Jesus lässt sich nicht einbauen

Predigt am 10. Oktober 2010 zu Markus 1,32-39

Verfasser: Walter Faerber

32 Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. 33 Die ganze Stadt war vor dem Haus versammelt, 34 und er heilte viele Menschen, die an den verschiedensten Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Den Dämonen verbot er zu reden, denn sie wussten, wer er war. 35 Früh am Morgen, als es noch völlig dunkel war, stand Jesus auf, verließ ´das Haus` und ging an einen einsamen Ort, um dort zu beten. 36 Simon und die, die bei ihm waren, eilten ihm nach, 37 und als sie ihn gefunden hatten, sagten sie zu ihm: »Alle fragen nach dir.« 38 Er aber erwiderte: »Lasst uns von hier weggehen in die umliegenden Ortschaften, damit ich auch dort ´die Botschaft vom Reich Gottes` verkünden kann; denn dazu bin ich gekommen.« 39 So zog er durch ganz Galiläa, verkündete ´die Botschaft vom Reich Gottes` in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Das Thema dieses Abschnittes ist: Jesus sucht Abstand. Er geht raus aus der Stadt, frühmorgens, als alle anderen noch schlafen. Und dann geht er gleich in die nächste Stadt, obwohl in Kapernaum alle auf ihn warten. Und dazu gehört ein anderes Detail: Jesus erlaubt nicht, dass jemand sein Geheimnis enthüllt. Sein Geheimnis, dass er der entscheidende Bote Gottes ist, Gottes Sohn, der Messias, der König.

Warum geht Jesus so auf Distanz? Warum soll keiner wissen, wer er ist? Warum versucht er, seinen wahren Hintergrund zu verbergen? Wer das Evangelium weiter liest, der stößt immer wieder darauf, wie Jesus seine Jünger langsam zur Erkenntnis bringt, wer er ist, aber außerhalb dieses Kreises soll das möglichst verborgen bleiben. Ist das einfach Bescheidenheit? Ziert er sich?

Wenn man sich den Zusammenhang ansieht, dann merkt man, dass Jesus immer dann ausweicht, wenn Menschen versuchen, ihn als Baustein in ihr Leben einzubauen. Wenn Menschen versuchen, ihn für ihre Pläne einzuspannen. Da in Kapernaum waren sie begeistert, dass sie endlich jemanden hatten, der ihre Kranken gesund machte. Jesus hatte kurz vorher die Schwiegermutter von Simon Petrus von einem Fieber geheilt; das hatte sich herumgesprochen, und als am Abend der Sabbat vorbei war und man wieder aktiv werden durfte, da brachten sie alle Kranken zu ihm, und Jesus heilte sie. Und am nächsten Morgen ist die Straße wieder voll – überall stehen die Rollstühle und Krankenwagen, alle warten darauf, dass der Wunderheiler weitermacht. Aber der ist weg.

An dieser Stelle müssen wir uns unbedingt klar machen, dass Jesus nicht dieses Ideal von dem stets bereiten christlichen Helfer hat, der auf Knopfdruck bereitsteht, um sich für die Sorgen und Nöte von allen, die ein Problem haben, einzusetzen. Jesus war frei von dem Helfer-Syndrom, wo man glaubt, man wäre für alles zuständig; und wenn Christen einen Allzuständigkeitswahn entwickeln, dann ist Jesus jedenfalls nicht schuld daran. Nicht, dass ihm an den Menschen nicht läge – aber er will frei bleiben, um seinen Auftrag zu erfüllen. Und der besteht nicht darin, der Hausarzt von Kapernaum zu sein. Natürlich wäre das für Kapernaum schön gewesen, wenn sie einen so guten Arzt gehabt hätten. Vielleicht wäre sogar aus Kapernaum ein Wallfahrtsort geworden, wo die Leute von überall her hingekommen wären.

Aber dann wäre Jesus vor lauter Heilen überhaupt nicht mehr dazu gekommen, davon zu sprechen, dass das Reich Gottes begonnen hat. Die Heilungen sollten ein Zeichen sein: Gott stellt sein Volk wieder her. Sie waren Teil eines größeren Zusammenhangs.

Genauso die Dämonenaustreibungen. Für uns ist heute nicht mehr so ganz klar, was das eigentlich war. Für mich ist es am wahrscheinlichsten, dass diejenigen, die von Dämonen bedrückt wurden, traumatisierte Menschen waren: Menschen, die schreckliche Dinge erlebt hatten, die sie nun ein Leben lang verfolgten und nicht mehr froh werden ließen. Es gab damals viele schlimme Dinge, die einen Menschen traumatisieren konnten: Die ganzen Kriege mit ihren Grausamkeiten, und die nicht minder grausamen Strafen, die die römische Obrigkeit auch im Frieden vollzog. Kreuzigung war nur die schrecklichste von vielen anderen körperlichen Strafen und Foltern. Wir kennen das heute aus Ländern, wo es Bürgerkrieg gibt, wie da die Menschen in Angst leben vor den Rebellen, in Angst vor den Soldaten, und dann noch in Angst vor Kriminellen, die die Menschen zusätzlich drangsalieren. Damals in Israel hat es immer wieder Aufstände gegeben, und die römischen Besatzer reagierten manchmal mit schrecklichen Massakern. Die sollten die Menschen einschüchtern, und wer das miterleben musste, der war manchmal gebrochen fürs Leben, traumatisiert, nicht mehr zu Hause in seiner Seele.

Aber wenn Jesus selbst solche Traumatisierungen heilen konnte, und wenn er auch noch die Blinden und Lahmen und Kranken heilt, dann heißt das: Gottes Volk wird wieder hergestellt. Das Volk, das in Gottes Rettungsplan für die Welt die entscheidende Position hat, muss selbst erst wieder auf die Beine kommen. Es muss neuen Mut bekommen, und es soll hören, dass jetzt die Zeit ist, wo Gott seine Versprechen wahr macht und seinen Plan ausführt.

Das Gute war, dass die Menschen in Israel damals wussten, dass Gott versprochen hatte, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Sie wussten, dass das nötig war, und sie wussten, dass Israel dabei eine entscheidende Rolle spielen sollte. Die Menschen kannten das Problem, und sie warteten auf eine Lösung. Die anderen Völker erwarteten gar nicht, dass Gott irgendwie eingreifen würde. Sie erlebten auch die Bedrückung, aber sie hatten keine Erwartungen und keine Hoffnung.

Und trotzdem waren sie auch in Israel in der Versuchung, nur von ihren eigenen kleinen Wünschen und Hoffnung her zu denken. Es würde ihnen völlig reichen, wenn Jesus sie wieder gesund macht, dass er auch noch von solchen Sachen wie dem Reich Gottes spricht, davon, wie Gott seinen Plan mit der Welt doch noch zum Ziel bringt, das hören sie gar nicht mehr richtig. Vielleicht haben sie es in der Synagoge noch gehört und waren schwer beeindruckt, aber kaum ist der Gottesdienst vorbei und sie sind draußen, da denken sie nur noch daran, dass hier einer ist, der vielleicht ihre Probleme lösen kann. Sofort bauen sie ihn ein in ihr Leben und denken nicht mehr daran, dass er vielleicht eine eigenen Botschaft hat. Aber Jesus funktioniert nicht als Flicken für ein renovierungsbedürftiges Haus. Früher hat man ja manchmal, wenn man an seinem Haus etwas bauen wollte, irgendwelche alten Steine genommen und die dann eingebaut.

Ich habe Ihnen so ein Bild mitgebracht: dies ist ein altes, antikes Relief mit einem Pferdewagen, und es ist einfach so in eine Hauswand eingefügt, weil man gerade nichts anderes zur Hand hatte. Es passt nicht so richtig, aber es erfüllt irgendwie seinen Zweck. Man könnte sich vorstellen, dass dieser Stein uns etwas zu sagen hätte über Menschen, die ihn vor vielen Jahrhunderten hergestellt haben, die etwas zeigen wollten von ihrer Welt, vielleicht sogar etwas zeigen wollten davon, wie sie Pferde gesehen haben. In einem Museum könnte das ein Prachtstück sein, restauriert und mit guten Erklärungen dazu. Stattdessen ist es hier irgendwo unproportional in ein Haus eingebaut, wo es gerade passte, und dabei auch noch beschädigt worden.

Lassen Sie uns das als Symbol dafür nehmen, was passiert, wenn wir Jesus einfach so in unser Leben einbauen, da, wo gerade etwas fehlt! Es passt irgendwie nicht, und Jesus bleibt dabei nicht unbeschädigt. Manchmal wird ja sogar auf diese Weise für den Glauben geworben: du hast ein Problem – Jesus ist die Lösung! Du fühlst dich schlecht, du suchst einen Sinn für dein Leben, du fühlst dich schuldig, du möchtest zufriedener werden – nimm Jesus, der hilft dir! Du hast ein Loch in deinem Leben? Nimm Jesus und stopf es damit!

Falsch ist an solchen Sätzen nicht, dass Jesus uns hilft. Das tut er, auf vielerlei Weise. Das hat er auch in Kapernaum getan. Falsch ist, dass hier Jesus vorgegeben wird, was er zu tun hat und zu sein hat: eine Lösung für meine Probleme. Etwas anders kommt gar nicht in Frage. Aber vielleicht will er ja etwas Neues sagen, an das ich noch gar nicht gedacht habe. Vielleicht möchte er ja auch, dass ich nicht mehr Teil des Problems bin, sondern sogar Teil der Lösung. Aber dazu muss man umdenken, und es ist für viele Menschen viel schwerer, umzudenken, als sich aufzuopfern.

Vielleicht ist ja auch mein persönliches Schicksal und mein persönliches Problem gar nicht der Mittelpunkt, um den sich alle anderen drehen müssen. Vielleicht besteht ja die Hilfe gerade darin, dass ich gelöst werde von der Fixierung auf mein Problem und meine Ohnmacht und dass ich in Gottes Haus eingebaut werde und nicht Gott die Löcher in meinem Lebenshaus flickt. Das meinen Christen, wenn sie sagen, dass Jesus »der Herr« ist.

Jesus hat sich immer gewehrt dagegen, in solche Schubladen gesteckt zu werden: Wunderheiler, Dämonenaustreiber usw. Und er wollte auch nicht in die Schublade »Messias« gesteckt werden. Die Leute wussten nämlich auch schon genau, was der Messias zu tun und zu lassen hatte. Jesus war zwar tatsächlich der Messias, oder in der griechischen Sprache, der Christus. Aber er machte es alles ganz anders, als die Menschen sich das vorstellten. Deshalb wollte er seinen Weg erst ganz zu Ende gehen, er wollte sein Werk erst fertigmachen, einschließlich von Kreuzigung und Auferstehung, und dann erst, dann war es so weit, dann durften seine Jünger sagen, dass er der Christus ist.

Deshalb geht Jesus immer auf Distanz, wenn sie versuchen, ihn zu umstellen und auf ihre Probleme festzulegen. Er geht weg aus dem Ort, manchmal geht er mit Absicht in die Einöde, wo die Menschen ganz aus ihrem Alltag herausgerissen sind und sich leichter auf ungewohnte Gedanken einlassen. Und wer bei ihm bleiben will, der muss mitgehen, er muss sich bewegen.

Ich denke, das ist eine der wichtigsten Botschaften dieser Geschichte: wenn du bei Jesus bleiben willst, musst du dich bewegen. Du kannst nicht von ihm erwarten, dass er sich deinen Erwartungen und Wünschen unterwirft. Wenn du an ihm dranbleiben willst, solltest du dich besser auf den Weg machen und nicht verlangen, dass er sich an deine Geschwindigkeit anpasst. Das heißt nicht, dass wir dauernd umziehen müssten, aber wenn es nötig ist, dann kann auch das dran sein. Es kann ja sein, dass Jesus unser ganzes Leben und mit unserer ganzen Lebensplanung umstellen will. Darf er das?

Eben; das ist die Frage. Darf er mehr sein als so ein schöner Stein in einem schadhaften Haus? Ein Flicken auf einem Loch? Oder darf er uns auch sagen, dass es Zeit ist, das alte Haus unseres Lebens zu verlassen, weil das längst brüchig ist und Gott mit uns ein viel besseres und großartigeres Gebäude bauen will?

Jesus selbst war ganz unabhängig von diesem Druck: pass dich an unsere Bedürfnisse an. Als er merkte, dass er unter diesem Druck stand, da ging er raus in die Einöde, er ging raus zum Beten, er verband sich neu mit seinem Vater im Himmel, und er bekam von ihm seinen Auftrag und seine Vision frisch und klar zurück: Geh weiter, in die nächsten Städte, es ist viel wichtiger, dass du überall ankündigst, dass Gottes Reich jetzt nahe ist, als dass auch noch der letzte Kranke von Kapernaum geheilt wird.

Es ändert sich etwas in der Welt, und das ist sogar noch wichtiger als die Gesundheit. Gott arbeitet an seinem Sieg über die ganzen Zerstörungsmächte, am Sieg über den Tod, und das wird durch Jesus geschehen. Die Heilungen sind nur Zeichen dafür, dass etwas viel Größeres im Gang ist. Und das Wichtigste für einen Menschen ist es, da dabei zu sein, ein Teil der neuen Welt Gottes zu werden, ein Teil der Lösung zu sein, anstatt das Problem zu vergrößern, herauszukommen aus dem kindlichen Vertrauen in einen Wunderheiler und ein erwachsener Mitarbeiter Gottes zu werden. Es geht nicht um den hundertsten verzweifelten Reparaturversuch am alten Leben, sondern um ein neues Leben, das neue Selbstverständlichkeiten und neue Denkmuster umfasst, und durch das wir natürlich auch heil werden – aber das macht Gott dann häufig nebenbei mit links, und wir merken es erst hinterher.

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