Der Preis der Freiheit

Besonderer Gottesdienst am 26. Mai 2013

Verfasser: Walter Faerber

In diesem Besonderen Gottesdienst ging es um Risiken und Nebenwirkungen des modernen Freiheitsbegriffs. Er begann mit einer Präsentation zum Thema; es folgten zwei weitere Beiträge, so dass die Predigt diesmal aus mehreren Teilen bestand. Mit Rücksicht auf das Urheberrecht können wir hier leider auch nicht die Original-Bilder der Präsentation zeigen.

Einleitende Präsentation (es sind nur einige beispielhafte Bilder eingefügt):

Wenn man im Internet zum Stichwort Freiheit sucht, findet man viele Bilder von Menschen, die die Arme zum Himmel strecken. Meistens sind sie dabei allein in der Natur.
KranichflugEin anderes beliebtes Motiv ist die Freiheit der Vögel. Oft wird es übertragen auf Menschen, die scheinbar mühelos durch die Luft schweben und fern aller Sorgen getragen werden – vielleicht zumParaglider_in_flight_in_front_of_Mont_Blanc Himmel? Interessant ist dabei, dass es fast immer Einzelne sind, die fernab der Zivilisation Freiheit symbolisieren. Anscheinend gibt es wenig Hoffnung, dass man Freiheit unter Menschen oder mit Menschen zusammen finden könnte. Gelegentlich ist es auch ein Team von ein paar Menschen, die sich gemeinsam aufgemacht haben, um ihre Freiheit zu suchen. Aber solche Fotos von Gruppen sind eher selten. Das war früher anders. Es gibt ein sehr bekanntes Bild, das schon beinahe 200 Jahre alt ist, wo Menschen Freiheit suchen, und das hat eine ganz andere Bildsprache:Delacroix_Liberty_Leading_the_People

»Die Freiheit führt das Volk« heißt dieses Bild des französischen Malers Eugene Delacroix, das der Pariser Juli-Revolution von 1830 gewidmet ist. Hier ist man überhaupt nicht in der Natur, sondern mitten in blutigen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen. Aber diese Geste nach oben, diesmal mit der Fahne, die ist auch wieder da, und die junge Frau, die die Fahne trägt, die hat einen hellen Glanz um sich herum, wie man ihn sonst von Heiligenscheinen auf alten Bildern kennt.

In unserer europäischen Geschichte ist Freiheit vor allem verbunden mit der Erinnerung an die Befreiung von staatlicher und auch kirchlicher Bevormundung. Die französische Revolution von 1789 stürzte die absolute Monarchie. Das war ziemlich gewaltsam. Die Gesellschaft befreite sich mit Blutvergießen und Kanonendonner von der Vorherrschaft des feudalen Staates. Menschen wollten sich nicht mehr von anderen etwas vorschreiben lassen.

BallhausschwurEin ganzes Volk – oder jedenfalls beinahe ein ganzes Volk – verbrüderte sich, um endlich die Unterdrückung loszuwerden. Das alles ist schon über 200 Jahre her, aber damals sind unsere Vorstellungen von Freiheit geprägt worden.

Doch wie kommt es dann, dass heute keiner mehr so ein Bild vor Augen hat, wenn er an Freiheit denkt? Wieso sehen heute Bilder von Freiheit ganz individuell aus? Was ist da passiert, dass Menschen inzwischen ihre Freiheit dort suchen, wo keine anderen Menschen sind – in der Natur und am Himmel, aber anscheinend nicht mehr auf der Erde?

Erster Predigtteil

Wir haben am Anfang mit diesen Bildern überlegt, wie es wohl kommt, dass Menschen anscheinend heute eher als Einzelne nach Freiheit suchen und nicht mehr als Volk oder als andere Gemeinschaft. Und tatsächlich erleben wir die anderen oft nicht als Hilfe, sondern als Störung. Der andere, das ist der, wegen dem ich im Stau nicht vorankomme. Der andere, das ist derjenige, der über die Straße schleicht, wenn ich es eilig habe. Der andere, das ist der, der vor mir an der Kasse einen Berg Sachen aufs Band legt und am Ende umständlich und langwierig mit seiner Kreditkarte bezahlt.

Natürlich gibt es das alles, natürlich haben wir es alle eilig und überall gibt es Warteschlangen, aber ich glaube, es hat tiefere Gründe, wenn für uns die anderen Menschen eher Probleme als Hoffnung bedeuten. Ich glaube, das steckt schon in der Art, wie wir gelernt haben, über Freiheit zu denken. Das war von vornherein eine Freiheit, die sagte: lass die Finger aus meinen Angelegenheiten! Misch dich nicht ein! Eigentlich war das eine Freiheit gegen die anderen. Es ist eine Freiheit, die vereinzelt.

Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass wir hier in Europa einen großen Kraftakt hinter uns haben, wo sich die Gesellschaft von der Kontrolle durch Staat und Kirche befreit hat. Endlich tun und lassen können, was man will! Endlich die Aufpasser los sein! Endlich nicht mehr eingezwängt sein in eine enge Gesellschaftsstruktur, in der du dauernd an Grenzen stößt.

Aber gibt es nur diese beiden Möglichkeiten: entweder allein und frei, oder mit anderen zusammen und begrenzt?

Wir haben vorhin in der Lesung von Jesus gehört, wie er seine Jünger losschickt, damit sie seine Freiheit zu den Menschen bringen (Markus 6,6b-13). Sie sollen Menschen befreien von bösen Geistern und Krankheiten. Sie kommen ohne Vorräte, ohne Geld, aber sie kommen in Jesu Namen, und sie kommen mindestens zu zweit. Jesus baut eine Gemeinschaft auf, die Freiheit schafft: in einem ausgebeuteten, unterdrückten Land. Freiheit nicht gegen alle anderen, sondern mit vielen zusammen.

Jesus sorgt dafür, dass die anderen keine Störung und kein Hindernis sind, sondern dass Freiheit gerade durch die anderen und mit den anderen kommt. Menschen werden frei, und sie bringen anderen Freiheit, wenn sie in ein Netzwerk der Freiheit eingebunden sind. Gerade mit den anderen zusammen kann man frei und unabhängig werden. Natürlich klappt das nicht in jeder Gemeinschaft. Es gibt genug enge Gemeinschaften, wo es wenig Freiheit gibt und man immer Angst hat: was werden die anderen sagen?

Jesus hat den Menschen große Freiheitsräume erkämpft, wie sie damals für ganz normale Menschen eigentlich undenkbar waren. Normaler Weise sagten einem die Familie, die Nachbarn und die Priester, was man zu tun hatte. Und wenn es hart auf hart kam, schalteten sich die Büttel des jeweiligen Königs ein. Kein Wunder, dass Jesus mit all diesen Aufpassern dauernd Ärger hatte. Sie haben ihn zum Schluss gemeinsam ans Kreuz gebracht. Man kann durchaus sagen: er ist für die Freiheit gestorben.

Aber Jesus hat diese Freiheit in einer Gemeinschaft von Menschen verankert. Keiner von den Jüngern und frühen Christen wäre auf die Idee gekommen, dass die anderen seine Freiheit bedrohen. Nein, es war andersherum: in einer Gesellschaft voll starker Machtstrukturen erlebten die Christen gemeinsam eine Freiheit, die man sonst nirgendwo finden konnte.

Als ich darüber nachdachte, wie so etwas wohl in der Neuzeit aussehen könnte, bin ich auf eine interessante Geschichte gestoßen. In der vergangenen Woche war ja der 150. Jahrestag der Gründung der SPD. Und da haben sie in der Zeitung (Frankfurter Rundschau vom 18. Mai 2013, S.23-25) etwas geschrieben über eine 96jährige Frau, die seit 1931 SPD-Mitglied ist. Und die hat aus dieser Zeit erzählt. Das Leben war damals sehr viel schwerer, aber die waren eingebunden in ein Netzwerk von Menschen, wo sie sich gegenseitig halfen, auch in schwierigen Umständen Freiheit und Würde zu bewahren. Das waren natürlich keine christlichen Gruppen, aber es ist schon erstaunlich, wie nahe das diesem Gedanken kommt, dass man erst in Verbindung mit anderen als freier Mensch leben kann.

Und ich dachte, wir hören uns daraus mal einen Auszug an:

Luise Nordhold ist 96 Jahre alt. Sie wurde 1917 in einer Arbeiterfamilie in Bremen geboren, die Mutter war Näherin, der Vater Werkzeugmacher bei der AG Weser. Mit zehn kam sie zu den Roten Falken, mit dreizehn war sie im Turn- und Gesangsverein der Sozialistischen Arbeiterjugend. Mit vierzehn wurde sie Genossin. Mit sechzehn wurde Luise Nordhold Schriftführerin der „Gruppe Lassalle“, einer Untergruppierung der Sozialistischen Arbeiterjugend in Bremen. Das ist jetzt 80 Jahre her, Luise Nordhold ist eines der langjährigsten Mitglieder der SPD. Mehr als die Hälfte der Parteigeschichte hat sie selbst erlebt.

Luise Nordhold, die SPD-Veteranin, kommt aus einer Familie, wie es sie heute gar nicht mehr gibt. Eine Arbeiterfamilie, die zu fünft in einer winzigen Wohnung in der Nähe der Weser-Werft hauste und abends zusammen sang und musizierte. Eine Familie, die kaum Geld hatte, aber darauf achtete, dass die Kinder gute Bücher lasen, Sport trieben und den Lauf der Welt so gut es ging verstanden. Luise Nordhold spielte Mandoline, fuhr in die Zeltlager der Roten Falken und las die Schriften der großen Arbeiterführer. Ihr Vater erzählte abends von der Plackerei in der Werft, vom Zusammenhalt der Kollegen, der Solidarität. Sie wuchs auf mit dem Bewusstsein, zu einer armen, aber immer mächtigeren Klasse zu gehören. Sie war stolz, ein Arbeiterkind zu sein.

Einen Großteil ihres Selbstverständnisses bezog die Partei aus dem Bewusstsein, zwar am Rande der Gesellschaft zu stehen — aber auf der richtigen Seite. Man war gegen den Kaiser und gegen die Nazis. Man war für die Demokratie, die Aussöhnung mit dem Ostblock. Und für Bildung für alle. Und man war eine verschworene Gemeinschaft … . Sozialdemokraten druckten Zeitungen, betrieben Schulen und Hochschulen, Altenheime und Musikvereine. So lange, bis Ideen und Partei nicht mehr nur in der Arbeiterschaft, sondern in großen Teilen der Gesellschaft akzeptiert waren, bis es cool war, in der SPD zu sein. Während SPD-Regierungen in der Weimarer Zeit noch allein von der Arbeiterschaft gestützt wurden, wurde die SPD-Regierung unter Willy Brandt plötzlich von breiten Kreisen der Gesellschaft gestützt.

Ich finde, solche Geschichten sind gut anzuhören, auch wenn sie nicht direkt christliche Geschichten sind. Aber es sind Geschichten davon, wie Menschen nicht resigniert haben in bedrückenden Verhältnissen, sondern Wege gefunden haben, gemeinsam eine ganz eigene Freiheit zu entwickeln. Und diese Bewegung vieler kleiner Leute hat am Ende ein ganzes Land verändert. Ganz ohne Gewalt und Blutvergießen, nur durch die Kraft ihres veränderten Alltags.

Ich finde, das ist sehr ermutigend. Viele ganz normale Menschen gemeinsam können viel erreichen, wenn sie ihren Alltag, ihre Art zu leben, anders gestalten. Es gibt dann natürlich auch die Führungspersönlichkeiten, die großen Männer und Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, und die es mal besser und mal schlechter machen, aber die eigentliche Basis sind die vielen einfachen Leute, die gemeinsam anders leben.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Das ist genau die Methode, mit der das Christentum sich aufgemacht hat, um die Welt grundlegend neu zu gestalten.

Zweiter Predigtteil (mit 1. Korinther 10,23-24.31-33)

Mit den Chancen und Gefahren der Freiheit hat sich Paulus intensiv auseinander gesetzt. Er musste das tun, weil seine Gemeinden, insbesondere die in Korinth, an den Risiken und Nebenwirkungen der Freiheit beinahe zerbrochen wären. Und wie immer gibt es keine einfache, klare Antwort, sondern man muss das ganze Thema anschauen und durchdenken und dann sehen, was richtig und dran ist.

In Korinth ging ein Satz um, der für die Gemeinde wohl ganz wichtig war: »alles ist erlaubt«. Den Satz hätte Paulus wohl unterschreiben können, vielleicht stammt er ursprünglich sogar von Paulus: Die ganzen Regeln, die bisher euer Leben bestimmt haben und eingeengt haben, sie gelten in Christus nicht mehr. Es gibt keine Aufpasser und Vorschriftenmacher. Ihr seid frei! Aber es gibt eben keine einfache, klare Lösung, sondern Paulus rückt das in den großen Zusammenhang, und dann sieht das so aus:

23 «Alles ist erlaubt» – aber nicht alles nützt. «Alles ist erlaubt» – aber nicht alles baut auf. 24 Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen. …
31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes! 32 Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf! 33 Auch ich suche allen in allem entgegen zu kommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.

»Alles ist erlaubt« – das heißt: ihr seid frei! Frei von bedrückenden, althergebrachten Traditionen und Regeln, frei von religiösen Tabus, frei von den Hierarchien der Familie, wo der Chef des Hauses den anderen sagt, was sie zu denken haben. Ja, sagt Paulus, alles ist erlaubt.

Das Problem ist, dass dabei auch sinnvolle Regeln unter die Räder kommen können. Da kann eine Ellbogenfreiheit bei herauskommen, wo sich die Stärksten doch wieder auf Kosten der anderen durchsetzen. Wir haben das in den vergangenen 15 Jahren erlebt, wie die Märkte von immer mehr Regeln befreit wurden, und sofort ist die Ungleichheit unter den Menschen gewachsen. Und eine Finanzkrise nach der anderen kommt.

Aber wie geht es anders? Paulus sagt: Freiheit muss eingebunden werden. Freiheit steht im Dienst einer Gemeinschaft, die Gott verherrlicht. Mit anderen Worten: eine Gemeinschaft, an der man ablesen kann, wie Gott ist, muss frei sein. Aber Freiheit ist nicht der oberste Wert.

Es geht immer darum, eine Gemeinschaft aufzubauen, die Gott widerspiegelt und an der man etwas von ihm erkennen kann. Gott ist in sich selbst schon Beziehung, und deswegen geht es um neue, nicht von Druck geprägte Beziehungen auch unter Menschen.

Nur so ein Netzwerk von Menschen, die gemeinsam einen Lebensstil der Freiheit entwickeln, bewahrt auf die Dauer die Freiheit. Gesetzliche Regeln, Grundrechte, Menschenrechte, die bleiben nur erhalten, wenn Menschen da sind, die sie vertreten und lebendig halten. Wenn dieses Netzwerk kaputt geht, weil jeder nur seine eigene Freiheit im Sinn hat, dann verlieren am Ende alle die Freiheit. Und am Ende bleibt nur noch die Freiheit übrig, völlig frei zu konsumieren, was man will, bis die Kreditkarte gesperrt ist. Das kann es nicht sein. Absolut gesetzte Freiheit zerstört sich selbst.

Stattdessen sagt Paulus: egal, was ihr tut, fragt euch immer, wie ihr damit gemeinsam Gott widerspiegelt. Auch so einfache Sachen wie Essen und Trinken sollen Gott verherrlichen. Gestaltet eine Gemeinschaft, die anders lebt. Allein und privat werden wir nicht viel erreichen, aber als lebendige Gemeinschaft können wir am Ende die ganze Gesellschaft beeinflussen. Und natürlich hat so eine Gemeinschaft auch Auswirkungen auf das persönliche Leben.

So eine Gemeinschaft aufzubauen, hat ihren Preis. Wir müssen unsere Freiheit dafür ein Stück weit zurücknehmen. Wir sind dann keine unabhängigen Individuen mehr, sondern wir sind eingebunden und müssen in Betracht ziehen, welche Auswirkungen das, was wir tun, auf die anderen hat. Wir müssen Verantwortung übernehmen.

Aber wenn wir das nicht tun, hat das auch einen Preis, und der ist höher. Wir stehen dann den Mächten, die unsere Welt gestalten, allein und ziemlich wehrlos gegenüber. Es muss nur mal was schief gehen, es reicht schon, wenn wir krank oder alt werden, und dann ist es mit unserer Freiheit schnell vorbei.

Wir brauchen diesen Rahmen – eine Gemeinschaft, die Gott widerspiegelt – damit die Freiheit für uns und viele andere erhalten bleibt.

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