Die Welt ganz anders

Predigt am 31.12.2012 zur Jahreslosung 2013, Hebräer 13,14

Verfasser: Walter Faerber

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Die Lebenshaltung, die sich in diesem Satz wiederfindet, ist gar nicht so leicht durchzuhalten: sich nicht im Status Quo einzurichten, sich nicht einfach an die Welt, wie sie eben ist, zu gewöhnen, sondern festzuhalten, dass da noch etwas kommen soll. Dass diese Welt zu etwas Größerem und Bessern bestimmt ist. Es geht darum, der Verheißung zu trauen, die über unserer Welt liegt, und nach ihr auszuschauen. Und auf der anderen Seite trotz unseres Wissens um die Vorläufigkeit und Brüchigkeit unserer Welt sie nicht aufzugeben, sondern für sie zu sorgen, Verantwortung zu übernehmen und sie nicht abzuschreiben.

Das ist eine Gratwanderung, und man muss aufpassen, dass man weder rechts noch links abstürzt. Auf der einen Seite gibt es die Menschen, die sich in der Welt eingerichtet haben, die angeblichen Realisten, die sich ein gutes Plätzchen sichern und sagen: das ist das Beste, was wir hier erwarten können, so ist es eben. Hauptsache zu Frieden. Nur keine Experimente! Wir alle sind es, die so drinstecken in dem, was nach Normalität aussieht, dass wir uns kaum etwas anderes vorstellen können. Aber das ist die Welt, die Jesus gekreuzigt hat und wo bis heute Menschen und Tiere rücksichtslos ausgenutzt werden um des kurzfristigen Vorteils willen. Wollen wir mit dieser Art von Welt wirklich so eng verbandelt sein?

Aber unsere Fantasie ist chronisch unterentwickelt, wenn es darum geht, uns die Welt anders vorzustellen, als sie jetzt ist. Könnte es sein, dass wir einer Zukunft entgegengehen, in der der Lebensstandard sinkt statt zu steigen oder wenigstens zu stagnieren? Wie würde wohl das Leben aussehen, wenn Benzin, Strom und Gas dreimal so teuer sind wie heute, wenn der Staat noch ärmer wird und sich nicht mehr um die Schwachen kümmert? Wie wäre das für uns, wenn wir so abstürzen würden, wie – Griechenland z.B.?

Aber auch etwas Besseres können wir uns kaum vorstellen – dass wir enger miteinander zusammen gehören und uns dabei trotzdem genug Freiheit lassen, dass wir in schweren Zeiten zusammenhalten und nicht jeder allein durchzukommen versucht, dass wir mehr gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten haben und weniger abhängig sind von den Entscheidungen der Mächtigen – auch da tut sich unsere Fantasie schwer. Im Bösen wie im Guten können wir uns nur schwer etwas vorstellen, was ganz anders ist als der Istzustand.

Aber genau dieses Denken in Möglichkeiten und Verheißungen will der Hebräerbrief stärken. Ein ganzes langes Kapitel lang erzählt er von Menschen, die aufgebrochen sind in ein fremdes Land, die Wagnisse eingegangen sind, die durchgehalten haben, weil sie auf das Unsichtbare gehofft haben, auf das, was noch nicht zu sehen ist, was noch nicht da ist, aber kommen soll. Und immer wieder sagt er: nehmt euch an denen ein Beispiel! Lebt so beweglich wie sie, so offen für das Neue, so auf die Zukunft Gottes hin orientiert! Richtet euch nicht zu häuslich ein in der Welt, die kann schneller zu Ende sein, als ihr denkt: entweder weil es alles noch schlimmer kommt, oder weil es viel besser wird. Richtet euch nicht im Vorhandenen ein, sondern lebt mit den verborgenen Möglichkeiten Gottes! Das ist Glauben, darauf kommt es an.

Das heißt nun aber wieder nicht, dass wir uns von der Welt verabschieden sollten, weil sie ja eh nicht zu retten ist. Auch in der Zeit, als die frühen Christen über dies alles nachdachten, gab es Menschen, die sagten: diese Welt hat keine Perspektive, wir suchen uns irgendeinen stillen Winkel in der Wüste, und überdauern dort, bis alles zu Ende ist. Andere lebten weiter im normalen Leben, aber sie koppelten sich innerlich davon ab und trafen sich in kleinen Zirkeln mit Gleichgesinnten – für alles andere hatten sie keine Hoffnung mehr. Sie glaubten sogar, eine Art Teufel habe diese Welt gemacht, um uns zu schaden. Sie sagten: Die Welt ist grundlegend böse und wird vergehen, zum Glück!

Diese Sackgassen haben die Christen vermieden. Sie haben festgehalten, dass die Welt von Gott gut geschaffen ist und haben darauf gehofft, dass alles noch einmal ganz anders würde. Sie haben die Brüchigkeit und Gefährdung der Welt mitsamt dem Leid und den Schmerzen oft am eigenen Leibe gespürt, aber noch viel mehr lebten sie von der Verheißung, die über der Schöpfung liegt.

Dies ist der Ort, wo Gott noch einmal etwas ganz Neues schaffen wird. Diese Schöpfung wird noch einmal zu ihrer wahren Bestimmung befreit werden. Und deshalb lieben wir sie schon jetzt und pflegen sie und erinnern sie an ihren Ursprung bei Gott und ihre Zukunft bei Gott.

Diese Zukunft steckt schon verborgen in und hinter der Welt, in ihren Rissen und Hohlräumen, mal mehr und mal weniger verborgen. Die neue Welt dringt durch alle Ritzen in die alte ein, und wir können sie suchen und da unsere Kraft her nehmen. Und wenn die Verhüllung ganz weggenommen wird, dann wird sich zeigen, dass nichts verloren gegangen ist. Alles was wir schon investiert haben in die neue Welt, das bleibt. Jede hoffnungsvolle Tat und jeder liebevolle Gedanke, jedes Wort voller Vertrauen in Gottes Möglichkeiten, das ist jetzt schon Teil des Neuen und wird hell strahlen , wenn die Zeit gekommen ist. Die neue Welt zu suchen, das heißt: jetzt schon aus ihr und für sie leben und sich nicht vom Status Quo die Fantasie platt machen lassen.

Jahreslosung2013Hier sehen Sie ein Bild (Dank an den Verlag am Birnbach, der das Bild von Stefanie Bahlinger im Internet zur Verfügung gestellt hat), in dem das schön zum Ausdruck kommt. Da sind so große Torbögen und Mauern, und es sieht aus, als ob die schon im Verfall begriffen sind – jedenfalls liegt unten so Zeugs rum wie Trümmerhaufen oder Schuttberge, wie wir das von Bildern zerstörter Städte kennen, nach Erdbeben oder Krieg z.B. Das zarte helle Grün der Schöpfung ist in dieser Stadt einem schmutzigen Mischmasch gewichen. Dunkle Vierecke rechts unten können heruntergefallene Steinquader sein, Schattenstellen, wo die Sonne nicht hinkommt oder auch Häuser, aus denen schon alles Leben gewichen ist.

Aber draußen vor dem Tor, da leuchtet es hell. Und da ist ein Kreuz zu sehen. In den Versen vor dieser Jahreslosung ist nämlich davon die Rede, dass Jesus draußen vor den Toren der Stadt gestorben ist. Draußen auf Golgatha, an dem Nicht-Ort, wo keiner hin will, da ist Jesus gestorben, und deshalb ist die Hoffnung dort draußen, bei dem Kreuz, über dem das helle Licht der Auferstehung leuchtet. Ein helles Lichtbündel fällt von oben auf diese Stelle. Da beginnt die neue Schöpfung. Die Hoffnung und die neue Welt ist dort draußen, außerhalb der Stadt, außerhalb des Systems, außerhalb des Gewohnten. Aber dieses Licht bleibt nicht draußen, es dringt durch alle Ritzen ein. Und in dieser Trümmerstadt gibt es Häuser, die dieses Licht schon widerspiegeln, auf denen ein Glanz liegt, Häuser mit roten Dächern, die Leben und Liebe und Freude anzeigen. Das sind die einzigen einigermaßen klaren Farben in dieser schmutzigen Stadt.

Mitten in der alten Welt gibt es also schon Häuser, die die neue beherbergen: Orte, wo Menschen auf die Zukunft schauen, die herankommt, wo sie zusammen Abendmahl feiern, wo die Freude wohnt und wo sie mit Liedern Gott loben. Wohnliche Orte voller Licht und Leben. Noch nicht so hell und strahlend wie draußen das helle Licht der herankommenden Zukunft, aber doch Orte, wo Menschen sich wohl fühlen können und wo sie lernen, sich nicht mit der Trümmerstadt zufrieden zu geben.

Wir wissen nicht, wie es mit uns mit weitergehen wird. Ob wir einer Zeit voller Krisen und Probleme entgegengehen oder ob wir uns wieder berappeln werden, oder ob es irgendwo dazwischen liegt. Wahrscheinlich werden wir noch lange in diesem Zwischenzustand bleiben, wo man nicht weiß, worauf es hinausläuft, wo man in Gefahr ist, ewig abzuwarten, und wo wir dennoch üben sollen, von den großen Verheißungen her zu leben.

Auf jeden Fall, wir werden sicher gehen, wenn wir unser Herz nicht zu sehr an die Welt hängen, wie wir sie kennen. Aber wir sollen sie festhalten und lieben um des Neuen willen, das von Gott her kommt und seinen Glanz schon jetzt voraus schickt. Wir sollen an der Welt festhalten um der Verheißung willen, die über ihr aufstrahlt – da kann man sogar an den Stern von Bethlehem denken.

Unter dieser Verheißung lasst uns das neue Jahr aus Gottes Hand entgegennehmen:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

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