über Kommunikation zu sehen.

Besonderer Gottesdienst am 03.09.2006

Von Anfang an wird über den Gott der Bibel gesagt, dass er ein naher Gott ist: einer, der auf uns hört und zu uns spricht und sich um das Leben auf der Erde kümmert. Das ist sozusagen sein Markenzeichen. Man könnte sich Gott ja auch wie einen Uhrmacher vorstellen: er hat eine tolle Uhr gebaut, und dann stößt er das Pendel an, und von da ab läuft die Uhr ganz allein, und er kümmert sich nicht mehr darum.

Aber in Wirklichkeit ist Gott ständig mit dieser Welt beschäftigt, und zwar unabhängig davon, ob wir das wahrnehmen oder nicht. In Wirklichkeit hat Gott die Welt nicht als seelenloses Uhrwerk geschaffen, sondern als ein lebendiges Geflecht, als ein Netzwerk des Lebens mit Menschen, die ihn verstehen können. Die Welt ist so eingerichtet, dass sie nur mit Gott zusammen funktionieren kann. Er ist auch immer mit drin in diesem Geflecht des Lebens.

Es gibt eine Stelle in der Bibel, in des das sehr schön beschrieben wird. Da ist Mose, der Befreier Israels, dabei sich zu verabschieden, er wird nicht mehr lange leben, und er erinnert sein Volk noch einmal an die Gebote Gottes, und als er damit fertig ist, sagt er (5. Mose 30,11-14):

11 [Denn] das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun?
14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

Er sagt damit: du musst nicht erst eine lange Reise an die äußersten Grenzen der Welt machen, um da vielleicht etwas über Gott zu erfahren. Nein, Gott ist dir ganz nahe an dem vertrauten Ort, wo du bist, er wird dir begegnen durch sein Wort, das du lesen und hören kannst und das dann in deinem Herzen lebendig wird. Es ist mit Gott gar nicht viel anders als mit einem Menschen, dem du täglich begegnest. Es ist nicht schwer, mit ihm zu kommunizieren. Du musst es nur wollen, und du wirst auf ihn stoßen.

Jetzt gibt es aber manche, und sicher sind unter uns auch welche dabei, die sagen: das ist ja alles schön und gut, aber wie soll ich mir das vorstellen? Wie soll man mit jemandem kommunizieren, der unsichtbar ist? Man kann Gott doch nicht sehen. Wie soll man da mit ihm zu tun bekommen.

Das ist ein interessantes Argument, weil wir nämlich damit sagen: mit jemandem, der sichtbar ist, mit dem kann man ohne weiteres Verbindung auf nehmen. Aber stimmt das? Ist es wirklich so, dass es so viel leichter ist, eine Verbindung aufzunehmen, wenn man jemanden sehen kann? Wir wollen den Test machen. Wir sehen jetzt eine kurze Szene zum Thema: "Kontaktaufnahmeversuch mit jemandem, der sichtbar ist."

Szene 1: Eine Frau versucht vergeblich, ihren Mann, der gerade im Fernsehen ein Fußballspiel anschaut, in ein Gespräch zu verwickeln.

Haben Sie gemerkt, wie schwer das sein kann, Kontakt aufzunehmen, obwohl jemand sichtbar ist? Er ist sichtbar, aber er ist nicht anwesend. Möglicherweise ist das für seine Frau gerade das Allerfrustrierendste, dass er sichtbar ist und trotzdem nicht anwesend.

Wir müssen also unterscheiden zwischen sichtbar und ansprechbar. Gott ist unsichtbar, aber er ist trotzdem ansprechbar. Sichtbar zu sein ist etwas Äußeres, es ist wichtig, aber es ist nicht das Entscheidende. Wenn wir Gott begegnen wollen, wird das Treffen in unserem Kopf stattfinden. Das ist ungewöhnlich aber nicht unsinnig. Viel wichtiger als räumliche Anwesenheit ist es, ansprechbar zu sein, und das hat etwas zu tun mit Beziehung. Es hat etwas zu tun mit innerer Haltung. Welche innere Haltung blockiert am meisten unsere Ansprechbarkeit? Wenn wir abgelenkt sind, mit etwas anderem beschäftigt, oder wenn wir sauer und blockiert sind oder beides zusammen, dann sind wir schlecht ansprechbar - ganz egal, ob es um Gott oder um Menschen geht. Und das schauen wir uns jetzt einmal in der zweiten Szene an:

Szene 2: Ein Mann versucht, seine Frau zu einem romantischen Abend zu überreden - aber sie ist völlig von ihrer Arbeit absorbiert

Wodurch wird eigentlich die Kommunikation behindert? Es sind im Grunde immer Beziehungsprobleme, die da blockieren. Das ist so zwischen Menschen, und das ist genauso zwischen uns und Gott. Aber wer wäre in dieser Szene eben eigentlich Gott gewesen? Auf welchem Stuhl hätte Gott gesessen?

Ist Gott derjenige, der sagt: stör mich nicht, ich bin beschäftigt? Ich habe zu tun mit dringenden Problemen in der ganzen Welt, ich kann mich jetzt nicht auch noch mit dir beschäftigen! Oder ist Gott derjenige, der kommt und sagt: hey, lass uns unsere Beziehung mal wieder auffrischen! Früher war das so gut mit uns beiden, aber diese ganze Arbeit, dieser ganze Stress, und der Ärger, der sich so im Laufe der Zeit eingeschlichen hat, das alles nimmt den Glanz von unserer Beziehung, die wird immer oberflächlicher. Also, lass uns zusammen etwas Schönes machen, nimm dir Zeit für uns, es kann wieder so werden, wie es früher war.

Ich glaube, dass Gott in Wirklichkeit auf dem zweiten Stuhl sitzt und sich in erster Linie wünscht, dass wir ihn wahrnehmen und ihm Aufmerksamkeit zuwenden. Sie kennen das ja wahrscheinlich auch, wie schwer es ist, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die gerade in dieser "ich-habe-schrecklich-viel-zu-tun-und-du-fehlst-mir-jetzt-gerade-noch"-Stimmung sind. Es gibt Menschen, die chronisch in dieser Stimmung sind. Und in Bezug auf Gott sind wir fast immer in dieser Stimmung.

Aber was, meinen Sie, bedauern Menschen am Ende ihres Lebens? Dass sie zu wenig im Büro gesessen haben? Das sie zu wenig Fenster geputzt haben? Ist Ihnen schon mal ein Achtzigjähriger begegnet, der gesagt hätte: "was ich wirklich bereue, das ist, dass ich so selten mein Auto gewaschen habe"? Normalerweise wünschen sich Menschen, dass sie mehr in ihre Beziehungen investiert hätten, dass sie das besser hingekriegt hätten. Und genauso wird es im Rückblick sein, dass wir uns wünschen, wir hätten diese Einladungen Gottes angenommen: Hey, ich bin da! Ich würde gern was Schönes mit dir machen. Ich würde gern mit dir zusammen sein. Heute ist unser Tag! Willst du denn nie rauskommen aus dieser "ich-kann-jetzt-nicht"-Stimmung? Du hast doch kaum noch Luft für dich selbst.

Wenn wir noch mal an diese zweite Szene denken - es hätte da übrigens eine wunderbare Lösung gegeben: wenn die Frau nämlich ihren Mann in ihre Arbeit eingeladen hätte. Nicht in ihre Hektik, sondern in ihre Arbeit. Irgendwie ist sie gar nicht auf den Gedanken gekommen, zu sagen: komm, setz dich dazu, nimm dir ein Messer und hilf mir, ich mach dir hinterher auch Pflaster auf die Wunden, bring mich auf andere Gedanken, und dann haben wir nachher vielleicht noch Zeit für was anderes, und auf jeden Fall sind wir uns jetzt nahe gewesen.

Und das ist im Prinzip mit Gott nicht anders: wir können ihn ganz genauso einladen in all die Dinge, die wir so Tag für Tag machen. Wir müssen nicht immer Extrazeiten für ihn vorsehen, sondern wir können mit ihm die normalen Dinge tun. Nicht unsere Aufgaben sind das Problem, sondern dass sie uns so mit Beschlag belegen, dass wir für nichts und niemanden sonst mehr Aufmerksamkeit haben: für Menschen nicht und für Gott schon gar nicht.

Wenn die beiden hier in der Szene zusammen die Kartoffeln geschält hätten, dabei wäre das Entscheidende vielleicht gar nicht die Zeitersparnis gewesen, sondern sie hätten es eben anders gemacht. Schwer zu beschreiben, was sich eigentlich genau verändert hätte! Der Unterschied wäre eben, dass sie es zusammen gemacht hätten. Ein kurzer Blick zwischendurch, eine Bemerkung, ein Gedanke, der ausgetauscht wird � das wären kleine Veränderungen, aber sie hätten einen großen Unterschied gemacht.

Und so etwa ist das auch gemeint, dass wir unseren Tag mit Gott zusammen leben. Wir tun unsere normalen Dinge, aber wir schauen, dass es immer wieder diese kleinen Blickkontakte mit Gott gibt, einen kurzen Gedankenaustausch, einen kleinen Hinweis:

  • Probieren Sie mal aus, darauf zu achten, auf wen Gott Sie aufmerksam macht im Lauf des Tages.
  • Vielleicht heute auf diesem Fest: könnte Ihnen Gott etwas sagen zu einzelnen Personen, die Ihnen über den Weg laufen?
  • Oder, wenn Sie essen, dann denken Sie daran, dass das in Wirklichkeit ein Geschenk für Sie ist, mit dem Gott Ihnen sagen will, dass er für Sie da ist. Essen tun Sie sowieso, warum das nicht nutzen für einen Blickkontakt?
  • Oder abends beim Schlafengehen mit Gott zusammen einen Blick auf den vergangenen Tag werfen. Vielleicht gibt es da etwas, worauf er Sie aufmerksam machen will, was Sie völlig übersehen haben oder schon längst wieder vergessen?
  • Und morgens beim Aufstehen Danke sagen für das Geschenk dieses neuen Tages – das müsste eigentlich die Stimmung enorm verbessern.

Ich kann das heute nur in Kurzfassung sagen. Ich möchte darüber aber an den nächsten Sonntagen ausführlicher sprechen. Das ist also eine Einladung in die Gottesdienste in den nächsten Wochen. Vielleicht ist Ihnen der Gedanke ungewohnt, aber Gottes Gegenwart wahrzunehmen, das hat auch viel mit Übung und Ausprobieren zu tun, das ist zu einem guten Teil auch etwas, was man lernen kann. Und unsere Gemeinde ist auch ein Lernort dafür, dafür sind wir da.

Gott umgibt uns von allen Seiten, und er wohnt in der Tiefe unseres Herzens. Und er versucht ständig eine Verbindung dazwischen herzustellen. Und wenn ein Wort von ihm unser Herz trifft; oder wenn wir etwas Wunderschönes sehen und davon überwältigt und berührt sind; oder wenn uns Mitleid bewegt, so dass wir einen Kloß in unserem Hals haben und Tränen in den Augen – all das sind solche Momente, wo der Kontakt geschlossen ist und der Strom der Gegenwart Gottes fließen kann.

Und jetzt wenigstens eine kurze Übung, um zu zeigen, wie einfach es sein kann, auf Gott zu achten. Überlegen Sie einen Augenblick, wofür Sie heute dankbar sind! Und - haben Sie etwas gefunden? Dann heben Sie den Arm! Sehen Sie, wie viele das sind?

Schauen Sie, dass sind solche Momente, die den Unterschied machen! Augenblicke, in denen wir den Reichtum spüren, der uns umgibt - und ohne diesen Moment des Innehaltens hätten wir es vielleicht gar nicht gemerkt! Und es geht darum, dass viele solcher Momente unser Leben durchziehen.