Liebe: Original und Fälschung

Predigt am 14. Februar 2010 zu 1. Korinther 13,1-13

Verfasser: Walter Faerber

1 Wenn ich in Sprachen rede, die von Gott eingegeben sind – in irdischen Sprachen und sogar in der Sprache der Engel –, aber keine Liebe habe, bin ich nichts weiter als ein dröhnender Gong oder eine lärmende Pauke. 2  Wenn ich prophetische Eingebungen habe, wenn mir alle Geheimnisse enthüllt sind und ich alle Erkenntnis besitze, wenn mir der Glaube im höchsten nur denkbaren Maß gegeben ist, sodass ich Berge versetzen kann – ´wenn ich alle diese Gaben besitze,` aber keine Liebe habe, bin ich nichts. 3  Wenn ich meinen ganzen Besitz an die Armen verteile, wenn ich sogar bereit bin, mein Leben zu opfern und mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen, aber keine Liebe habe, nützt es mir nichts. 4  Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. 5  Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. 6  Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. 7  Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. 8  Die Liebe vergeht niemals. Prophetische Eingebungen werden aufhören; das Reden in Sprachen, ´die von Gott eingegeben sind,` wird verstummen; die ´Gabe der` Erkenntnis wird es einmal nicht mehr geben. 9  Denn was wir erkennen, ist immer nur ein Teil des Ganzen, und die prophetischen Eingebungen, die wir haben, enthüllen ebenfalls nur einen Teil des Ganzen. 10  Eines Tages aber wird das sichtbar werden, was vollkommen ist. Dann wird alles Unvollkommene ein Ende haben. 11  Als ich noch ein Kind war, redete ich, wie Kinder reden, dachte, wie Kinder denken, und urteilte, wie Kinder urteilen. Doch als Erwachsener habe ich abgelegt, was kindlich ist. 12  Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir ´Gott` von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt. 13  Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.

Paulus schreibt hier über den innersten Kern Gottes und gleichzeitig über den innersten Kern der Welt. Gott ist in sich Liebe, und er hat die Welt so geschaffen, dass sie nur mit Liebe richtig funktioniert. Liebe ist das, was die Welt im innersten zusammenhält. Liebe ist die Energie, die die Milchstraßen auf ihrer Bahn hält, sie ist die Kraft, die die Atome und Elementarteilchen bewegt, sie ist die Kraft, die uns zu lebendigen Wesen gemacht hat, und sie ist die Dynamik hinter allem menschlichen Wollen und Hoffen.

Und deswegen rühren diese Sätze etwas Zentrales in uns an. Brautpaare wünschen sie sich öfter mal als Trauspruch und wollen damit zum Ausdruck bringen, was sie sich erhoffen und was sie bewegt für ihre Ehe.

Paulus schiebt hier ein Kapitel lang all die täglichen Einzelheiten, über die er sonst oft schreibt, zur Seite und konzentriert sich auf den Kern. Alles, was es so gibt in der christlichen Gemeinde, alles, was wir so machen hier in der Kirche und im Gemeindehaus, alles soll am Ende nur eins: nämlich Liebe hervorbringen.

Warum ist das so zentral? Weil Liebe schon in Gott passiert, bevor es irgendetwas anderes gibt. Gott, so haben es die frühen Christen genannt, Gott ist dreieinig. In seinem Kern finden wir die Beziehungen zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, da gibt es eine Dynamik der Verbundenheit, einen Raum voll intensiver Beziehungen, und wir können kaum ahnen, wie intensiv und dynamisch diese Beziehungen sind.

Gott war jedenfalls nicht darauf angewiesen, die Welt zu erschaffen, weil er sich sonst schrecklich gelangweilt hätte, oder weil er allein wäre und sich nach Gesellschaft gesehnt hätte. Das alles hatte er. Luther hat das einmal in einem Bild ausgedrückt und hat gesagt: Gott ist ein feuriger Backofen voller Liebe. Man muss sich so ein altes Dorfbackhaus vorstellen, oder das Backhaus eines Klosters, wie Luther es damals gekannt hat, wo man erst mit einem Haufen Holz ein riesiges Feuer anmacht, und wenn dann der ganze Ofen so richtig glüht, dann schiebt man das Brot rein, damit es gar wird. So glüht Gott vor Liebe, die Kommunikation läuft heiß, weil es in ihm so einen intensiven Austausch gibt.

Und dann sagt Gott: wir wollen das nicht für uns behalten, diese Liebe, die muss sich ausbreiten, und dann erschafft er die Welt, damit noch viele Geschöpfe an seiner Liebe teilnehmen, und er erschafft alles so, dass es aus der Kraft der Liebe lebt. Das ist die Dynamik und das Geheimnis dahinter. Das ist Gottes Reichtum, dass er die Liebe nicht für sich behält, sondern eine ganze Welt erschafft, damit sie daran teilnehmen kann.

Und dann passiert es: Menschen verengen den Fluss der Liebe, beinahe stoppen sie ihn, sie schneiden sich ab von Gott, der Quelle aller Liebe, weil sie diesen Lebensstrom kontrollieren wollen. Und von da ab wird das Leben mühsam und schmerzlich und die Beziehungen sind voller Herrschaft und Kontrolle und der Tod schleicht sich ein in die Schöpfung. Und Gott schickt seinen Sohn zu uns, damit wir von dem wieder daran erinnert werden, was Liebe ist, und damit wir an ihm an ihm sehen können, was Liebe in Wahrheit ist, damit wir erinnert werden an unseren Ursprung und von neuem hineingezogen werden in den Strom der Liebe.

Deshalb kämpft Jesus gegen alle Kontrollmechanismen, mit denen Menschen versuchen, Liebe festzuhalten und zu besitzen. Menschen versuchen, den Strom der Liebe zu kanalisieren und zu besitzen und diesen Strom auf ihre Mühlen zu leiten, und gerade so machen sie alles kaputt.Liebe ist Beziehung, und eine Beziehung kann ich nicht besitzen, sie ist etwas Lebendiges, sie entsteht im Dazwischen zwischen zwei oder mehr Personen, sie gehört niemanden, man kann sie nicht festhalten, sie geschieht.

Aber Liebe kann zerstört werden durch Kontrolle. Das ist eigentlich unsinnig – Liebe kontrollieren? Das geht doch gar nicht. Ja, aber die Zeichen der Liebe kann man kontrollieren. Du kannst andere Menschen so manipulieren oder unter Druck setzen, dass du von ihnen Zeichen der Liebe und Wertschätzung bekommst. Du kannst rechtzeitig signalisieren, dass du tödlich beleidigt wärest, wenn du am Valentinstag keine Blumen bekommst. Und wenn du gut manipulieren kannst, dann kriegst du deine Blumen auch. Und wenn du sehr gut bist im Manipulieren, bekommst du auch sehr teure Blumen. Aber hast du damit schon Liebe bekommen? Da bleibt ein Misstrauen. Hat der andere vielleicht ein schlechtes Gewissen, und kriege ich deswegen die teuren Blumen? Schenkt er sie mir vielleicht nur, weil ich sonst eine Woche nicht mit ihm rede? Mit der Manipulation wächst auch das Misstrauen. Ist dieses Zeichen der Liebe echt?

Verstehen Sie, das ist das Dilemma! Wenn wir Liebe kontrollieren wollen, dann kontrollieren wir in Wirklichkeit nur die Zeichen der Liebe. Und irgendwo wissen wir das natürlich auch alle. Und daran können auch immer teurere Geschenke und noch authentischere Liebesbeweise nichts ändern. Die Liebe selbst können wir nicht festhalten, wir können sie nicht kontrollieren, wir vertreiben sie vielleicht gerade mit all unseren Kontrollversuchen.

Und genauso ist es im Verhältnis zu Gott: wir wünschen uns sehr, dass wir Gottes Liebe spüren können, dass sie unserem Herzen wohltut, aber auch das ist etwas, was wir nicht unter Kontrolle haben. Du nimmst an einem tollen Gottesdienst teil, du nimmst dir Zeit für Gott am Morgen, du suchst Menschen auf, von denen du denkst, dass sie einen guten Kontakt zu Gott haben, du tust alles, wovon du gehört hast, man müsse es tun, um Gott nahe zu sein – und vielleicht bleibst du trotzdem leer und bekommst nicht das Zeichen der Nähe und Liebe, nach dem du dich so sehr sehnst.

Das bedeutet nicht, dass Gott grundsätzlich unzugänglich wäre. Wir haben ihn nicht unter Kontrolle, aber immer wieder schenkt er uns Zeichen seiner Liebe, Einsichten, Menschen, gute Worte. Er ist gar nicht so knauserig mit seiner Freundlichkeit, er ist nicht launisch oder rätselhaft, aber er lässt sich von uns nichts vorschreiben.

Man kann das wirklich am einfachsten mit einer guten Ehe vergleichen: die hat nicht jeden Tag dramatische Höhepunkte, aber da gibt es einen beständigen Strom von guten Begegnungen, von Momenten der Freude und Zuwendung, es gibt einen kontinuierlichen Austausch, manchmal sehr tiefgehend, an manchen Tagen auch ganz gewöhnlich, nicht berechenbar, aber doch ziemlich verlässlich. Nur wenn sich Misstrauen und Beherrschung breitmachen und die Beziehung vergiften, dann verengt sich der Strom und wird ein dünnes Rinnsal, und auf einmal kämpft man um jedes Zeichen der Liebe, und die Liebe flieht.

Und wenn Paulus hier Liebe zu beschreiben versucht, dann geht es ihm vor allem darum, diese kontrollierenden Fehldeutungen der Liebe auszuschließen. Deshalb gibt es so viele Verneinungen: Liebe …

… kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. 5  Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. 6  Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht.

Und auch den positiven Beschreibungen der Liebe merkt man an, dass Paulus da eine negative Folie hat, gegen die er sich absetzt:

Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. … Wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. 7  Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.

Nur echte Liebe hat den langen Atem, der nicht schnell fragt: und was hab ich davon?

Kurz gesagt, Paulus beschreibt die Liebe in Abgrenzung von ihrer neurotischen Imitation. Es gibt eine neurotische Nachbildung der Liebe, die letztlich immer nur sich selbst im Sinn hat und nur Zerstörung anrichtet. Das ist oft schwer zu unterscheiden. Man kann Zeichen der Liebe produzieren, ohne wirklich zu lieben. Z.B. kann auch neurotische Liebe sich für andere aufopfern, sie kann über lange Zeit scheinbar alles für den anderen tun, aber irgendwann präsentiert sie die Rechnung. »Ich habe immer alles für dich getan, und jetzt heiratest du dieses Flittchen. Wie kannst du mir das nur antun?«

Oder Sie kennen das Helfersyndrom, wo jemand alles dafür tut, dass ein anderer sich schwach und hilflos fühlt, damit der Helfer seine Aufgabe nicht verliert.

Deswegen benennt Paulus ein paar Prüfsteine, wo man am ehesten merkt, ob Liebe echt oder nachgemacht ist. Es gibt so ein paar strategische Punkte, wo es neurotische Liebe ziemlich schwer hat. Klar, man kann auch das imitieren, man kann auch solche Schwachpunkte verstecken, aber es kostet schon ziemlich viel Energie für jemanden, bei dem das unecht ist.

Echte Liebe ist z.B. nicht neidisch. Sie kann es aushalten, wenn es dem anderen gut geht, wenn der andere Anerkennung bekommt, vielleicht sogar mehr als man selbst bekommt. Wir wissen doch alle, dass man selbst eigentlich derjenige ist, dessen Verdienste nie wirklich gewürdigt werden. Aber Liebe freut sich sogar darüber, wenn der andere mit Lob und Anerkennung überschüttet wird. Echte Liebe spielt sich nicht auf, sie guckt nicht darauf, ob sie im Mittelpunkt steht. Gott stellt sich schließlich auch nicht dauernd in den Mittelpunkt, er inszeniert keine Blitz- und Donner-Lasershow, sondern arbeitet ganz unauffällig im Hintergrund der Welt, wo die meisten gar nicht hin gucken.

Echte Liebe erkennt man auch daran, dass sie nicht nachtragend ist, nicht beleidigt ist, nicht Vorwürfe macht, den anderen nicht mit angeblichen oder echten Fehlern unter Druck setzt. Echte Liebe verliert auch nicht die Beherrschung, sie rastet nicht aus. Ausrasten ist ja so ein Zeichen, dass der Kessel schon die ganze Zeit unter Druck steht, man hat lange und mit viel Kraftaufwand versucht, so zu tun, als ob man liebt, aber irgendwann ist die Spannung zwischen Sein und Schein so groß, dass es nicht mehr auszuhalten ist, und dann fliegt der Deckel vom Topf.

Jetzt kann natürlich einer fragen: und wie schaffe ich das? Ich merke nur zu gut, wieviel Unechtes bei meiner Liebe dabei ist, wie soll ich das ändern? Ich glaube es gibt da zwei Wege: der eine ist, so wachsam wie Paulus zu sein gegenüber den schiefen und verzerrten Ausprägungen der Liebe. Wir brauchen einfach ein Bewusstsein dafür, dass es diese Gefahren gibt. Ab und zu mal 1. Korinther 13 daraufhin durchlesen. Obwohl, auch so ein Text ist nicht sicher davor, in ein neurotisches Gebilde eingebaut zu werden. Auch unter Berufung auf diesen Text kann man an anderen rummeckern und ihnen Vorwürfe machen. Aber wenn viele einen unaufgeregten und nüchternen Blick für diese Gefahren bekommen, wenn sich unsere Nase für so etwas besser entwickelt, dann sind die Chancen größer, dass ein Biotop entsteht, wo es neurotische Liebe schwerer hat.

Das andere ist der Text, den wir vorhin in der Lesung gehört haben. Jesus sagt: Ich gehe nach Jerusalem und werde dort sterben. Ich gehe in eine Situation extremen Kontrollverlustes. Wenn du zu mir gehören willst, dann nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach! Für manipulative Liebe ist es schwer, diesen Kontrollverlust zu ertragen. Obwohl, Paulus redet davon, dass man auch ohne Liebe sein Leben hingeben kann. Selbstmordattentäter machen es uns immer wieder vor, dass man sein Leben wirklich auch ohne Liebe opfern kann. Man kann sich einbilden, gerade durch sein Opfer die Situation extrem zu kontrollieren, bis hin dazu, dass man das Leben von anderen beendet.

Deshalb, es gibt keinen absolut sicheren Prüfstein, ob deine Liebe echt ist. Auch mit Bibelworten kannst du dir ein Lügengebäude aufbauen. Aber eben: wenn wir die Unsicherheit akzeptieren und Gott etwas zutrauen, dann ist er verlässlich. Dann kann er mitten in unseren Fragwürdigkeiten etwas erreichen, mit Geduld und Verlässlichkeit.

Am Ende ist es einfach das Bild Jesu, das uns beharrlich zurückruft zur echten göttlichen Liebe. Es ist das Bild Jesu, das auch diesen Versen von Paulus die Richtung gibt. Als er diese nicht-neurotische Art von Liebe beschrieben hat, da hat er Jesus vor Augen gehabt. In all unseren Selbstsüchtigkeiten und Halbheiten ist es letztlich dieses Bild, das beharrlich an uns arbeitet und uns zurückholt ins Vaterhaus Gottes. Das ist ein Weg, der bedroht ist und unsicher ist, es gibt keine Garantie, dass es klappt, es gibt jede Menge Beispiele dafür, dass Jesus missverstanden und missbraucht wird, und trotzdem ist sein Bild die stärkste Kraft Gottes, die in der Welt ist: weil wir in Jesus den Ursprung der Welt und von uns selbst vor Augen haben. An Jesus sehen wir, wozu Gott diese Welt geschaffen hat und was sie bewegt. Und das geht auf die Dauer nicht spurlos an unserem Herzen vorüber.

Das ist mal wieder typisch Gott: geduldig, ohne großes Ramba-Zamba, aber sehr effektiv, beharrlich und voller Hoffnung. So ist er eben. Er ist Liebe. Irgendwie wird es am Ende doch auf uns abfärben. Und es ist wichtig, dass wir das auch wollen.

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