Geschenke machen oder Beute machen

Predigt am 7. März 2010 zu Epheser 5,1-9

Verfasser: Walter Faerber

1 Nehmt euch daher Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder! 2 Konkret heißt das: Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein. Denn auch Christus hat uns seine Liebe erwiesen und hat sein Leben für uns hingegeben wie eine Opfergabe, deren Duft vom Altar zu Gott aufsteigt und an der er Freude hat.
3 Auf sexuelle Unmoral und Schamlosigkeit jeder Art, aber auch auf Habgier sollt ihr euch nicht einmal mit Worten einlassen, denn es gehört sich nicht für Gottes heiliges Volk, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen. 4 Genauso wenig haben Obszönitäten, gottloses Geschwätz und anzügliche Witze etwas bei euch zu suchen. Bringt vielmehr bei allem, was ihr sagt, eure Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck.
5 Denn über eins müsst ihr euch im Klaren sein: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, sich schamlos verhält oder von Habgier getrieben ist (wer habgierig ist, ist ein Götzenanbeter!), hat ein Erbe im Reich von Christus und von Gott zu erwarten. 6 Lasst euch von niemand mit leeren Behauptungen täuschen! Denn gerade wegen der eben genannten Dinge bricht Gottes Zorn über die herein, die nicht bereit sind, ihm zu gehorchen. 7 Darum hütet euch, mit solchen Leuten gemeinsame Sache zu machen!
8 Früher gehörtet ihr selbst zur Finsternis, doch jetzt gehört ihr zum Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Verhaltet euch so, wie Menschen des Lichts sich verhalten. 9 Ihr wisst doch: Die Frucht, die vom Licht hervorgebracht wird, besteht in allem, was gut, gerecht und wahr ist.

Mitten in der Welt gibt es Menschen, die Gottes Lebensstil verkörpern. Dazu hat Jesus seine Jünger berufen. An denen soll man ablesen können, wie das wahre und gute Leben aussieht. Paulus fasst das Grundmuster dahinter zusammen in dem Wort »Liebe«. Das ist heute so ein Allerweltswort geworden, dass man sich immer erst klarmachen muss, was damit gemeint ist.

Paulus benutzt dieses Wort »Liebe«, weil er damit das Leben und die ganze Praxis Jesu zusammenfassen will. Das ganze Leben Jesu zeigt uns, wie Gott ist. Und Paulus unterstreicht hier, dass dieses Leben eine Gabe war. Eine Gabe an uns und eine Gabe an Gott, denn Gott hat sich gefreut, dass er hier unter Menschen endlich Resonanz fand und jemand mit seinem Leben auf Gottes Liebe geantwortet hat.

Das Grundmuster der Liebe ist unverdientes Schenken. Wenn die Kellnerin im Restaurant dir nicht nur das Essen bringt, sondern auch noch so freundlich dazu guckt, dass der Tag gleich viel heller aussieht, das ist ein Geschenk. Du kannst es nicht verlangen, du könntest dich nicht beschweren, wenn sie es nicht tut. Höflichkeit kann man erwarten und ggf. einfordern, aber Herzlichkeit nicht. Und ob du ihr hinterher ein Trinkgeld gibst oder oder nur den Betrag, den das Essen kostet, das ist ebenfalls deine freiwillige Entscheidung.

Das heißt: es gibt einmal die ganz normalen Geschäfte des Alltags, wo alles seinen Preis hat, und wo man ein Recht drauf hat. Aber parallel dazu gibt es noch einen anderen Austausch, einen Austausch von Geschenken, von Gaben, eine Ökonomie der Großzügigkeit, wo man kein Recht darauf hat, etwas zu bekommen, wo man auch nicht verpflichtet ist, etwas zu geben. In dieser Geschenk-Wirtschaft bleibt es immer ein Risiko, wenn man anderen etwas gibt, sei es ein Lächeln oder ein Trinkgeld oder ein offenes Ohr und Freundlichkeit, oder Hilfsbereitschaft in einer schwierigen Situation. Es ist immer möglich, dass ein anderer es einfach entgegen nimmt und nichts zurück gibt. Aber wo Menschen aus freien Stücken solche Geschenke machen und das Risiko eingehen, dass sie nichts zurückbekommen, da wird normalerweise das Klima besser, und davon profitieren alle. Selbst wenn du diesem Menschen nie wieder begegnest, du hast etwas Positives in die Welt gesetzt, und es wird in Zukunft nicht nur den anderen begleiten, sondern auch dich.

Und jetzt überlegt bitte mal: was bewegt uns mehr, die normalen Geschäfte, wo alles seinen Preis hat, oder dieser Austausch auf der Basis von Geschenken, die man sich gegenseitig macht oder auch nicht macht? Natürlich ist es wichtig, dass finanziell alles stimmt und solide abgewickelt wird. Aber was beschäftigt dich länger: wenn du das Gefühl hast, in dem Laden waren die Preise ein bisschen zu hoch, oder wenn du das Gefühl hast, du bist da doof behandelt worden? Ich glaube, wie man behandelt wird, welche Emotionen und Schwingungen da rüberkommen, also der Bereich, der nicht einklagbar ist, der ist oft genauso wichtig, wie die rein finanziellen Fragen. Und um so überraschender und schöner ist es, wenn du beim Discounter einkaufst, und es geht eigentlich nur um Reingehen, Ware aus dem Regal nehmen und Bezahlen, und mittendrin begegnet dir ein Angestellter, bei dem du das Gefühl hast: der versucht seinen Job gut zu machen und dir zusätzlich zu den Batterien und der Marmelade noch ein gutes Gefühl mit auf den Weg zu geben. Wahrscheinlich wird er mies bezahlt und hat doofe Arbeitszeiten, aber er lässt sich nicht davon abhalten, dir trotzdem ein Geschenk zu machen. Und vielleicht sind es am Ende solche Kleinigkeiten und nicht die Super-Niedrigpreise, weswegen du demnächst wiederkommst.

Und so etwas kann keine Firma erzwingen. Die können ihre Leute zwar darauf trimmen, dass sie am Telefon sagen: Mein Name ist Max Mustermann, was kann ich für Sie tun? Aber dass einer sich dann wirklich dahinter klemmt, um dein Problem zu lösen, das ist ein Geschenk.

Ich schildere das so ausführlich, weil man an solchen Einzelheiten merkt, dass die Welt trotz allem in einem erheblichen Maß auf der Basis von freiem Geben und Schenken funktioniert. Also, auf der Basis von Liebe. Das ist die Grundlage, auf der Gott die Welt gebaut hat. Und obwohl sich inzwischen in vielen Bereichen das Misstrauen eingeschlichen hat, funktioniert die Welt letztlich immer noch durch Großzügigkeit und Vertrauen.

Und dann hat Gott noch einmal etwas getan, was man nicht von ihm erwarten konnte und worauf niemand ein Recht hatte: er hat Jesus geschickt, er hat ein Menschenleben geschenkt, an dem diese Grundlage der ganzen Welt klar abzulesen war. Er hat einen Menschen gesandt, der von Anfang bis Ende gegeben und geschenkt und geliebt hat und sich nie anstecken ließ von der Beute-Mentalität, die sich sonst breit macht. Gott hat ein Zeichen gesetzt, dass man tatsächlich leben kann ohne mitzumachen beim großen Wettbewerb darum, wer der Cleverste und Rücksichtsloseste ist, wenn es darum geht, sich auf Kosten anderer breitzumachen.

Hier geht es wirklich um die Grundeinstellung zum Leben, ob man Geschenke machen will, oder ob man Beute machen will. Das ist die Alternative. Deswegen wird Paulus so scharf und sagt: Habsucht ist Götzendienst. Wer seine Umwelt und seine Mitmenschen nur daraufhin anschaut, wo er wieder was absahnen kann; wer zu den unanständigen 10 oder 15% gehört, die ihre Steuern um jeden Preis senken wollen, und sei es illegal, aber natürlich die Vorteile eines geordneten Staatswesens und die Zuschüsse und Subventionen gerne mitnehmen, der arbeitet daran, dass die Fülle des Lebens immer mehr eingeschränkt wird und der Strom des Segens zu einem dünnen Rinnsal wird. Das ist praktischer Atheismus, und deshalb wird Paulus so scharf und sagt: so was hat in der Gemeinde keinen Platz.

Die Gemeinde ist schließlich nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt der Ort, wo man die Großzügigkeit Gottes leben und erleben soll. Gott hat einen Ort geschaffen, wo man eigentlich immer schon mit einem Fuß wieder im Paradies stehen soll, wo mit großem Vertrauen geschenkt und verschenkt wird, wo man nicht Angst haben muss, dass bei jeder Gelegenheit gemeckert und gemotzt wird, wo man nicht ausgelacht oder ausgenutzt wird, wenn man schwach ist. Und deswegen gibt es Sachen, die da einfach nicht gehen.

Sexistische Sprüche z.B. gehen überhaupt nicht. Weil das eine Übergriffigkeit ist, eine Form von Gewalt, eine Ausbeutung an unserem sensibelsten und verletzlichsten Punkt. Wahrscheinlich gibt es eine Zeit so irgendwo um das Konfirmationsalter herum, wo man für so etwas anfällig ist, und dann machen manche, aber längst nicht alle, ihre Sprüche, damit keiner merkt, wie unsicher sie sind. Und man muss dann Nachsicht haben. Aber manchmal erlebt man, wie schon Kinder so eine sexualisierte Sprache haben, und man merkt, da muss es in ihrem Umfeld Erwachsene oder Ältere geben, von denen sie sich das abgeguckt haben, vielleicht in der eigenen Familie. Irgendwo sind sie in Berührung mit einer Sphäre, wo sexualisierte Übergriffigkeit herrscht, und das ist zerstörerisch für die Würde der Frauen und für das Selbstvertrauen der Männer, und es untergräbt nachhaltig das Vertrauen zwischen den Geschlechtern.

Und deswegen sagt Paulus: da ist absolutes Stopp. In der Gemeinschaft, die Jesus eingerichtet hat, damit man sehen und fühlen kann, wie Leben auf Geschenkbasis funktioniert, da ist kein Platz für Ausbeutung jeder Art, auch nicht durch Sprüche. Da wird nicht groß diskutiert oder begründet, sondern das geht nicht, und wem das nicht passt, der kann gehen. Punkt.

Genausowenig geht arrogantes Geschwätz. Das Problem ist, dass das etwas weniger klar abzugrenzen ist, und die Übersetzer haben es nicht immer leicht, diese Passagen gut wiederzugeben. Aber ich denke, es geht um diese ganze Art, wie man redet, um zu signalisieren, was für ein toller Hecht man ist. Das können sexistische Sprüche sein, das kann auch Ironie sein, die sich in Richtung Zynismus entwickelt. Also Ironie nicht als Mittel, um etwas Verlogenes aufzudecken, sondern eine Lebenshaltung, die den Eindruck vermittelt: die ganze Welt ist so bescheuert eingerichtet, da stehe ich drüber, es betrifft mich gar nicht, ich kann da nur noch Witze drüber machen. Nein, sagt Paulus, Dankbarkeit statt Zynismus und Ironie. Diese Welt ist immer noch ein großes Geschenk, und es lohnt sich, dafür Leidenschaft zu entwickeln. Oder es kann auch Meckern und Motzen sein, weil das nicht daran interessiert ist, dass die Dinge besser werden, sondern weil man sich dabei so toll im Recht fühlt, wenn man an anderen rummeckert. Und deswegen empfiehlt Paulus all den Sprüchemachern Dankbarkeit, weil Dankbarkeit uns mit dem echten Leben und seiner Fülle in Berührung bringt und aus rausholt aus der Scheinwelt der tollen Egos.

Paulus sagt: gerade weil ihr diese wichtige Aufgabe habt, Gottes Großzügigkeit zu verkörpern, deshalb müsst ihr gut aufpassen, dass in eurer Mitte die Beutementalität keinen Platz hat. Da müsst ihr einen guten Instinkt für haben. Ausbeuterisch kann man nicht nur da sein, wo es um Geld geht, sondern es gibt auch die kleinen Ausbeuter in der zwischenmenschlichen Kommunikation, die sich toll vorkommen auf Kosten anderer, und die anderen fühlen sich nach jeder Begegnung schlecht. An diesem einen Punkt sollt ihr in der Gemeinde Jesu keine Nachsicht zeigen. Gott tut es auch nicht.

Wenn wir anderen begegnen, dann sollen die sich hinterher besser fühlen, die sollen ein überraschendes Geschenk entgegennehmen. Wir wollen jetzt nicht gleich darüber jammern, dass uns das nicht immer gelingt und dass wir ja früh am Tag immer so morgenmuffelig sind und unter Stress sowieso. Lasst uns einfach diese Perspektive mitnehmen, dass wir tatsächlich überraschende gute Geschenke machen können, dass Menschen sich bereichert fühlen, wenn sie uns treffen. Nicht weil wir immer ein Honigkuchenlächeln haben, sondern weil wir uns ein Stück persönlich auf sie eingelassen haben, weil wir das Risiko eingegangen sind, ausgenutzt, vollgelabert und enttäuscht zu werden. Weil durch uns die Welt wieder ein bisschen mehr Gottes Großzügigkeit widergespiegelt hat. Weil wir wissen, dass wir selbst das Meiste davon haben. Weil es schön ist, wenn es Orte gibt, wo Menschen keine Angst haben müssen, dass irgendwer sie ausnutzt oder an ihnen rummeckert oder ihre Würde verletzt.

Stell dir einfach vor, was wäre, wenn es dich morgen aus irgendeinem Grund nicht mehr gäbe. Würden die Leute dann sagen: puh, endlich haben wir Ruhe vor ihm, endlich geht die uns nicht mehr auf die Nerven, endlich kommandiert uns keiner mehr rum, endlich ist diese Bedrückung aus meinem Leben verschwunden, endlich muss ich mir die blöden Witze nicht mehr anhören, endlich richtet er kein Unheil mehr an? Oder würden Menschen sagen: ohne ihn ist mein Leben ärmer geworden, jetzt fehlen mir ihre freundlichen Worte, wer wird mich jetzt beschützen, wenn ich angegriffen werde, wen kann ich jetzt fragen, wenn ich einen Rat brauche, wer wird jetzt die guten Ideen haben, woher kriege ich jetzt die Sicherheit, dass mir jemand in Schwierigkeiten beisteht? Wer zeigt mir jetzt, dass diese Welt immer noch Gottes Welt ist?

Wir haben die Wahl, wer wir sein wollen. Es ist unsere Entscheidung, ob wir Gott nachmachen wollen in seiner Großzügigkeit und Menschenliebe, oder ob wir Beute machen wollen. Auf die Dauer wird sich bei uns eine Seite durchsetzen, und zwar die, die wir unterstützen.

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