Der Befreiergott und seine Freunde

Predigt am 11. Juli 2010 zu 5. Mose 7,6-12

Verfasser: Walter Faerber

6 Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Die Kurzfassung dieses Abschnittes ist: Gott erschafft sich Freunde. Die ganze Bibel ist die Geschichte davon, wie Gott daran arbeitet, dass es noch etwas anderes gibt außer ihm, und wie er dann auch noch dafür sorgt, dass aus Menschen seine Freunde werden. Das Wort dafür ist der »Bund«. Gott und Menschen schließen ein Bündnis miteinander, es ist kein Gegeneinander mehr, sondern ein Miteinander, eine Interesseneinheit, und das ist die Voraussetzung für Freundschaft.

Über Mose, den Befreier Israels, den man sich als den Sprecher dieser Worte vorstellen soll, wird in der Bibel gesagt, dass Gott mit ihm redete, »wie ein Mann mit seinem Freund redet«. Ganz vorn in der Bibel gibt es also schon diesen starken Ausblick auf eine Freundschaft zwischen Gott und Mensch. Gott verlangt nach Personen, mit denen er eine Beziehung der Nähe und Vertrautheit begründen kann. Und Jesus schließlich ist der Mensch, der diese Freundschaft Gottes angenommen und gelebt hat. Er hat sie nie in Frage gestellt. Zu dieser Erfahrung, Gott in freundschaftlicher Nähe verbunden zu sein, hat Jesus seine Jünger hingeleitet. Und deswegen gilt das, was hier am Anfang der Bibel steht, für Israel und die Gemeinde gleichermaßen, weil beide zusammen das Volk Gottes bilden.

Hier in dieser Rede des Mose an das Volk Israel erleben wir ein frühes Stadium dieser Verbundenheit. Da wird ausführlich darüber geredet, wie diese Freundschaft zustande kommt und wie man an ihr festhält.

Wir müssen uns klarmachen, dass so ein Bund, ja sogar eine Freundschaft zwischen Mensch und Gott vorher nicht denkbar war. Die Menschen fürchteten sich vor den Göttern, sie versuchten, den Göttern zu schmeicheln und sie mit Opfern zu bestechen, sie versuchten mit ihnen zu handeln: wenn ich dir 10 Kühe opfere, dann gewinne ich den Krieg mit meinem Nachbarn, o.k.? Oder müssen es 20 Kühe sein? Das finde ich aber zu viel, können wir uns vielleicht auf 15 Kühe einigen?

Bis heute kennen wir das, dass Menschen mit Gott verhandeln: also, dass ich jeden Sonntag zur Kirche gehe, das ist zu viel verlangt, ich komme zu Weihnachten, und ich schaue mir die Fernsehgottesdienste an und ich habe im Herzen meinen Glauben, das muss reichen, mehr kannst du doch nicht verlangen.

Verstehen Sie, das eigentliche Problem ist nicht die Frage, wie oft man zur Kirche gehen oder wieviel Kühe man opfern muss, das eigentliche Problem beginnt schon viel früher, nämlich bei der grundlegenden Annahme, dass Gott und die Menschen einander mit unterschiedlichen Interessen gegenüberstehen, dass sie eben nicht an einem Strang ziehen, sondern was der eine mehr hat, das hat der andere weniger, und man muss bei allem Respekt doch sehen, dass einem als Mensch noch genügend bleibt und dass Gott nicht zu viel beansprucht.

Denn, das ist die landläufige Vorstellung dahinter, den Göttern ist nicht wirklich zu trauen. Sie sind launisch, man muss aufpassen, dass man ihnen nicht zu nahe kommt. Der große König Alexander, der ganz Asien eroberte, eine wirkliche Ausnahmegestalt, starb schon mit 33 Jahren, und ein Dichter schrieb über ihn: »Früh muss sterben, wen die Götter lieben«. Also, mit anderen Worten: Vorsicht, gefährlich, erst heben die dich ganz hoch, und dann lassen sie dich fallen und lachen noch, wenn du hart auf den Boden knallst. Die Götter sind ein Übel. Am besten ist es, man hat möglichst wenig mit ihnen zu tun. Und wenn doch, dann muss man tricksen und schachern, damit man gegenüber den Göttern irgendwie doch zu seinem Recht kommt. So wie Kinder, die so lange quengeln und nerven, bis sie dann doch länger aufbleiben dürfen oder das Handy kriegen oder die Taschengelderhöhung. So ein unreifes Verhältnis zu den Göttern war lange etwas Normales.

Als in Israel erstmals der Gedanke aufkam, dass Gott und die Menschen verbündet sein könnten, dass sie nicht gegeneinander stehen müssten, sondern Freunde sein könnten, erwachsene, reife Freunde, da war das etwas wirklich Neues. Das hatte es bis dahin nicht gegeben. Dieser Gedanke entstand in Israel durch die Erfahrung der Befreiung aus Ägypten: sie waren einmal Sklaven des Pharao gewesen, sie hatten für einen unbarmherzigen Herren hart arbeiten müssen, und am Ende ließ er auch noch alle Söhne töten, es war der Beginn eines Völkermordes, aber dann griff Gott ein und befreite sie aus der Sklaverei. Das gab den Menschen zu denken. Sollte Gott möglicherweise wirklich ein verlässlicher Freund sein?

Gott ist in Vorleistung gegangen und hat gezeigt, dass er an der Seite Israels steht, dass er an ihrer Freiheit und ihrem Wohlergehen wirklich interessiert ist. Das war die Grundlage, auf der Gott und Israel ein Bündnis schlossen: das gemeinsame Interesse an der Freiheit. Und die Regeln und Gesetze Gottes sollten sicherstellen, dass Israel immer ein Volk der Freiheit blieb, dass dort keine Tyrannei herrschte, das dort der König sein Volk nicht versklavte.

Das ist gemeint, wenn es heißt, dass Israel ein heiliges Volk sein soll: ein Volk, bei dem es anders zugeht als bei den anderen Völkern, ein Volk, das so eng mit Gott verbunden ist, dass man an ihm sehen kann, wie Gott wirklich ist. Dazu sollen all die Regeln und Gesetze dienen, dass Israel nie wieder zurückfällt in die Sklaverei, dass es nie wieder in die Hände der Götzen gerät, die die Menschen aussaugen und zerstören.

Aber dieser Bund ist gefährdet, weil Menschen so leicht in die gewohnte alte Denkweise zurückfallen: all diese Regeln sind einengend und tyrannisch sagen sie dann, wir wollen uns von Gott nichts mehr vorschreiben lassen, wir wollen selbst entscheiden, was gut für uns ist. In Israel haben sie sich später doch wieder die alten Götter gesucht, den Moloch z.B., für den man seine erstgeborenen Söhne verbrennen musste. Man muss sich das vorstellen: da ist dir dein erstes Kind geboren worden, es ist ein Sohn. Viele von uns wissen aus eigener Erfahrung, wie glücklich Menschen sind, wenn sie zum ersten mal ein eigenes Kind im Arm halten und dieses Wunder des neuen Lebens sehen. Mancher hat ein paar Tage lang das Gefühl, als ob er schwebt und nicht ihm etwas anhaben kann vor lauter Freude. Und nun stell dir vor: da kommt der Priester des Moloch und sagt: gib ihn her, den musst du verbrennen lassen, weil Moloch ihn haben will. Was wird da zerstört! Wieviel Freude und Lebenskraft wird da vernichtet! Die Götzen saugen die Menschen aus, tun sich an ihnen gütlich und werfen sie zerstört weg. Und zu solchen Religionen sind sie in Israel tatsächlich immer wieder mal zurückgekehrt, obwohl sie eigentlich den Gott der Freiheit kannten. Aber den wollten sie nicht, von dem wollten sie endlich frei sein. Kann das einer verstehen? Aber so sind Menschen wirklich.

Man könnte ja auch sagen: wie ist es möglich, dass wir mit unserer Zivilisation dabei sind, den ganzen Planeten gegen die Wand zu fahren, und fast alle machen einfach weiter, obwohl sie wissen oder wissen können, wo das hinführt. Wir opfern die Zukunft unserer Kinder dem Moloch des Kapitals, ganze Meere werden vergiftet durch Öl, aber es wird weiter gebohrt, als ob nichts geschehen wäre. Und alles im Namen der Freiheit, weil ja die Gesetze und Regeln und Vorschriften alle so einengend sind und man Menschen nicht in ihrer Freiheit hindern darf.

Israel hat Gott als Befreier kennengelernt, durch Jesus hat sich das in der ganzen Welt verbreitet, aber wenn Menschen dann auch noch von ihrem Befreier frei werden wollen, weil sie seine Regeln und Gebote als Einschränkung empfinden, dann geraten sie tatsächlich wieder in die Sklaverei.

Eltern kennen diesen Mechanismus von ihren Kindern, wenn die anfangen erwachsen zu werden: die Regeln zu Hause sind natürlich schrecklich einengend und viel zu streng, und dann landen sie in ihrer Rebellion manchmal in Süchten oder bei Freunden, die sie viel mehr unter Druck setzen und bestimmen, als die Eltern das jemals getan haben.

Aber es scheint so zu sein, dass Menschen manchmal solche Abhängigkeiten lieber ertragen als die Zumutung der erwachsenen Freiheit, zu der uns Gott beruft. Gott sucht sich ein Volk, mit dem er befreundet ist, damit er es in eine erwachsene Freiheit führt.

Man kann die Bibel lesen als eine Geschichte, in der Menschen unter dem Einfluss Gottes nach und nach erwachsen werden, eigenständige verantwortliche Persönlichkeiten. Überall begegnen uns da Menschen, die sich im Bund mit Gott zu Personen entwickeln, die nicht mitlaufen und mit dem mitschwingen, was alle tun und denken. Menschen, die es sogar schaffen, sich selbst gegenüber kritisch zu sein, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und umzukehren. Menschen, die sich nicht der Macht oder der Mehrheit beugen, die nicht das tun, was alle tun, sondern die fragen, was richtig und gerecht ist. Menschen, die nicht von ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen getrieben werden, die nicht auf kurzfristigen Gewinn und Erleichterung schielen, sondern ihren Horizont ausweiten und Verantwortung übernehmen. Und das alles, weil sie zuallererst im Gespräch mit dem Befreier-Gott sind, weil sie auf ihn hören und ihn lieben und von ihm her denken.

Deswegen ist in der jüdisch-christlichen Überlieferung der Einzelne so wichtig. Der Einzelne, der ein Gewissen hat, wo ihn Gott ansprechen kann, der dann antwortet und Verantwortung übernimmt. Keiner kann sich hinter einem Kollektiv verstecken, jeder einzelne ist nach seiner Antwort gefragt, mit jedem Einzelnen will Gott in Freundschaft leben, jeder Einzelne soll mit Gott ein Bündnis der Freiheit schließen, ganz egal, was seine Familie, seine Vorgesetzten oder sein Staat dazu sagen.

Natürlich kann daraus auch ein eitler Individualismus entstehen, wo Menschen sich mit aller Gewalt und mit lächerlichen Details von anderen absetzen. Aber grundsätzlich ist das ein riesiger Fortschritt, dass der einzelne Mensch in seiner Bedeutung ans Licht kommt. Gerade heute, wo wir in allen möglichen Lebensbereichen stehen, wo wir so viele unterschiedliche Rollen spielen müssen – in der Familie, bei der Arbeit, in der Schule, in der Nachbarschaft, unter den Freunden, im Verein, beim Arzt, im Internet – überall gelten wieder andere Regeln – aber wer sind wir selbst dann eigentlich? Funktionieren wir einfach überall so, wie es verlangt wird, oder sind wir mehr als die Rollen, die wir spielen?

Durch das Gegenüber zu Gott werden wir zu der einheitlichen Person, die in all diesen Zusammenhängen doch dieselbe bleibt. Erst als Menschen, die Gott berufen hat, bekommen wir eine einheitliche Geschichte. Wir fallen nicht in x verschiedene Personen auseinander. Wir bekommen ein klares Ziel und einen Sinn für das Leben.

Als vor vielen hundert Jahren die ersten christlichen Missionare hier in den Wäldern Germaniens auftauchten, da wurde einer von ihnen zu einem Stammesfürsten geholt, der wissen wollte, was das für eine neue Lehre war, die er brachte. Und als er da in der vom Feuer erhellten Halle vor dem Fürsten stand, da flog ein Vogel durch die eine Dachluke hinein, drehte ein paar Kreise und flog durch die gegenüberliegende Dachluke in die Nacht hinaus.

Und der Missionar sagte: »Hast du den Vogel gesehen? So ist dein Leben, Fürst! Du kommst aus dem Dunkel, du weißt nicht woher, du drehst hier ein paar Runden im Hellen, und dann verschwindest du wieder und weißt nicht wohin. Aber ich kann dir sagen, woher du kommst und wohin du gehst.«

Es ist das Geheimnis unseres Lebens, dass wir berufen sind, Freunde Gottes zu sein. Erwachsene Freunde Gottes, die seine Verantwortung für das Leben und die Freiheit teilen. Wie viele Menschen gibt es, die wie dieser Vogel durch eine erleuchtete Halle fliegen, ein paar Runden drehen, sich mit ein paar anderen um Brotkrumen zanken, auf ein paar schöne Jahre hoffen, aber dann irgendwann ist es zu Ende, und sie haben an ihre Bequemlichkeit gedacht und an ein bisschen Vergnügen, das schnell vorbei ist, und sie haben vorbeigelebt an ihrer Berufung, und sie gehen wieder ins Dunkel: ohne Ertrag, ohne Zukunft, ohne überhaupt gemerkt zu haben, dass sie die Chance gehabt hätten, Freunde Gottes zu werden, erwachsene Verbündete des Befreiers.

Wie ist es mit Ihnen, mit dir? Kennen Sie Ihre Berufung, haben Sie den Ruf gehört und beantwortet? Willst du ein quengelndes Kind sein oder ein erwachsener Freund Gottes werden?

Der Befreiergott erwählt sich ein Volk der Freiheit, und es ist der Sinn unseres Lebens, da dabei zu sein.

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