Abraham: Gott macht einen neuen Anfang

Predigt am 24. Juli 2011 zu 1. Mose 12,1-4

Verfasser: Walter Faerber

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Die Berufung Abrahams ist eine der entscheidenden Schlüsselstellen in der ganzen Bibel. Vorher finden wir in 11 Kapiteln die Urgeschichte der Welt mit der Schöpfung, dem Sündenfall, der Vertreibung aus dem Paradies, und von da an geht es immer weiter bergab mit Gewalt und Bösem. Gott überlegt einen Augenblick lang, ob er seine Schöpfung nicht wieder einstampfen soll – das ist die Geschichte von der Sintflut. Aber Noah darf überleben, es gibt eine neue Menschheit, bloß ist die nicht viel besser als die alte. Als Schutz vor der Unsicherheit bauen die den Turm von Babel. Sie schaffen sich ein Symbol, das sie zusammenhalten soll, und genau dieses Symbol führt zur Teilung in viele Völker und Sprachen, zu Kriegen und Feindschaft. Und Gott merkt: ich muss noch mal ganz neu anfangen. Ich habe mich entschlossen, meine Schöpfung nicht wieder zu zerstören, dann muss ich dafür sorgen, dass sie wieder zurück findet zu ihrer wahren Bestimmung.

Und so kommt Kapitel 12, wo Gott einen neuen Anfang mit Abraham macht. Er verspricht ihm ein großes Volk und ein neues Land, er verspricht ihm Segen, und die Spitze des Ganzen ist, dass durch Abraham die ganze Menschheit gesegnet werden soll.

Und tatsächlich glaubt Abraham dieser Verheißung Gottes, er lässt seine Heimat zurück und bricht auf in das versprochene neue Land. Und damit beginnt eine Geschichte, die inzwischen bald 4000 Jahre alt ist und immer noch weitergeht: die Geschichte des Volkes Gottes.

Zuerst ist das nur die Geschichte von Abraham und seiner Familie, aber dann wird daraus ein großes Volk. Und aus einer Familiengeschichte wird die Geschichte eines ganzen Volkes, das aus der Sklaverei in Ägypten aufbricht und am Ende ein neues Land einnimmt, um da zu wohnen. Das ist eine Zeit mit charismatischen Führern, mit eindrucksvollen Zeichen der Gegenwart Gottes, mit Schlachten, die durch göttliches Eingreifen entschieden werden, die große Zeit Israels, die in den ersten Königen David und Salomo gipfelt.

Und auf einmal ist Israel ein Königreich geworden, mit einem festen Heer, mit einer Hauptstadt und einem Tempel, mit großem Reichtum und mit großen Rang- und Einkommensunterschieden, und sie machen es wie alle anderen, sie wollen mitmischen im Konzert der großen Mächte, sie führen Kriege, sie verehren Götzen, die das absegnen, und das alles nimmt ein katastrophales Ende. Jerusalem wird erobert und das Volk in die babylonische Gefangenschaft verschleppt. Sie können weiterleben, sie vergessen nicht, wer sie sind, aber es wird nie wieder so wie vorher. Sie lernen, in der Fremde zu leben, konstruktiv mitzuarbeiten im fremden Land und an fremden Königshöfen. Als sie schließlich in ihre Heimat zurück dürfen, da gehen längst nicht alle mit, und die Rückkehrer fangen ganz klein an, bauen langsam wieder auf in den Trümmern, aber es ist die Zeit der Weltreiche, und sie bleiben unterworfen, sie werden nicht wieder frei, viele Jahrhunderte lang. Es wird eher schlimmer als besser. Ihre Gefangenschaft hört nicht auf, und sie erinnern Gott unablässig daran, dass es das doch noch nicht gewesen sein kann.

Mitten in dieser dunklen Zeit wird Jesus geboren, und ein Teil des jüdischen Volkes folgt ihm auf seinem Weg, und nach seinem Tod und seiner Auferstehung breitet sich diese Bewegung durch die ganze Welt aus. Sie leben immer noch unter fremden Herren, aber das hindert sie nicht, ihre Umgebung langsam, aber beharrlich von innen heraus zu verwandeln, und so stecken wir immer noch in diesem langen Weg, auf dem der Segen Abrahams tatsächlich zu allen Völkern der Erde kommt, so, wie Gott es hier im 12. Kapitel der Bibel angekündigt hat.

Das ist die große Geschichte, die mit Abraham begonnen hat, auf Jesus zuläuft und sich von ihm aus über die ganze Welt verbreitet. Und erst in dieser Rückblende merkt man, was alles schon im allerersten Anfang drinsteckt und sich dann nach und nach entfaltet.

Das erste, was Abraham hört, ist: verlass deine Familie und deine Heimat! Gottes Volk ist dauernd unterwegs, bis hin zu Jesus, der seinen Jüngern sagte: lass alles stehen und liegen und folge mir nach! Gott hat Nomaden berufen, und dieses Nomadenhafte gehört dauerhaft zu seinem Volk. Im Hebräerbrief heißt es, dass Abraham auf die Stadt Gottes wartete und deshalb nirgendwo anders wirklich heimisch werden konnte. Gottes Volk hat seine wahre Heimat in der kommenden Welt und wird deswegen woanders nie endgültig sesshaft. Und erst recht die ersten Christen waren eine multikulturell gemischte Gemeinschaft, die viel unterwegs waren, keine Tempel hatten, die nicht in die Schubladen passten, mit denen Menschen sonst eingeteilt werden. Sie versammelten sich nicht um einen babylonischen Turm oder irgendein anderes Symbol, sie gehörten zusammen nicht durch Tradition, Sprache oder Nationalität. Sie waren ziemlich genau das, was der Attentäter von Oslo anscheinend aus tiefster Seele gehasst hat: Menschen, die sich nicht von anderen abgrenzen mussten, um ihre Identität zu finden. Sie achteten nicht auf äußere Merkmale wie Rasse, Geschlecht, Abstammung, die waren egal, weil es der Glaube war, der sie verband, ihre gemeinsame Heimat in der kommenden, erneuerten Schöpfung, ihre Hoffnung und ihre Freude am Gott Abrahams, der ihnen durch Jesus ganz nahe gekommen war.

Das ist das Zweite, was wir schon an Abraham sehen: er brauchte all diese Abgrenzungssymbole nicht, er musste keinen babylonischen Turm bauen, er brauchte keine Nationalität, weil Gott ihn angesprochen hatte, und er hatte geantwortet, und das war das Entscheidende in seinem Leben. Er kannte den Gott, der sich mit Menschen verbindet. Abrahams Gott ist ein Gott der Beziehungen. Wenn er sich vorstellt, dann sagt er oft: »ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs«. Und vorhin in der Lesung (Markus 12,18-27) haben wir gehört, wie Jesus daran erinnert und sagt: Er ist ein Gott von Lebenden, und deshalb können Abraham, Isaak und Jakob und all die anderen gar nicht endgültig tot sein, weil sie mit dem Gott des Lebens verbunden waren. Es ist, als ob Gott sagt: ich lass mir doch vom Tod nicht die Beziehung zu meinen Leuten kaputt machen!

Und so leben die Menschen Gottes auch über ihren Tod hinaus in der Gegenwart des lebendigen Gottes und können gar nicht vergehen, weil der Gott des Lebens an ihnen festhält und sich seine erneuerte Schöpfung gar nicht ohne sie vorstellen kann. Und diese Gegenwart Gottes, die im Heiligen Geist ganz deutlich wird, die ist schon jetzt die Heimat, die Gottes Menschen begleitet. Und deshalb können sie beweglich sein, deshalb brauchen sie keine Vaterländer, keine Familienbande, keine Reichtümer und keine Gebäude. All das können gastfreundliche Herbergen für eine gewisse Zeit sein, aber die Menschen Gottes bleiben unterwegs, wir bleiben im Herzen Migranten, auch dann, wenn wir lange Zeit an einem Ort leben. Und auch wenn wir äußerlich an einem Ort bleiben, im Denken und im Herzen sind wir auf jeden Fall beweglich, immer bereit, auf einen neuen Ruf Gottes zu hören und unsere vertraute Gedankenwelt aufzugeben, wenn Gott in neue Welten ruft. Das macht das Volk Gottes utopiefähig, Gottes Leute können sich Dinge vorstellen, die es noch nicht gibt, die noch nie dagewesen sind.

Und das ist nun das Dritte: genau durch diese Beweglichkeit kommt der Segen Gottes zu den Menschen. Jesus hat das beschrieben mit dem Gleichnis vom Salz der Erde: das Salz sorgt dafür, dass die Vorräte nicht verfaulen. Es gibt dem Essen die Würze. Das Volk Gottes bewahrt die Welt davor, wie ein stehendes, unbewegliches Gewässer zu verfaulen und in der eigenen Brühe zu ertrinken. Durch das Volk Abrahams ist der Wind der Freiheit in die Welt gekommen. Nicht alle wissen, wo er herkommt und wieso er weht, aber alle spüren ihn, oft, ohne von Gott zu wissen. Er bringt alles Alte und Muffige durcheinander, manchmal wird er zum Sturm und stürzt die Denkmäler der Diktatoren und Potentaten um, er bringt immer neu den Frühling in die Welt, und dann schmilzt das Eis der Unterdrückung und der Winter der Resignation vergeht.

Es ist das Volk Abrahams, die Juden und die Christen, die immer wieder die Welt vorangebracht haben, die dafür gesorgt haben, dass Neues möglich wurde. Es waren Christen, die sich vorstellen konnten, dass aus dunklen, unwegsamen Wäldern blühende Landschaften werden, und die als Mönche in die Einöde gezogen sind und diese blühenden Landschaften geschaffen haben. Es war ein Jude wie Albert Einstein, der sich vorstellen konnte, dass die Welt ganz anders ist, als sie erscheint, und der mit seiner Relativitätstheorie die Grundlagen für die moderne Naturwissenschaft gelegt hat. Nur zwei Beispiele, denen man viele andere an die Seite stellen könnte.

Natürlich sind auch die Menschen Gottes immer in Gefahr, sich zu vergessen und doch wieder sesshaft zu werden, im Denken oder auch äußerlich. Viel zu oft wurde das Christentum verwechselt mit Traditionen, mit Gebäuden und Bräuchen, mit Symbolen und heiligen Gegenständen. Und dann verliert das Salz seine Kraft und kann nicht mehr salzen. Und am Ende kann sogar eine fanatische Religion daraus werden, deren Anhänger zu den Waffen greifen und andere niedermetzeln. Deswegen ist es so wichtig, dass wir diesen Ursprung nicht vergessen, diese Geschichte, diesen Weg, den Gott nun schon seit bald vier Jahrtausenden mit seinem Volk durch die Welt geht.

In der Familie Abrahams geht es nicht um irgendwelche Gedankengebäude oder Ideologien, sondern es ist ein Weg, den Menschen durch die Welt gehen, immer neu gerufen von dem Gott, der sich persönlich mit uns verbindet, der einen Bund mit seinem Volk geschlossen hat. Er bleibt seinem Volk und seiner Schöpfung treu. Er wird nicht rasten und nicht ruhen, bis er seine ganze Schöpfung erneuert hat und seine Vision zum Ziel kommt. Aber mit uns hat er sein Herz geteilt. Wir wissen von ihm. Und auf dem langen Weg durch die Zeit hat sein Volk immer besser verstehen können, wer er wirklich ist und welche Fülle in ihm wohnt.

Wir wissen nicht, wie lange dieser Weg noch sein wird. Aber es ist immer noch derselbe Weg, den Gott mit Abraham begonnen hat. Und was Gott begonnen hat, das bringt er auch zu Ende.

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