Was normal wäre

Predigt am 5. August 2012 zu Matthäus 13,44-46

Verfasser: Walter Faerber

44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. 45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, 46 und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Wenn Jesus Gleichnisse erzählt hat, dann ist es als ob er ein Bild gezeichnet hat, ein Kunstwerk geschaffen hat, und bei jedem guten Kunstwerk ist es so, dass man es nicht einfach mit drei Sätzen zusammenfassen kann, und das war es dann, sondern da steckt eine Fülle an Bedeutungen drin, die sich erst nach und nach erschließen. Und man weiß nie, ob man schon fertig ist, oder ob man eines Tages noch ganz neue Entdeckungen machen wird.

Mit ganz wenigen Worten zeichnet Jesus hier zwei Geschichten, aber es sind zwei Geschichten, die es trotzdem in sich haben, und er sagt: so ist es mit dem Reich Gottes!

Das Wort »Reich Gottes« oder, wie es hier heißt, das »Reich der Himmel« war für die Menschen damals ein vertrauter Begriff. Das unterscheidet sie von uns; für uns ist das ein eher fremdes oder missverständliches Wort. »Reich Gottes« oder »Herrschaft Gottes«, da geht es darum, dass die Welt wieder so funktioniert, wie sie ursprünglich geschaffen war: als eine Zone des Lebens, der Freude und der Fülle, die Gott gegen das lebensfeindliche Chaos geschaffen hat. Die Geschichten vom Paradies erinnern an die ursprüngliche Herrlichkeit der Schöpfung. Da gehört aber auch die Geschichte dazu, wie Menschen sich von Gott abgewandt haben und so dem Chaos, dem Tod und der Zerstörung eine Tür geöffnet haben. Und nun ist die Welt von Unrecht und Willkür gezeichnet, und sie könnte daran sogar ganz zugrunde gehen.

Aber die Menschen in Israel lebten mit der Hoffnung, dass sich Gott diesem Chaos noch einmal entgegenstellen würde, dass er für Recht und Gerechtigkeit sorgen und seiner Welt den Frieden bringen würde. Darauf hofften sie, aber sie fragten sich: wie lange dauert das noch? Was muss noch alles passieren, damit Gott endlich eingreift?

Und die Frage war: wie könnte Gottes Hilfe wohl aussehen? Wie wird es geschehen? Da gingen die Meinungen auseinander. Jesus sagte dazu: schaut nicht immer aus nach einer fernen Zukunft. Das Reich Gottes ist anders, es ist schon da, verborgen und unauffällig ist es schon zu euch gekommen. Und er meinte damit: es ist mit mir gekommen. Noch nicht in der ganzen Welt, aber da, wo ich bin. Deshalb ist es ganz nah. Und ihr könnt dabei sein.

Und alles was Jesus tat: wenn er Menschen heilte und befreite, wenn er die Gruppe seiner Jünger aufbaute und mit den ideologischen Leitfiguren diskutierte, wenn sich unter seinen Worten die Menschen veränderten und er ihnen auch noch zu essen gab – das alles waren Zeichen dafür, dass Gott sich seine Welt tatsächlich zurückholt. Gottes Kraft ist in der Welt, in Jesus ist sie konzentriert.

Und Jesus erzählt seine Gleichnisse als Augenöffner, damit wir die Muster des Reiches Gottes erkennen. Er sagt: wenn das Reich Gottes zu dir kommt, dann geht das so wie bei einem Mann, der in einem fremden Feld einen vergrabenen Schatz fand. Vielleicht war das ein Angestellter des Besitzers, der beim Pflügen auf einen Tontopf mit Silbermünzen stieß. Irgendwer hat da mal sein ganzes Geld vergraben, vielleicht im Krieg, in unsicheren Zeiten. Aber dann hat er sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Jetzt stößt da einer zufällig drauf, und es ist mehr Geld, als der Mann normalerweise in seinem ganzen Leben verdienen wird. Eine freudige Überraschung! Jetzt ist er reich, er hat ausgesorgt – es gibt nur noch ein kleines Problem: das Feld gehört ihm nicht. Deshalb tut er schnell wieder Erde über seinen Fund, und dann kratzt er all sein Geld zusammen, verkauft sein Häuschen, löst die Lebensversicherung auf, und kauft das Feld mit dem verborgenen Schatz.

Das ist eine Geschichte, die unsere Gedanken in alle möglichen Richtungen bewegt. Vielleicht die wichtigste Frage: hat es geklappt? Hat er am Enden den Schatz gehabt? Ich denke schon – ein Fehlschlag hätte mit erzählt werden müssen. Aber das lenkt unsere Gedanken genau auf diesen Augenblick in der Mitte, zwischen der Entdeckung und dem Kauf. Genau in der Mitte gibt es einen Augenblick der Unsicherheit: der Mann hat alles verkauft, er hat sein ganzes bisheriges Leben aufgegeben, sein Haus, seine Sachen, alles – und wird es jetzt klappen? Wird nicht im letzten Moment noch etwas dazwischen kommen? Er hat alles auf eine Karte gesetzt – wird es gut gehen?

So ist das mit dem Reich Gottes, sagt Jesus. Du musst das Alte aufgeben, damit das Neue zu dir kommen kann. Es ist ein Übergang. Jeder Übergang ist ein Wagnis. Er bringt Unsicherheit, er birgt Risiken in sich. Hinterher bist du heilfroh, dass du es getan hast, aber vorher denkst du mindestens irgendwann in einer stillen Stunde: worauf habe ich mich da bloß eingelassen? Mit einem Teil unserer Person wünschen wir uns, dass alles so bleibt, wie es ist. Wir stellen uns nicht gern um. Unser Gehirn baut nur dann neue Nervenbahnen auf, wenn es muss. Deswegen ändern wir uns meistens nur aus zwei Gründen: entweder wenn wir müssen, wenn wir es gar nicht vermeiden können, wenn wir durch äußere Gründe gezwungen sind, wenn wir älter werden und es einfach nicht mehr so ist wie früher, wenn wir umziehen oder den Arbeitsplatz wechseln, wenn uns etwas genommen wird, das uns wichtig war. Oder wir verändern uns aus Freude, weil wir etwas Neues entdecken, weil wir eine Chance sehen und wahrnehmen.

Und diese Geschichte sagt: das Reich Gottes gehört zur zweiten Sorte. Wir werden verändert, weil da etwas sehr Gutes in unser Leben tritt. Eine neue Möglichkeit wird sichtbar, ein Versprechen, eine Verheißung. Ein Schatz, von dem man vorher noch nichts gewusst hat. Und von dem Mann heißt es: in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte das Feld. Für ihn spielte offenbar dieser Moment der Unsicherheit keine entscheidende Rolle. Alles zu verkaufen war für ihn kein Problem, weil die Freude über den Fund alles andere überstrahlte. Wenn Menschen dem Reich Gottes begegnen, das in Jesus nahe herbei gekommen ist, dann ist das so eine gute Begegnung, dass es kein Problem ist, das Alte hinter sich zu lassen. Davon gibt es viele Geschichten, von Menschen, die Jesus begegnen, alles stehen und liegen lassen und mit ihm mitgehen.

Wir wissen aber auch von Menschen, für die das nicht so war. Im gleichen Kapitel, am Anfang, redet Jesus ausführlich über Menschen, die ihm begegnen und sich dann aus allen möglichen Gründen wieder davon abbringen lassen. Jesus hat der Realität ins Auge gesehen: es gibt genügend Menschen, die auf etwas sehr Gutes stoßen und dann doch lieber beim Gewohnten bleiben. Hier in dieser Geschichte vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle, für die ein Kaufmann alles investiert, erzählt er den Verlauf, wie es eigentlich sein müsste, wie es im Interesse der Menschen wäre, wie es der Logik entsprechen würde: wenn dir so eine Chance begegnet, dann greif zu!

Es ist, als würde Jesus sagen: wenn es um Geld geht, dann wisst ihr, was ihr zu tun habt. Wenn man etwas gewinnen will, dann muss man investieren. Von nichts kommt nichts. Jetzt übertragt das doch mal auf das Reich Gottes: auch da gibt es Gelegenheiten, die man beim Schopf packen muss.

Immer mal wieder kommt Gott zu uns und lädt uns ein zu einem Abenteuer mit ihm. Er stellt uns vor Herausforderungen, er ruft uns, damit wir unsere Komfortzone verlassen, den vertrauten Raum, in dem wir uns auskennen. Denn auf die Dauer würde unser Leben verdorren, wenn wir immer da bleiben, wo wir uns auskennen. Deshalb ruft uns Gott von Zeit zu Zeit auf einen Weg, von dem wir nicht genau wissen, wie er er aussieht, und wo unsere Sicherheit nur darin besteht, dass er verspricht, uns zu begleiten. Und es ist gut, wenn wir Ja sagen.

Wenn wir uns aber dann mit dieser Brille die Welt ansehen, dann können wir entdecken: das ist auf eine gewisse Weise eine Grundstruktur unserer Welt. Irgendwer und irgendetwas bringt uns immer wieder in Bewegung, oft genau dann, wenn wir uns gerade das Leben richtig eingerichtet haben. Irgendwie bleibt das Leben nicht ruhig, und manchmal erleben wir das als leidvollen Moment des Schmerzes und des Bruchs. Es gibt nicht dieses normale Leben, das so verläuft, wie man es sich vorstellt, wo alles in geregelten Bahnen läuft von der Wiege bis zur Bahre, kontrollierbar und gegen alles versichert. Das normale Leben ist chaotisch, gekennzeichnet durch Brüche und Irrwege. Im normalen Leben gibt es jede Menge Abgründe; in allen normalen Familien gibt es die schwarzen Schafe und die Konflikte; in allen normalen Staaten gibt es Umstürze und Revolutionen, Kriege und Katastrophen. Menschen haben Angst davor und versuchen sich zu Recht davor zu schützen, aber solche Brüche und Erschütterungen sind die Normalität unserer Welt. Dieses Modell passt besser zur Realität als die Vorstellung, dass es eigentlich meist normal läuft, nur mit gelegentlichen Störungen.

All diese Erfahrungen sind sozusagen die dunkle Rückseite der Einladungen Gottes, mit ihm aufzubrechen und das Vertraute hinter uns zu lassen. Wenn wir die verheißungsvollen Einladungen nicht annehmen, dann werden wir eines Tages Veränderungen erleben müssen, die uns nicht gefallen.

Aber eine Warnung: man darf das nicht als ein mechanisches Prinzip sehen, so als ob man nachrechnen könnte, wieso dem einem Menschen besonders Schlimmes passiert (dass der sich dann wohl besonders hartnäckig gegen Gottes Ruf verschlossen hätte). Das funktioniert nicht, weder bei uns selbst noch bei anderen. Wir durchschauen nicht die Details. Wir wissen nur das, was wir praktisch brauchen, und das ist: Der beste Schutz für uns ist, dass wir die Herausforderungen Gottes als Geschenke annehmen, bevor sie gegen unseren Willen über uns hereinbrechen. Denn die Chancen und Geschenke Gottes, die wir nicht annehmen, die heilsamen Herausforderungen, vor denen wir zurückschrecken, die machen ja auch etwas mit uns. Sie machen uns ängstlich und risikoscheu, sie machen uns schwächer. Und dann sind wir schlechter dran, wenn wir am Ende doch den Brüchen begegnen, von denen unsere Welt durchzogen ist.

Jesus ist gekommen, um uns mit guten Überraschungen und mit dem Angebot eines neuen gesegneten Lebens in der Kraft Gottes in Bewegung zu bringen. Die angemessene Antwort darauf ist es, diesen Weg zu verfolgen und dafür ganz viel zu investieren. Auf diesem Weg ein anderer und eine andere zu werden: klarer, stärker, fröhlicher. Sich von der Freude und der Hoffnung leiten zu lassen. Wir sind nicht gezwungen, uns an die Welt voller Unrordnung und Gewalt zu gewöhnen, an diese Welt, in der unsere Möglichkeiten immer nur zu einem kleinen Teil ausgeschöpft werden, wo Resignation und Müdigkeit so viele Menschen befällt. Wir haben die Option, aufzubrechen, unsere Chance wahrzunehmen und reich beschenkte Menschen zu werden.

Und es ist die wahre Normalität, dafür vieles aufzugeben und das nicht als Verlust zu empfinden.

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