Auch Gott wartet – aber anders

Predigt am 16. Dezember 2007 (3. Advent) zu Matthäus 11,2-6

Verfasser: Walter Faerber

Die Predigt bezieht sich auf ein Adventsspiel der Vorkonfirmanden, das vorher im Gottesdienst zu sehen war, und in dem es ums Warten ging.

Warten tut eigentlich niemand gern. Aber das hat auch damit zu tun, dass es zwei Arten gibt, wie man warten kann:

  • Es gibt einmal das passive Abwarten, also wenn man irgendwo im Wartezimmer sitzt und nicht weiß, warum es wieder mal so lange dauert, und da liegen nur langweilige Zeitschriften rum und man denkt dauernd daran, was man eigentlich in dieser Zeit noch alles tun müsste. Das ist nervig.
  • Es gibt aber auch ein ganz anderes Warten, bei dem man so aktiv dabei ist, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

Ich hoffe, eine ganze Menge von uns kennen die Geschichten von Astrid Lindgren über Michel aus Lönneberga: das ist ein kleiner Junge, der dauernd Unfug macht. Zur Strafe muss er dann im Tischlerschuppen sitzen und dort schnitzt er aus Holzstücken Figuren, und da stehen dann irgendwann über hundert Figuren, weil er so oft in den Tischlerschuppen musste. Aber dieses Warten meine ich nicht. Sondern Astrid Lindgren beschreibt in einem ihrer Bücher die Weihnachtsvorbereitungen auf dem Hof von Michels Eltern, wie sie da backen und schlachten und alles fertig machen, und sie haben gar keine Zeit, um groß über das Warten auf Weihnachten nachzudenken, weil sie so viele tolle Sachen vorzubereiten haben. Sie backen Sirupbrot und Safranbrot und Pfefferkuchen und Weizenbrot und Brezeln und Sahnebaisers und Spritzgebäck und noch vieles andere. Und als das Weihnachtsschwein geschlachtet wird, da kommen noch die Fleischwürste und Klöße und Bratwürste und Leberwürste, der Schinken und die Sülze und noch viel mehr dazu. Und sie brauen Bier und ziehen Kerzen und es sieht alles so frisch und lecker aus.

Versteht ihr, diese zweite Art zu warten ist nicht so nervig und langweilig wie das Rumsitzen im Wartezimmer, sondern das ist ein tolles Warten, wo man all die leckeren Sachen schon vor sich sieht, und sicher probiert man auch schon das eine oder andere ein bisschen, und dadurch wird es eigentlich erst richtig Weihnachten, weil alle miteinander in ihrer Erwartung angefeuert werden. So gehören die Vorbereitungen schon mit zu dem Fest dazu. Sie sind so wichtig, weil dadurch eigentlich erst das Fest in den Köpfen und Herzen heranwächst.

Und genau so, voller Erwartung, so muss man sich auch die lange Wartezeit vorstellen, in der Gott und die Menschen auf den Augenblick gewartet haben, in dem Jesus hier auf der Erde erschien. Ja, nur Gott wusste wirklich, wer da noch kommen sollte. Aber auch die Menschen haben irgendwie immer geahnt, dass da noch etwas fehlte. So als ob die Erinnerung an das Paradies immer irgendwie gelebt hat, und sie haben gehofft und sich gewünscht, dass das nicht endgültig verloren wäre. Sie haben gewartet, dass das wieder zurückkommt, was Adam und Eva verloren haben.

Aber das ganz Besondere ist, wie Gott dafür gesorgt hat, dass diese Wartezeit nicht so ein Wartezimmer-Warten wird. Sondern er wollte, dass Menschen in dieser Zeit der Erwartung so aktiv dabei sind, wie Michels ganze Familie bei den Weihnachtsvorbereitungen. Deswegen hat er Leute wie David berufen, diesen gerechten König, der vieles so gut machte und dann trotzdem vom Weg abkam, und seine Nachfolger erst recht. Oder die Propheten, die immer wieder in Worte gefasst haben, was Gott ihnen gezeigt hat, die immer wieder daran erinnert haben, was noch kommen sollte.
Ganz viele Menschen, die aktiv bei den Vorbereitungen dabei waren, aber nicht nur vier Wochen lang, sondern über viele Jahrhunderte. Und allmählich wächst dadurch etwas, immer mehr bauen das die Menschen in ihr Denken ein, ihre Erwartungen werden immer größer, sie denken: jetzt kann es doch nicht mehr lange dauern!

Und dann geht es tatsächlich auf die Geburt von Jesus zu, und seine Mutter wird informiert und vorbereitet, und dann kommt er tatsächlich zur Welt – und was geschieht? Kaum einer merkt es! Ein paar Hirten auf dem Feld hören etwas von den Engeln, aber sonst ist alles ganz unauffällig. So lange hat Gott die Erwartung geschürt, aber die Menschen haben sich nicht vorstellen können, wie das denn aussehen würde, was Gott angekündigt hat.

Selbst Johannes der Täufer, der große Mann Gottes, der ganz kurz vor Jesus kam, hatte seine Zweifel. Der König Herodes hatte ihn eingesperrt, und da hatte er viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Wir haben es vorhin als Lesung gehört (Matthäus 11,2-6):

2 Der Täufer Johannes hatte im Gefängnis von den Taten gehört, die Jesus als den versprochenen Retter auswiesen; darum schickte er einige seiner Jünger zu ihm. 3 »Bist du wirklich der, der kommen soll«, ließ er fragen, »oder müssen wir auf einen anderen warten?«
4 Jesus antwortete ihnen: »Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet.
6 Freuen darf sich, wer nicht an mir irre wird!«

Ausgerechnet Johannes der Täufer, der selbst gesagt hatte: Jesus ist der Retter von Gott, jetzt ist er gekommen! Ausgerechnet der fängt jetzt an, unsicher zu werden: Stimmt das wirklich? fragt er sich. Und das liegt natürlich auch daran, dass er so viel Zeit zum Grübeln hat. Er kann nicht mehr aktiv dabei sein, sondern er sitzt jetzt wie in einem Wartezimmer und ist gezwungen, auf diese unangenehme Art zu warten.

Aber seine Zweifel hängen auch irgendwie mit Jesus zusammen. Irgendwie macht Jesus das alles nicht so, wie Johannes sich das vorgestellt hatte. Der Retter von Gott, der neue David, der müsste sich doch eigentlich an David ein Vorbild nehmen. David hat ein großes Königreich aufgebaut. Und was macht Jesus? Lauter so Kleckerkrams: Kranke heilen, predigen, Tote auferwecken ? na gut, das ist alles erstaunlich genug, aber baut man damit ein Königreich auf?

Und deshalb lässt Johannes Jesus fragen: bist du es wirklich? bist du es, auf den unser Volk so lange gewartet hat? Ich habe mich doch hoffentlich nicht geirrt, als ich die Leute zu dir geschickt habe? Immerhin fragt er Jesus selbst und nicht irgendwen anders. Die richtige Adresse für Zweifel an Jesus ist Jesus selbst.

Und Jesus kann auch die richtige Antwort geben. Er zeigt den Boten, was um ihn herum passiert: Blinde können wieder sehen, Gelähmte bekommen wieder Kontrolle über ihren Körper, Taube können hören, und sogar Tote werden auferweckt. Und wenn er das so sagt, dann fällt wahrscheinlich vielen Menschen ein, dass ein anderer Prophet, Jesaja, genau das vorausgesagt hat, dass der Retter von Gott das tun wird. Und er sagt damit zu Johannes: der zweite David wird nicht genau dasselbe tun wie der erste. Das wusste schon Jesaja! Der zweite David wird viel näher bei den Menschen sein.
Jesus kommt so, dass Menschen nicht langweilig abwarten müssen, dass irgendwer anders das Entscheidende tut, sondern Jesus lässt sie alle mitmachen bei den Vorbereitungen, so wie sie damals auf dem Hof von Michels Eltern in Lönneberga alle beschäftigt waren mit den Weihnachtsvorbereitungen, so dass ihnen das Warten gar nicht so elend lange vor kam.

Und so wie Weihnachten sich da schon eingeschlichen hat in die Köpfe und Herzen der Menschen, lange bevor es dann endgültig so weit war – so fängt Jesus an, die Herzen von Menschen zu regieren und ihr tägliches Leben zu verändern, obwohl so vieles noch schlecht ist in der Welt. Und so wird er die größte Veränderung in der Welt bewirken. Ja – so baut man tatsächlich ein Königreich auf. Mindestens Gott macht es so, wenn er sein Reich aufrichtet.

Deshalb wird in der Weihnachtsgeschichte so ausführlich davon erzählt, dass Jesus wie viele andere Kinder auf die Welt gekommen ist, ohne Luxus oder besondere Erleichterungen. Er hat von Anfang an das ganz normale alltägliche Leben erlebt, damit er es später tiefgreifend verändern konnte.

Der wirkliche König ist der König der Herzen, der König, der die Menschen selber erreicht und dafür sorgt, dass die Kraft Gottes in ihr Leben kommt. Er sorgt dafür, dass das Fest schon begonnen hat, lange bevor es endgültig beginnt. Dann können Menschen auch schlechte Könige viel besser ertragen, dann sind sie nicht allein, dann haben sie auch in dunklen Zeiten Hoffnung. Seit Jesus müssen Menschen nicht mehr auf jemanden warten, der vielleicht in Jahrhunderten einmal kommt, sondern jetzt können wir Jesus bitten, in unserem Leben drin zu sein und dort etwas zu bewegen, und dann geschieht es auch.

Wir haben dafür im Adventsspiel ein Symbol gehabt: die Blume, die mehr oder weniger beschädigt vom einen zum anderen weitergegeben wird. Die Blume ist ein Bild für die Gegenwart Gottes in unserem Leben.

Im Paradies war das ganz unproblematisch, Gott kam zu Besuch und unterhielt sich mit Adam und Eva. Als sie sich nicht an seine Worte gehalten haben, da kam auf einmal ein Riss zwischen Gott und die Menschen. Und mit jeder bösen Tat wurde der Riss schlimmer. Und die Menschen kannten Gott immer weniger. Das zeigt sich daran, dass die Blume immer mehr Blütenblätter verliert. Aber als Jesus kam, da war der Riss zwischen Gott und uns wieder überbrückt. Seit Bethlehem können wir wieder Gott begegnen. Die Blume blüht wieder voll.

Und Gott bietet sie jedem an und fragt: willst du das, dass Jesus in dein Leben kommt? Er wird niemanden bedrücken, er geht respektvoll mit uns um wie mit Maria, zu der er extra einen Engel schickt, damit sie Ja sagt. Aber es ist das Beste, was uns passieren kann: die Blume anzunehmen, und in unserem Leben Platz für Jesus zu machen. Dann sind wir mitten in den Festvorbereitungen drin, und in unseren Köpfen und Herzen hat das Fest schon längst begonnen.

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