Let my people go!

Besonderer Gottesdienst am 23. Januar 2011 mit Predigt zu 1. Korinther 10,1-6.14

Verfasser: Walter Faerber

Zu Beginn des Gottesdienstes gab es eine Erinnerung an Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Dazu wurden Texte aus der letzten Rede Martin Luther Kings verlesen. Als biblische Lesungen hörte die Gemeinde zentrale Texte aus dem 2. und 5. Buch Mose.

Begrüßung und Einführung:

Ich begrüße Sie und Euch zu unserem Besonderen Gottesdienst mit dem Titel: »Let my people go«. Es geht um den Aufbruch Israels aus der ägyptischen Sklaverei und seine Ausstrahlung bis heute. Gottes Friede sei mit euch allen.

Das ist ja ein sehr bekanntes Lied, »Let my people go«. Es schlägt den Bogen vom Auszug aus Ägypten 1300 oder 1400 Jahre vor Christus bis zu den schwarzen Sklaven in Amerika und ihren Nachfahren. Wir haben hier in der Grafik zu diesem Gottesdienst das auch nebeneinander stehen: das Bild vom Meer, das sich spaltet, so dass das Volk Israel trockenen Fußes mitten durch das Meer fliehen kann, und das Bild von Martin Luther King, dem Führer der schwarzen amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der 1968 ermordet wurde.

Das Motiv vom Auszug aus Ägypten – mit einer Abkürzung: der Exodus – spielt in der Tradition der amerikanischen Sklaven und ihrer Nachfahren eine große Rolle. Das ist eigentlich verwunderlich, weil sie die Bibel ja durch ihre Sklavenhalter kennengelernt haben. Aber offensichtlich fanden sie dort etwas, was ihnen in ihrer traurigen Lage half: die Hoffnung, dass Gott der Sklaverei ein Ende machen würde und sie frei sein würden. Auch im Glauben der weißen Amerikaner mit englischen Wurzeln spielte dieses Motiv schon eine große Rolle: als die Pilgerväter 1620 nach Amerika kamen, da waren sie Abweichler, die vor der religiösen Unterdrückung in Europa nach Amerika, in die Freiheit auswichen, wie viele andere nach ihnen.

Als schließlich nach dem amerikanischen Bürgerkrieg die Sklaven befreit wurden (die Rassentrennung aber leider nicht aufgehoben wurde), da wurden auch Universitäten für Schwarze eingerichtet, und an einer solchen Universität in Nashville in Tennessee entstand so etwas wie der erste Gospelchor, die »Fisk Jubilee Singers«. Bei denen taucht dieses Lied »Let my people go« zum ersten Mal auf. Wahrscheinlich ist es aber viel älter, und dieser Chor hat es nur bekannt gemacht.

Aber mit der Sklavenbefreiung nach dem Bürgerkrieg war die Unterdrückung der schwarzen Amerikaner nicht zu Ende. Es dauerte noch einmal 100 Jahre, bis sie die vollen Bürgerrechte bekamen. Der Anführer dieser Bürgerrechtsbewegung war der schwarze Pastor Martin Luther King. Und wenn man Kings Reden liest, dann merkt man, wie stark er in den Geschichten vom Exodus, also dem Auszug aus Ägypten, verankert war. In seiner letzten Rede, am Abend vor seiner Ermordung, klingt das z.B. so:

Wenn Gott, der Allmächtige, zu mir sagen würde: “Martin Luther King, in welchem Zeitalter würdest du gern leben?”, dann würde ich meinen geistigen Flug in Ägypten beginnen. Und ich würde Gottes Kinder beobachten bei ihrem wunderbaren Treck aus den dunklen Kerkern Ägyptens durch das Rote Meer, durch die Wüste zum Gelobten Land.

Und etwas später:

Wir müssen zusammenhalten und Einheit bewahren. Ihr wisst, immer wenn der Pharao die Sklaverei in Ägypten verlängern wollte, hatte er ein bevorzugtes Mittel dafür. Welches? Er ließ die Sklaven untereinander streiten. Aber sobald sich die Sklaven zusammentun, geschieht etwas am Hof des Pharao, und dann kann er die Sklaverei nicht mehr aufrechterhalten. Kommen die Sklaven zusammen, dann kommen sie bald heraus aus der Sklaverei. Deshalb lasst uns Einheit bewahren!

So direkt wird für Martin Luther King die Exodus-Geschichte zur Handlungsanweisung für die Gegenwart. Und ganz zum Schluss seiner Rede denkt er an Mose, der das Volk nur an die Grenze des neuen Landes führen darf, aber er darf es von einem hohen Berg aus sehen, bevor er stirbt. Daran knüpft King an und sagt:

Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgend etwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.

Danach ging King schlafen, und am nächsten Morgen wurde er ermordet. Im Exodus, dem Auszug aus Ägypten, steckt schon ganz viel drin. Und wir werden nachher in der Predigt sehen, wie auch Jesus und alles, was er dann tun wird, dort schon vorbereitet wird.

Lesungen:

Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten ist der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte Israels. Gott befreit ein versklavtes Volk aus Ägypten und führt es aus der Unterdrückung in ein neues Land. Da sollen sie miteinander als freies Volk leben – ohne die Götter der anderen Völker, ohne Unterdrückung und ohne Ausbeutung. Diese Befreiung sollte von nun an durch alle Generationen die Grundlage des Zusammenlebens sein. Deshalb heißt es in den Anweisungen zum jährlichen Erntefest im 5. Buch Mose (Kap. 26):

Du sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. 6 Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. 7 Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. 8 Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, 9 er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen.10 Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, Herr.

Zu dieser Befreiung gehörten Augenblick höchster Gefahr, als das Heer des Pharao die fliehenden Sklaven einholte und sie am Ufer des Schilfmeeres niederzumetzeln drohte (2. Mose 14):

10 Als der Pharao sich näherte, blickten die Israeliten auf und sahen plötzlich die Ägypter von hinten anrücken. Da erschraken die Israeliten sehr und schrien zum Herrn. 11 Zu Mose sagten sie: Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan? Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt? 12 Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der Wüste zu sterben. 
13 Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet. Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. 14 Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten.15 Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. 16 Und du heb deinen Stab hoch, streck deine Hand über das Meer und spalte es, damit die Israeliten auf trockenem Boden in das Meer hineinziehen können. 17 Ich aber will das Herz der Ägypter verhärten, damit sie hinter ihnen hineinziehen. So will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweisen.

Und so geschah es: Israel wurde gerettet, und das Heer des Pharao ertrank. Darauf folgten 40 Jahre in der Wüste, in denen aus einem Haufen verzagter Sklaven ein freies Volk wurde. Immer wieder zeigte sich bei den ehemaligen Sklaven Mutlosigkeit und Angst vor der Freiheit. Eine ganze Generation musste erst sterben, bevor sie bereit waren für das Leben im verheißenen Land. Wichtigstes Ereignis dieser Wüstenjahre war der Bundesschluss am Berg Sinai. Er wird im 2. Buch Mose (Kap. 24) geschildert:

Mose kam und übermittelte dem Volk alle Worte und Rechtsvorschriften des Herrn. Das ganze Volk antwortete einstimmig und sagte: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun. 4 Mose schrieb alle Worte des Herrn auf. Am nächsten Morgen stand er zeitig auf und errichtete am Fuß des Berges einen Altar und zwölf Steinmale für die zwölf Stämme Israels. 5 Er schickte die jungen Männer Israels aus. Sie brachten Brandopfer dar und schlachteten junge Stiere als Heilsopfer für den Herrn. 6 Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in eine Schüssel, mit der anderen Hälfte besprengte er den Altar. Darauf nahm er die Urkunde des Bundes und verlas sie vor dem Volk. Sie antworteten: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen. 8 Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat. 9 Danach stiegen Mose, Aaron, Nadab, Abihu und die siebzig von den Ältesten Israels hinauf 10 und sie sahen den Gott Israels. Die Fläche unter seinen Füßen war wie mit Saphir ausgelegt und glänzte hell wie der Himmel selbst. 11 Gott streckte nicht seine Hand gegen die Edlen der Israeliten aus; sie durften Gott sehen und sie aßen und tranken.

Die Regeln Gottes entwarfen eine Rechtsordnung für das Zusammenleben im Land Israel, ein Leben ohne Sklaverei, ohne König und ohne Großgrundbesitz. Mitten in einer Welt voller unfreier Völker, voller Könige und Götter sollte Israel eine Alternative darstellen. Und damit sich auf keinen Fall heimlich wieder die Unfreiheit einschlich, sollten sie vor allem keine anderen Götter mehr haben. Deshalb beginnen die 10 Gebote so (2. Mose 20,2):

Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. 3 Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. 

Dieser Gott der Befreiung begleitet von da ab Israel durch alle Höhen und Tiefen, und viele Jahrhunderte später sendet er diesem Volk seinen Sohn, Jesus Christus.

Predigt:

10 1 Ihr dürft nämlich nicht vergessen, Geschwister, wie es unseren Vorfahren ´zur Zeit des Mose` erging. Über ihnen allen war die Wolkensäule, und alle durchquerten sie das Meer, 2 sodass sie alle gewissermaßen eine Taufe auf Mose erlebten – eine Taufe durch die Wolke und durch das Meer. 3 Sie aßen alle dieselbe Nahrung – das Brot vom Himmel, das Gott ihnen gab -, 4 und tranken alle denselben Trank – einen Trank, den Gott ihnen gab, das Wasser aus dem Felsen (wobei der wahre Fels, der sie begleitete und von dessen Wasser sie tranken, Christus war). 5 Und trotzdem hatte Gott an den meisten von ihnen keine Freude, sodass er sie in der Wüste umkommen ließ.
6 Was damals mit unseren Vorfahren geschah, ist eine Warnung an uns: Unser Verlangen darf nicht auf das Böse gerichtet sein, wie es bei ihnen der Fall war.

14 Wenn ihr euch das alles vor Augen haltet, meine lieben Freunde, gibt es nur eins: Lasst euch unter keinen Umständen zum Götzendienst verleiten!

Als ich diesen Text zum ersten Mal entdeckt habe, da dachte ich: irgendwie spinnt der Paulus. Der macht eine ganz abenteuerliche allegorische Auslegung. Der Durchzug durch das Rote Meer soll eine Taufe sein? Nur weil es da wahrscheinlich auch ein bisschen nass war? Oder weil es aus der Wolke geregnet hat? Und dann diese Nahrung und der Trank, den sie da bekamen, klar, damit spielt Paulus auf das Abendmahl an. Aber das ist doch auch abenteuerlich: einmal das Manna, die wunderbare Speise, mit der Gott sein Volk in der Wüste ernährte – dass das dem Brot beim Abendmahl entsprechen soll, das geht noch einigermaßen o.k. für mein Gefühl. Aber dann schlägt Mose auf einen Felsen, und da kommt Wasser raus, damit sie in der Wüste nicht verdursten. Und dieses Wasser bedeutet laut Paulus schon den Wein beim Abendmahl? Das ist doch an den Haaren herbeigezogen.

Aber im Lauf der Zeit fiel mir auf, dass das vielleicht doch nicht so daneben ist: Gott rettet sein Volk im letzten Moment. Sie haben schon alle vor Augen, wie sie gleich von den ägyptischen Truppen abgeschlachtet werden oder im Meer ertrinken. In ihrer Verzweiflung beschimpfen sie Mose: Warum hast du uns in dieses Abenteuer der Befreiung hineingelockt? Wir werden in dieser Wüste krepieren. Das hätten wir in Ägypten bequemer haben können!

Todesangst ist es, was sie erleben. Aber dann rettet Gott sie aus der Todesangst und führt sie durch das Meer des Todes in ihr neues Leben als freies Volk. Gott sorgt dafür, dass die Befreiung nicht im Fiasko endet. Und am anderen Ufer, als sie wieder auftauchen aus den Tiefen des Meeres (ich glaube, das war ein sehr unheimlicher Weg mit den Wasserbergen rechts und links), als sie entkommen sind und dem Leben wiedergegeben, da feiern sie ein großes Fest und singen »Preist den Herrn!«.

Ist das nicht genau das, worum es in der Taufe geht? Im Römerbrief schreibt Paulus, dass die Taufe ein Sterben ist. Der alte Mensch stirbt. Der war ein Sklave der Mächte dieser Welt. Der muss weg. Und dann kommt aus dem Wasser der Taufe ein neuer Mensch heraus, der von Gottes Geist erfüllt ist, von der Gegenwart Gottes. So wie das Volk bei seiner Flucht durch das Meer von der Wolke begleitet wurde, in der Gott ihnen voranging. Also, ganz daneben ist diese Verbindung von Taufe und Rettung am Meer gar nicht. Im Gegenteil, die hilft einem eigentlich noch besser zu verstehen, was Taufe bedeutet: Befreiung inmitten des Todes. Und das passt auch damit zusammen, dass uns die Taufe ja mit dem Tod Jesu verbindet. Inmitten des Todes ist er uns vorangegangen und hat unsere Freiheit erkauft. Ja, wenn man das so sieht, dann ist das überhaupt nicht an den Haaren herbeigezogen.

Und die Verbindung zum Abendmahl? Die ist sowieso schon da. Jesus hat das Abendmahl schließlich bei einem Passafest eingesetzt. Jedes Jahr erinnern sich die Juden beim Passafest an die Befreiung aus Ägypten, bis heute, seit dreieinhalbtausend Jahren. Die ungesäuerten Brote beim Passafest erinnern an die Brotfladen, die sie damals schnell backen mussten, um Wegzehrung zu haben für die Flucht durch die Wüste. Und später hat Gott sie dann mit Manna und Wasser versorgt. Könnte man das Abendmahl also einfach verstehen als Wegzehrung? Als Kraftquelle für den Weg durch die Wüste?

Die Wüste ist in der Bibel immer ein Symbol für harte Wegstrecken, die die Erfüllung von Gottes Versprechen verzögern. Und so ist ja auch die Gemeinde Jesu immer noch auf dem Weg. Nicht mehr durch die Wüste Sinai, aber durch die Wüsten der Gewalt und die Wüsten der Unterdrückung und auch durch die Wüsten, die die Zivilisation in der Umwelt und in den Seelen von uns allen hinterlässt. 40 Jahre zog Israel in der Wüste umher, bis sie ins Land der Verheißung kamen. Und in diesen 40 Jahren lernten sie auf Gott zu vertrauen. In diesen 40 Jahren starb die Generation aus, die noch von der Sklaverei geprägt war, und eine neue Generation wuchs heran, freie Menschen, die nur die Wüste kannten und Gottes tägliche Versorgung. Und erst diese Generation durfte dann in das neue Land.

Auch Jesus hat solch eine Wüstenerfahrung gemacht: nach seiner Taufe führte ihn Gottes Geist in die Wüste, er wurde vom Teufel versucht und am Ende von den Engeln versorgt. Wüstenerfahrungen sind anscheinend nötig. Da wächst man. Da lernt man. Wer die Versuchungen der Wüste überstanden hat, der hat vor nichts mehr Angst. Der kommt aus der Wüste und verändert die Welt. Wie Jesus. Und das Abendmahl ist die Versorgung, damit wir nicht geistlich verhungern, während Stück für Stück die Bindung an die Götzen der Unterdrückung von uns abfällt.

Und seit mir das alles aufgegangen ist, bin ich froh über die abenteuerlichen Parallelen, die Paulus gezogen hat. Denn dadurch wird der christliche Glaube verankert im Zentralereignis des Alten Testaments. Jesus, Paulus und all die anderen lebten ja mit dem Alten Testament. Das Neue Testament gab es noch nicht, das wurde ja gerade erst geschrieben. Aber das Alte Testament war ihre Bibel, ihre Heilige Schrift, die studierten sie wieder und wieder, in ihr lebten sie, von da aus verstanden sie die Gegenwart. Und das Zentrum des Alten Testaments ist eben die Befreiung aus Ägypten. Darauf läuft alles zu, davon kommt alles andere her. Und ihnen war klar: was wir jetzt mit Jesus erlebt haben, das ist die Fortschreibung dieser Geschichte vom Exodus. Die lag schon damals anderthalbtausend Jahre zurück. Und die Welt hatte sich geändert seit damals. Es gab kein Land mehr, in das man fliehen konnte. Man konnte schon damals den Pharaos nicht mehr weglaufen. Die Befreiung muss jetzt in unserer Welt passieren, in einer Welt voller Unterdrückung und Verwüstung, an dem Ort, wo wir leben. Und deshalb ist Jesus nur eine Zeitlang in die Wüste gegangen, und dann ist er wieder zurückgekommen, und hat sich in der Zivilisation mit all den Zerstörungen auseinandergesetzt, die es da gibt, und am Ende hat er die gesammelte Macht der Priester und der Römer herausgefordert und hat in diesem Kampf sein Leben gelassen.

Ich vergleiche das mal mit der Situation der schwarzen Sklaven in Amerika: vor 150 Jahren flohen sie auf abenteuerlichen Wegen aus dem Süden in die Nordstaaten, wo sie keine Sklaven mehr waren. Das war ihr gelobtes Land. Heute haben sie die Freiheit und die Bürgerrechte, aber sie müssen immer noch darum kämpfen, voll in die Gesellschaft integriert zu werden. Barack Obama, der erste schwarze Präsident, beschreibt in seinem Lebensbericht, wie schwer das für ihn war, dieses Erbe der Sklaverei abzustreifen, innerlich und äußerlich.

So erklären sich der Auszug aus Ägypten und das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu gegenseitig: es geht immer noch um das Problem der unterdrückerischen Götzen, die Menschen zu Sklaven machen und von denen wir frei werden sollen. Es geht immer noch um die Systeme, die Menschen knechten und ausnutzen. Aber man kann vor ihnen nicht mehr weglaufen. Man kann nicht in einem Land eine alternative Gesellschaft aufbauen, wie es damals Israel versucht hat. Im vorigen Jahrhundert hat man das im Ostblock versucht: eine neue Gesellschaft, den Sozialismus, aufzubauen, aber der Versuch ist gescheitert. Das geht nicht mehr, das war schon in Israel letztlich nicht durchzuhalten.

Deswegen ist Jesus einen anderen Weg gegangen: die Alternative muss mitten in den Reichen dieser Welt heranwachsen. In den Nischen und Lücken. So wie die Schwarzen in den USA viele Jahrhunderte lang in ihren Kirchen einen Raum hatten, wo sie ihre Freiheitslieder singen konnten, wo sie Raum zum Aufatmen hatten, wo sie ihre Menschenwürde festhalten konnten. Für die waren ihre Gemeinden wirklich solche Oasen in der Wüste der Sklaverei. Und auf diesem Weg durch die Wüste sind die Gospels und Spirituals entstanden, in den Gemeinden der Sklaven. Und diese Musik hat einen riesigen Einfluss gehabt, auf den Jazz z.B., und dadurch wieder auf unsere ganze Popmusik. Und so breitet sich dieser Impuls des Exodus, der Befreiung, wieder neu aus in unserer ganzen Kultur, verborgen, oft ohne dass man an die Wurzeln denkt, aber er ist da, mal mehr und mal weniger.

Und so kommt die Botschaft von der Befreiung aus der Sklaverei nun auf vielen Wegen zu uns. Wie werden wir sie aufnehmen? Zu uns sind die Götzen freundlich. Wir müssen nicht bei karger Nahrung schuften wie das Volk Israel, als es seine Lehmziegel produzieren musste. Unsere Kinder werden nicht in den Nil geworfen wie damals die erstgeborenen Söhne Israels. Auch in Amerika hat es die privilegierten Sklaven gegeben, die nicht auf den Baumwollfeldern schuften mussten, sondern leichte Arbeit im Haus hatten. Wir sind weltweit gesehen privilegiert. Wir können es uns erlauben, alles sehr differenziert zu sehen, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, so ausgiebig, dass wir nie zu einer Konsequenz kommen. Wir können es uns leisten, ein ganzes Leben lang über Gott zu sprechen, uns in der Gemeinde aufbauen zu lassen, und am Ende immer noch als Sklaven zu sterben.

Aber Paulus sagt: wer die Sklavenmentalität nicht hinter sich lässt, der muss in der Wüste sterben. Der kommt nicht ins Land der Verheißung. Wer nicht frei von den Götzen wird, an dem hat Gott keine Freude.

Und auch wenn die Götzen zur Zeit noch nett zu uns sind, ihre Opfer fordern sie doch. Sie fordern ihre Opfer unter den Menschen, die irgendwo für billiges Geld unsere Elektronik produzieren, unsere T-Shirts und Jeans zusammennähen und die Mineralien für unsere Handys aus der Erde kratzen. Sie fordern ihre Opfer in den Kriegen, in den Umweltkatastrophen, die unser Lebensstil produziert. Sie fordern ihre Opfer von den Tieren, die in Aufzuchtmaschinen versklavt werden, auf schnelles Wachstum getrimmt und mit dem letzten Dreck gemästet. Sie fordern ihre Opfer auch bei denen von uns, die früher oder später Krebs davon bekommen oder Neurodermitis oder Herzinfarkt oder Diabetes oder die das alles psychisch nicht aushalten oder die überhaupt keine Zeit mehr haben um zu leben, wirklich zu leben mit Leib und Seele. Die Götzen saugen uns das Leben aus. Ob sie uns nun mit Sklavenarbeit das Leben kaputt machen oder mit dem Terminkalender. Das ist schon ein Unterschied, aber es läuft beides in die gleiche Richtung. Bei uns ist alles viel verborgener, nicht so offen brutal wie bei anderen, aber es ist trotzdem Zeit, dass wir den Götzen den Gehorsam kündigen, ihnen unsere Loyalität entziehen und uns dieser Bewegung des Exodus anschließen, die sich seit dreieinhalbtausend Jahren durch die Welt zieht.

Es ist Zeit, dass wir die Taufe wiederentdecken als das Sakrament der Abwendung von den Götzen. Es ist Zeit, dass wir das Abendmahl wiederentdecken als das Fest der freien Menschen, die in der Wüste der Welt miteinander unterwegs sind und dabei lernen, wie ein Leben in Freiheit aussieht.

Es ist Zeit, dass wir uns gemeinsam auf dem Weg sehen mit all den anderen Exodus-Bewegungen überall auf der Welt, und dass wir nicht weglaufen, sondern da, wo wir sind, den Aufbruch der freien Menschen leben, die nicht länger Sklaven sind, auch nicht privilegierte Sklaven, sondern die den Götzen den Gehorsam kündigen und sich auf den Weg machen in das Land der Verheißung – mitten unter uns.