Da hilft nur noch beten??

Predigt am 16. Oktober 2011 zu Markus 9,14-29

Verfasser: Sabine Meurer

Als sie zu den Jüngern zurückkamen,
fanden sie diese im Streit mit einigen Gesetzeslehrern
und umringt von einer großen Menschenmenge.

Sobald die Menschen Jesus sahen, gerieten sie in Aufregung;
sie liefen zu ihm hin und begrüßten ihn.

Jesus fragte sie: „Was streitet ihr mit meinen Jüngern?“

Ein Mann aus der Menge gab ihm zur Antwort:
„Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht;
er ist von einem bösen Geist besessen, darum kann er nicht sprechen.

Immer, wenn dieser Geist ihn packt, wirft er ihn zu Boden.
Schaum steht dann vor seinem Mund,
er knirscht mit den Zähnen, und sein ganzer Körper wird steif.
Ich habe deine Jünger gebeten, den bösen Geist auszutreiben,
aber sie konnten es nicht.“

Da sagte Jesus zu allen, wie sie dastanden:
„Was ist das für eine Generation, die Gott nichts zutraut!
Wie lange soll ich noch bei euch aushalten und euch ertragen?
Bringt den Jungen her!“

Sie brachten ihn zu Jesus.
Sobald der böse Geist Jesus erblickte, zerrte er das Kind hin und her; es fiel hin und wälzte sich mit Schaum vor dem Mund auf der Erde.

„Wie lange hat er das schon?“ fragte Jesus.
„Von klein auf“, sagte der Vater, „und oft hat der böse Geist ihn auch schon ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen.
Hab doch Erbarmen mit uns und hilf uns, wenn du kannst!“
„Was heißt hier: wenn du kannst?“ sagte Jesus. „Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich.“
Da rief der Vater: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“

Jesus sah, dass immer mehr Leute zusammenliefen;
da sagte er drohend zu dem bösen Geist:
„Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir:
Fahr aus aus diesem Kind und komm nie wieder zurück!“

Der Geist schrie anhaltend
und zerrte den Jungen wie wild hin und her, dann fuhr er aus ihm aus.

Der Junge lag wie leblos am Boden,
so dass die Leute schon sagten: „Er ist tot.“
Aber Jesus nahm in bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Als Jesus später im Haus war, fragten ihn sein Jünger:
„Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?“

Er gab ihnen zur Antwort: „Nur durch Gebet können solche Geister ausgetrieben werden.“

Wie sehr kann man sich in die verzweifelte Lage des Vaters hineinversetzen.
Hilflos muss er zusehen, wie die Mächte der Zerstörung nach seinem Kind greifen.
Sicherlich hat er schon alles Mögliche unternommen, damit seinem Sohn geholfen wird.
Aber all das hat nicht geklappt.
Und er ist völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Es bleiben Ernüchterung und Enttäuschung zurück:
alle haben nur schöne Worte gemacht, aber wirklich geholfen hat keiner.
Der arme kleine Kerl wird weiter gequält und kann mit Sicherheit kein normales Leben führen und schon erst recht nicht eine unbeschwerte Kindheit erleben.

Dabei wüschen Eltern sich das mehr als alles sonst für ihre Kinder: ein gesundes und glückliches Leben.

Aber oft ist es eben anders.
So wie der Vater hier in unserem Predigtext es erleben muss, so mussten oder müssen auch wir zum Teil solche Erfahrungen machen, oder wir haben davon gehört.

Als ob es oft die Schwächsten und Wehrlosesten sind, auf die einer es abgesehen hätte.
Das macht Eltern völlig fertig – zusehen wie das eigene Kind leidet.
Man würde es ihnen gerne abnehmen, denn es zerreist einem das Herz, wenn man mit ansehen muss, wie Kinder zu Opfern werden.

Und man steht hilflos daneben und man kann ihnen nicht wirklich erklären, was da mit ihnen passiert.
Man kann ihnen nicht erklären, warum man nicht helfen kann.

Das ist ein enormer Druck, und Eltern versuchen händeringend, irgendeine Lösung zu finden.

Man kann sich gut vorstellen, wie es dem Vater geht mit seinem Kind.
Wir kennen es ja bis heute:
Eltern kämpfen und versuchen sich überall Hilfe zu holen weil ihr Kind an Körper oder Seele bedroht ist.

Und wir kennen auch die Fälle, wo Eltern, zu Recht oder zu Unrecht, den Eindruck bekommen: keiner hilft uns richtig.

Und gerade, weil da so eine enorme Spannung drin ist, laufen viele Leute mit dem Vater und dem kranken Kind mit.
Dabei haben die damit gar nichts zu tun. Aber sie schwingen mit, wollen wissen wie es ausgeht, haben vielleicht auch noch Ratschläge und eigentlich wird es immer schlimmer und die Stimmung schaukelt sich hoch.

Und so liegt über der ganzen Geschichte eine Atmosphäre der Gereiztheit, der Vorwürfe, der gegenseitigen Beschuldigungen.

Wahrscheinlich ist das der eigentliche Grund, weshalb Jesus hier nur noch den Kopf schüttelt und fragt: wie lange soll ich euch denn noch ertragen?

Kaum dreht er den Leuten den Rücken, da läuft alles aus dem Ruder.
Wie lange wird es dauern, bis die Menschen ein ruhiges Vertrauen auf Gott lernen,
anstatt bei jedem Problem gleich aufgeregt und negativ zu reagieren?

Noch zum Schluß, als der Dämon schon ausgetrieben ist, da geht das Gerede schon wieder los:
„Er ist tot“ sagen die Leute über den leblos daliegenden Jungen. Bis zuletzt denken sie sofort das Schlimmste.

Wie war es dazu gekommen?

Jesus war ein paar Tage weg. Mit drei ganz vertrauten Jüngern war er auf einem Berg und hatte dort eine Gottesbegegnung , wo Gott seinen Weg noch einmal bestätigt hat.
Und nun kommt er zurück und nach drei Tagen ist schon alles aus dem Ruder gelaufen.

Die Jünger sind der Macht von Zerstörung und Bösem begegnet und kamen nicht dagegen an; im Gegenteil, sie haben sich noch in einen Streit mit Schriftgelehrten hineinziehen lassen, was nun endgültig nicht half.
Die Schriftgelehrten haben diesen Moment der Schwäche benutzt, um sie anzugreifen. Wahrscheinlich nach dem Motto: seht ihr, es klappt ja doch nicht! Hättet ihr doch lieber auf uns gehört! Die ganze Richtung passte ihnen ja noch nie.
Und die Menschen sind hin und her gerissen. Sie schwanken so zwischen dem Wunsch nach Hilfe einerseits und andererseits dem Ärger, dass es nicht klappt. Sie fragen sich, ob die Schriftgelehrten nicht doch recht haben. Aber als Jesus dann wiederkommt, laufen sie zu ihm.

Liebe Gemeinde,
wenn wir mit den Mächten des Bösen und des Dunkeln konfrontiert werden, dann macht das was mit uns.

Man hat plötzlich so eine Tendenz, schnell aggressiv zu werden.
Man fängt an, andere anzuklagen und zu beschuldigen.

Wir sind gereizt, werden nervös und schwierig.
Es schleicht sich etwas sehr negatives ein.
Und gerade das zeigt uns,
dass wir es wirklich mit der dunklen Macht zu tun haben.

Vielleicht kommt manch einem die Vorstellung von bösen Geistern ja etwas antiquiert vor, man muss sich das auch nicht unbedingt so vorstellen.
Aber dass es die Wirklichkeit des Bösen und Dunklen gibt, das scheint mir völlig klar.
Wer daran zweifelt, den kann man nur fragen: in welcher Welt lebst du eigentlich?
Siehst du nicht, was Menschen anderen Menschen antun, im Kleinen und im Großen?

So viele schreckliche Dinge geschehen. Wir müssen ja nur in die Zeitung schauen, um festzustellen wie Menschen beinahe ferngesteuert schlimme Dinge tun, und hinterher wissen sie selbst nicht warum.
Man ist völlig entsetzt und versteht es nicht. Warum tun Menschen so etwas?

Jesus hat ein deutliches Gespür gehabt für diese zerstörerische Macht, die sich immer wieder zeigt und nur ein Ziel hat:
nämlich zu vernichten, zu töten, zu verwirren
und das Leben zu einer Last werden zu lassen.
Für ihn trägt diese Macht persönliche Züge. Das passiert nicht einfach so.
Nein, da ist ein Feind des Lebens, ein Feind Gottes, am Werk und den weist er mit Autorität zurück.

Die Jünger waren dieser Macht ein bisschen entgegengetreten, aber sie hatten nichts erreicht. Kein Wunder!
Da kann man nicht mal so eben was erreichen.
Dem konzentrierten Bösen entgegenzutreten, das ist eine Aufgabe, die vollen Einsatz und volle Kraft braucht.

Und man muss hinabgegangen sein in seine eigenen Tiefen und wissen, wo man anfällig und angreifbar ist.
Und das muss man bearbeiten, denn sonst hat diese dunkle Macht bei uns immer einen Fuß in der Tür. Und dann geht es uns wie den Jüngern.

Jesus kann alles – aber seine Jünger kriegen es nicht so gut hin. Das ist das Problem.

Er hat sie beauftragt und sie haben in seinem Namen schon öfter mal geheilt und böse Geister ausgetrieben – aber auf einmal klappt es nicht mehr.
Diesem konzentrierten Angriff sind sie nicht gewachsen.
Und das fällt sofort auf Jesus zurück.

Nach den Erfahrungen mit seinen Jüngern ist der Vater nun ganz skeptisch, ob denn Jesus überhaupt was erreichen kann bei seinem Kind.

Das ist bis heute so.
Wenn in der Kirche irgendetwas schief läuft, dann fällt das sofort auf Jesus zurück. Da treten Leute aus der evangelischen Kirche aus, weil ihnen der Papst nicht gefällt, oder der Pastor nicht nett genug ist.

Es gibt die merkwürdigsten Gründe Jesus die Freundschaft aufzukündigen.
Ich finde das schlimm, wenn Menschen es nicht schaffen, Gott und sein Bodenpersonal auseinander zu halten.

Um so bemerkenswerte finde ich, dass Jesus sich die ganze Zeit freihält von diesem Klima des Vorwerfens und Anklagens.

Er könnte ja jetzt auch seinen Jüngern Vorwürfe machen:
das hättet ihr besser machen müssen,
ihr habt euch wieder ins Bockshorn jagen lassen,
ihr seid in die Defensive gekommen, ihr habt zu wenig gebetet.
Aber er weiß, dass gerade das jetzt nicht hilft.

Stattdessen stellt er sich vor seine Leute.
Er lässt sich nicht gegen sie ausspielen.
Und der Erfolg ist, dass sie ihr Vertrauen zu ihm behalten und von selbst fragen: warum konnten wir das nicht?

Die Antwort von Jesus klingt zunächst ziemlich einfach:
diese Art von bösem Geist lässt sich nur durch Gebet vertreiben.

Daraus könnte man schließen, dass es auch noch andere böse Geister gibt, bei denen es anders funktioniert.
Also in dem Sinn, dass viele dieser Krankheiten, die die Persönlichkeit von Menschen zu zerstören drohen, mit ärztlicher Behandlung, mit Therapie und modernen Medikamenten zu heilen sind.
Aber es gibt auch solche massiven Attacken des Bösen wo all das nicht greift. Und da hilft wirklich nur Beten.

Aber ist das wirklich so gemeint?
Wir denken bei diesem Satz „da hilft nur noch Beten“ an Situationen, wo Chaos und Panik herrschen und dann selbst der Gottesfernste zu Stoßgebeten greift.

Aber genau das meint Jesus hier nicht.
Im Originaltext steht ein Wort, das sonst gebraucht wird für die regelmäßigen Gebetszeiten, die man einhält, sei es in der Gemeinde oder einfach bei sich zu Hause.

Jesus meint also gerade nicht die Stoßgebete, sondern das regelmäßige Sprechen mit Gott.
Wo man den Kontakt zu ihm hält und ihm auch die Nöte und Probleme bringt, die eigenen und die der anderen Menschen.

Und Jesus sagt:
ihr könnt dem Bösen nur dann wirksam entgegentreten, wenn ihr vorher lange und immer wieder vor Gott gestanden habt.

Beten ist ja nur zu einem Teil das Vorbringen von Bitten.
Und je öfter einer das macht, umso mehr verschiebt sich der Schwerpunkt.
Zu Anfang ist oft die Frage wichtig:
kriege ich denn auch das, um was ich gebeten habe?
Natürlich wird das nie unwichtig, aber es ist nicht mehr die zentrale Frage.

Stattdessen wird die Beziehung zu Gott das Wichtigste,
dass wir immer wieder erinnert werden an ihn, an seine Größe und Macht und an seine Liebe zu uns.
Wir sehnen uns danach, Gott immer besser zu verstehen und suchen seine Nähe, damit unser Vertrauen in ihn erneuert wird und wächst.

Gerade diese Frage nach dem Vertrauen zieht sich ja durch die ganze Geschichte hindurch.

Der Vater fragt ganz skeptisch: kannst du meinem Kind helfen.
Es ist ganz deutlich: wenn er nicht so unter Druck wäre, wenn er nicht so schreckliche Angst um seinen Sohn hätte, er würde Jesus nicht fragen. Aber so greift er zu diesem letzten Strohhalm.

Und Jesus legt auch in dieser dramatischen Situation genau auf diese Stelle seinen Finger und fragt:
was sagst du da? „Wenn du kannst?“
Hast du denn nun Vertrauen in dir, oder nur Anklagen und Vorwürfe?
So hin- und hergerissen bist du! Wie soll das was geben?

Und mit Ach und Krach entscheidet sich der Vater für das Vertrauen und bittet: Hilf meinem Unglauben!

So gerade eben und unter dem Druck der Situation
verbündet sich die Hoffnungsseite im Vater mit Jesus.
Aber das ist hauchdünn.
Und er muss Jesus sofort um Hilfe bitten gegen das ganze Negative, das auch noch im ihm drinsteckt.

Und so ist der Vater hier ein richtiges Gegenbild zu Jesus.
Er ist jemand, der in sich selbst wenig Halt hat.
Er wird hin und her getrieben zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen all dem Ärger und der Liebe zu seinem Sohn.

Und er kriegt das alles nicht mehr unter einen Hut. Aber das ist auch kein Wunder.
Schließlich musste er jahrelang mit ansehen wie die Mächte der Zerstörung auf seinen Sohn einschlugen – und das hinterlässt Spuren.

Aber Jesus macht ihm das nicht zum Vorwurf,
sondern er fordert ihn heraus, jetzt jedenfalls zu bekennen, wo er denn wirklich steht, was denn für ihn gelten soll.

Und in dieser Konfrontation spürt der Vater endlich, was da alles in ihm steckt,
wie viel Zerrissenheit, wie viel Angst und Hoffnungslosigkeit sich in seinem Herzen breit gemacht haben.
Er spürt, wie er sich von Gott entfernt hat,
immer mehr, je länger die Krankheit seines Sohnes anhielt.
Und er merkt, dass es dringend Hilfe braucht und Jesus ihm genau diese Hilfe geben will.

Und auch die Jünger sind an ihre Grenze gekommen.
Sie haben sehr viel bei Jesus gelernt und können mit vielen Situationen umgehen – aber dieser schwere Angriff hat sie doch ziemlich überfordert.

Sicher, Jesus hat ihnen Autorität übertragen, aber sie müssen erst lernen, damit umzugehen. Den Ernstfall muss man üben.

Und sie müssen lernen standzuhalten.
Man kann in so einer Situation mit gereizten, meckrigen Leuten nur bestehen, wenn man sich selbst von aller Gereiztheit und allem Nörgeln getrennt hat, sonst wird man einfach mitgerissen.

Man kann in einer verzweifelten Situation nur bestehen,
wenn man sich der eigenen Verzweiflung gestellt hat
und sie so lange mit Gottes Macht zusammengebracht hat, bis sie überwunden ist.

Im Entscheidenden kommt es darauf an, wer wir denn selbst sind.

Wenn wir Gott zugewandt leben und regelmäßig im Gespräch mit ihm sind, dann wird er uns verändern.
Dann werden wir immer mehr so werden wie Jesus es uns vorgelebt hat.

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