Feuerwehr und Kirche – Nachbarn in der Ortsmitte

Besonderer Gottesdienst am 26. Juni 2011 mit Predigt zu Markus 4,35-41

Verfasser: Walter Faerber

Am Anfang des Gottesdienstes erläuterte uns Ortsbrandmeister Uwe Rau an einer Puppe im Altarraum die Schutzkleidung der Feuerwehr. In einer Gesprächsrunde am Bistrotisch im Altarraum sprachen später Engagierte aus der Freiwilligen Feuerwehr und der Kirchengemeinde über ihre Motivation zur Mitarbeit und deren Entwicklung. Die Predigt brachte die Schutzkleidung der Feuerwehr und den geistlichen Schutz aus Epheser 6,14-17 zusammen.

Begrüßung und Einführung:

Gottes Friede sei mit euch allen!

Ich begrüße Sie und Euch ganz herzlich zu unserem Besonderen Gottesdienst »Feuerwehr und Kirche – Nachbarn in der Ortsmitte«. Ganz besonders begrüße ich zu diesem Anlass natürlich alle Feuerwehrkameraden, die heute bei uns sind, stellvertretend für alle unseren Ortsbrandmeister Uwe Rau, der sich ganz besonders für diesen Gottesdienst engagiert hat. Seien Sie herzlich willkommen!

Wir haben bei der Vorbereitung überlegt, dass Groß Ilsede der Ort im Landkreis Peine ist, wo das Feuerwehrhaus und die Kirche wahrscheinlich am nächsten beieinander liegen. Wir bekommen im Pfarrhaus immer sehr deutlich mit, wenn es wieder einen Einsatz gibt; und wenn wir uns zum Gemeindefest freundlicherweise die Tische und Bänke von der Feuerwehr ausleihen dürfen, dann können wir die einfach rübertragen, einfach und schnell. Das Feuerwehrhaus ist das ehemalige »Spielhaus« von Groß Ilsede, wo sich früher die Einwohner zu Versammlungen getroffen haben, also eine Art frühes Dorfgemeinschaftshaus. Mit der Kirche und dem kleinen Platz dazwischen ist das das historische Zentrum von Groß Ilsede.

Es gibt aber nicht nur solche äußeren Gemeinsamkeiten. »Was haben Feuerwehr und Kirche gemeinsam?« hat mich vor einiger Zeit jemand gefragt, und gleich selbst die Antwort gegeben: »alle finden, dass es die beiden unbedingt geben muss, aber niemand möchte gern in eine Lage kommen, wo er sie braucht.«

Wenn wir das mal auf seinen sachlichen Kern abklopfen, dann könnte man vielleicht sagen: Feuerwehr und Kirche haben es beide mit dem Ernstfall zu tun. Wir erleben beide immer wieder, dass sich von einem Augenblick auf den anderen im ganz normalen Leben Bedrohung und Zerstörung breit machen kann. Wir erleben das meistens auf unterschiedliche Weise, aber manchmal überschneidet es sich auch, wenn bei einem Einsatz Menschen äußerlich und innerlich zu Schaden kommen und die Feuerwehr und die Notfallseelsorge beide kommen. Deswegen haben wir vor einigen Jahren hier schon einen gemeinsamen Gottesdienst zum Thema »Notfallseelsorge« gehabt.

Auf jeden Fall: Dass das normale Leben auf einmal unterbrochen wird durch unvorhergesehene Zerstörungen, das ist für Feuerwehr und Kirche nicht etwas irgendwo am Rand des Lebens, was nur irgendwelchen anderen passiert, sondern das erleben wir immer wieder mit. Und deshalb bereiten wir uns jeweils auf unsere Weise im ganz normalen Leben auf solche Bedrohungen vor, damit wir nicht hilflos und unvorbereitet dastehen, wenn der Ernstfall dann wirklich eintritt.

Predigt:

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. 37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Vielleicht haben Sie noch die Geschichte aus der Lesung vorhin im Ohr, die Geschichte, wie Jesus und die Jünger auf dem See Genezareth vom Sturm überrascht werden. In der Bibel ist Wasser das Symbol für die dunkle Bedrohung, für das gefährliche Chaos, das am Rande der Schöpfung lauert. Gott hat es aus der Welt verbannt und hat ihm eine Grenze gesetzt, aber das Wasser kann immer noch aus heiterem Himmel gefährlich und bedrohlich werden. Das haben die Menschen damals sehr deutlich empfunden, auch wenn es im Mittelmeer und an den Küsten Israels keine Tsunamis gibt.

Und so steht der See Genezareth, der aus heiterem Himmel das kleine Boot durch einen mächtigen Sturm in größte Bedrängnis bringt, für die Gefahren und Bedrohungen, die sich urplötzlich direkt neben uns auftun können. Du wachst nachts auf und riechst Rauch. Du fährst auf der Landstraße und denkst gerade noch: »was macht der denn da vorne? Der will doch nicht überholen?« und dann merkst du nur noch, dass es jetzt gefährlich wird. Oder der Arzt guckt irgendwie komisch und sagt: »Der Test hatte leider kein gutes Ergebnis«. Und manchmal schauen Leute die Nachrichten im Fernsehen, hören von einem bedrohlichen Ereignis und sagen: »du meine Güte! Das ist ja ganz in der Nähe!«

Das alles ist mit im Bild, wenn die Bibel die Geschichte von Jesus und den Jüngern auf dem See Genezareth erzählt. Und die Jünger tun das, was Menschen tun, wenn sie in solche Situationen geraten. Sie sagen: kann jetzt bitte irgendwer die Notbremse ziehen? Wir sind doch bestimmt im falschen Film! Aber sie sagen das nicht, sie schreien, sie sind voller Panik, weil sie merken: auch für erfahrene Fischer wie uns ist dieser Sturm eine Nummer zu groß.

Zum Glück haben sie Jesus an Bord. Der schläft, aber sie wecken ihn, er sagt ein paar Worte zu dem Sturm, und dann ist Ruhe. Ganz einfach. Aber natürlich war das auch damals nicht normal, dass einer mit ein paar Worten einen Sturm zur Ruhe bringt.

Was ist die Botschaft dieser Geschichte?

Es gibt eine Art, Mensch zu sein, die sich auch dem Dunklen und Gefährlichen und Bedrohlichen entgegenstellen kann. Es gibt eine Art, Mensch zu sein, die die Zerstörung und die Bedrohung aus der Welt zurückdrängt. Jesus hat uns das vorgemacht, er war ein Mensch, hinter dem Gott voll und ganz stand, er war ein Mensch aus Gottes Herzen, deswegen hatte er diese Macht in sich. Bis dahin wusste noch keiner, dass es so etwas geben könnte, und bis heute versuchen wir, jeder auf seine Art, herauszufinden, wie man das nachmachen kann.

Und wir sind alle nicht so gut wie Jesus. Die Feuerwehr stellt sich nicht einfach hin und sagt: Feuer, geh aus! und alles ist wieder gut. Und wer in der Seelsorge engagiert ist, der sagt nicht einfach den richtigen Spruch, und ein Mensch ist seine Probleme los. Wir kriegen das meistens nicht so hin wie Jesus. Aber wir tun das trotzdem unter der hoffnungsvollen Überschrift, dass Menschen nicht ohnmächtig dem Schicksal ausgeliefert sind. Als ich anfing, bei der Notfallseelsorge mitzuarbeiten, da habe ich erst verstanden, dass es in unserer Gesellschaft einen sehr gut ausgebauten Bereich für unerwartete Notfälle gibt. Da gehört die Feuerwehr dazu, aber auch andere Hilfs- und Rettungsorganisationen, Kliniken, die Rettungsleitstelle, die das alles koordiniert. Im normalen Leben merkt man das gar nicht so, aber wenn etwas passiert, dann ist dafür vorgesorgt.

Dieser ganze Sektor in unserer Gesellschaft transportiert eine Botschaft: wir sind dem Unglück nicht wehrlos ausgeliefert. Wir müssen uns da nicht fatalistisch mit abfinden, sondern wir können dagegenhalten. Wir müssen das nicht einfach achselzuckend hinnehmen und hoffen, dass es die anderen trifft.

Natürlich sind diese Hilfsorganisationen nicht religiös gebunden, aber es ist doch interessant, wie man da ganz unvermutet Zusammenhänge finden kann. 1859 kam ein junger Mann auf Geschäftsreise durch Italien und erlebte, wie nach der Schlacht von Solferino 38.000 Verwundete, Sterbende und Tote unversorgt auf dem Schlachtfeld lagen. Er organisierte spontan einen Hilfsdienst, aber natürlich war das nicht genug. Der junge Mann war christlich geprägt, er kam aus dem CVJM, er hieß Henri Dunant und wurde später zum Gründer des Roten Kreuzes.

Die Zuversicht, dass man ein Schlachtfeld mit toten und verwundeten Soldaten nicht achselzuckend hinnehmen muss, dass man etwas tun kann gegen die Zerstörung ganzer Städte durch Feuersbrünste, diese Zuversicht würde ich zu einem christlichen Erbe rechnen, das in unserer Gesellschaft drin ist, auch da, wo Menschen nicht religiös sind. Es gibt eine Art, Mensch zu sein, die sich der Zerstörung entgegenstellt – diese Botschaft begleitet uns.

Und – wenn wir uns an die Gesprächsrunde vorhin erinnern – dabei geht es nicht nur um Technik und Wasser und Fahrzeuge und Uniformen (oder auch um Kirchengebäude und die Uniformen, die Pastoren manchmal tragen), sondern es müssen immer auch Menschen sein, die sich da hinstellen und damit arbeiten. Menschen, die von dieser Zuversicht geleitet sind: es gibt eine Art des Menschseins, die die Kraft hat, der Zerstörung zu wehren. Man braucht dazu nicht nur eine technische Ausrüstung, sondern auch eine innere Ausrüstung.

Es ist interessant, dass Paulus im Epheserbrief (6,14-17) diese innere Ausrüstung mit der Ausrüstung eines römischen Soldaten vergleichen hat. Und man kann das fast genauso auf die Ausrüstung eines Feuerwehrmannes übertragen. Deswegen steht hier der stummer Kamerad [im Altarraum stand eine lebensgroße Puppe in Feuerwehr-Ausrüstung, die am Anfang vorgestellt worden war].

Paulus sagt: wenn ihr euch den Mächten der Zerstörung entgegenstellen wollt, dann nehmt den Gürtel der Wahrheit. Der Gurt hier hält alles zusammen, da hat man Ausrüstung dran befestigt und man kann sich damit auch sichern. So ist die Wahrheit für uns als Menschen ein ganz zentraler Schutz, weil wir auseinanderfallen, wenn wir mit unterschiedlichen Wahrheiten leben. Wir haben dann keine Mitte, aus der wir leben, sondern sind zwischen unterschiedlichen Wahrheiten hin und her gerissen und kriegen nichts zustande.

Als Zweites kommen wir zur Schutzjacke. Die schützt gegen die Gefahren. Für besondere Einsätze gibt es da natürlich noch speziellere Schutzkleidung. Ich habe bei der Notfallseelsorge gelernt, dass Selbstschutz etwas sehr Vernünftiges und Wichtiges ist. Und auch Paulus spricht an dieser Stelle vom Panzer der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit heißt in der biblischen Sprache vor allem, dass ich treu bin und bei dem bleibe, was ich als richtig erkannt habe. Ich will es so sagen: unsere Wurzeln schützen uns. Wenn unsere tiefsten Motive lebendig sind, wenn wir im Leben verankert sind, dann sind wir stark und geschützt.

Ich erzähle gelegentlich jungen Feuerwehrleuten im Grundkurs über Notfallseelsorge, und ich sage ihnen dann manchmal: Lassen Sie sich nicht einschüchtern davon, dass man als Helfer natürlich auch böse Einsätze erleben kann. Sie sind doch nicht zur Feuerwehr gegangen wegen der schönen Uniform, sondern Sie haben gesagt: ich will Menschen helfen! Wenn das unsere Motivation ist und wenn die in uns lebendig ist, dann sind wir ziemlich gut geschützt. Dann müssen wir uns nicht allzu große Sorgen machen.

Schließlich spricht Paulus vom Helm der Hoffnung. Damit kommen wir wieder zu der Zuversicht, dass wir dem Bösen nicht ausgeliefert sind, sondern wir können ihm entgegentreten. Wer das Vertrauen in sich trägt, dass das Leben stärker ist als der Tod, der verfügt über viel mehr Zuversicht, wenn er in die Auseinandersetzung geht. Und dann ist auch stärker und lässt sich nicht entmutigen.

Schließlich kommen wir zum Strahlrohr hier. Das ist die Angriffswaffe. Ein römischer Soldat hatte dazu ein Schwert, und deshalb spricht Paulus vom Schwert des Geistes. Der Heilige Geist ist die Kraft, die in Jesus war, und die es ihm erlaubt, auch der zerstörerischen Gewalt eines Sturmes entgegenzutreten. Das ist die Vision des Menschen, der verstanden hat, zu welcher Kraft er berufen ist, und der dabei doch nicht hochmütig wird. Der Mensch, der das Dunkle und die Zerstörung aus der Welt vertreiben kann, weil Gott hinter ihm steht und ihm die Kraft dazu gibt. Wir alle lernen immer noch, wie das gehen kann.

Feuerwehr und Kirche stehen da an unterschiedlichen Posten, aber wir sind beide den Menschen dieses Ortes verpflichtet. Wir sind beide eine überschaubare Gruppe von Menschen, die wissen, dass die Welt nicht nur harmlos ist, aber wir teilen die Zuversicht, dass wir nicht wehrlos und hilflos sind. Wir teilen die Überzeugung, dass es unsere Aufgabe ist, die Dinge nicht einfach achselzuckend laufen zu lassen. Und wenn ein paar Menschen diese Überzeugung teilen, dann können sie sehr viel erreichen für alle Menschen unseres Ortes.

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