Auch Gott muss warten

Predigt am 12. Dezember 2010 (3. Advent) zu Lukas 1,26-38

Verfasser: Walter Faerber

Im Gottesdienst zeigte die Vorkonfirmandengruppe ein Stück über das Warten auf Gottes Handeln seit dem Paradies. Darin kam eine Blume vor, die von Eva über Abel, David und die Propheten bis zu Maria weitergegeben wurde. Auf diese Blume wird in der Predigt Bezug genommen.

26 Als Elisabeth im sechsten Monat schwanger war, sandte Gott den Engel Gabriel zu einer unverheirateten jungen Frau, die in Nazaret, einer Stadt in Galiläa, wohnte. 27 Sie hieß Maria und war mit Josef, einem Mann aus dem Haus Davids, verlobt. 28 »Sei gegrüßt, dir ist eine hohe Gnade zuteil geworden!«, sagte Gabriel zu ihr, als er hereinkam. »Der Herr ist mit dir.« 29 Maria erschrak zutiefst, als sie so angesprochen wurde, und fragte sich, was dieser Gruß zu bedeuten habe.30 Da sagte der Engel zu ihr: »Du brauchst dich nicht zu fürchten, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen; dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Er wird groß sein und wird ›Sohn des Höchsten‹ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Stammvaters David geben. 33 Er wird für immer über die Nachkommen Jakobs herrschen, und seine Herrschaft wird niemals aufhören.« 
34 »Wie soll das zugehen?«, fragte Maria den Engel. »Ich bin doch noch gar nicht verheiratet.« 35 Er gab ihr zur Antwort: »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig sein und Gottes Sohn genannt werden.« 36 Und er fügte hinzu: »Auch Elisabeth, deine Verwandte, ist schwanger und wird noch in ihrem Alter einen Sohn bekommen. Von ihr hieß es, sie sei unfruchtbar, und jetzt ist sie im sechsten Monat. 37 Denn für Gott ist nichts unmöglich.« 
38 Da sagte Maria: »Ich bin die Dienerin des Herrn. Was du gesagt hast, soll mit mir geschehen.« Hierauf verließ sie der Engel.

Wir haben jetzt eine lange Reise im Zeitraffer gemacht: von Adam und Eva bis kurz vor die Geburt Jesu. Und auf der ganzen Reise hat uns diese Blume begleitet: manchmal etwas angeschlagen, aber am Anfang und am Ende mit voller Blüte. Was bedeutet diese Blume?

Zuerst einmal ist sie eine Erinnerung an das Paradies. Eine Erinnerung daran, dass es einmal ein ungetrübtes, volles, gutes Leben gab. Wir sind nicht dafür geschaffen, dass wir uns Tag für Tag durch unser Leben quälen, dass wir abends froh sind, wenn wir gerade so ohne größere Katastrophen durch den Tag gekommen sind. Wir sind nicht dafür geschaffen, mit Bauchweh in die Schule oder zur Arbeit zu gehen, Streit und Ärger zu haben und vielen Tier- und Pflanzenarten den Tod zu bringen. So war das von Gott aus nicht gemeint, als er die Erde schuf.

Aber dann ist es passiert, dass Menschen sich auf den falschen Baum konzentriert haben. Denn welcher Baum stand eigentlich ursprünglich in der Mitte des Paradiesgartens? Der Baum des Lebens. Der war das Zentrum von allem. Von ihm aus breiteten sich Leben und Freude aus nach überallhin. Und die raffinierte Strategie der Schlange war es, stattdessen den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Gut und Böse gemischt. Alles durcheinander.

Der Baum des Lebens war eben nicht der Baum des Lebens und des Todes, sondern nur der Baum des Lebens. Klar, eindeutig und gut. Man braucht das Böse eigentlich nicht. Aber dann ließen sich Adam und Eva auf diesen anderen Baum aufmerksam machen, wo es alles durchmischt und durcheinander war, gut und böse gleichberechtigt nebeneinander, und so kam dann das Durcheinander wirklich in ihre Welt hinein. Und so haben wir das Paradies verloren und haben dafür unsere Welt bekommen, wo das Gute immer mit Mühe und Streit und Tod vermischt ist, und das Paradies ist nur noch eine Erinnerung. Und in der nächsten Generation schlägt dann schon einer zu und sein Bruder liegt tot da. Das ist die Welt, in der wir seit damals leben: eine beschädigte Welt, eine Welt des Durcheinanders von Gut und Böse, in der das Leben mühsam ist.

Und trotzdem wird diese Blume immer weiter gegeben, diese Erinnerung an das verlorene Paradies. Diese Hoffnung, dass es doch auch anders sein kann. Und immer wieder weckt Gott Leute auf, in allen Generationen, die diese Hoffnung weitertragen. Immer wieder gibt es da gerechte Menschen, auch gerechte Könige, es gibt Propheten, die dieses Wissen wach halten: es muss nicht so sein, dass Menschen sich gegenseitig fertig machen, dass einer Angst vor dem anderen hat, es muss nicht so sein, dass das Leben ein Durcheinander ist, mühsam und schwer, und dass am Ende einer tot da liegt.

Gott hat diese Hoffnung unter den Menschen wach gehalten, auch wenn sie oft enttäuscht worden ist, auch wenn die Nachfolger guter Könige dann wieder so wurden wie alle anderen. Und als die Menschen schon dachten, das wäre nur ein altes Märchen, irgendeine Geschichte von vor Tausend Jahren, da schickte Gott Jesus, und da war es für die, die mit ihm gingen, so, als ob das Paradies zurückgekommen wäre. Deswegen hat am Ende die Blume wieder voll geblüht: weil da wieder eine geheime Paradieszone entstanden ist mitten in der Welt des Durcheinanders. Da gab es wieder eine verborgenen Welt, in der kein Durcheinander mehr war, sondern die war gut, und das Leben war leicht. Überall da, wo Jesus hin kam.

Aber es musste Menschen geben, die dieser geheimen neuen Welt einen Platz gaben. Die erste davon war Maria. Als sie sich bereit erklärte, die Mutter von Jesus zu werden, war es wirklich alles noch ganz geheim. Da wusste noch kein Mensch, was Gott vor hatte. Auch Maria wusste noch nicht wirklich, was auf sie zu kam. Aber sie war bereit, Jesus einen Platz zu geben. Das war wirklich toll. Man muss sich klar machen, dass Maria damals noch ziemlich jung war: vielleicht 14 oder 15 oder 16, also noch nicht so viel älter als ihr heute. Aber sie war wirklich mutig.

Und so bekam sie in unserem Stück vorhin dann wieder die ganze blühende Blume anvertraut. Sie wurde die Mutter von Jesus, und nach dreißig Jahren fingen die Menschen an zu merken, dass das ein ganz ungewöhnlicher Mensch war. Einer, der seine Wurzeln noch im Paradies Gottes hatte, und der das Durcheinander in Ordnung bringen konnte. Der mitten in dieser Durcheinander-Welt ein geheimes Paradies gebracht hat.

Und das war ein ganz starkes Signal: Gott gibt nicht auf. Auch wenn es alles sehr lange dauert und Menschen schon fast die Hoffnung aufgegeben haben, aber Gott bleibt dabei. Gott lässt sich auf die Dauer nicht seine Erde kaputt machen. Auch wenn er dafür lange warten muss.

Gott ist nicht so ein Zauberkünstler oder Magier, der sich einfach herzaubert, was er gern haben möchte. Gott muss warten, weil er auf uns wartet. Er muss warten, bis wir so weit sind, dass einer wie Jesus kommen kann. Natürlich, Gott sitzt in der Zeit nicht rum und dreht Däumchen. Er hat schon was dafür getan, dass bei uns Jesus kommen konnte. Er hat die Erwartungen und Hoffnungen immer wieder gestärkt, dass das Durcheinander nicht das letzte Wort sein würde. Aber trotzdem hat es gedauert, bis es so weit war. Und das ist die gute Nachricht: Gott ist mindestens so ungeduldig wie wir. Gott wünscht sich das mindestens so sehr wie wir, dass die Erde wieder so wird, wie es sie gemeint hat, so gut wie er sie geschaffen hat. Nein, Gott wünscht sich das noch viel mehr als wir. Unsere Wünsche sind nämlich auch so ein Durcheinander, mal so und mal so. Aber Gott bleibt ganz klar bei seiner Hoffnung. Gott bleibt beim Baum des Lebens. Gott sorgt dafür, dass die Blume der Hoffnung nicht kaputt geht.

So, und jetzt, heute, hier, wir: Gott sucht immer noch nach Leuten, denen er die Blume anvertrauen kann. Menschen, die in ihrem Leben einen Platz schaffen für dieses geheime Paradies von Jesus. Nicht mehr so wie Maria, die Jesus geboren hat. Das geht nur ein einziges Mal. Aber immer wieder will Jesus unter uns eine Zone schaffen, wo das Durcheinander zu Ende ist. »Wo zwei oder drei in meinem Namen beieinander sind, bin ich dabei« hat er versprochen. Da entsteht sein geheimes Paradies. Darauf warten übrigens nicht nur Menschen, sondern genauso Tiere und Pflanzen, alle Geschöpfe, die ganze Erde wartet darauf, dass wir uns zusammenschließen und so eine Jesus-Zone werden. Da geht es nämlich auch den Tieren und Pflanzen gut.

Gott wartet, die ganzen Geschöpfe warten, alles wartet darauf, dass wir uns jetzt die Blume geben lassen, die durch alle Generationen weitergereicht worden ist. Im Verborgenen blüht sie schon wieder. Und Gott wartet auf Menschen, die das sehen und in dieses geheime Paradies zurückkehren.

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