Woher die Macht wirklich kommt

Predigt am 28. März 2010 zu Philipper 2,5-11

Verfasser: Walter Faerber

5 Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat. 6 Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. 7 Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. 8 Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`.
9 Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name. 10 Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind. 11 Alle werden anerkennen, dass Jesus Christus der Herr ist, und werden damit Gott, dem Vater, die Ehre geben.

Im Tod Jesu spitzt sich die Frage zu, wodurch man eigentlich die Welt wirklich gestaltet. Die ganze Karwoche ist voll von Geschichten, in denen es um die Frage geht, was eigentlich Macht ist, bzw. welche Art von Macht die richtige ist und welche Art von Macht am Ende die Oberhand behält.

Vorhin die Lesung mit diesem merkwürdigen Ineinander eines Königssymbols (nämlich der Einzug Jesu in die Hauptstadt) mit einem Symbol der Niedrigkeit (dass es nämlich ein Esel ist, auf dem er reitet – kein König würde auf die Idee kommen, auf einem Esel zu reiten). Am Gründonnerstag Jesus, der sich selbst zur Drecksarbeit einteilt und seinen Jüngern die Füße wäscht. Einen Tag später wird er grausam justizgemordet. Und dann Ostern, der Tag, an dem Gott eingreift und die Verwirrung auflöst: er lässt Jesus auferstehen und zeigt damit, welche Art von Macht am Ende gewinnt.

Und heute schon dieser Briefabschnitt von Paulus, in dem er zeigt, was die Nutzanwendung davon ist: gestaltet die Gemeinde als einen Raum, in dem nicht gezankt und gemeckert und gebissen wird.

Dietrich Bonhoeffer, der viel Erfahrung mit christlichen Gemeinschaften hatte, hat geschrieben: »Kaum dass Menschen beieinander sind, müssen sie anfangen, einander zu beobachten, zu beurteilen, einzuordnen. … vom ersten Augenblick der Begegnung mit dem Anderen sucht der Mensch nach der Kampfstellung, die er dem Anderen gegenüber beziehen und durchhalten kann« (Gemeinsames Leben, 16. Auflage, S. 76). Und er hat sinngemäß hinzugefügt: wenn man da nicht aufpasst, geht jede christliche Gemeinschaft den Bach runter.

Und anscheinend war das auch in Philippi passiert. Im ganzen Brief schreibt Paulus immer wieder darüber, wie wichtig es ist, sich nicht auseinander bringen zu lassen, sondern sich gemeinsam auf die Nachfolge Jesu zu konzentrieren. Und zum Schluss, im letzten Kapitel, lässt er die Katze aus dem Sack und nennt zwei Frauen, die zu seinen engen Mitarbeiterinnen gehört haben und sagt: Euodia und Syntyche, hört auf, euch weiter zu streiten, und einer von den anderen soll ihnen helfen, da rauszukommen!

Anscheinend kann man Freund und Mitarbeiterin von Paulus gewesen sein und ist trotzdem nicht davor gefeit, in Zanken und Meckern reinzurutschen. Und wenn erst mal einer oder mehrere mit so was anfangen, dann ist das wahnsinnig ansteckend und es kann sich in kurzer Zeit verbreiten, weil wir alle reflexartig auf Streit und Meckern reagieren. Wenn du möchtest, dass jemand dich nicht vergisst,, dann kritisier ihn, egal, ob berechtigt oder unberechtigt, greif ihn an, und du wirst ihm nachhaltig in Erinnerung bleiben. Das liegt einfach daran, wie unser Denken funktioniert: wenn wir das Signal »Kampf« empfangen, dann schaltet unser Gehirn in den Alarmzustand und alles andere wird unwichtig. Das ist auch sinnvoll, wenn man plötzlich einem Säbelzahntiger gegenübersteht, aber es ist mörderisch, wenn man im Büro oder in der Klasse in eine Situation des dauernden Zankens und Meckerns hinein gerät.

Ich habe irgendwo gelesen, dass Führungskräfte in großen Organisationen 80% ihrer Zeit und Energie dafür aufwenden, um Intrigen rechtzeitig zu erkennen und abzuwehren. Und wenn man noch hinzufügt, dass sie die wahrscheinlich nicht nur abwehren, sondern manchmal auch selbst in Gang setzen, dann ahnt man, wieviel Energie und Fantasie mit überflüssigen Machtkämpfen verschwendet wird, im Großen wie im Kleinen. Letztes Jahr waren wir alle gespannte Zuschauer im Machtkampf zwischen Porsche und VW, und jetzt schauen wir zu, wie Merkel, Westerwelle und Seehofer darum rangeln, wer was zu sagen hat. Immer geht es letztlich darum, wer der Bestimmer ist, wer besser dasteht, und wer seine Vorstellungen durchsetzen kann. Und wir lesen fasziniert die neuesten Nachrichten, weil uns so ein Kampf eben überhaupt nicht unberührt lässt. Und andererseits haben wir das dumpfe Gefühl, es wäre besser, wenn die Hauptenergie in die echten Probleme fließen würde und nicht in die Frage, wer wieviel zu sagen hat.

Aber natürlich passiert das alles nicht nur in den Vorstandsetagen, sondern überall, wo Menschen beieinander sind. Es ist besonders schlimm, wenn Kinder betroffen sind und die von klein auf in so einem Klima leben müssen, sozusagen unter permanentem Angriff. Und es ist tödlich, wenn sich dieses Muster in der christlichen Gemeinde ausbreitet.

Denn Jesus hat die Gemeinde gerade als Alternative gegründet. Er wollte einen Ort schaffen, wo du nicht dauernd daran denken musst, dir nur keine Blöße zu geben, damit bloß keiner etwas findet, was er kritisieren kann. Er wollte einen Ort schaffen, wo die Dreckarbeit nicht auf den Schwächsten abgeschoben wird.

Ich erinnere mich noch, wie ich in meinen ersten Jahren als Pastor vor vielen Jahren mal eine Gruppe bat, sie möchten doch bitte am Ende den Dreck beseitigen, den sie gemacht hatten, ich glaube es waren Bierflaschen oder so, und ich bekam die Antwort: »Gibt es denn hier keine Putzfrau?«

So offen hatte ich das bis dahin noch nicht gehört. Aber Sie müssen nur mal durch die Fuhsewiesen oder in den Wald gehen oder in einen Raum, wo viele Menschen gewesen sind, und wenn Sie den ganzen Abfall sehen, der da zurückbleibt, dann kommt man zu dem Schluss: es muss viele Menschen geben, die mit dem Gefühl rumlaufen: es muss doch wohl eine Putzfrau für mich geben, irgendjemanden, der dafür zuständig ist, meinen Dreck wegzumachen.

Man kann das alles schwer auf einen Begriff bringen: Angreifen und meckern, anderen die Dreckarbeit zuschieben, Bestimmenwollen und verachten: es ist ein ganzer Knoten von Verhaltensweisen, der das Zusammenleben vergiftet. Vielleicht kann man sagen, das gemeinsame dabei ist, dass Energie von einem zum anderen abfließt. Der eine fühlt sich hinterher eine Zeit lang stärker und der andere fühlt sich ausgelaugt und schlecht. Ich meckere an dir rum und habe hinterher das tolle Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, und du hast damit zu tun, dich zu schützen, deine Emotionen unter zu Kontrolle zu kriegen und fühlst dich schlecht. Ich darf meinen Dreck in die Gegend schmeißen und du musst ihn wegmachen.

So wird unter Menschen darum gekämpft, wer die Macht hat, dem anderen Energie abzuziehen, Energie in allen möglichen Formen: Anerkennung, Ehre, Zeit, Einfluss, Gedanken, angenehme Gefühle, aber auch so äußerliche Dinge wie Geld und Arbeitskraft. Nennen wir es mal das Beutemach-Muster.

Und Jesus wie Paulus sagen: hört auf mit diesem kaputten Muster. Das funktioniert vorne und hinten nicht, das macht euch nur alle ärmer. Euodia und Syntyche und ihr andern auch, ihr werdet alle miteinander verlieren, wenn sich das ausbreitet. Denn reich wirst du nicht von dem, was du bekommst, sondern von dem, was du gibst. Wirkliche Macht hat nicht der, der den anderen das meiste wegschnappt, sondern der, der das meiste schenkt.

Vielleicht klingt das jetzt für viele von uns merkwürdig und ungewohnt, aber bitte versuchen Sie mal einen Moment, sich auf diesen Gedanken einzulassen. Jesus nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil, schreibt Paulus. Wörtlich übersetzt: er hielt es nicht wie Beute fest, Gott gleich zu sein. Beute ist das, was man sich erkämpft hat und was mit allen Kräften verteidigen wird. Beute heißt: der Kampf geht endlos weiter. Aber Jesus ist da ausgestiegen.

Denken Sie an Jesus, wie er seinen Jüngern die Füße wäscht. Keiner hätte sich beschwert, wenn Jesus erwartet hätte, dass jemand anders ihm die Füße wäscht. Er hat so viel für andere getan, da hätte er das verdient gehabt. Aber er dreht es um und beschenkt seine Jünger mit diesem Dienst, er machte für sie die Putzfrau. Das war auch für Jesus nicht toll. Aber verstehen Sie, was er damit tat? Er setzte für seine Jünger eine Norm. Er legte die Grundlage, auf der eine neue Gemeinschaft entstand. Keiner von den Jüngern hat das jemals vergessen. Es prägte sie ein Leben lang. Damit hat Jesus unterm Strich eine viel größere Macht ausgeübt, als wenn er seine Jünger dazu verdonnert hätte, ihm die Füße zu waschen. Er hat auf die Genugtuung verzichtet, seine persönliche Putzfrau zu haben und hat statt dessen schon 2000 Jahre lang einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf Millionen Menschen ausgeübt. Und mehr noch, er hat damit schon die neue Welt Gottes gestaltet, die hier unter uns beginnt und sich erst jenseits der Grenzen dieser Welt richtig zu entfalten beginnen wird.

Und das funktioniert, weil Gott genau diese Logik in die Schöpfung eingebaut hat. Die ganze Schöpfung funktioniert durch Geben und Schenken. Freude entsteht, wenn Verbindungen geschaffen werden und einer den anderen beschenkt. Beute zu machen und zu Rauben ist eine böse Karikatur des liebevollen Austauschs, für den wir eigentlich geschaffen sind. Wir reißen uns etwas unter den Nagel, was wir eigentlich geschenkt bekommen sollen, aber so verderben wir es. Jesus widersteht dem Teufel, als der ihn in Versuchung führt, sich auf eigene Faust Steine zu Brot zu machen. Und als er diese Versuchung bestanden hat, da kommen die Engel und bringen ihm alles, was er braucht, völlig umsonst, als Geschenk.

Und genauso am Ende seines Weges, als Jesus weiß, dass er dem Tod entgegengeht. Da muss er auch der Versuchung widerstehen, sein Leben zu retten. Und er ringt sich durch und bleibt und wird getötet – und wieder greift Gott ein und lässt ihn auferstehen. Versteht, das kann man nicht vorausberechnen. Nicht im Großen und nicht im Kleinen. Du weißt vorher nicht, wie Gott reagieren wird, wenn du dich auf dieses Muster des Schenkens und Gebens einlässt. Es sieht normalerweise dumm und unsinnig aus, wenn du nicht mitkämpfst um die Beute. Aber es geht darum, dieser geheimen Tiefenstruktur der Welt zu vertrauen, darauf zu vertrauen, dass Gott dafür sorgt, dass wir am Ende nicht die Dummen sind.

Wenn es heißt, dass Jesus gehorsam wurde, gehorsam bis zum Tod am Kreuz, dann heißt das, dass er sich dieser verborgenen Tiefenstruktur des Gebens und Schenkens anvertraute. Deren Botschaft hörte er. Er hörte nicht auf die Propaganda der Mächtigen, die so tun, als wäre ihre Herrschaft für die Ewigkeit. Das Schwerste am Gehorsam gegenüber Gottes leiser Botschaft von der Freude des Verschenkens ist der Ungehorsam gegenüber den gottlosen Mächten dieser Welt.

Aber nur jemandem, der es schafft, diesen Ungehorsam gegenüber der scheinbaren Macht der Herren dieser Welt durchzuhalten, nur so einem kann Gott dann tatsächlich die Herrschaft anvertrauen. Wer darauf verzichtet, sich am Kampf um das Bestimmendürfen zu beteiligen, der darf am Ende über die ganze Welt bestimmen. Wer darauf verzichtet, andere mit Vorwürfen zu malträtieren, der darf am Ende das Urteil sprechen. Wer sich zum Diener aller macht, der entscheidet über den Lauf der Welt.

Stellen Sie sich vor, ein großer Konzern sucht einen neuen Chef, ein Krankenhaus sucht den leitenden Arzt, eine Gemeinde den neuen Pastor. Und auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch müssen sie durch einen leeren Raum, wo ein Papierkorb steht, und daneben ein ekliges weggeworfenes Papiertaschentuch. Und fast alle Bewerber gehen daran vorbei und wollen sich nicht die Hände schmutzig machen. Aber da ist eine versteckte Kamera eingebaut, und vor dem Bildschirm sitzt die Auswahlkommission, und wenn sie sehen, wie doch einer stehen bleibt und sich bückt und das Taschentuch in den Mülleimer wirft, obwohl er nicht weiß, dass ihm einer zuguckt, dann sagen sie: den nehmen wir, wir brauchen einen, der sich nicht zu schade ist, auch mal die Dreckarbeit zu machen.

So legt Gott uns immer wieder irgendwelchen Dreck in den Weg und schaut, was wir machen. Er braucht ja keine geheime Kamera dazu. Werden wir vorbeigehen? Oder werden wir sagen: wo ist die Putzfrau? Oder werden wir sagen: was ist denn das für ein Laden hier, es ist eine Zumutung, dass mir so etwas geboten wird? Ich werde mich beschweren! Oder werden wir uns bücken und den Dreck wegmachen?

Das bedeutet keine Allzuständigkeit, sondern es geht um die Grundhaltung. Auch Jesus hat manchmal Schluss gemacht und ist weitergegangen, obwohl noch nicht alle geheilt waren. Man muss sich nicht sämtliche Probleme der Welt zu eigen machen, und erst recht nicht alle Scheinprobleme, aber die Grundeinstellung soll stimmen.

Es werden nicht immer dreckige Taschentücher sein, sondern eher Menschen, Probleme, Aufgaben. Wenn Gott sieht, dass wir uns nicht zu schade sind, zu geben und zu schenken, dann wird er uns vormerken als Leute, denen er auch Aufgaben anvertrauen kann, die mit mehr Verantwortung und Macht verbunden sind. Wir können das nicht vorausberechnen, wir können das nicht einklagen, aber Gott sucht solche Menschen. Die christliche Gemeinde ist gedacht als ein Ort, wo solche Menschen heranwachsen. Das Bild Jesu soll so auf uns wirken, dass wir ein sicherer Ort werden, wo Menschen wohl korrigiert und ermahnt werden, aber wo man sicher ist vor Gemecker und Angriff.

Und dieses Klima soll tief in uns einziehen, damit wir es auch dann weitertragen, wenn wir nicht in einem christlichen Binnenraum sind. Es soll zu unserer eigenen Haltung werden.

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