Was gegen Streit hilft

Predigt am 7. August 2011 zu Philipper 2,1-4

Verfasser: Walter Faerber

1 Wenn es also [bei euch] Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, 2 dann macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid, 3 dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. 4 Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.

Die Gemeinde in Philippi war die erste, die Paulus in Europa gegründet hat. Philippi war als Ansiedlung ehemaliger römischer Soldaten in Griechenland gegründet worden. Es war also eine Stadt, in der ein sehr militärischer Geist herrschte. Paulus hatte es schwer, da einen Fuß in die Tür zu bekommen. Er hat mit ein paar Frauen begonnen, die er beim Beten am Fluss getroffen hat.

Einen Durchbruch scheint es dadurch gegeben zu haben, dass Paulus und Silas ins Gefängnis kamen und dort den Leiter des Gefängnisses bekehrten. Solche dramatischen Ereignisse verbinden, und so hat Paulus immer eine besonders enge Beziehung zu dieser Gemeinde gehabt, auch als er weitergereist war. Im Philipperbrief nennt er die Gemeinde seinen »Siegeskranz«, also das Zeichen seines Sieges, heute würde er vielleicht sagen: seine Goldmedaille. Immer, wenn es nicht recht voran ging, dann konnte er sich an diese Menschen in Philippi erinnern und sagen: aber da hat es geklappt! Da hat sich wirklich etwas verändert, dauerhaft und gut.

Als er wieder einmal in Gefangenschaft war, wohl in Rom, erfuhr er aber auch, dass es in der Gemeinde Streit gab. Keine Auseinandersetzungen über den Glauben, sondern menschlichen Ärger. Zwei Kapitel später lesen wir z.B. Folgendes:

4,2 Euodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien im Herrn. 3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen.

Paulus schreibt bei solchen Sachen selten genau, worum es geht. Er musste immer damit rechnen, dass sein Brief auch in falsche Hände geraten konnte. Deshalb benutzt er Andeutungen, die die Beteiligten natürlich verstanden haben, aber wir wissen nicht mehr, worum es damals genau ging. Das macht aber nichts, das Problem ist klar: zwei Frauen, die mit Paulus zusammen in Philippi das Evangelium verbreitet haben, kommen nicht mehr miteinander aus. Vielleicht gehören sie zu der kleinen Gruppe von Frauen, die Paulus ganz am Anfang am Fluss getroffen hat, und die ihm zugehört haben – obwohl er ein Fremder war und Dinge erzählt hat, die nicht nach Philippi passten. Ihre Namen stehen in Gottes Buch – sie waren bei einem entscheidenden Durchbruch als Pioniere dabei. Das sind nicht irgendwelche Trittbrettfahrer, die sich der Gemeinde angeschlossen haben, weil es da so nett und kuschelig ist. Und trotzdem gibt es Ärger zwischen den beiden. Ja, das gibt es.

Dietrich Bonhoeffer, der überall, wo er war, Nachfolgegruppen ins Leben gerufen hat, hat ein Buch über seine Erfahrungen dabei geschrieben, »Gemeinsames Leben«. Da hatte er gerade ein illegales Predigerseminar geleitet, wo die zukünftigen Pastoren mitten im Nazideutschland in einer intensiven christlichen Gemeinschaft miteinander lebten. Man sollte also meinen, dass solche Erfahrungen ganz stark verbinden. Und trotzdem schreibt Bonhoeffer im Rückblick: sobald Menschen beieinander sind, fangen sie an, sich zu taxieren; sie überlegen, wie sie sich gegenüber den anderen behaupten können, und jeder hat da seine besonderen Strategien. Das kann ganz zivilisiert und auch fromm aussehen, und in Wirklichkeit ist es ein tödlicher Kampf.

So war das unter den Jüngern Jesu, die sich darum stritten, wer der Größte sei und das meiste zu sagen hat – wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Markus 10,35-45). So war das in Philippi zwischen Euodia und Syntyche. Man muss ganz realistisch sehen, dass Menschen ein enormes Potential haben, um sich gegenseitig mehr oder weniger heftig anzugreifen, und das passiert auch innerhalb von christlichen Gemeinden. Paulus und Bonhoeffer sagen: so ist es leider. Das passiert sogar den Jüngern Jesu. Deshalb fallt nicht aus allen Wolken, wenn es Streit gibt, so nach dem Motto: was ist das für eine Gemeinde! Jetzt kann ich ja an gar nichts mehr glauben, wenn selbst wichtige Leute in der Gemeinde so miteinander umgehen!

Rechnet realistisch damit, dass Menschen um das kämpfen, was sie als ihren Platz in der Welt ansehen. Seid nicht entsetzt deswegen, aber tut etwas dagegen. Denn vermutlich waren Euodia und Syntyche auch nicht die einzigen in Philippi, die so aneinander geraten sind. Streit und Misstrauen stecken an. Und deshalb erinnert Paulus in seinem Brief an das Potential, das eine Gemeinde hat, um solchem Streit entgegenzutreten.

Da gibt es zum einen den treuen Gefährten, an den sich Paulus wendet. Anscheinend nennt Paulus auch da lieber nicht den Namen, der Angesprochenen wird wissen, dass er gemeint ist. Der soll sich um die beiden kümmern. Er soll nicht neutral danebenstehen und abwarten, wer gewinnt. Sondern er soll versuchen, sie wieder zusammenzubringen, auch auf die Gefahr hin, dass sie anschließend beide sauer sein könnten. Er soll die Verantwortung für das Problem übernehmen, er soll etwas riskieren und sie erinnern, dass die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen doch viel größer sind als ihre Probleme miteinander. Hey, ihr habt so viel miteinander erreicht, ihr habt miteinander ein wichtiges Kapitel in Gottes Geschichte geschrieben, ihr werdet eines Tages gemeinsam in einem Vers der Bibel auftauchen, ist das nicht viel größer als die Probleme zwischen euch?

Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die an die Gemeinsamkeiten erinnern, an die Basis, auf der Christen stehen: der Glaube sowieso, aber eben auch die Geschichte Gottes, an der wir alle miteinander teilnehmen.

Und hier am Anfang des Briefes, in unserem Text heute, beschreibt Paulus das Potential, das in Philippi zur Verfügung steht, um solche Auseinandersetzungen zu überwinden:

1 Wenn es also [bei euch] Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen …

Paulus sagt: das alles kennt ihr. Es ist unter euch präsent. Erinnert euch an das, was bei euch vorhanden ist, damit es wieder Wirkungskraft bekommt.

Z.B. »Ermahnung in Christus«. Ermahnung ist eigentlich keine besonders glückliche Übersetzung, weil es so nach Schule und Disziplinarmaßnahme klingt. Das Wort, das da im griechischen Original steht, ist eigentlich kaum wörtlich ins Deutsche zu übersetzen, man kann es nur umschreiben. Es geht darum, dass einer in mein Leben hineinspricht, so dass ich mich neu sehen kann und dadurch ermutigt werde. Dass jemand mir die Augen dafür öffnet, wie Jesus, der in mir lebt, mich noch stärker umgestalten kann. Mehr von seinem Potential in meinem Leben zu sehen, das ist eine große Ermutigung, und eine Freude, wenn es dann tatsächlich geschieht.

Andererseits kann das ganz leicht mit manipulativer Einmischung verwechselt werden, und es kann auch wirklich darauf hinauslaufen. Man kann Menschen bevormunden, und wenn die sich dagegen wehren, dann rechtfertigt man sich, indem man sagt: »ich wollte dir doch nur helfen, ich habe es doch gut gemeint«. Die große Chance und die große Gefahr liegen ganz eng beieinander. Deshalb spricht Paulus von »Ermahnung in Christus«, als Hinweis, dass da nicht ein Mensch einfach auf den anderen wirkt, sondern Jesus ist als Dritter dabei.

Wenn also der treue Gefährte, den Paulus anspricht, sich um Euodia und Syntyche kümmert, dann wird er ihnen hoffentlich keine Vorwürfe machen und kein schlechtes Gewissen, sondern er wird sie erinnern an ihre gemeinsame Verwurzelung in Christus, an ihre gemeinsame Geschichte . Die ist viel entscheidender als die Gelegenheiten, wo Euodia den wunden Punkt von Syntyche erwischt hat und umgekehrt. Wir werden uns immer bis zu einem gewissen Grad auf die Nerven gehen, aber es ist schon mal gut, wenn man weiß, dass Jesus uns trotzdem in sein Werk einbauen kann. Und vielleicht kann der treue Gefährte den beiden auch helfen, aus dieser Bedrückung durch die andere herauszuwachsen und so am Ende stärker, reifer, klüger und liebevoller zu sein.

Das nächste ist »Zuspruch aus/der Liebe«. Auch das ist wieder schwer in ein deutsches Wort zu packen. Da stellt man sich dem anderen an die Seite und erzählt ihm sein Leben auf eine neue Art, so dass er Vertrauen fassen kann in den Weg, den Gott ihm eröffnet. »Du glaubst nicht, dass du viel erreichen kannst, du bist immer müde und kaputt, aber Jesus hat dich berufen, neu zu werden, und erinnerst du dich, damals, als wir mit ganz wenigen Leuten diese neuen Erfahrungen machten, da hattest du so viel Energie – da ist doch etwas in dir, was du wieder wecken kannst, und das ist deine wahre Wirklichkeit, dazu bist du berufen. Du musst dich doch nicht vergleichen mit Leuten, die das anscheinend viel besser hinkriegen – du bist nur für das verantwortlich, was in dir steckt, aber das halte fest, daran erinnere dich, wenn du dich mal wieder nicht aufraffen kannst!«. So oder ähnlich, das macht jeder auf seine Art, aber wenn es das gibt, dann schafft das eine Grundstimmung, in der Kämpfen und Meckern und Angreifen nicht so gut gedeihen.

Dann erinnert Paulus an die »Gemeinschaft des Heiligen Geistes«. Der Heilige Geist wohnt in einer Gemeinde, das Leitbild ist nicht so sehr ein einzelner, der von Gottes Geist berührt wird, sondern vor allem eine ganze Gemeinschaft, die einen Raum bildet für den Heiligen Geist. Das heißt, ich brauche die anderen, um den Geist Gottes zu empfangen. Gott hat es so eingerichtet, dass der Andere für mich am entscheidenden Punkt eine Hilfe ist und kein Problem.

Ok., wenn ein anderer mir mit seiner Art tatsächlich im Weg steht, dann wird der Heilige Geist Mittel und Wege finden, auch an ihm vorbei zu mir zu kommen. Aber wenn möglich sollen wir erleben, wie andere uns trotz ihrer Problematik helfen, den Heiligen Geist in vollerem Maß zu empfangen. Da erlebt man etwas, was man ohne den anderen nicht erleben könnte. Das ist eine starke Motivation, um einen Weg des Zusammenbleibens zu finden. Denn aus einer Gemeinde voller Spannungen und versteckter Rivalitäten zieht sich der Heilige Geist zurück.

Schließlich »herzliche Zuneigung und Erbarmen«. Das Wort im Original lässt anklingen, dass wir den anderen in unser Innerstes aufnehmen sollen. Wir sollen ihn unser Herz finden lassen. Wir sollen seine Schwächen und Schwierigkeiten mitempfinden, zu unseren eigenen machen. Das ist sozusagen eine innere Gastfreundschaft, die wir gewähren. Bei den ersten Christen war ja Gastfreundschaft etwas ganz Zentrales, dass man fremde Menschen in sein Haus aufgenommen hat, dass sich die Gemeinden ja auch in den Privathäusern getroffen haben. Und dann kamen Leute aus anderen Kulturen und Schichten direkt in meine gute Stube. Der Andere blieb nicht draußen, auf Distanz, sondern die Menschen mit ihrer Problematik und ihrer anderen Art kamen in den Privatbereich hinein.

Und dieser äußeren Gastfreundschaft entspricht hier eine innere Haltung, die den anderen auch in das Innere meiner Person hineinlässt, die ihn in seiner Widersprüchlichkeit und in seinem Schmerz wahrnimmt und das auch zu meiner Sache macht. So wie Jesus sich von den Verwerfungen in der Welt treffen lässt und sie trägt.

Es geht Paulus also nicht um einen moralischen Appell: geht nett miteinander um, schluckt den Ärger runter. Das würde auf die Dauer nur dazu führen, dass sich der Ärger unterschwellig immer weiter ausbreitet. Es geht Paulus um das wirkliche Potential, das Menschen so tief miteinander verbindet, dass sie auch die Trennungen überwinden können, die wir unser Leben lang nicht los werden. Aber sie werden dann unbedeutender, weil es etwas Wichtigeres gibt.

An dieses Potential, an diese Kraft erinnert Paulus die Gemeinde, damit es bei ihr stärker wird. Und es ist das Potential, das auch unter uns vorhanden ist und stärker werden soll.

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