Zu einem guten Ende kommen

Predigt am 24. November 2013 (Ewigkeitssonntag) zu Hebräer 4,8-11

Verfasser: Walter Faerber

8 Zwar hat Josua die Israeliten in das ihnen zugesagte Land geführt, aber an der eigentlichen Ruhe hatten sie deswegen immer noch nicht teil; sonst hätte Gott nicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal von einem »Heute« gesprochen. 9 Somit wartet auf Gottes Volk noch eine Sabbatruhe. 10 Wer diese Ruhe erreicht, darf von all seiner Arbeit ausruhen, genauso wie Gott ruhte, als er alles erschaffen hatte. 11 Setzen wir also alles daran, an dieser Ruhe teilzuhaben, und lassen wir uns den Ungehorsam jener früheren Generation als warnendes Beispiel dienen, damit wir nicht wie sie zu Fall kommen!

Wenn jemand verstorben ist, dann sagen wir, dass er nun »ruht«, vielleicht »in Frieden ruht«; und wir denken daran, dass vielen Menschen die letzten Jahre ihres Lebens mühsam werden, wenn sie erleben müssen, wie ihre Kräfte abnehmen und wie der Umkreis, in dem sie noch aktiv sind, immer kleiner wird. Und dann kommt der Tag, an dem ihre Kraft endgültig zu Ende geht, mancher und manche hat darauf sogar schon lange gewartet, und wir sagen: jetzt ruht er aus. Jetzt hat sie ihre Ruhe gefunden.

Dieser Abschnitt aus dem Hebräerbrief bringt da noch einen anderen Gedanken mit hinein. Ruhe wird dort mit zwei speziellen Momenten in Verbindung gebracht: einmal mit dem siebten Schöpfungstag, an dem Gott sich seine Welt ansah, die er geschaffen hatte und sich daran freute. Und zweitens mit dem Einzug des Volkes Israel in das verheißene Land. Sie waren aus der Sklaverei in Ägypten geflohen, sie waren 40 Jahre lang durch die Wüste gezogen, und dann ging es endlich hinein in das Land, von dem sie so lange geträumt hatten – endlich wurde der Traum Wirklichkeit.

Und auch wenn sie sich dort natürlich nicht auf die faule Haut legten, heißt es doch: sie waren endlich zur »Ruhe« gekommen. Sie bauten Häuser und bestellten Felder, sie kelterten Wein und ließen ihre Herden weiden, es war keine beschauliche Idylle, sondern durchaus harte Arbeit, und trotzdem wird das hier »Ruhe« genannt. Es geht also gar nicht darum, dass man endlich den Hammer aus der Hand legen und sich auf die Bank vor dem Haus setzen kann, sondern gemeint ist: die lange Geschichte ihrer Befreiung aus der Unterdrückung hat jetzt endlich ein gutes Ende gefunden. Jetzt erst kann man aufatmen und sagen, dass die Geschichte abgeschlossen ist. In den Märchen ist das der Moment, wo die Königstochter nach allen Irrungen und Wirrungen endlich Hochzeit feiert.

Aber wir wissen alle, dass Geschichten nie endgültig zu Ende sind, weil das Leben ja weitergeht und die Welt noch nicht zu Ende ist. Das Happy End ist nur im Film endgültig. Wenn im richtigen Leben die Hochzeit gefeiert worden ist, dann kommt bald die nächste Generation und muss irgendwann neue Abenteuer bestehen. Und als die befreiten Sklaven endlich am Ende ihrer Flucht in ihrem Land angekommen waren, da stellte sich ihnen bald die neue Frage, wie nun eine Gesellschaftsordnung aussehen würde, in der es keine Sklaverei und keine Ausbeutung mehr geben würde.

Und auch, als Gott nach der dramatischen Verdrängung des Chaos und der Erschaffung einer Welt voller Leben sich an seiner Schöpfung freute, da war das kein Moment der Erschöpfung, sondern es war die Freude, dass ihm etwas gelungen war, und er wollte sein Werk ansehen und bedenken. Aber natürlich ging danach die Geschichte der Welt erst richtig los.

Mit Ruhe sind also in der Bibel diese Momente gemeint, wo ein Spannungsbogen gut zu Ende gegangen ist und ein neuer Abschnitt der Geschichte beginnt. Wo man wenigstens vorläufig ein Fazit ziehen kann und sagen: so, das ist jedenfalls geschafft. Und wenn wir miteinander zurückschauen auf ein Menschenleben, dann findet man da auch solche Momente, in denen ein großes Ziel endlich erreicht ist: das Haus ist gebaut, die Kinder stehen auf eigenen Beinen, die Enkel sind konfirmiert, die Goldene Hochzeit konnte gefeiert werden. Und es gibt auch die Augenblicke, wo eine lange Zeit der Bedrückung endlich zu Ende gegangen ist. Oft ist das die Kriegszeit mit viel Not und Schrecken gewesen, die dann irgendwann zu Ende war, und man konnte sich sagen: das liegt jetzt hinter uns. Und manchmal merkt man im Rückblick, wie ein Mensch wohl auf diesen Augenblick hin gelebt hat, wie er all seine Kräfte darauf konzentriert hat, diesen Moment der Ruhe noch zu erleben.

Und nun sieht man in unserer Passage aus dem Hebräerbrief: all diese Momente, wo ein Spannungsbogen zur Ruhe gekommen ist und etwas Gutes erreicht worden ist, die weisen darauf hin, dass der ganz große Spannungsbogen sich noch schließen muss. Denn die ganze Geschichte ist ja noch nicht zu Ende, die Geschichte der ganzen Welt, die wartet noch darauf, dass sie einen guten Ausgang findet. Und natürlich gehören wir alle mit unseren Lebensgeschichten in diese große Geschichte der Welt mit hinein, und wenn die Welt insgesamt kein gutes Ende finden sollte, dann haben auch all unsere Lebensgeschichten kein echtes Happy End.

Wir sind also mit unseren Hoffnungen für unser kleines Leben ein Teil der großen Hoffnung, dass die ganze Welt das gute Ziel erreicht, das Gott im Sinn hatte, als er sie erschuf.

Und hier in unserem Abschnitt sagt uns einer: nun achtet darauf, dass ihr aktiv von dieser Hoffnung geprägt seid, dass die euch bewegt und antreibt. Hoffnung ist ja kein passives Warten darauf, dass bessere Zeiten kommen, sondern man ist selbst aktiv daran beteiligt, dieses Ziel zu erreichen. Wenn man noch mal an diejenigen denkt, die die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben: die haben ja nicht einfach nur da gesessen und gehofft, dass es irgendwann besser würde, sondern sie waren natürlich alle auch selbst daran beteiligt, das Land wieder aufzubauen und bessere Verhältnisse zu schaffen. Und so heißt es hier: seid selbst ein aktiver Teil dieser Hoffnung, dass die ganze Welt trotz allem zu einem guten Ziel kommt. Hört nicht auf, diese Hoffnung in eurem Leben praktisch werden zu lassen, damit ihr den Anschluss an Gottes große Hoffnung nicht verliert!

Der Verfasser des Hebräerbriefes schaut nämlich etwas genauer zurück in die Geschichte der Befreiung der israelitischen Sklaven aus Ägypten. Und da gibt es nicht nur den Jubel, dass man endlich das Land der Sklaverei verlassen kann, sondern da sind die ehemaligen Sklaven immer wieder am Murren, wir würden heute sagen: am Meckern. So hatten sie sich die Freiheit nicht vorgestellt, so beanspruchend und verantwortungsvoll. Gott hilft ihnen, aber er räumt ihnen nicht jedes Problem aus dem Weg. Er erwartet von ihnen, dass sie jetzt als freie und verantwortliche erwachsene Menschen leben, dass sie ihre Sklavenmentalität ablegen und dass sie aktiv an ihrer neuen Freiheit beteiligt sind. Sie sollen nicht nur den Nutzen davon haben, sondern das soll ihre eigene Sache werden.

Und dann kommt nach vielen Enttäuschungen dieser ernüchternde Moment, wo Gott sagt: Bis auf ein paar Ausnahmen muss diese ganze Generation in der Wüste sterben, bevor ich das Volk in sein neues Land bringen kann. Erst mit ihren Kindern, die schon in Freiheit geboren sind, kann ich das neue Land aufbauen. Erst sie werden diese Ruhe erreichen, dieses Happy End, wo man sagen kann: das ist jetzt geschafft!

Der Verfasser des Hebräerbriefes denkt sich in diese alte Geschichte hinein und findet dort etwas, was für alle Zeiten gültig ist: wenn wir in unserem Leben diese Ruhe erleben wollen, wenn wir an diese Stationen kommen wollen, wo man sagen kann: ja das ist geschafft, ja, das ist jetzt in Ordnung gekommen, diese Hoffnung hat sich erfüllt, dann müssen wir selbst verankert sein in Gottes großer Hoffnung für die Welt. Das nennt er Glaube: nicht irgendwelchen Dogmen zustimmen, sondern Gottes aktive Hoffnung für die Welt teilen. Wir müssen Menschen der Hoffnung und Menschen der Freiheit sein, damit wir nicht stecken bleiben in einer Geschichte, die nicht zu Ende gekommen ist. Unser Leben soll nicht abbrechen wie ein Lied, das nicht zu Ende gespielt worden ist. Sondern es soll in aller Vorläufigkeit doch mit dabei sein, wenn Gottes Hoffnung ihr Ziel erreicht und die Welt ihre Ruhe findet.

Das ist keine Frage des Lebensalters. Es gibt ja die Menschen, von denen man sagt: sie sind zu früh gestorben – was hätte da noch an Gutem kommen können, wenn sie noch mehr Jahre gehabt hätten! Aber auch in nicht so vielen Jahren kann schon etwas Starkes und Großes sichtbar werden, auch ein kürzeres Leben kann auf seine Art randvoll gefüllt sein mit Hoffnung und Freiheit.

Wir sollen mit unserem Leben ja alle ein Teil der großen Geschichte Gottes sein, und wenn wir das sind, dann haben wir Anteil an der Ruhe Gottes, an dieser Freude, dass etwas Gutes zu Stande gekommen ist und man es betrachten und durchdenken kann. Gottes Geschichte mit der Welt ist voller Zuversicht und sie ist mit Gelingen gefüllt. Immer wieder hat er scheinbar ausweglose Situationen zum Guten gewendet, und schließlich ist mitten in der Dunkelheit der Welt diese einmalige und unvergleichliche Gestalt Jesus Christus erschienen, der Mensch, der nur Segen und Hilfe bedeutet und der sogar in seinem schrecklichen Tod noch das Licht eines versöhnten Lebens aufleuchten ließ.

Alle unsere kleinen Stationen, wo wir sagen: das ist jetzt geschafft! Das hat jetzt ein gutes Ende gefunden! – all diese Augenblicke der Erfüllung, die bekommen ihre Kraft durch die Verbindung zu Gottes Weg der Rettung für die Welt. Wir sollen mit der Geschichte unseres Lebens in diesen größeren Zusammenhang hineingehören, dass Gott seine ganze Welt herausführt aus der Gefangenschaft in Zerstörung, Leid und Tod, und wir sollen an dieser Hoffnung aktiv teilnehmen.

Es ist ja nicht die Anstrengung und Mühe des Lebens überhaupt, die uns müde macht. Wir sind schließlich zum aktiven Leben geschaffen, und niemand wird glücklich davon, dass er sich unbegrenzt ausruhen kann. Deswegen suchen sich sogar die Superreichen, wenn sie klug sind, eine sinnvolle Aufgabe, auch wenn sie es gar nicht nötig haben und es sich leisten könnten, den ganzen Tag am Strand zu liegen. Wir sind nach dem Bild Gottes geschaffen, und Gott ist ein aktiver und lebendiger Gott.

Was das Leben mühsam und manchen Menschen irgendwann auch lebens-müde macht, das ist der Mangel an Hoffnung, an Sinn, an Gelingen, wie immer man das nennen will. Immer wenn unser Anschluss an die große Hoffnung Gottes schwächer wird, wenn wir die große Perspektive über unserem Leben nicht mehr sehen, dann wird das Leben zur Last und wir vermissen die Energie, die uns irgendwann früher mal inspiriert hat. Und das ist nicht unbedingt eine Frage des Alters.

Natürlich lassen die Lebenskräfte unseres Körpers nach vielen Jahren nach. Aber wir sollen Anteil haben an der großen Hoffnung Gottes, die uns wach und klar macht, und das macht uns lebens-satt, nicht lebens-müde. Das füllt jeden Tag des Lebens bis zuletzt mit Sinn und Bestimmung. Und dann können wir wirklich zu einer Ruhe eingehen, die voll Hoffnung und Freude ist, weil Gott sagt: gut gemacht! Dein Leben ist zu einem Teil meiner großen Geschichte geworden, und deshalb ist es gut ausgegangen.

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