Feurige Schlangen vom Rand der Welt

Predigt zu 4. Mose 21,4-9 am 25. März 2012

Verfasser: Sabine Meurer

4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege 5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise. 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. 7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Hinter den Israeliten liegt endlich die Zeit der jahrhundertelangen Sklaverei in Ägypten. Hinter ihnen liegt der Aufstand gegen den Pharao, die nächtliche Flucht aus seinem Land und die Rettung vor den Verfolgern am Schilfmeer. Sie hatten sich im Vertrauen auf Gott und mit viel Energie und Vorfreude auf den Weg gemacht in das versprochene Land. Aber zwischen Ägypten und diesem Land der Verheißung liegt die Wüste: Sand und Fels, flimmernde Hitze, Durst und Hunger. Und das macht den Israeliten jetzt, nach fast 40 Jahren schwer zu schaffen. Sie werden müde und ungeduldig. Mutlosigkeit macht sich breit.

Dabei waren sie doch auf Gottes Verheißung hin losgezogen. Sie sind dem Ruf in die Freiheit gefolgt, sie spürten die Lust auf das Neue. Sie waren so neugierig auf das, was Gott mit ihnen vorhatte. Aber irgendwie ist ihnen alle Freude und aller Schwung auf diesem langen Weg durch die Wüste abhanden gekommen.

Alles wird ihnen zuviel. Die vielen Umwege, die sie gehen müssen, jetzt schon wieder, nur weil die Edomiter sie nicht durch ihr Land ziehen lassen wollen. Das Essen ist nur noch schrecklich. Sie sehnen sich nach einem saftigen Stück Fleisch und schimpfen auf das Manna. Es ekelt uns an, sagen sie und sie sehnen sich zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens.

Sie verlieren den Blick für all das Gute, was Gott ihnen schon gegeben hat und auch immer noch gibt. Sie machen nieder, was Gott ihnen in seiner Fürsorge gegeben hat. Das Manna, eigentlich doch ihr Überlebensbrot, wird ihnen zum ekligen Fraß. Gottes Fürsorge ist ihnen alltäglich geworden und es reicht ihnen nicht mehr.

Alles erscheint ihnen grau in grau. Sie haben keine Lust mehr. »Was soll das alles«, denken sie, »wären wir doch nur in Ägypten geblieben!«

Liebe Gemeinde: Wüstenwanderungen sind gefährlich. Man begegnet allen möglichen Gefahren und Widrigkeiten des Lebens. Noch gefährlicher: man begegnet sich selbst, der eigenen Ungeduld, den eigenen Schwächen. Wie reagiere ich, wenn es schwierig wird. Wohin geht mein Herz, wenn es, um im Bild der Wüste zu bleiben, am Tag von der Sonne zu verglühen scheint und in der Nacht vor Kälte erstarrt.

Natürlich müssen wir nicht wie die Israeliten durch eine wirkliche Wüste ziehen um Antworten zu finden. Das ist überhaupt nicht nötig. Gott lässt uns auch so unsere Wüstenerfahrungen machen.

Wir kennen das Gefühl auf der Stelle zu treten, nicht vorwärts zu kommen. Wir wissen wie es ist , wenn einem der Weg mühsam und lang wird. Wenn wir etwas aushalten müssen und so gar nicht wissen, wann denn wohl die besseren Zeiten wieder anfangen. Wird es überhaupt jemals wieder besser? Und dann rütteln Mutlosigkeit und manchmal auch Hoffnungslosigkeit an der Tür unseres Herzens und wollen rein.

Und weil wir keine Kraft mehr haben und uns die Misserfolge oder Schicksalsschläge in unserem Leben schon so kleingekriegt haben, machen wir die Tür auf. Und dann sind wir genau da, wo die Israeliten auch sind, und wir schreien mit ihnen gemeinsam: ich kann nicht mehr! Ich will auch nicht mehr.

Ihr habt völlig Recht, wenn ihr jetzt sagt: das ist doch ok. Natürlich dürfen wir und sollen wir ja sogar vor Gott alles rauslassen was uns quält, unsere Ängste und unsere Sorgen. Unser Weinen und Klagen hat seinen Platz bei Gott. Ganz viele Psalmen in der Bibel zeigen uns das. Jesus selbst ist im Garten Gethsemane mit seiner Angst und mit seinen Tränen zu Gott gegangen.

Aber die Israeliten tun genau das Gegenteil. Sie wenden sich ab von Gott. Sie stellen seine Heiligkeit in Frage. Sie stellen in Frage, dass Gott sie gehört und befreit hat. Sie beschweren sich ja nicht nur, sondern sie kündigen ihr Verhältnis mit Gott auf. Das ist etwas ganz anderes als Wehklagen oder sich zu beschweren.

Die Israeliten verachten das Gute, was er ihnen gegeben hat und auch immer noch gibt. Sie schauen von Gott weg. Das Wegschauen von Gott bedeutet ihren Tod. Sie wollen Gott nicht, und bekommen jetzt was sie wollen.

Gott zeigt ihnen , wie es ist, ohne ihn zu leben. Schlangen fallen über das Lager her und stürzen sich auf die Menschen, und alle sind völlig schutzlos dem Schrecklichen ausgeliefert. Überall wimmelt es von Schlangen, sie sind ekelig, sie beißen, sie sind giftig, sie töten. Es ist der Albtraum schlechthin. Es ist nur noch furchtbar, und die Israeliten beginnen zu kämpfen. Mit allem was irgendwie greifbar ist, versuchen sie die Schlangen zu töten. Aber es kommen immer wieder neue nach, und viele Israeliten sterben.

Irgendwann in diesem Albtraum, in diesem Wahnsinnsschrecken, in ihrer Todesangst merken sie was sie getan haben und laufen zu Mose: »Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben«, sagen sie. »Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme«.

Und Mose betet, aber Gott nimmt die Schlangen nicht weg. Und es wird deutlich, wie ernst es Gott ist mit Schuld und Verfehlung. Er macht die Sache mit den Schlangen nicht ungeschehen.

Die Schlangen bleiben. Gott ist hier nicht der »liebe Gott«, der uns alles aus dem Weg räumt, wie wir es uns wünschen. Er ist kein Wünscheerfüller.

Aber er ist auch nicht der wutschnaubende Rächer, nicht der grausam-erbarmungslose Zerstörer, der die Menschen in ihrer Not alleine lässt.

Nein, er ist der Gott der Liebe und des Lebens. Er ist der Gott der Versöhnung und des Friedens. Und deshalb lässt er von Mose ein Symbol der tödlichen Bedrohung anfertigen, ein Schlangenbild aus Eisen. Und er soll es hoch aufrichten, damit sie nicht mehr nach unten sehen, sondern nach oben zu Gott, von dem die Hilfe kommt. Und jeder der sich aufrafft, dorthin zu sehen, der überwindet den Schrecken der Wüste und wird geheilt, obwohl er gebissen wurde.

Aber die Erinnerung an die Schrecken des Bösen bleibt. Es ist nicht einfach weg und vergessen.

Wegzusehen von den Schlangen, von der tödlichen Bedrohung, das ist gar nicht so einfach. Das braucht Vertrauen, Vertrauen zu Gott. Dieses rettende Symbol der Schlange lässt er ja für alle Israeliten aufstellen, aber nur wer hinschaut wird gerettet. Es gibt immer noch zu viele die das nicht schaffen. Sie sind zu Einzelkämpfern geworden. Sie schlagen weiter um sich und versuchen dem Elend Herr zu werden. Sie strengen sich noch mehr an und wollen alleine durchkommen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wir wissen das.

Vielleicht kennen wir auch Menschen, die sich auf diese Art durchs Leben quälen. Verstrickt in Angst, Krankheit, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit kämpfen sie um ihr Leben. Sie denken, genau wie einige der Israeliten: dass es vernünftiger ist weiterzukämpfen, lieber die Schlangen totschlagen als auf die Eisenschlange zu schauen.

Sie werden es nicht schaffen. Abgewandt von Gott wird das Böse sie überwinden. Die Schlangen werden sie töten. Aber wer auf die erhöhte Schlange sieht, wer aufblickt und auf Gott schaut, der wird gerettet.

Das heißt, es geht nicht ums Weggucken. Es geht nicht darum, dass man all das Dunkle schnell hinter sich lässt, sondern wir sollen darum wissen. Wir sollen wissen wie die Welt ist, wenn Gott aus ihr verschwunden ist. Wir sollen wissen, welche Dunkelheiten am Rande unserer Welt lauern. Aber sie sollen uns nicht erschrecken, sie sollen uns daran erinnern, wie nötig wir Gott und sein Leben brauchen. Deswegen müssen die Israeliten auf die aufgerichtete Schlange schauen, aber sie sehen die Schlange vor dem Hintergrund des Himmels. Und sie sehen: der Himmel ist viel größer als die Schlange. Gott ist größer als die Macht der Dunkelheit.

Im Neuen Testament ist die aufgerichtete Schlange eine Vorabbildung des gekreuzigten Jesus. Auch er hing zwischen Himmel und Erde. Auch ihn sah man vor dem Hintergrund des Himmels. Seinen Tod muss man vor dem Hintergrund der Auferstehung sehen. Aber der Tod ist eben nicht vergessen. Er erinnert uns daran, dass bis heute unserer Welt Menschen gequält, verleumdet und getötet werden. Und das sollen wir nie übersehen. Das alles kann nur geheilt werden, wenn wir es sehen und nicht verdrängen.

Jesus hat unsere Beziehung zu Gott wieder hergestellt. Alles was uns Menschen von Gott getrennt hat, hat Jesus überwunden. Er hatte alle Schuld auf sich genommen. Das Böse ist nicht vergessen, es ist nicht weg. Aber es ist überwunden. Schauen wir auf Jesus. In seinem Leben und Sterben hat er uns gerettet. Die Kluft zwischen Gott und den Menschen ist überwunden.

Heben wir also unseren Blick auf Jesus. Wir dürfen aufsehen. Wir müssen uns nicht verstecken in unserer Schuld und weiter elend und gebeugt durchs Leben gehen. Aufgerichtet, auf Gott schauend , in der Kraft Jesu sollen wir unser Leben leben.

Mit ihm an unserer Seite können wir standhalten und dem Bösen den Kampf ansagen. Wer Jesus am Kreuz vor Augen hat, der sieht hinter dem Kreuz auch den Beginn eines neuen Lebens und einer neuen Welt.

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