Die Opferrolle verlassen

Predigt am 6. Oktober 2013 über Johannes 5,1-16

Verfasser: Sabine Meurer

1 Einige Zeit später war wieder ein jüdisches Fest, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. 2 In Jerusalem befindet sich in der Nähe des Schaftors eine Teichanlage mit fünf Säulenhallen; sie wird auf hebräisch Betesda genannt. 3 In diesen Hallen lagen überall kranke Menschen, Blinde, Gelähmte und Verkrüppelte. 5 Unter ihnen war ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank war.
6 Jesus sah ihn dort liegen, und es war ihm klar, dass er schon lange leidend war. »Willst du gesund werden?«, fragte er ihn. 7 Der Kranke antwortete: »Herr, ich habe niemand, der mir hilft, in den Teich zu kommen, wenn das Wasser sich bewegt. Und wenn ich es allein versuche, steigt ein anderer vor mir hinein.« 8 Da sagte Jesus zu ihm: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!« 9 Im selben Augenblick war der Mann gesund; er nahm seine Matte und ging. Der Tag, an dem das geschah, war ein Sabbat.
10 Deshalb wiesen die führenden Männer des jüdischen Volkes den Mann, der geheilt worden war, zurecht: »Heute ist Sabbat! Da ist es dir nicht erlaubt, deine Matte zu tragen.« 11 Er entgegnete: »Der, der mich gesund gemacht hat, hat zu mir gesagt: ›Nimm deine Matte und geh!‹« – 12 »Und wer ist dieser Mann?«, fragten sie. »Wer hat zu dir gesagt: ›Nimm deine Matte und geh!‹?« 13 Aber der Geheilte wusste nicht, wer es war, denn Jesus war unbemerkt in der Menschenmenge verschwunden.
14 Später traf Jesus den Mann im Tempel wieder. »Du bist jetzt gesund«, sagte er zu ihm. »Sündige nicht mehr, damit dir nicht noch etwas Schlimmeres geschieht, ´als was du bis jetzt durchgemacht hast`.« 15 Der Geheilte ging zu den führenden Männern6 zurück und berichtete ihnen, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Von da an begannen die führenden Männer des jüdischen Volkes, Jesus zu verfolgen, weil er solche Dinge am Sabbat tat.

Diese Geschichte führt uns an einen dunklen und bedrückenden Ort. Hier am Teich Betesda finden sich die Kranken und Elenden aus Jerusalem und Umgebung zusammen. Alle warten auf ein Wunder. Manchmal, so sagt man jedenfalls, soll sich das Wasser, wie durch die Hand eines Engels, in Bewegung setzen. Und derjenige, der als erster dann im Wasser ist, der soll gesund werden.

Aber stellen wir uns diesen Augenblick einmal vor: das Wasser kommt in Bewegung und all die Kranken versuchen irgendwie den Teich zu erreichen. Da denkt jeder nur an sich, knufft, tritt, benutzt die Ellenbogen. Da werden Menschen zu Feinden. Jeder kämpft um seine Heilung – gegen alle anderen. Kein Wunder, dass gerade die Schwächsten liegen bleiben. Selber schaffen sie es nicht, und es gibt auch niemanden, der ihnen hilft.

Jesus sieht die kranken, blinden, verkrüppelten und ausgezehrten Menschen dort. Und er spricht diesen Mann an, der schon seit 38 Jahren krank ist. Er erkennt, dass der Mann schon lange unter seiner Krankheit leidet und fragt ihn: Willst du gesund werden?

Was für eine Frage! Was sonst könnte sich der Mann denn sehnlicher wünschen, als endlich gesund zu werden? Eigentlich erwartet man doch, dass er antwortet: natürlich will ich gesund werden, lieber heute als morgen! Aber das sagt er nicht. Statt dessen antwortet er: Herr, ich habe keinen, der mir in den Teich hilft, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich es allein versuche, ist schon immer jemand vor mir da.

Der Mann lässt die Frage von Jesus gar nicht wirklich an sich heran. Er ist fixiert darauf, dass ihn endlich jemand anderes zum richtigen Zeitpunkt zum Wasser tragen soll. Er selbst scheint gar keine Rolle mehr zu spielen. Jesus fragt: was ist mit dir? Und er antwortet: die anderen. Er kann nicht mehr davon reden, was er selbst möchte, statt dessen spricht er davon, wie schlecht die Welt ist: keiner kümmert sich um mich, und wenn ich eine Chance habe, schnappt sie mir ein anderer weg. Die andern werden natürlich geheilt, aber ich gucke immer in die Röhre.

Wenn Jesus ihn nicht gestoppt hätte, hätte er noch bis zum Abend so weiter erzählt. In seinem Kopf drehen sich schon seit Jahren die ewig gleichen Gedanken: die Welt hat mich vergessen, und bestimmt auch Gott. Warum hilft mir keiner? Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich werde hier elendig sterben und keinen interessiert es.
So ist ihm alle Hoffnung abhanden gekommen und stattdessen hat sich Verzweiflung breit gemacht. Irgendwann ist daraus Bitterkeit geworden. Und diese Bitterkeit vergällt ihm jeden Tag, nimmt ihm die Hoffnung und jede kleine Freude. Alles ist nur noch schrecklich, und die anderen sind schuld. Nicht nur sein Körper ist krank, auch seine Seele. Der ganze Mensch ist vergiftet von Bitterkeit.

Solche Menschen sind nicht leicht auszuhalten. Wer im Innern bitter ist, der ist nach Außen oft vorwurfsvoll oder feindselig. Der kann nicht ertragen, dass es den andern anscheinend so viel besser geht als ihm selbst, oder wenn sie nicht beständig anerkennen, was ihm wirklich oder vermeintlich geschehen ist an Schlechtem.
Ich glaube, wir kennen alle Menschen, deren Lebensgefühl von einer mehr oder weniger großen Enttäuschung bestimmt ist, und für die das ganze Leben diesen Geschmack von Bitterkeit und Vorwurf angenommen hat.

Wenn man mit ihnen spricht, dann ist man ganz schnell beim zentralen Thema ihres Lebens ist: wie ungerecht es in der Welt zugeht, und wie das Schicksal oder Gott oder die Menschen ihnen das Leben verdorben haben. Und sie lassen es jeden spüren, der in der Nähe ist. Wahrscheinlich kommt deshalb auch so selten jemand in ihre Nähe. Bitterkeit hat fast immer mit Vorwürfen zu tun.

Manchmal kann man die Gründe für diese Vorwürfe ein Stück weit nachvollziehen, so wie bei diesem Kranken. 38 Jahre Krankheit machen auch etwas mit dem Herzen, wenn man nicht aktiv dagegen angeht. Das braucht Kraft und einen langen Atem. Und auch der kann in 38 Jahren verloren gehen.

Anders ist das bei Menschen, die meinen, sie müssen nur die Hände aufhalten und alles Gute wird ihnen hineingeworfen, weil sie doch einen Anspruch, ein Recht darauf haben. Wenn diese Menschen dann klagen und verbittern, weil das alles nicht so klappt, wie sie sich das vorstellen, dann fällt es schon schwerer, das nachzuvollziehen.

Aber für den Menschen, der verbittert ist, ist der Ursprung egal, denn er wird sich immer im Recht fühlen. Das Fatale an der ganzen Sache ist ja, dass es für einen Menschen selbst an Anfang so berechtigt und so logisch aussieht. Mir ist meine Jugend geraubt oder verdorben worden; mein Vertrauen ist schrecklich missbraucht worden; ich bin immer ausgenutzt worden; ich musste mich mühsam durchbeißen, und andere bekamen alles nachgeschmissen. Warum ich? Bin ich denn weniger wert als andere?

Aber Bitterkeit im Herzen macht das Leben mühsam, eng und traurig. Bitterkeit reduziert das Leben auf eine freudlose Aneinanderreihung von Tagen. Sie erlaubt uns keine neuen und besseren Erfahrungen, und sie hindert uns am vollen und echten Leben.

Wer mit enttäuschtem Herzen lebt, dem ist nicht nur irgendwann in der Vergangenheit etwas böses zugestoßen, nein: es hat sich so in seinem Herzen festgesetzt, dass es ihm auch noch die Zukunft verdirbt, das ganze restliche Leben.

Wenn wir unseren Herzen erlauben bitter zu werden, dann erlauben wir demjenigen, der uns einmal weh getan hat unser Leben immer wieder von neuem zu verdüstern und zu verdunkeln. Wir bestrafen nicht ihn, sondern uns selbst.

Damit uns das nicht passiert, müssen wir uns eine Frage stellen, die nicht angenehm ist. Und weil viele dieser Frage ausweichen, deshalb gibt es so viele bittere Herzen.

Die Frage lautet: warum erlaube ich der Bitterkeit, Macht über mein Herz zu bekommen? Wo ist mein Anteil daran, dass sich diese Enttäuschung in mir breit machen kann?
Hinter jeder bleibenden Verbitterung und Enttäuschung steht die Grundüberzeugung: irgendwo da draußen ist jemand, der für mein Leben und mein Unglück verantwortlich ist: Gott oder das Schicksal, oder der Staat und die Politiker, oder der Ehepartner, oder die Kinder, oder die Eltern oder irgendwer sonst. Wenn der da draußen es anders machen würde, dann wäre mein Leben völlig anders, ich wäre glücklicher und zufriedener. Aber irgendwie will der nicht so, und deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Leben zu betrauern, mich vom Leben abzuschließen, mich mit Alkohol oder Zerstreuung zu betäuben, launisch oder streitsüchtig oder vorwurfsvoll zu werden.

Die Grundüberzeugung hinter aller Verbitterung ist: ich bin ein ohnmächtiges Opfer, ich habe keine Wahl. Es ist zwecklos, irgendetwas zu tun, etwas Neues anzufangen oder Hilfe zu suchen. Der da draußen, der eigentlich die Verantwortung trägt, der macht mich sowieso kaputt.
Wer so denkt, der braucht nicht nur neue, positive Erfahrungen, er muss auch lernen, selbst wieder Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen, und sich nicht mehr als Opfer zu sehen.

Und so ist das auch bei dem Kranken am Teich Betesda. Jesus sieht das alles in dem Mann, und deshalb lässt er auch nicht zu, dass der wieder nur sein Leid beklagt und seiner Bitterkeit freien Lauf lässt. Er schneidet ihm einfach das Wort ab und sagt: steh auf, nimm deine Matte und geh! Mit seiner Intervention zieht Jesus den Mann heraus aus dem Strudel der Bitterkeit. Und weil der immer noch davon überzeugt ist, dass andere über ihn entscheiden, gehorcht er auch – und wird gesund.
Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Am Sabbat durfte man nichts tragen, und weil der Mann seine Matte nach Hause trägt, kriegt er Ärger mit den Pharisäern.Wieder übernimmt er keine Verantwortung für sein Handeln, sondern redet sich sozusagen mit höherem Befehl heraus: jemand anders hat mir gesagt, dass ich das machen soll!

Deswegen geht Jesus noch ein zweites Mal zu ihm und sagt: tu nichts Unrechtes. Das ist nicht der moralisch erhobene Zeigefinger. Nein, Jesus erinnert den Mann: du hast einen Entscheidungsspielraum! Ich habe ihn dir doch zurückgegeben. Vergiss das nicht, sonst geht es dir am Ende schlimmer als vorher. Du hast das in all den Jahren deiner Krankheit verlernt. Jetzt lerne wieder, dass du kein hilfloser Spielball äußerer Einflüsse bist.

Liebe Gemeinde, der letzte Grund, weshalb wir keine ohnmächtigen Opfer sind, ist Gott. Er ist unser Verbündeter. Jesus holt uns aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit heraus. Er schenkt uns wieder Spielraum. Er macht uns deutlich: der wirkliche Gott ist nicht dieser Typ da draußen, gegen den du nichts machen kannst. Der wirkliche Gott ist dein Verbündeter. Er will, dass seine Menschen frei sind.

Jesus schenkt uns einen Entscheidungsspielraum, den nur wir selbst uns nehmen können. Immer wieder haben Menschen diesen Entscheidungsspielraum entdeckt, und es hat sie davor bewahrt bitter zu werden: in Gefängnissen und Konzentrationslagern, auf langwierigen Krankenlagern, in schrecklichen Ehen, mitten in grausamen Kriegen und beim Verlust ihrer Heimat.

Bis heute steht Jesus vor Menschen und fragt: willst du gesund werden? Ich biete dir Heilung an für dein verwundetes Herz und für das Unglück, das dein Leben überschattet. Willst du? Er fordert uns heraus, uns auf die Seite des Lebens zu stellen, und den Spielraum zu nutzen, den er uns erkämpft hat. Er beruft seine Leute dazu, sich nicht als hilflose Opfer zu fühlen, sondern als aktive Gestalter der Welt und des eigenen Lebens.

Wenn dieser Gedanke in uns Wurzeln schlägt, dann kommt auch in das dunkelste Leben ein Licht hinein, das hell genug ist, die Bitterkeit vertreiben. Wer anfängt, dieses Licht am Ende des Tunnels zu sehen, der fängt auch damit an, sich zu schützen gegen die Bitterkeit, die das Leben ruiniert. Da fällt ein erster Lichtstrahl auch in die dunklen Ecken des Herzens und erweckt den Wunsch nach mehr. Und wenn wir diese Erfahrung festhalten und ihr treu bleiben, dann kommen wir raus aus der Opfermentalität und werden die Gestalter der Welt, die Gott haben will.

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