Worte, die bis heute wirken

Predigt am 21. August 2011 zu Jeremia 1,4-10

Verfasser: Walter Faerber

4 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte zu mir: 5 »Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoss kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt. Denn zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.«
6 Ich wehrte ab: »Ach, Herr, du mein Gott! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!«
7 Aber der HERR antwortete mir: »Sag nicht: ‚Ich bin zu jung!‘ Geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage! 8 Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich. Das sage ich, der HERR.« 9 Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meine Lippen und sagte: »Ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!«

Das ist die Geschichte von einer Gottesbegegnung, die unübersehbare Konsequenzen für die ganze Menschheit hat, bis heute. Gott kommt zu dem jungen Priester Jeremia aus Anatot in Israel und sagt ihm, dass er ihn vorgesehen habe als seinen Propheten. Schon bevor irgendein Mensch von ihm wusste, bevor es ihn überhaupt gab, lebte er schon in der schöpferischen Fantasie Gottes. Zuerst hat Gott ihn gedacht, dann hat er ihn ins Leben gerufen, und jetzt ist es so weit, dass Jeremia das erfahren soll.

Aus Jeremias Perspektive ist das die Geschichte davon, wie etwas Neues und Fremdes in sein Leben hinein kommt. Es ist nicht so gewesen, das Jeremia über sich nachgegrübelt hätte, wie Menschen das natürlich in der Jugend tun, dass er vielleicht geschwankt hätte, ob er Lokomotivführer werden soll oder doch lieber Profifußballer, und dann hätte sich irgendwie der Knoten gelöst, und ihm wäre aufgegangen, wer er wirklich ist.

Wahrscheinlich kannte auch Jeremia so ein Hin- und Hergerissensein, wie es beinahe jeder irgendwann mal erlebt. Aber darum geht es nicht in dieser Geschichte. Wir würden willkürlich missverstehen, was die Bibel beschreibt, wenn wir das reduzieren würden auf das Selbstgespräch des menschlichen Kopfes und des menschlichen Herzens. Bei Jeremia mischt sich ein anderer ein, und Jeremia sagt nicht: ah, na endlich, jetzt weiß ich, wer ich bin! sondern ihm wird bange, er bekommt einen Riesenschreck, weil er nicht übersieht, was da mit ihm passieren soll. Das ist für ihn eigentlich einige Nummer zu groß. Zaghaft versucht er, Einwände zu erheben, sagt: ich bin zu jung! Ich kann nicht reden! – aber Gott sagt ihm: tu es einfach! Ich bin mit dir.

Und dann rührt er Jeremias Mund an und legt seine Worte dort hinein.

Der Schriftsteller Franz Werfel hat in einem Roman (Franz Werfel: Höret die Stimme) versucht, aus den konzentrierten Notizen des Jeremia-Buches die Lebensgeschichte des Propheten zu entwickeln. Natürlich ist da ganz viel schriftstellerische Kreativität dabei, aber man kann sich doch besser vorstellen, wie sich das für Jeremia angefühlt haben könnte. Werfel stellt sich vor, wie Jeremia schon mit 13 Jahren immer wieder spürt, dass da jemand ist, der mit ihm reden will. Immer wieder kommt das, und Jeremia versteht es nicht. Und dann, als er volljährig geworden ist, hört er eines nachts, wie eine Stimme seinen Namen ruft. Die Stimme erfüllt den ganzen Raum, man kann nicht feststellen, woher sie kommt, und gleichzeitig hört Jeremia sie in seinem Innern. Und dann geht sie immer mehr in sein Inneres hinein und begleitet ihn fortan als ein Raunen, das kurz hinter seinen Ohren sitzt. Und Werfel beschreibt, wie Jeremia lernt, diese Stimme dann besser zu verstehen und wie sie der Mittelpunkt seines Lebens wird.

Ob es wirklich so war, wissen wir nicht, aber solche Geschichten geben uns eine Ahnung davon, wie sich das wohl angefühlt haben könnte, was in der Bibel knapp in ein paar Versen beschreiben wird.

Jeremia werden in einem Zeitraum von etwa vier Jahrzehnten die Worte Gottes zum Weg seines Volkes anvertraut. Und er muss diese Worte aussprechen, damit alle sie hören, obwohl ihm das Ärger, Feindschaft, Schmerzen und Gefahr einbringt.

Diese vier Jahrzehnte von Jeremias Wirken waren eine dramatische Zeit. Es waren die letzten Jahrzehnte vor der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier, ungefähr 600 Jahre vor Christus, und die Könige Israels, aber auch das Volk und seine Oberschicht, haben damals so ziemlich alles getan, was man tun muss, wenn man sich zu Grunde richten will. Sie haben nach außen Muskeln spielen lassen und geglaubt, sie könnten die Großmacht Babylon ungestraft immer wieder reizen. Sie haben nach innen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen lassen. Und an der Wurzel dieser Politik lag die Hinwendung zu den Götzen von Reichtum und Macht, die Abwendung vom Gott Israels, der sein Volk durch diese gefährliche Zeit heil hindurchgebracht hätte, wenn sie auf ihn gehört hätten.

Heute würde man sagen: es sind die falschen Leitbilder, die eine ganze Gesellschaft ins Verderben stürzen. Ob man den Mammon zum höchsten Wert macht, die Gier und die Macht, ob man bis zum bitteren Ende an Illusionen festhält, nur um immer weiter machen zu können, ohne etwas zu ändern, das ist keine Frage, die jeder am besten selbst entscheidet, nach persönlichem Geschmack, sondern das ist eine Frage auf Leben und Tod für ganze Völker und heute für die ganze Welt.

Als damals die Könige und das Volk von Juda sich immer weiter von Gott und seinem Weg entfernten, da war Jeremia der Mund Gottes, der immer wieder warnte, dass das in die Katastrophe führen würde. Und immer wieder hat man versucht, die Stimme Gottes zum Schweigen zu bringen, indem man Jeremia zum Schweigen bringt: durch Druck und Drohung und auch durch Gewalt. Aber Gott hat ihn bewahrt, wie er es bei Jeremias Berufung versprochen hat: ich bin bei dir und schütze dich! Einmal hatten sie ihn in einen leeren Wasserspeicher geworfen, und er versank langsam im Schlamm am Boden. Aber gerade noch rechtzeitig kam ein Afrikaner dazu, der am Hof des Königs lebte und irgendwie Respekt vor Jeremia bekommen hatte, und zog ihn heraus.

Diese Feindschaft hat Jeremia auf sich gezogen, weil das so völlig neu war, dass ein Gott seinem Volk den Untergang ankündigt. Ein anständiger Gott tut das nicht. Die Götter waren dazu da, ihren Völkern und besonders den Königen den Rücken zu stärken. Na klar, manchmal klappte das nicht, und man verlor den Krieg, weil der eigene Gott zu schwach war und die Götter der Feinde stärker. Das kam vor. Aber dass ein Gott absichtlich sein Volk zu Grunde gehen ließ, nur weil sie die Schwachen unterdrückten und dumme Kriege vom Zaum brachen, das war ein Gedanke, den damals kaum einer in seinen Kopf hinein bekam. Alle Götter sollen in der Not gefälligst ihre Völker unterstützen und nicht kritisch an uns herummäkeln! Erst recht, wenn es schwierig wird, dann hat uns gerade noch einer gefehlt, der sagt, wir würden alles falsch machen! Oder?

Wenn Sie sich an die Lesung vorhin erinnern – da steht auch Jesus in dieser prophetischen Tradition, wo einer im Namen Gottes sagt: wenn ihr so weitermacht und euch nicht ändert, wird Gott Gericht über euch halten, gerade weil ihr sein Volk seid und es besser wissen solltet. Und auch gegen ihn verschlossen sie sich, so wie Jeremia es erlebte.

Jeremia sorgte mit dem, was er sagte, paradoxerweise dafür, dass sich sein Volk noch viel mehr gegen die Wahrheit Gottes verhärtete. Vielleicht kennen Sie den Effekt: wenn einem jemand eine schmerzhafte Wahrheit sagt, dann ist man mit aller Gewalt dagegen, mehr, als wenn es keiner ausgesprochen hätte. So haben wahrscheinlich der König und seine Berater auch wegen Jeremia stur bis zur letzten Patrone weitergemacht, gerade weil sie sonst hätten zugeben müssen, dass Jeremia schon die ganze Zeit Recht hatte.

Und so wurde die Stadt zerstört, die Leichen türmten sich in den Straßen, der Hunger wütete, und die Menschen, die am Ende noch übrig waren, wurden auf einem Marsch von Hunderten von Kilometern in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt. Nach menschlichem Ermessen war das das Ende.

Aber als sie dort langsam wieder zu sich kamen, als sie nach der schweren Fronarbeit des Tages in ihren armseligen Hütten beisammen saßen und nach Erklärungen suchten für das, was ihnen zugestoßen war, als sie immer noch weinen mussten, wenn sie an die vergangene Schönheit Jerusalems dachten, da erinnerten sie sich an Jeremias Worte. Sie verstanden, dass die rettende Wahrheit Gottes schon immer direkt bei ihnen gewohnt hatte. Aber sie hatten nicht auf sie gehört.

Jetzt, in ihrem Elend, da ging ihnen auf, wie verblendet sie die ganze Zeit gewesen waren. Und dadurch bekamen sie wieder eine Zukunft. Wer umkehrt, wer es schafft, Gott und seiner Stimme Recht zu geben, auch wenn er sich selbst damit ins Unrecht setzt, der hat Zukunft. Das wurde damals, in den Gefangenenlagern Babylons, entdeckt.

Und sie sagten sich: wir müssen unsere ganze Geschichte neu schreiben. Sie holten ihre alten Aufzeichnungen hervor und begannen, sie neu zu lesen – mit den Augen Jeremias. Damals sind die Geschichtsbücher Israels geschrieben worden, die Bücher Samuel und die Bücher der Könige und viele andere. Die Zeit in der gefangenschaft war eine der produktivsten Zeiten Israels. Man hat nicht nur aufgeschrieben, was war, sondern man hat auch dazugeschrieben, was falsch und was richtig war; sie haben sozusagen aus dem Geist Jeremias heraus auch die früheren Zeiten kommentiert, um zu verstehen, wie es dazu gekommen war, dass sie ihr Land und ihre Stadt verloren hatten. Sie verstanden, dass dieser Ungeist des Götzendienstes sich schon seit Jahrhunderten unter ihnen breit gemacht hatte und an der Wurzel von so viel Unglück und Not gestanden hatte. Und sie schrieben alles auf, damit es nie mehr vergessen werde.

Wo andere Völker sagenhafte Mythen aus einer legendären Vergangenheit erzählten, da schrieben sie dort in den Lagern Geschichte auf, die Menschen gemacht und erlitten hatten, mit Namen und Jahr. Denn sie wollten den Weg ihres Volkes aus Gottes Sicht verstehen. Und so sind diese Geschichtsbücher der Bibel das großartigste und realistischste Lehrbuch der Politik geworden, das es gibt. Da werden keine abstrakten Sätze diskutiert, sondern da wird erzählt, wie es gewesen ist, immer wieder mit Hinweisen: … so fährt man einen Staat gegen die Wand, … da hätte es noch die Möglichkeit der Umkehr gegeben, … auch da noch, … aber irgendwann war die Chance endgültig verspielt.

Wenn man das liest, dann bekommt man nach und nach einen Blick dafür, wie die Welt und die Geschichte, wie die Politik und die Leitbilder wirklich funktionieren. Man bekommt Augen, die sozusagen mit Jeremias Brille die Welt ansehen. Man erkennt dann vieles wieder: wie die Mächtigen und die Völker die Augen verschließen vor den Konsequenzen ihres Tuns, wie sie sich ihre Ohnmacht nicht eingestehen können und so erst recht machtlos mit ansehen müssen, was passiert. Wie sie lieber resigniert und zynisch werden, als sich selbst in Frage zu stellen. Wie immer wieder die Mächtigen rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen und so alle miteinander ins Verderben reißen. Und wie auch die kleinen Leute es nicht schaffen, sich den Leitbildern ihrer Gesellschaft zu entziehen.

Aber seit der babylonischen Gefangenschaft Israels ist diese neue, realistische Art zu denken in der Welt. Mitten im größten Elend hat Gott seinem Volk und der ganzen Welt dieses Geschenk eines anderen, eines aufgeklärten Denkens gemacht. Worte, die zuerst nur in Jeremias Gedanken hinein gesprochen wurden und ihn verstörten und in Not brachten, Worte, die auf heftigen Widerstand stießen – daraus wurde eine Art zu denken, die einem ganzen Volk halfen, die vernichtende Niederlage zu überleben und eine neue Identität zu gewinnen. In den biblischen Geschichtsbüchern lebt ein Geist, der uns vor dem Verderben bewahren kann, und er hat es auch oft genug getan. Man braucht sie nur zu lesen, nicht besserwisserisch und arrogant, sondern geduldig, hörend und demütig, und man kommt mit diesem Geist des Lebens in Berührung. Ich würde mir wünschen, dass jeder, der Verantwortung für den Weg eines Gemeinwesens trägt, immer mal wieder diese Bücher liest. Aber diese Verantwortung haben wir natürlich alle.

Verstehen Sie jetzt, was Gott meinte, als er zu dem jungen Jeremia sagte: »Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!«? Die Wahrheit, die er verkündete, hatte die Macht, den verblendeten König noch mehr zu verhärten, so dass er sich immer weiter in die Sackgasse verrannte. Aber sie hatte auch die Macht, einen neuen Anfang hervorzubringen, der bis heute den Weg zum Leben öffnet. Alles durch die Worte eines Mannes, den Gott dazu berufen hatte.

Und wenn wir in den vielen heraufziehenden Krisen dieses neuen Jahrhunderts doch einigermaßen bewahrt werden sollten, dann wird das dadurch geschehen, dass diese fremde Wahrheit Gottes, die Jeremia gehört und verkündet hat, in Menschen lebendig wird. Dass Menschen sich davon die Augen öffnen und ihr Herz bekehren lassen, dass wir uns berufen lassen wie Jeremia. Das ist kein intellektuelles Spiel, das ist kein vergnügliches Hobby, sondern es geht um Leben und Tod. Das haben sie damals durch Jeremia aus ihrer Geschichte gelernt.

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