Logo zum Gottesdienst am 19.11.2006

1 In der Vergangenheit hat Gott in vielfï¿œltigster Weise durch die Propheten zu unseren Vorfahren gesprochen. 2 Aber jetzt, am Ende der Zeit, hat er zu uns gesprochen durch den Sohn. Ihn hat Gott dazu bestimmt, dass ihm am Ende alles als sein Erbbesitz gehï¿œren soll. Durch ihn hat er auch am Anfang die Welt geschaffen. 3 Die ganze Herrlichkeit Gottes leuchtet in ihm auf; in ihm hat Gott sein innerstes Wesen sichtbar gemacht. Durch sein machtvolles Wort sichert er den Bestand des Weltalls.

Worte kommen schwach und vergᅵnglich daher, aber sie haben es in sich. Wir sollten uns von ihrer schwachen ᅵuᅵeren Gestalt nicht tᅵuschen lassen. Jedes menschliche Wort trᅵgt jedenfalls ein schwaches Echo von den machtvollen Schᅵpfungsworten Gottes in sich. Natᅵrlich gibt es auch fruchtlose und wirkungslose Worte. ᅵWo man arbeitet, da ist Gewinn; wo man aber nur mit Worten umgeht, da ist Mangelᅵ heiᅵt es z.B. in den Sprᅵchen (14,23). Und genauso heiᅵt es: ᅵDer Worte sind genug gewechselt, lasst uns jetzt endlich Taten sehenᅵ. Solch ein Denken ist ein Reflex auf die Erfahrung von folgenlosen, unentschlossenen Worten und man meint dann, Taten wᅵren etwas viel Reelleres als schwache Worte. Aber dabei vergisst man, dass die Taten doch von Menschen kommen mᅵssen, und wir Menschen sind in uns ganz stark von Worten und Gedanken geprᅵgt. Wenn in uns die falschen Worte leben, dann kann das unsere Tatkraft enorm beeintrᅵchtigen.

Alle verletzenden und zerstï¿œrerischen Worte zielen darauf, einen Menschen in seinem Kern so anzugreifen, dass er in seiner Wirkung und Tatkraft lahmgelegt wird. Wenn einer erstmal echt glaubt, dass seine Finger nicht kaninchengeeignet sind, dann wird er aufhï¿œren, Freude an seinen Tieren zu haben. Wenn einer immer wieder hï¿œrt, dass seine Zeichnungen doof sind, dann wird sich sein Zeichentalent in den meisten Fï¿œllen nicht entwickeln. Wenn man Menschen einredet, sie seien zu dick oder ï¿œberhaupt hï¿œsslich, kann man viel Geld an ihnen verdienen. Wenn man es schafft, einem Menschen einzureden, dass er nicht in der Lage ist, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, dann hat man ihn wirkungsvoller im Griff, als wenn man ihn mit eisernen Ketten gefesselt hï¿œtte.

Am Anfang des Gottesdienstes war eine Szene zu sehen, in der eine Frau sich an die Worte erinnerte, die sie von ihrem Vater, aber auch von anderen, zu hï¿œren bekommen hatte. Da war zu sehen, wie vergiftete Worte Menschen wirklich aus der Bahn werfen kï¿œnnen, wenn niemand mit den richtigen Worten dagegenhï¿œlt.

Aber auf der anderen Seite sind es auch Worte, die Menschen immun machen kï¿œnnen gegen die vergiftende Wirkung von solchen Einreden. Der Vater vorhin hat das so schï¿œn altersangemessen praktiziert. Und vielleicht hat der eine oder die andere gedacht: so jemanden hï¿œtte ich auch gebrauchen kï¿œnnen, damals, als die anderen so mies mit mir umgegangen sind. Wenn mir einer doch mal so etwas gesagt hï¿œtte!

Ja, es gibt auch das, dass es gerade die Eltern sind, die ihren Kindern belastende Worte mit auf den Weg gegeben haben. Wer als Kind unter Angriff leben musste, wem zu verstehen gegeben worden ist, dass er zu nichts taugt, dass er eine Last ist, wessen Liebe immer wieder an Mauern von Kï¿œlte und Spott abgeprallt ist, der trï¿œgt ein schweres Erbe in sich. Worte gestalten unser Leben. Worte entscheiden darï¿œber, ob Glï¿œck oder Freude bis zu uns durchkommen. Wir kï¿œnnen viel Schweres ertragen, wenn die richtigen Worte in uns leben. Dann bleiben wir trotz aller Bedrï¿œckung von auï¿œen in uns selbst stabil und reaktionsfï¿œhig, wir behalten das Zutrauen, dass wir unser Leben meistern werden, und unser Herz bleibt lebendig.

Deshalb hat Gott in erster Linie durch sein Wort in dieser Welt gehandelt. Er hat sich durch sein Wort sein Volk geschaffen, und wenn Jesus das ᅵWort Gottesᅵ genant wird, dann heiᅵt das: seine ganze Geschichte spricht auf machtvolle Weise zu uns. Sie hat die Kraft, aus uns neue Menschen zu machen. Und noch weiter zurᅵck heiᅵt es, dass Gott die Welt durch sein Wort hat entstehen lassen und dass er durch sein Wort die ganze Schᅵpfung trᅵgt und erhᅵlt - wir haben es eben in der Lesung gehᅵrt.

Wir kï¿œnnen nur ahnen, wie das gemeint ist - anscheinend ist auch die aus unserer Sicht tote Materie auf geheimnisvolle Weise ansprechbar fï¿œr Gottes machtvolles Wort, und deshalb konnte es geschehen: als Jesus dem Wind und den Wellen befahl, da wurden sie ruhig und der Sturm legte sich. Immerhin hat auch die moderne Physik entdeckt, dass Information eine ganz wesentliche Zutat zur Welt ist.

Und auch wenn Gott die Schᅵpfung erneuert, wenn er aus einem Menschen eine neue Kreatur macht, tut er das mit seinem Wort. Durch die Bibel und die Worte von anderen Menschen kann einer so in den Einflussbereich Jesu hineinkommen, dass Jesus auf ihn wirkt und ihn in sein neues Leben hineinzieht. Und das geht nicht nur auf diese verstandesmᅵᅵige Weise, dass wir bestimmte Einsichten aus der Bibel herausdestillieren und die dann anwenden, sondern das geht auch so, dass das Evangelium auf eine schwer erklᅵrbare Weise an uns und in uns arbeitet und wir nicht dieselben bleiben. Deswegen hat es in der christlichen Tradition immer auch diese vielen Wege gegeben, wie man das Wort Gottes in seinen Gedanken und in seinem Herzen behᅵlt, es hin und her bewegt und meditiert und es einfach auf sich wirken lᅵsst. Und dann haben die Menschen erlebt, wie es in ihnen Wurzeln schlᅵgt und lebt und wirkt.

Vielleicht kann man sagen, dass wir so immer stï¿œrker heimisch werden in der biblischen Denkweise, dass dann einfach ganz viele Gedanken bereitstehen, auf die wir sonst nicht kommen wï¿œrden, und dass Gottes Geist diese Gedanken und Verbindungen aktivieren kann, wenn es so weit ist. Deswegen finden wir im Evangelium auch den Hinweis, dass wir uns vor schwierigen Situationen gar nicht zurechtlegen sollen, was wir sagen werden, sondern der Geist Gottes wird es uns sagen. Das ist nicht so gedacht, dass wir nicht ï¿œber die Bibel nachdenken sollen, sondern das setzt voraus, dass wir das sowieso dauernd tun, und dann sollen wir es nicht extra tun, wenn der Stress kommt, sondern sollen darauf vertrauen, dass der Heilige Geist im Ernstfall auf das zurï¿œckgreifen wird, was im Lauf der Zeit in uns gewachsen ist. Als Jesus z.B. in der Wï¿œste dem Teufel begegnete, da konnte er zurï¿œckgreifen auf viele Jahre, in denen er die Bibel studiert hatte, sie durchdacht und sich angeeignet hatte, und er konnte es alles sehr gut gebrauchen, als der Versucher ihn von seinem Weg abbringen wollte.

Denn irgendwie sucht sich das Evangelium seinen Weg, um mit unseren Grundï¿œberzeugungen in Kontakt zu kommen, und es beeinflusst sie, es ordnet sie, es bringt sie in einen mehr schï¿œpfungsï¿œangeï¿œmessenen Zustand, mit dem wir besser leben kï¿œnnen.

Ich habe den Eindruck, dass man so im Laufe der Zeit einfach viel ᅵbernimmt von den biblischen Selbstverstᅵndᅵlichᅵkeiᅵten, wenn ich das mal so nennen kann. Solche Sᅵtze Jesu wie ᅵwer sein Leben liebt, der wird es verlieren, aber wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnenᅵ, die entfalten in uns ihre Wirkung. Am Anfang sagt einer vielleicht: wie soll denn das gehen?, aber nach und nach wird das immer einleuchtender, und am Ende ist es eine ganz belastbare Grundᅵberzeugung.

Die letzte Frage in der Szene am Anfang war ja: jetzt, wo der Vater alt und offensichtlich verwirrt ist, schon weit weg von den anderen Menschen, muss ich mir jetzt solche lebensbringenden Worte selbst sagen? Die Antwort ist, dass wir sowieso von dem leben, was uns andere gesagt haben, und im Grunde erinnern wir uns nur immer wieder an diese Worte. Aber die eigentliche Quelle all dieser wahren und ermutigenden Worte ist Gott, es ist sein lebensschaffendes Wort, das auf vielen Wegen zu uns kommt, manchmal in starker Konzentration und manchmal so verdᅵnnt, dass wir es kaum wiedererkennen. Dieses Wort hat seinen Ursprung immer von woanders, egal ob es durch einen Menschen zu uns gesagt wird oder nicht. Das heiᅵt aber auch, dass es nicht an bestimmte Menschen gebunden ist. Ja, manchmal gibt es Menschen, die gerade uns das Evangelium besonders gut und einleuchtend sagen kᅵnnen. Es ist gut, wenn es solche Menschen in unserem Leben gibt. Aber wenn die nicht mehr sind, dann wird Gott andere Wege finden. Vielleicht ist es fᅵr die Tochter aus der ersten Szene jetzt an der Zeit, direkt zur Quelle des Lebens zu finden. Ihr Vater hat sie auf den Weg gebracht, er hat ihr gezeigt, welchen Segen und welchen Schutz Worte geben kᅵnnen, er hat sie ᅵauf den Geschmack gebrachtᅵ, und jetzt ist sie dran, auf diesem Weg selbst weiterzugehen. Weiter kᅵnnen wir einem Menschen eigentlich nicht bringen, mehr kᅵnnen wir ihm nicht mitgeben.

Am Ende ist es die Eigenbewegung von Gottes Wort in uns und unter uns, die das Leben fï¿œr uns schafft. Wir kï¿œnnen diese Eigenbewegung unterstï¿œtzen und fï¿œrdern, wir sollen ihr Raum geben, damit sie ihr Werk tun kann. Und auch in diesem Gottesdienst soll das geschehen.