Verwandelnde Augenblicke

Besonderen Gottesdienst am 5. September 2010 mit Predigt zu 1. Mose 12,1-3

Verfasser: Walter Faerber

In diesem Gottesdienst konnte man in einer Segnungsphase sich segnen lassen oder an anderen geistlichen Symbolhandlungen teilnehmen

Predigt:

Ganz am Anfang der Bibel wird von der Schöpfung erzählt, und zwei Kapitel lang ist alles gut. Die Erde ist voller Pflanzen und Tiere, und mitten drin die Menschen, die Gott in seiner Schöpfung vertreten sollen. Mitten im lebensfeindlichen Nichts hat Gott eine wunderschöne Zone des Lebens geschaffen.

Und dann geht schon im dritten Kapitel alles schief. Adam und Eva essen vom verbotenen Baum. Sie vertrauen nicht einfach darauf, dass Gott ihnen schon zur rechten Zeit alles geben wird, sondern sie reißen etwas an sich, was sie erst später als Geschenk bekommen sollen. Und von da ab kommt die ganze Welt auf eine schiefe Bahn. Im vierten Kapitel gibt es den ersten Mord: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Bald gibt es die ersten Gewaltherrscher. Und Gott weiß sich nicht anders zu helfen, als die Sintflut zu schicken und das Leben, das er geschaffen hat, wieder auszulöschen.

Aber ganz kann er sich doch nicht dazu durchringen, ein für allemal Schluss mit dem Leben zu machen. Er lässt in der Arche Noah und seine Familie überleben, und dazu auch die Tiere. Aber kaum, dass Noahs Kinder sich wieder auf der Erde ausbreiten, da gibt es die nächste Katastrophe: den Turm von Babel, die erste Großstadt, die Zivilisation mit all ihren Schattenseiten.

Und wie soll Gott nun darauf reagieren? Alles wieder zerstören, das hat er einmal versucht und konnte sich doch nicht wirklich dazu durchringen und hat auch gesagt, dass er das nie wieder tun würde. Stattdessen macht er etwas ganz anderes: er spricht zu einem einzigen Mann, zu Abraham. Er nimmt einen Mann und seine Familie und fängt noch einmal neu an. So als ob er sagen würde: ich muss den Menschen doch einmal an einem Modell zeigen, wie ich es wirklich gemeint habe. An einem besonderen Volk soll man sehen, wie Menschen auf der Erde leben sollen.

Und deshalb sagt er zu Abraham (und das kommt gleich nach der Geschichte vom Turm zu Babel):

1. Mose 12,1 Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Was heißt das? Abraham soll erstens weggehen von all denen, mit denen er zusammengehört. Es ist, als ob Gott sagt: Abraham, auch wenn du den besten Willen hast, du bist so verstrickt in deine Familie und Bekannten, da kann ich mit dir nichts Neues anfangen. Du musst es auf dich nehmen, diese ganze Bindungen loszulassen. Ich fange mit dir neu an, in einem neuen Land. Ich mache aus deinen Nachkommen ein großes Volk. Das ist für mich leicht, weil ich die Quelle des Segens bin. Aber du darfst nicht bleiben wo du bist, du musst dich auf den Weg machen.

Und von dir aus will ich alle anderen Völker segnen, von dir aus will ich den Segen neu in die Welt bringen. Die Menschheit versucht, die Schöpfung zu kontrollieren, in Besitz zu nehmen und wie eine Beute festzuhalten. Aber das geht nicht, weil man Segen nicht kontrollieren kann. Je mehr man versucht, ihn festzuhalten, um so weniger wird er. Segen und Gedeihen bekommt man entweder geschenkt, oder man bekommt gar nichts. Willst du dich von mir beschenken lassen, Abraham? Willst du die Tür sein, durch die der Segen neu in die Welt kommt?

Und dann geschieht das Wunder, dass Abraham dieser Stimme vertraut, die er hört, und er schafft es wirklich, seine Verwandten und Bekannten hinter sich zu lassen, er bricht auf und bekommt tatsächlich das neue Land und den Sohn, den er sich so sehr gewünscht hat. Und aus seiner Familie wird tatsächlich ein großes Volk, Israel, das Volk der Juden.

Dieses Volk wird zum Modell Gottes dafür, wie Menschen miteinander leben sollen. Das Problem ist nur: auch in Israel gibt es Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Auch dort vergessen Menschen ihren Ursprung und ihre Bestimmung. Das Volk, das die Probleme der Welt lösen sollte, wird selbst zum Problem. Und trotzdem erleben sie mit Gott große Dinge. Diese lange und verzwickte Geschichte wird im Alten Testament beschrieben. Großes und Schlimmes sind da miteinander heillos verknotet. Aber als der Karren schon völlig verfahren war, als es so aussah, als ob alles verloren wäre, da wird schließlich in diesem Volk Jesus geboren. Und der ist dann tatsächlich ein Mensch, an dem man ablesen kann, wie Menschen leben sollen. Da gibt es dann wirklich ein Modell für ein gesegnetes menschliches Leben, vom Anfang an bis zum bitteren Ende. Und darüber schreibt dann Paulus im Galaterbrief, was wir vorhin in der Lesung gehört haben:

3,14 Durch Jesus Christus bekommen jetzt also Menschen aus allen Völkern Anteil an dem Segen, den Gott Abraham zugesagt hatte; aufgrund des Glaubens erhalten wir den Geist, den Gott versprochen hat.

Das heißt: jetzt ist die Zeit gekommen, auf die Gott über Jahrhunderte und Jahrtausende hingearbeitet hat. Jetzt versteht man, was Gott im Sinn hatte, als er Abraham berief. Jetzt kommt der Segen Gottes in seiner ganzen Fülle zu den Völkern der Erde, weil Jesus den Zugang weit aufgemacht hat – in seinem Leben war der Segen immer präsent, und durch den heiligen Geist werden viele Menschen in sein Leben mit einbezogen.

Es ist so, als ob Gott sagt: Hauptsache, da hat einmal ein Mensch ganz nach meinem Willen gelebt. Hauptsache, es hat einmal das Modell ohne Abstriche und Kompromisse gegeben. Dann will ich schon dafür sorgen, dass es sich ausbreitet. Dieses Leben Jesu soll sich in vielen anderen leben widerspiegeln. An ganz vielen Stellen sollen die Fenster der Welt geöffnet werden, so dass Gottes Segen wieder in Fülle strömen kann.

Und so gibt es dann auf der ganzen Welt Gemeinschaften von Menschen, die mit geöffneten Fenstern zum Himmel hin leben. Anscheinend funktioniert das besonders gut, wenn Menschen nicht allein sind, sondern miteinander eine Gemeinschaft bilden, wo Gott wohnen kann. Und so hat Gott überall solche Zellen, von denen aus der Segen in die Welt fließt. Und dann wird das Leben stärker: da werden Menschen voller Hoffnung und voller Freude, da werden Menschen immer noch gesund wie bei Jesus, da breitet sich Gedeihen und Gelingen aus. Vor allem aber gibt es da das, was ich »verwandelnde Augenblicke« nennen möchte: Die Erfahrung, dass wir tatsächlich in Berührung kommen können mit Gott, und dass wir in solchen Momenten entdecken, wer wir wirklich sind und wozu wir bestimmt sind. Wir kommen in Berührung mit unserem wahren Selbst, wir sehen für einen Moment, wer wir wirklich sein sollen. Gott sieht uns immer so, aber wir haben diese verzerrende Brille auf, die uns kurzsichtig macht, durch die wir immer nur unser Klein-klein sehen, die täglichen Geschäfte, die schlechten Erfahrungen, die wir schon gemacht haben einschließlich der Vorwürfe und Bitterkeiten, unsere Bekannten und Verwandten, die uns festhalten im alten Leben, unsere Ängste, dass wir zu kurz kommen, unser Beleidigtsein und die schlechte Laune, den ganzen Grauschleier über dem Leben.

Aber es gibt diese Momente, wo das alles zurückbleibt und wir für einen Moment das ganze Bild sehen, so als ob für einen Moment der Nebel zerreißt und die ganze Landschaft vor uns liegt. Es gibt die verwandelnden Augenblicke, wo wir Kontakt bekommen zu dem Leben, für das wir bestimmt sind. Und wir sind uns nicht sicher, ob wir das wirklich wollen, wir haben manchmal Angst vor unserer eigenen Größe und würden lieber klein und unauffällig bleiben. Aber jeder Gottesdienst ist eine Bitte darum, dass solche verwandelnden Augenblick geschehen mögen. Wenn wir beten, dann öffnen wir uns dafür, und wenn uns die Hände aufgelegt werden und wir gesegnet werden, dann erlauben wir dem Segen zu fließen, und je weniger verkrampft wir sind und je mehr wir uns einfach Gott hinhalten, um so leichter hat er es, zu uns durchzukommen.

Und je öfter wir diese Erfahrung machen, um so eher strahlt das auch aus in die Zeiten dazwischen. Die verwandelnden Augenblicke bleiben keine Augenblicke, sondern allmählich geben sie uns ein neues Lebenskonzept, sie verändern unsere Wünsche, sie verändern unsere Vorstellung davon, wofür es sich zu leben lohnt. Wir lernen, dass das Glück nicht irgendwo da draußen zu finden ist, bei den Dingen die man kaufen kann, bei irgendwelchen Ereignissen, die uns ablenken, sondern dass die Innenseite größer ist als die Außenseite. Wir ahnen in uns eine faszinierende Stärke und Freiheit. Und aus dieser Freiheit heraus müssen wir nicht mehr die Welt kontrollieren, sondern sie wird wieder zur Schöpfung, die von den Segensströmen Gottes bewässert wird. Und da wächst genug Brot und Freude für mich und dich und für alle, und durch solche verwandelnden Augenblicke lernen wir nach und nach, das zu sehen.

Viele von uns kennen Ulrike Westphal, die hier bei uns Kirchenvorsteherin war, bis sie eine Krankheit bekommen hat, die nach und nach immer mehr von ihren Muskeln gelähmt hat, so dass sie sich kaum noch bewegen kann und es für sie ganz schwer ist, sich verständlich zu machen. Aber mit Hilfe eines Computers kann sie schreiben, und sie schreibt Texte und sogar Bücher. Und da beschreibt sie immer wieder, wie sie in ganz kleinen Dingen den Segen Gottes wahrnimmt, in der Freundlichkeit von Menschen oder wenn sie die Natur im Garten wahrnimmt. Sie sagt nicht, dass ihre Krankheit etwas Tolles ist, aber sie erzählt davon, wie sie all das Gute dankbar erlebt, obwohl sie fast überhaupt nichts mehr tun kann. Sicherlich könnte sie auch sehr bitter und unzufrieden sein und dadurch das Segensfenster schließen. Aber sie hat gelernt, dieses Fenster offen zu halten und sich all das Gute schenken zu lassen, das dadurch in ihre Welt kommt.

Ich fühle mich ummantelt. Ummantelt von Gottes Güte und seiner Liebe. Was immer auch geschieht, ich hoffe darauf, dass ich immer unter seinem Schutz stehe. Es gibt nichts, was es im Leben nicht gibt. Was mir auch noch bevorstehen mag, ich kann nicht weiter fallen als in Gottes Hand. Darauf vertraue ich.
Ulrike Westphal: Schwerelos – meine schönsten Eindrücke und Wahrheiten S. 16

Wir sind alle Menschen, die ihre Last zu tragen haben, bei den einen ist das offensichtlicher als bei anderen, aber keinem von uns ist der Zugang zum Segen Gottes versperrt. Nur wir selber können das Fenster schließen. Aber wir können uns auch öffnen und verwandelnde Augenblicke erleben, in denen wir die Wahrheit über uns sehen. Und die können wir festhalten und verstehen, dass die es sind, auf die es ankommt und die bleiben werden.

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