Der Barmherzige Samariter: damit aus Fremden Freunde werden

Besonderer Gottesdienst am 18. September 2011 mit Predigt zu Lukas 10,25-37

Verfasser: Walter Faerber

Zu Beginn des Gottesdienstes zeigte eine Szene die Geschichte vom Barmherzigen Samariter.

Predigt:

25 Ein Gesetzeslehrer wollte Jesus auf die Probe stellen. »Meister«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 26 Jesus entgegnete: »Was steht im Gesetz? Was liest du dort?« 27 Er antwortete: »›Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand!‹ Und: ›Du sollst deine Nächsten lieben wie dich selbst!‹« – 28 »Du hast richtig geantwortet«, sagte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« 29 Der Gesetzeslehrer wollte sich verteidigen; deshalb fragte er: »Und wer ist mein Nächster?« 30 Daraufhin erzählte Jesus folgende Geschichte:
»Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Unterwegs wurde er von Wegelagerern überfallen. Sie plünderten ihn bis aufs Hemd aus, schlugen ihn zusammen und ließen ihn halbtot liegen; dann machten sie sich davon. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab. Er sah den Mann liegen, machte einen Bogen um ihn und ging weiter. 32 Genauso verhielt sich ein Levit, der dort vorbeikam und den Mann liegen sah; auch er machte einen Bogen um ihn und ging weiter.
33 Schließlich kam ein Reisender aus Samarien dort vorbei. Als er den Mann sah, hatte er Mitleid mit ihm. 34 Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn in ein Gasthaus und versorgte ihn mit allem Nötigen. 35 Am nächsten Morgen nahm er zwei Denare aus seinem Beutel und gab sie dem Wirt. ›Sorge für ihn!‹, sagte er. ›Und sollte das Geld nicht ausreichen, werde ich dir den Rest bezahlen, wenn ich auf der Rückreise hier vorbeikomme.‹«
36 »Was meinst du?«, fragte Jesus den Gesetzeslehrer. »Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?« 37 Er antwortete: »Der, der Erbarmen mit ihm hatte und ihm geholfen hat.« Da sagte Jesus zu ihm: »Dann geh und mach es ebenso!«

Dieser berühmte Satz, dass man seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst, der ist gar nicht von Jesus. Die Nächstenliebe steht schon im Alten Testament. Und dieses Wort »Nächster«, das bedeutet da einfach so etwas wie Mitmensch oder Nachbar oder Stammesgenosse. Das ist der, mit dem ich immer mal wieder zu tun habe. Es ist ein relativ vager Begriff, aber in den alttestamentlichen Gesetzesvorschriften wird er gerade deshalb öfter benutzt, um damit zu signalisieren: du sollst deinem Mitmenschen keinen Schaden zufügen, denn ihr seid doch verbunden. Du sollst deinen Nächsten nicht verleumden, du sollst ihm nicht seine Frau wegnehmen, du sollst deinen Nächsten nicht übervorteilen. Im Alten Testament findet man viele solcher Vorschriften, und das wird dann zusammengefasst in dem Satz: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, du sollst ihn also nicht schlechter behandeln, als du selbst behandelt werden möchtest. Das war schon damals eine anerkannte Zusammenfassung des ganzen Gesetzes, und der Schriftgelehrte, mit dem Jesus spricht, kennt sie und zitiert sie auch.

Von diesem Schriftgelehrten heißt es, dass er Jesus auf die Probe stellen wollte, man könnte auch sagen: er wollte ihn in eine Falle locken. Er stellt ihm eine brisante Frage, bei der Jesus es sich notwendig mit Leuten verderben muss, egal, wie er antwortet. »Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?«

Diese Frage war damals die zentrale Frage, über die Juden diskutierten. Ewiges Leben, wörtlich übersetzt: das Leben des kommenden Äons, bedeutet: das Leben der kommenden Welt. Wenn Gott seine Welt erneuert, wenn der Himmel und die Erde zusammenfinden, wenn Israel endlich befreit wird von seinen heidnischen Besatzern, wenn die Schöpfung wiederhergestellt wird: wer wird dann dabei sein? Es geht also nicht darum, ob man in den Himmel kommt, an einen Ort jenseits von Zeit und Raum, sondern es geht um die erneuerte Schöpfung, um unsere Welt, die endlich zu ihrer wahren Bestimmung findet. Wer wird da dabei sein? Was muss ich tun, damit ich jetzt schon sicher sein kann, dass ich Teil der neuen Welt sein werde?

Auf diese Frage gab es viele Antworten. Die einen sagten: halte den Sabbat und die anderen Vorschriften des Gesetzes. Andere sagten: beteilige dich am Kampf gegen die fremden Unterdrücker. Noch andere: halte die Rituale im Tempel treu ein. Und wieder andere sagten: Geh in die Wüste, halte dich fern von der verdorbenen Welt und warte auf das, was Gott tut. Es gab viele Antworten, es wurde heftig darum gestritten. Jesus hätte sich mit jeder denkbaren Antwort bei irgendjemandem unbeliebt gemacht.

Was machte Jesus, wenn ihm solche Fangfragen gestellt wurden? Seine Standardmethode war: er gab die Frage zurück. Was meinst du denn? fragt er. Du bist doch der Schriftgelehrte, was was liest du denn in deiner Bibel? Und dann muss der Schriftgelehrte antworten, wenn er sich nicht blamieren will, und er zitiert die bekannten Zusammenfassungen des Gesetzes: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben – von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand – das steht in 5. Mose 6. Und dann zitiert er aus 3. Mose 19 diesen anderen Satz: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Und Jesus sagt: richtig. So ist es. Amen. Und indirekt sagt er damit: warum fragst du mich? Du weißt es doch selber! Alles klar, oder?

Natürlich ist nichts klar, es geht ja gerade um die Frage, wie man denn diese biblischen Gebote verstehen müsse. Aber jetzt muss der Schriftgelehrte Farbe bekennen, jetzt steht nicht Jesus auf dem Prüfstand, sondern sein Gesprächspartner. Jetzt ist der unter Druck und muss sich erklären. Und in seiner Not stellt er eine echte Frage. Endlich gibt ein Schriftgelehrter mal zu, dass auf viele Fragen ein Bibelzitat keine Antwort ist. Sondern mit dem Bibelzitat fangen die Fragen erst an. »Wer ist denn mein Nächster?« fragt er. Ja, das ist eine gute Frage. Die lässt das Alte Testament nämlich offen.

Wir haben vorhin in der Lesung die Stelle aus der Bergpredigt gehört, wo Jesus sagt: ihr habt gehört, dass gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Nun steht da aber gar nicht, dass man seinen Feind hassen soll. Das hat Jesus frei hinzugefügt. Er hat sozusagen die offene Frage in diesem Gebot »Liebe deinen Nächsten« entdeckt. Wenn ich meinen Nächsten lieben soll wie mich selbst, meinen Nachbarn, den, mit dem ich verbunden bin, das ist schon eine ganze Menge, aber dann bleibt die Frage offen: und was ist mit den anderen? Was ist mit den Feinden, den Fremden, den Unbekannten? Jesus sagt es pointiert: Für die bleibt dann anscheinend nur der Hass über!

Und deshalb erzählt er, als der Schriftgelehrte fragt: wer ist denn mein Nächster?, eine Geschichte, in der es um einen Fremden geht, einen Samaritaner. Samaritaner und Juden waren seit Jahrhunderten verfeindet, so eine Art Erbfeindschaft, es gab religiöse Gründe, es gab Gründe der Macht, es gab schreckliches Unrecht, das man sich angetan hatte, und das alles, obwohl sich beide auf die fünf Bücher Mose beriefen. Es gab einerseits große Nähe und andererseits erbitterte Feindschaft, auf beiden Seiten. Also, eine schwierige Beziehungskiste, wie etwa heute zwischen Christen und Muslimen.

Und dann erzählt Jesus nicht etwa davon, dass man als Jude doch auch die Samaritaner lieben soll, sondern er dreht das Ganze um. Der Samaritaner ist der, der einem Juden aus der Not hilft. Jesus bringt die ganzen Freund- und Feindbilder durcheinander, so, als ob er heute davon erzählen würde, dass ein bärtiger Islamist auf dem Weg zu einem Terroranschlag stoppt, weil da in der U-Bahnstation einer liegt, der von Jugendlichen zusammengeschlagen worden ist.

Jesus gibt nicht neue Antworten auf eine bekannte Frage, sondern er dreht die ganze Frage um. Wer ist mein Nächster? hat der Schriftgelehrte gefragt. Am Ende fragt Jesus ihn: wer ist dem halbtoten Mann am Straßenrand zum Nächsten geworden? Das heißt es gibt keine feststehenden Grenzen, wer mein Nächster ist und wer nicht, so dass ich sie nur kennen und mich daran halten muss. Sondern es geht um die Frage: wem machst du dich zum Nächsten? Wer erreicht dein Herz? Die entscheidende Stelle in der Geschichte vom barmherzigen Samariter ist der Moment, wo es heißt: als er ihn sah, hatte er Mitleid mit ihm. Wer mein Nächster ist, das steht nicht von vornherein fest, sondern das hängt davon ab, wessen ich mich erbarme. Diese Geschichte vom barmherzigen Samariter ist eigentlich nicht eine Geschichte von der Nächstenliebe, sondern eine von der Feindes- und Fremdenliebe, davon, wie einer für sich aus seinem Feind oder mindestens aus einem Fremden seinen Nächsten macht, und ihn dann so liebt, wie man das nach dem Gesetz mit seinem Nächsten tun soll. Wer ein Feind ist und wer ein Nächster, so macht es Jesus klar, das ist abhängig von meiner Entscheidung. Ich selbst mache ihn zum Feind oder zum Nächsten, kein anderer. Der Priester und der Levit in der Geschichte, die haben sich entschieden, dass der Mann am Straßenrand nicht ihr Nächster ist, und der Samaritaner hat sich von ihm anrühren lassen, und so machte er ihn zu seinem Nächsten.

Und wenn jetzt einer sagt: das ist aber schwer! dann hat er Recht. Schauen wir uns doch mal das Bild von van Gogh an, auf dem der diese Geschichte dargestellt hat. Auf dem kann man richtig sehen, wie schwer das ist.

Zuerst einmal sieht man, wie schwer es ist, den anderen auf das Pferd zu heben. Das ist richtig Arbeit. Es geht nicht um ein »Ich versteh dich doch«, es geht gar nicht so um Gefühle, sondern es geht um konkrete Taten. Aber es geht auch darum, dass die beiden sich durch diese Tat der Barmherzigkeit noch längst nicht mögen. Die schauen sich noch nicht einmal an. Die schauen aneinander vorbei.

Der Verletzte freut sich gar nicht richtig, dass ihm geholfen wird. Eher guckt er misstrauisch auf den Samaritaner, so als ob er sagen wollte: ich wäre lieber vom Priester gerettet worden, als von diesem Fremden! Und obwohl er dringend hilfsbedürftig ist, trägt er seine Nase immer noch ziemlich hoch. Mit seinem einen Arm umarmt er seinen Retter, aber mit dem anderen – also auf der rechten Seite des Bildes – stützt er sich kräftig ab, als wollte er seinem Retter nicht zu nahe kommen. Hier sehen wir es noch einmal in einer Vergrößerung:

Der Samaritaner andererseits guckt zur Seite, als wolle er gar nicht so genau wissen, wen er da aufs Pferd hebt. Auch er sieht nicht besonders froh aus. Die beiden haben es schwer miteinander. Feindesliebe ist keine einfache Sache. Für Nächstenliebe reicht manchmal Sympathie, aber bei Fremden- und Feindesliebe gibt es eben nicht die Sympathie als Grundlage. Da muss oft so eine dramatische Situation hinzukommen, damit Menschen sich einem Fremden zuwenden. Damit sie sich als Nächste erkennen.

Van Gogh hat sie beide mit ähnlichen blauen Hosen gemalt, und der Samaritaner sieht auch ziemlich barfuß aus, und man kann sagen: da ist ihnen etwas gemeinsam. Es sind beides Menschen, und der eine ist fast ebenso schutzlos wie der andere. Und so hängen die beiden da zusammen, und es sieht einerseits wie eine Umarmung aus, und andererseits wie ein Ringkampf. Feindesliebe ist ein harter Kampf mit dem Anderen.

Aber, was ist, wenn man diesen Kampf vermeidet? Das sehen wir an den beiden Gestalten des Leviten und des Priesters, die ja auch auf dem Bild auftauchen. Aber man findet sie kaum, deshalb wieder eine Ausschnittvergößerung:

Da geht der Levit. Irgendwie geht er mit hängenden Schultern, richtig depressiv sieht er aus. So, als ob er ahnt, was ihm da gerade entgangen ist. Er hat die Sicherheit gewählt, er hat sich den Kampf erspart, und deshalb sieht er blass aus. Man übersieht ihn ganz leicht auf dem Bild. Wenn du als unauffälliger, desillusionierter Durchschnittsmensch enden willst, dann erspar dir den Kampf, dann vermeide Herausforderungen.

Van Gogh hat den Leviten neben die ausgeraubte Schatzkiste des Überfallenen gemalt. Er ist wie eine leere Schachtel. Er ist es, der sich hat berauben lassen: er hat diese Gelegenheit zu echter Größe nicht genutzt, er ist leer, er hat den Schatz seines Herzens verloren.

Noch weiter weg ist der Priester. Da geht er, schon ganz weit weg, kaum noch zu erkennen. Aber er geht unter einer überhängenden Felswand. Auch er hat die Sicherheit gewählt, wie er meint, aber so begibt er sich gerade in Gefahr. Wer die Feindschaft weiter schwelen lässt, muss leben mit all der Gefahr, die daraus entsteht. Dass man nach dem 11. September 2001 den Krieg gegen den Terror ausgerufen hat, das hat die Welt nicht sicherer gemacht, sondern gefährlicher.

Aber dicht neben ihm leuchtet die rote Kopfbedeckung des Samaritaners. Sie ist der leuchtende Mittelpunkt des ganzen Bildes. In seinem Kopf ist etwas Unerhörtes passiert. Aus einem Fremden, aus einem Feind, ist ein Freund geworden, mindestens hat das angefangen.

Und Jesus muss nur noch hinzufügen: geh hin und mach es ebenso, dann gehört dir das Leben der kommenden Welt.

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