Land zum Leben – Grund zur Hoffnung

Besonderer Gottesdienst am 4. Dezember 2011 (2. Advent) mit Predigt zu Jesaja 35,3-10

Verfasser: Walter Faerber

Am Anfang war im Gottesdienst eine Szene über Landraub in biblischen Zeiten zu sehen. Mit einigen Bildern aus dem argentinischen Gran Chaco und von Kartoffelanbau in Peru (Quelle: Brot für die Welt) kamen aktuelle Bezüge dazu.

Die biblische Szene am Anfang (42 kB)

Einleitung:

Ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt haben: das war eine Szene aus Israel, aus der Zeit lange vor Christi Geburt. Aber sie könnte genauso heute spielen, irgendwo in Südamerika, Afrika oder Asien. Die Beteiligten würden dann anders heißen, und statt des reichen Tobias wäre es vielleicht ein internationaler Konzern, der sich das Land von Simon unter den Nagel reißt. Aber bis heute ist das Land und der Lebensraum von Kleinbauern und eingeborenen Völkern bedroht. Früher war es der Regenwald, von dem solche Stämme lebten. Sie holten sich dort Früchte und jagten Wild. Aber ihr Lebensraum wird immer stärker zerstört.

Wir lesen und hören viel über die Abholzung des Regenwaldes, die den Klimawandel enorm verschärft. Gewaltige Maschinen roden den Wald, zum Schluss wird das Gestrüpp zusammengeschoben und verbrannt. Anschließend werden aus dem ehemaligen Wald Anbauflächen, oft für Soja, mit dem bei uns die Tiere in den Großställen gefüttert werden. Immer tiefer fressen sich die Anbauflächen in die ehemaligen Regenwaldgebiete hinein, obwohl es eigentlich verboten ist, den Wald zu zerstören.

Riesige Flächen werden auf diese Weise zu Farmland, und die ehemaligen Bewohner des Waldes verlieren ihre Heimat. Nun könnte man ja sagen: das ist der Preis des Fortschritts. Aber diesen Preis bezahlen wir alle, wenn die Regenwälder keinen Kohlenstoff mehr speichern und das CO2 die Atmosphäre aufheizt. Und biologisch gesehen sind diese Felder eine Wüste – die Artenvielfalt des Urwaldes ist unwiederbringlich zerstört. Die eingeborenen Stämme sind schonender mit diesem Wald umgegangen. Bei ihnen waren die vielen Tier- und Pflanzenarten in guten Händen.

Wir kennen vielleicht gerade noch den Unterschied zwischen fest kochenden und mehligen Kartoffeln. Aber in Peru, wo die Kartoffel ursprünglich herkommt, gibt es tatsächlich Tausende von verschiedenen Sorten. Es gibt nicht nur gelbe Kartoffeln, sondern auch rote und bläuliche, grüne und beinahe schwarze; lange und runde, knollenartige und glatte.

Wer möchte, dass die Artenvielfalt erhalten bleibt und die Ernährung der Menschen gesichert wird, der muss dafür sorgen, dass Bauernfamilien ihr Land behalten und bebauen können. Sie brauchen meist nur etwas Unterstützung, um sich gegen Landraub zu wehren und nachhaltige Anbaumethoden kennenzulernen. Deshalb unterstützen wir als Kirche über Organisationen wie »Brot für die Welt« Bauernorganisationen in aller Welt, die sich gegen die Vertreibung vom Land wehren.

So wie in der Szene vorhin Daniel und Simon gemeinsam zum Richter gingen, um Simons Acker zurückzugewinnen, so verteidigen Dorfgemeinschaften gemeinsam ihr Land gegen die Umwandlung in Großfarmen. Gott hat den Menschen die Erde anvertraut, um sie zu bebauen und zu bewahren. Und sie ist tatsächlich da in den besten Händen, wo es eine breite Schicht von Menschen gibt, die Zugang zum Land haben, mit ihm leben und mit ihm vertraut sind.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Hoffnung, die Daniel und Simon hier vorhin hatten: dass der Messias kommt. Gott schickt jemanden, der den Menschen beisteht, damit sie ihr Recht und ihre Würde bekommen – ihren Anteil an der Erde, die uns allen anvertraut ist. Schon die Hoffnung darauf verändert alles. Und an diese Hoffnung wollen wir uns in diesem Gottesdienst erinnern: an die Verheißungen der Propheten durch viele Jahrhunderte, und daran, wie Jesus, als er dann kam, Menschen satt gemacht hat. In diesen Geschichten steckt die Hoffnung auf die neue Welt, die Gott beginnen wird. Sie gibt Menschen immer wieder Kraft, sich der Ungerechtigkeit entgegen zu stellen. Möge das auch unter uns geschehen!

Predigt:

1 Die Steppe soll sich freuen, das dürre Land glücklich sein, die Wüste jubeln und blühen! 2 Mit Blumen soll sie sich bedecken, jauchzen und vor Freude schreien! Herrlich wie der Libanon soll sie werden, prächtig wie der Berg Karmel und wie die Ebene Scharon. Dann sieht das Volk die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht und Hoheit unseres Gottes. 
3 Macht die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! 4 Ruft den verzagten Herzen zu: »Fasst wieder Mut! Habt keine Angst! Dort kommt euer Gott! Er selber kommt, er will euch befreien; er übt Vergeltung an euren Feinden.« 
5 Dann können die Blinden wieder sehen und die Tauben wieder hören. 6 Dann springt der Gelähmte wie ein Hirsch und der Stumme jubelt vor Freude. In der Wüste brechen Quellen auf und Bäche ergießen sich durch die Steppe. 7 Der glühende Sand verwandelt sich zum Teich und im dürren Land sprudeln Wasserquellen. Wo jetzt Schakale ihr Lager haben, werden dann Schilf und Riedgras wachsen.

Diese Prophetenworte sollen unser Vorstellungsvermögen trainieren. Wir sollen zu sehen lernen, dass in den Dingen mehr steckt, als wir denken.

Da ist eine kahle, trockene Wüste, aber wir sollen schon sehen, dass das ein lebendiges, fruchtbares Land werden soll, mit Quellen und Wasserläufen, voller Vegetation, voller Schönheit: Blumen und Wiesen soll es dort einmal geben. Und auch dieses unfruchtbare Land soll die Herrlichkeit Gottes widerspiegeln.

Für die Menschen damals, etwa 500 Jahre vor Christi Geburt, muss das eine Zumutung gewesen sein: sich vorzustellen, dass aus diesen kahlen Räumen voller Hitze und Staub eine blühende Landschaft werden könnte. Wir kennen heute ja einige Beispiele, wo tatsächlich durch Bewässerung und gute Pflege aus Wüsten Gärten geworden sind. Es gibt sogar Beispiele, wie Wälder neu entstanden sind, die vorher durch Abholzung und Erosion zerstört waren, wie auf kahle Hügel der Wald zurückkehrt, Wasser speichert, Humus bildet und wieder zu einem Lebensraum für Mensch und Tier wird. Daran hat damals niemand denken können. Sie hatten nur diese Bilder von der blühenden Wüste, aber diese Bilder haben ihnen Kraft und Hoffnung gegeben.

Man könnte sagen, diese Bilder haben die Fähigkeit der Menschen ausgeweitet, sich etwas vorzustellen, was es noch nie zuvor gegeben hat. Sie haben die Utopiefähigkeit gestärkt. Sie haben die Menschen gelehrt, etwas zu sehen, was eigentlich unvorstellbar war. Nicht einfach glühenden Sand und unwegsame Felsen bis zum Horizont zu sehen, sondern die Berufung dieser unfruchtbaren Räume zu entdecken: auch die sollen sich freuen und glücklich sein, sie sollen jubeln vor Freude, sie sollen die Herrlichkeit eines gewaltigen Waldes und die Fülle einer fruchtbaren Ebene ausstrahlen. Und daran soll man etwas ablesen können von der Herrlichkeit Gottes.

Ich bin im Spätsommer durch die Rheinebene gefahren, da wo die ersten Ausläufer des Schwarzwaldes beginnen, und da fallen einem sofort die ganzen Obstbäume auf. Es war vor der Ernte, und überall sah ich die Bäume über und über behangen mit Äpfeln, Birnen, Pfirsichen und Pflaumen und allem möglichen anderen Obst. Das alles strahlte so eine Fülle und so eine Fruchtbarkeit aus – da ist mir aufgegangen, wie auch eine Landschaft eine Botschaft aussenden kann. Gott hat die Erde so geschaffen, dass sie nicht stumm ist, sondern sie kann etwas ausdrücken. Bloß wir sind so unsensibel, dass wir das nicht verstehen. Und ich bin überzeugt, dass die Rheinebene wahrscheinlich noch viel mehr zu sagen hatte als das, was bei mir dann so gerade eben angekommen ist.

Und nun ist das Interessante, dass da bei Jesaja nicht einfach nur von Landschaften und Natur gesprochen wird, sondern gleich anschließend geht es um Menschen, die anscheinend mutlos und ohne Kraft sind. Menschen und Land gehören zusammen, und es geht ihnen gemeinsam gut oder schlecht.

Jesaja denkt das Volk Israel, das in der Gefangenschaft in Babylonien war und durch eine riesige Wüste von seiner Heimat getrennt war. Wenn sie in Richtung Heimat schauten, dann sahen sie dort eine trockene, unfruchtbare Fläche, die sich über Hunderte von Kilometern erstreckte. Und irgendwie spiegelte sich darin etwas von der Situation der Menschen: unfruchtbar, ohne Perspektive und aller Freude und Herrlichkeit beraubt lebten sie in einem Land, das ihnen nicht gehörte. Menschen und Erde gehören zusammen, auch in ihrer Niedergedrücktheit. Und sie werden nur gemeinsam geheilt und wiederhergestellt.

Deswegen vermischt sich das bei Jesaja: die Beschreibung einer Wüste, die zur blühenden Landschaft wird, und die Hoffnung auf Menschen, die wieder Mut fassen, die befreit werden aus Unterdrückung und einem perspektivlosen Leben in einem Land, in dem sie nicht zu Hause sind. Und wie die Wüste zum fruchtbaren, bewässerten Land wird, so sollen dann die Blinden wieder sehen können und die Gelähmten sollen tanzen.

Das waren damals kühne Bilder, die sie kaum verstehen konnten. Aber als Jesus kam, da rückte die Realität schon ein Stück näher an diese Bilder heran. Wenn Sie sich einen Augenblick noch einmal zurück erinnern an die Lesung vorhin, die Geschichte, wie Jesus 5000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen satt macht: da sind sie in der Einöde, an einem unfruchtbaren Ort, und der wird durch Jesus zu einem Ort der Fülle. Es ist genug für alle da. Gott kommt und bringt seine Schöpfung wieder ein Stück näher an ihre Bestimmung heran.

Das ist ja das Thema des Advents: Gott kommt in die Welt und bringt sie wieder zurück zu ihrer ursprünglichen Bestimmung. Gott mischt sich ein. Menschen haben die Bausteine der Schöpfung durcheinander geworfen und Chaos angerichtet, Gott kommt und fügt es wieder richtig zusammen. Aber nicht irgendwie hinter unserem Rücken, ohne uns. So könnte man die Propheten des Alten Testaments manchmal noch verstehen. Bei Jesus sieht man aber, wie er die Menschen mit einbezieht: seine Jünger, die das Brot austeilen, die Menschen alle, die sich in kleinen Gemeinschaften lagern und das Brot weitergeben. Gott kommt und vollbringt sein Werk durch Menschen hindurch, die Jesus in Gemeinschaften des Lebens organisiert. Überall soll es solche Gemeinschaften des Lebens geben, die sich der Verwüstung von Erde und Menschen widersetzen.

Deswegen hat sich im Lauf der Jahre ein Hilfswerk wie Brot für die Welt immer mehr dahin entwickelt, dass man nicht Lebensmittel liefert (außer in akuten Notsituationen), auch nicht so sehr Maschinen schickt oder Gebäude erstellt, sondern es geht eigentlich immer darum, Menschen neue Perspektiven zu eröffnen, ihre Utopiefähigkeit zu stärken. Wenn Menschen erst einmal verstanden haben, dass sie gemeinsam kahle Berge aufforsten können, dass sie miteinander einfache Techniken lernen können, um ein besseres Leben ohne Hunger zu haben, dann tun sie das auch und kümmern sich um die Dinge, die sie dazu brauchen.

Was wirklich nötig ist, das ist diese Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die es noch nie gegeben hat; einen Blick zu bekommen für die Berufung einer Landschaft, eines Menschen, einer Gemeinschaft; ein offenes Herz zu haben für die Herrlichkeit, die noch in der Erde verborgen ist, aber die angelegt ist in Gottes Schöpfung. Hier und da können selbst wir nicht die Augen verschließen vor der Schönheit der Welt und der Schönheit der Geschöpfe, und sie rührt uns an und erzählt uns von der Pracht und Größe Gottes. Aber viel zu oft sind wir blind und taub dafür und ruinieren die Erde mit unseren Brachialmethoden.

Aber Gott arbeitet daran, dass er in unseren Herzen und Gedanken ankommt. Vielleicht werden wir uns ja im Zuge des Klimawandels noch ganz anders danach sehnen, dass aus Wüste und zerstörtem Land wieder ein Garten wird, der Gottes Schönheit widerspiegelt. Die ganze Schöpfung wartet auf die Gemeinschaften des neuen Lebens. Wo es sie schon gibt, da geht es auch der Erde besser. Da werden Hänge terrassiert, Erosion gestoppt, die Vergiftung der Böden beendet und die natürliche Fruchtbarkeit angeregt. Da werden alte Techniken neu entdeckt und neue technologische Möglichkeiten entwickelt. Wo Menschen sich verantwortlich wissen für ein Stück Erde, da gedeiht sie. Die Bibel beschreibt das in dem Bild, dass »jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzen« kann. Das ist ein Bild dafür, dass jeder genug zum Leben hat. Und auch in unseren modernen Gesellschaften, wo Landwirtschaft gar nicht mehr so eine zentrale Rolle spielt, da brauchen wir erst recht solche Gemeinschaften des Lebens im Namen Jesu, damit irgendjemand diesen Blick wach hält für die Herrlichkeit der Geschöpfe. Sonst wird die Natur am Ende zu einem Anhängsel einer gewaltigen Maschine, die alles in sich hineinfrisst, verwertet und vernutzt, und die Erde verwüstet zurück lässt.

Dagegen stehen diese Bilder der Hoffnung: Verwüstete Landschaften, die zu bewässerten Oasen werden und die Schönheit Gottes widerspiegeln. Gemeinschaften des Lebens, die die Erde zu dem herrlichen Garten machen, der sie von Anfang an sein sollte. Menschen und Land miteinander jubeln über die Güte und Weisheit des Schöpfers.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir möchten hier nur Beiträge von echten Menschen haben, nicht von Robots. Zur Abwehr von Kommentar-Spam beantworte deshalb bitte die folgende Frage: