Suchet der Stadt Bestes!

Besonderer Gottesdienst am 28. August 2011 mit Predigt zu Jeremia 29,4-7

Verfasser: Walter Faerber

Verantwortung für die Stadt zu übernehmen, in der sie wohnen – dazu forderte der Prophet Jeremia schon viele Jahrhunderte vor Christi Geburt seine Landsleute auf. Und dabei waren sie damals gar nicht in ihrer Heimat, sondern in ein fremdes Land verschleppt, nach Babylon. Trotzdem rief Jeremia sie auf, das Beste für diese ungeliebte neue Heimat im Sinn zu haben: für sie zu beten und mitzuarbeiten.
Diese Aufforderung Jeremias ist auch viele Jahrhunderte später immer wieder ein Ansporn, sich nicht einfach auf sich selbst zurückzuziehen, sondern tätig an den Angelegenheiten des Gemeinwesens Anteil zu nehmen. Wie das aussehen kann: Verantwortung für den Ort zu übernehmen, in dem man wohnt, das wollten wir überlegen in diesem Besonderen Gottesdienst.

Zu Beginn des Gottesdienstes zeigte eine Szene die nach Babel verschleppten Israeliten, bei denen ein Brief des Propheten Jeremia ankommt: er fordert sie auf, für Babylon zu beten und „der Stadt Bestes zu suchen“. Im weiteren Verlauf des Gottesdienstes war eine Szene zu Gerhard Lucas Meyer, dem langjährigen Direktor der Ilseder Hütte zu sehen.

Szene zu Gerhard Lukas Meyer (PDF, 71 kB)

Predigt:

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte 2 – nachdem der König Jechonja und die Königinmutter mit den Kämmerern und Oberen in Juda und Jerusalem samt den Zimmerleuten und Schmieden aus Jerusalem weggeführt waren -, 3 durch Elasa, den Sohn Schafans, und Gemarja, den Sohn Hilkijas, die Zedekia, der König von Juda, nach Babel sandte zu Nebukadnezar, dem König von Babel:
4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.

Ich finde, dieser Brief von Jeremia an die nach Babylon Verschleppten ist von einer ganz starken Bejahung des Lebens geprägt. Es heißt nicht nur: Baut euch Häuser! sondern: Baut euch Häuser und wohnt darin! Nicht nur: legt euch Gärten an! sondern: Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! Suchet der Stadt Bestes, denn dann geht es auch euch gut.

Vielleicht sollte man denken, dass das selbstverständlich wäre, aber Menschen, die Schlimmes erlebt haben, sind in Gefahr, ihre Lebensbejahung zu verlieren. Es gibt ja auch diesen Psalm 137, wo es heißt: an den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Dieser Psalm, aus dem dann viel später auch das Lied »By the rivers of Babylon« geworden ist. Und das ist auch die normale Reaktion, wenn Menschen einen großen Verlust erlitten haben, dass sie erst einmal dasitzen und trauern und sich zu nichts aufraffen können. Zion, also Jerusalem, muss einfach eine sehr schöne Stadt gewesen sein, in der das Leben Freude gemacht hat. Und wenn das alles jetzt ausgelöscht ist, dann sitzen sie erst einmal da und weinen. Das ist normal.

Aber manchmal kommen Menschen aus dieser Trauer nicht wieder heraus, und sie brauchen jemand, der ihnen sagt: so, jetzt geht das Leben aber weiter! Jetzt stellt euch ein auf die neue Realität. Man kann auch in Babylon leben! Und wenn ihr die Sehnsucht nach Jerusalem in eurem Herzen tragt, dann seid ihr genau diejenigen, die in Babylon gebraucht werden, weil ihr wisst, was Schönheit ist und was Gerechtigkeit ist, und wie man als freier, schöpferischer Mensch lebt. Und jetzt bringt das ein, weil es niemandem nützt, wenn ihr euch aufgebt. Ihr seid wirklich nicht verpflichtet, eure Tage in Trauer zu verbringen. Ja, sorgt dafür, dass man auch in Babylon etwas spüren kann von der Herrlichkeit Zions! Das ist gut für euch, und das ist gut für die Stadt.

Dieser Brief Jeremias ist von der Bejahung des Lebens und der Bejahung der Schöpfung geprägt, die sich durch die ganze Bibel zieht. Juden und Christen sind manchmal in Gefahr gewesen, diese Lebensbejahung zu vergessen, entweder, weil die Welt zu problematisch erscheint, oder weil man meint, es lohne sich nicht, viel in die Welt zu investieren, weil es sowieso nur auf den Himmel ankommt. Aber diese fundamentale Liebe zum Leben teilen wir mit dem Schöpfer des Lebens, und der hat uns berufen, damit wir an seiner Fürsorge für das Leben teilnehmen.

Und so sagt also Jeremia: baut euch Häuser, legt Gärten an! Nehmt Teil an der Produktion und freut euch am Ertrag! Für das Volk Gottes war die Wirtschaft nie unwichtig. Viele Bestimmungen im Alten Testament betrafen die Wirtschaft, nicht zuletzt der Feiertag, der Sabbat: ein Tag, an dem die Arbeit ruht, ein Tag der Erholung und ein Tag der Freude darüber, dass man genug hat und das Leben gut ist. Anscheinend war die Wirtschaft in Israel so gut organisiert, dass man sich alle sieben Tage einen Ruhetag leisten konnte und immer noch besser lebte als die anderen Völker, die von ihren Königen geknechtet wurden.

Und wenn man ins Neue Testament schaut, da entstanden die ersten Gemeinden so, dass ganze »Häuser« christlich wurden. Das alteuropäische Haus war eine Lebenseinheit, wo Menschen zusammen wohnten, lebten und produzierten. Und wenn sich dann das Familienoberhaupt zum Christentum bekehrte, dann wurden die andern im Haus alle mit getauft, das war damals so, und dann war das sozusagen eine christliche Lebens- und Produktionsgemeinschaft. Heute würden wir sagen: christliche Betriebe. Und die wurden auch anderen Christen zur Heimat, die in ihrem Haus als Christen noch allein waren.

Wenn wir jetzt in die Geschichte der Christenheit schauen, dann haben etwa im Mittelalter die Klöster eine ganz wichtige Rolle gespielt, nicht nur für den Glauben, sondern auch, weil das gut organisierte Wirtschaftsbetriebe waren. Die haben nicht nur Bier gebraut, sondern wilde Landstriche kultiviert und aus Sümpfen fruchtbares Land gemacht. Das Kloster Walkenried im Harz, nicht weit von uns entfernt, hat z.B. die Grundlagen für den ganze Bergbau im Harz gelegt. Oder noch näher an unserer Zeit: die Herrnhuter Brüdergemeine, ein ganz entscheidender Impulsgeber für die Erneuerung des Glauben, die haben nicht nur die Losungen erfunden, sondern das war auch eine Produktionsgemeinschaft. Die haben sogar einen richtig schönen, eigenen Stil für Häuser und Möbel und so etwas entwickelt.

Und Gerhard Lucas Meyer, der über 50 Jahre lang hier die Ilseder Hütte aufgebaut und unsere Region nachhaltig geprägt hat, der hat seinen Leitspruch »Ich muss wirken, so lange es Tag ist« aus dem Johannesevangelium (9,4) genommen. Meyer kam aus einer frommen Unternehmerfamilie, und wenn er dafür gesorgt hat, dass seine Arbeiter für die damalige Zeit gut versorgt waren, dann war das nicht nur wirtschaftlich vernünftig, sondern das war sicher auch aus seiner christlichen Verantwortung geboren. Und er hat gewusst, dass ein Unternehmen wie die Ilseder Hütte auch ein gutes Umfeld braucht, um gedeihen zu können; und so hat er dafür gesorgt, dass die Gemeinden in der Umgebung gut ausgestattet waren, die politischen Gemeinden und die Kirchengemeinden.

Man sieht an Gerhard Lucas Meyer aber auch noch einen anderen Zusammenhang: es sind oft die Fremden, die von außen dazukommen, die einer Region ganz wichtige Impulse geben. Wenn Menschen und Ideen zusammenkommen, die sich vorher fremd waren, dann gibt das eine fruchtbare Mischung, aus der Neues entstehen kann. Und weil Christen und Juden ja ganz woanders ihre Heimat haben, in Gottes Reich, deswegen können von ihnen immer wieder Impulse ausgehen, die alle voranbringen.

Was ist also unser Beitrag zum Gemeinwesen? Grundlegend ist das die Lebensbejahung, die das Volk Gottes mitbringt. Wenn man die sogar in einem Reich wie Babylon leben kann, dann kann man das überall. Diese Lebensbejahung zeigt sich z.B. auch darin, dass wir nicht in das ganze Meckern und Schimpfen verfallen werden, von dem so viele Menschen geprägt sind. Ich habe im Lauf der Zeit gelernt, dass diejenigen, die am lautesten schimpfen, am wenigsten dazu beitragen, dass etwas besser wird. Das gilt für Elternabende genauso wie für die Politik. Natürlich laufen viele Dinge schief, manchmal kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und man muss das auch aussprechen, aber Schimpfen und Meckern verstärkt ein Klima, in dem nichts Gutes und Hilfreiches gedeiht. Natürlich hätten die Verschleppten in Babylon viele gute Gründe gehabt, auf diese Stadt zu schimpfen, aber genau davon hat Jeremia sie abhalten wollen.

Das nächste ist: unsere privaten Angelegenheiten, die »Häuser und Gärten«, von denen Jeremia redet, sollen einen positiven Einfluss auf das Gemeinwesen haben. Wenn ihr also irgendwo Entscheidungen über Häuser und Hausbau zu treffen habt, dann baut etwas Schönes! Ihr müsst mal darauf achten, wie sehr das Straßenbild unser Wohlbefinden beeinflusst. Wir merken das gar nicht, aber die Schönheit oder die Hässlichkeit unserer Umgebung prägt uns, jeden Tag, das ist ein ganz beständiger Einfluss. Wenn ihr also baut, dann pappt nicht irgendwo noch einen unpassenden Anbau dran, sondern sorgt dafür, dass es Geschmack hat.

Und was die Gärten und Felder betrifft – das waren ja damals die Betriebe. Ich glaube, wir brauchen wieder mehr christliche Firmen. So was wie die Klöster in früheren Zeiten, die damals ganze Landstriche entwickeln konnten, weil sie neue Ideen mitbrachten. Und auch deshalb, weil für die nicht der Aktienkurs das Entscheidende war, sondern sie wollten etwas sein zum Lob Gottes. Als die Mönche später reich und mächtig wurden und ihre Angestellten ausgebeutet haben, da ging es mit den Klöstern bergab.

Schließlich die direkte Verantwortung für die Stadt, den Ort, die Region, in der man lebt. »Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn!«. Da kann man ganz viel Fantasie entwickeln. Ein guter Bekannter von mir hat in seiner Stadt eine Menge christlicher Gemeinden zusammengebracht, die an einem Tag gemeinsam etwas Gutes für die Stadt getan haben. Die sind in Kindergärten gegangen und haben Spielgeräte aufgestellt, die haben in sozialen Einrichtungen die Räume renoviert, die sind in Altenheime gegangen und haben Veranstaltungen mit den Bewohnern gemacht. Viele Gemeinden mit ganz unterschiedlichen Projekten, jeder, wie er es am besten konnte.

Das Interessante ist: jetzt kommen alle möglichen Gruppen und Firmen und Vereine und fragen: Macht ihr das nächstes Jahr wieder? Und können wir auch mitmachen?Gar nicht mehr nur Kirchengemeinden, sondern viele unterschiedliche Leute, die irgendwie denken, dass das eine tolle Sache ist, etwas für das Gemeinwesen zu tun. Und sie wollen das Projekt deshalb im nächsten Jahr wiederholen und es auf eine ganz breite Basis stellen, und sie werden so dazu beitragen, dass in ihrer Stadt eine Kultur des Gemeinsinns wächst, das Bewusstsein: unser Ort ist uns etwas wert, und wir stehen gemeinsam dafür ein.

Ich denke, das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Gemeinden dazu beitragen können, dass ihre Stadt oder ihr Ort ein besserer Ort wird. Es sind nämlich wirklich die Ideen, die den entscheidenden Unterschied machen. Es gab dort anscheinend viele Menschen, die gern etwas für ihre Stadt tun wollten, aber es musste erstmal jemand einen Weg finden, wie das ging. So wie es hier bei uns Eisenerz gab, aber es musste sich jemand erstmal vorstellen, wie man das nutzen könnte. Wer Ideen hat, der sieht neue Möglichkeiten. Und dann kommt es darauf an, dass es andere gibt, die die Ideen aufnehmen. Das bedeutet dann natürlich Arbeit.

Aber die Voraussetzung ist, dass genug Menschen mitziehen. Die Stimmung in einem Ort ist wichtig, ob man an allem Neuen rummeckert und sagt: das wird doch sowieso nichts, oder ob man neugierig und positiv ist. Da können Christen eine ganz wichtige Funktion haben, weil die eigentlich mutiger und experimentierfreudiger sein können.

Wir kommen an einen Punkt, wo man eigentlich gemeinsam weitersprechen muss, und das können wir ja auch nach dem Gottesdienst noch. Wie das alles im Einzelnen aussehen kann, das muss man miteinander überlegen. Aber das Wichtigste ist, dass wir diese Berufung annehmen und aktiv bejahen: Verantwortung für unser Gemeinwesen zu übernehmen.

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