Evangelium – Gottes Bewegung durch die Welt

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Verfasser: Walter Faerber

Titelgrafik Besonderer Gottesdienst 15.09.2013
Der Gottesdienst begann mit einer Theaterszene über Philippus in Samaria (Apostelgeschichte 8,4-8), dem ersten Bericht darüber, wie das Evangelium die Grenzen von Kern-Israel überschreitet.

In einer Präsentation (hier nicht vollständig wiedergegeben) wurden dieser und einige weitere solche Schritte in neue Räume hinein beschrieben:

Israel - ATJesus
Erste GemeindePhilippus
AntiochiaPaulus
Christentum im Römischen Reich um 300Völkerwanderung
Klöster des MAMartin Luther

Es folgte eine Predigt über Markus 1,14-18:
14 Nachdem Johannes gefangen genommen worden war, ging Jesus nach Galiläa und verkündete dort die Botschaft (wörtlich: das Evangelium) Gottes. 15 Er sagte: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft (wörtlich: das Evangelium)!«
16 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Fischer, die auf dem See ihre Netze auswarfen, Simon und seinen Bruder Andreas. 17 Jesus sagte zu ihnen: »Kommt, folgt mir nach! Ich will euch zu Menschenfischern machen.« 18 Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.

Das ist die Kurz-Zusammenfassung der Verkündigung Jesu, die Markus gleich am Anfang seines Evangeliums bringt: jetzt ist es so weit. Gottes Reich, oder Gottes Königsherrschaft beginnt. Kehrt um von allen anderen Wegen und glaubt stattdessen dieser guten Nachricht, die ich bringe! Und dann, gleich anschließend, beruft er die ersten Jünger, die ersten Träger dieses Evangeliums.

Evangelium: Gottes Reich ist da

Das ist der Inhalt des Evangeliums: »Gottes Herrschaft beginnt. Stellt euch darauf ein und verhaltet euch entsprechend!« Wir haben es etwas schwerer als die Zuhörer Jesu, um zu verstehen, was das heißt. Wenn wir »Gottes Reich« hören, oder wie Lukas gerne sagt: das »Himmelreich«, dann denken wir spontan, dass es wohl um ein Land gehen könnte, vielleicht sogar um eine Zone im Himmel, in die wir nach dem Tod kommen. Aber das Wort »Himmel« hat man damals genommen, weil man das Wort »Gott« gerne umschrieben hat, so wie wir heute noch sagen »weiß der Himmel, wie das funktionieren soll«. Und mit dem »Reich« Gottes ist kein geografisch abgegrenzter Bereich gemeint, sondern eine Beziehungstatbestand, die Königsherrschaft Gottes, die Gott jetzt endlich aufrichtet. Ich könnte auch „Herrschaftsverhältnis“ sagen, aber das wäre missverständlich, weil die Herrschaft von Menschen eine schlechte Karikatur von dem ist, was mit „Herrschaft Gottes“ gemeint ist. Wenn Gott herscht, definiert das den Inhalt des Wortes „Herrschen“ neu.

Deshalb haben wir vorhin die Stelle aus dem Römerbrief (1,16) gehört, wo Paulus sagt: das Evangelium ist die Kraft Gottes. Das macht es klar: es geht darum, dass Gott jetzt etwas Neues unter den Menschen bewirkt.

Für einen Juden, der Jesus damals hörte, bedeutete das: jetzt schafft Gott endlich gerechte Zustände, er erlöst unser Volk aus seiner Bedrückung durch die Großmächte, erst die Griechen, dann die Römer. Endlich werden wir als Volk Gottes so leben können, wie es unsere Aufgabe ist.

Jesus beschreibt die Herrschaft Gottes neu

Irritiert waren die Zuhörer Jesu nicht, wenn er von der Herrschaft Gottes sprach. Irritiert waren sie, wenn sie merkten, dass Jesus nicht erwartete, dass Gott sein Volk durch eine militärische Aktion wieder aufrichten würde. Jesus erwartete tatsächlich, dass Gottes Herrschaft durch seine eigenen Aktionen kommt: wenn er Menschen in der Kraft Gottes heilte und befreite; wenn er die Wunden heilte, die die Unterdrückung in den Menschen geschlagen hatte; wenn er die Ausgeschlossenen und Verachteten der Gesellschaft an seinen Tisch holte: immer dann war Gottes Herrschaft präsent. Dieses Evangelium verkündete er.

Die andere Seite der Medaille war, dass er sagte: eure anderen Wege, wie ihr bisher Gottes Volk sein wolltet, sind deshalb überflüssig. Die Beachtung des Sabbats, die Reinheits- und Speisegebote, und vor allem der Tempel, all das, womit ihr euch bisher als Volk Gottes definiert habt, womit ihr euch auch abgegrenzt habt von den anderen Völkern, das waren Zeichen, Hinweise auf den Gott, dessen Volk ihr seid. Aber jetzt, wo er seine wahre Herrschaft aufrichtet, da wird das nicht mehr gebraucht. Das alles ist sogar schädlich und gefährlich. Vor allem verzichtet auf alle militärischen Abenteuer, die euch direkt in die Katastrophe führen. Das stand dahinter, wenn er sagte: kehrt um! Vertraut stattdessen dem Evangelium, das ich bringe!

Das hat Konsequenzen: wer ist jetzt die Trägergruppe?

Wenn nun aber das Entscheidende nicht mehr die Abgrenzungstraditionen Israels sind, sondern die Herrschaft Gottes, wie Jesus sie brachte: ein Leben aus dem Segen Gottes, ein Leben der Liebe und Opferbereitschaft, wie es z.B. in der Bergpredigt beschrieben ist, dann stellt sich irgendwann die Frage: muss man zum Volk Israel gehören, um so zu leben? Kann das nicht eigentlich jeder, wenn er nur diesem Evangelium glaubt?

Viele heute unbekannte Jesusnachfolger beantworteten diese Frage, indem sie – wie Philippus – das Evangelium auch mit Nichtjuden teilten. Paulus durchdachte das dann grundlegend und arbeitete am Bau des neuen Gottesvolkes aus Juden und Heiden. Jetzt bekam Israel endlich Verbündete unter den Völkern und war nicht mehr allein!

Damit begann der Vormarsch der Herrschaft Gottes durch die ganze ganze Welt, durch unzählige Länder und Kulturen. Und überall sah das wieder etwas anders aus. Im Dschungel einer Großstadt wie Antiochia sah die Herrschaft Gottes anders aus als im ländlichen Galiläa. In einem Kloster des frühen Mittelalters zeigte sich die Herrschaft Gottes darin, dass Kultur bewahrt und wieder ein gewisser Wohlstand geschaffen wurde. Bei Franz von Assisi sah das so aus, dass er allen Wohlstand aufgab und in großer Armut lebte. Martin Luther befreite sich und viele andere durch das Evangelium von der Angst vor der Hölle, die ihm die mittelalterliche Kirche eingebläut hatte. Und heute, in unserer so veränderten Welt, ist es alles noch einmal anders.

Worin liegt die Kontinuität in all diesen Transformationen?

Wenn das Reich Gottes so viele Gestalten annehmen kann, dann ist natürlich die Frage: was ist denn nun das, was bleibt? Und es ist ein bisschen wie bei der ersten Begegnung des Mose mit Gott am brennenden Dornbusch (2. Mose 3,24). Da fragt Mose Gott: was ist dein Name? also: wer bist du eigentlich, auf was für einen Gott lasse ich mich jetzt ein mit dir? Und die berühmte Antwort Gottes ist: ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde dir immer wieder neu begegnen, du kannst mich nicht ein für allemal festlegen, aber ich bin ich, ich werde derselbe sein. Du wirst mich immer wiedererkennen können.

Und so ist es auch mit all den Gestalten, in denen Gott unter uns seine Herrschaft, sein Reich aufrichtet: es ist immer wieder anders, immer wieder neu, aber man kann Gottes Handschrift wiedererkennen. Es gibt keine sicheren Methoden, mit denen man das Evangelium eindeutig in die aktuelle Situation übersetzen könnte. Es gibt keine theologischen Sätze, die ewig sind und sich nur immer neu und zeitbedingt verkleiden. Aber Gott bleibt derselbe. Er begegnet uns immer wieder neu, und auf unserer Seite ist es immer wieder ein Wagnis, auf ihn zu hören und zu verstehen, wie seine Herrschaft jetzt wohl aussehen soll, und welche Rolle wir dabei spielen. Es gibt keine Sicherheit, es bleibt ein Wagnis, aber Gott ist bei den Mutigen.

Was ist heute dran?

Die Frage ist jetzt natürlich: wie ist das heute, wie sieht das Evangelium von Gottes Reich in unserer Gegenwart aus? Dazu haben sich im Lauf der Vorbereitung dieses Gottesdienstes einige Leute Gedanken gemacht, und dabei ist folgendes herausgekommen:

Götzen unserer ZeitGötzen unserer Zeit - Beispiele

Hier wird deutlich: zum Evangelium gehört immer ein Ja und ein Nein. Das Evangelium ist der neue Weg, das Ja. Dazu gehört immer ein Nein zu den Götzen, die uns auf katastrophale Wege führen. Wenn man sich anschaut, was hier als Götzen unserer ZeitGötzen identifiziert wird, dann merkt man, dass das ein schöner Schein ist, der uns verlocken soll, die Schattenseiten unserer Welt zu übersehen. Wir sollen nicht so genau auf die Kosten des Ganzen schauen und hoffen, dass nur die anderen sie bezahlen müssen: diejenigen, die nicht mit Wohlstand gesegnet sind; die vergiftete Umwelt und die Tiere in den Tierfabriken; die Flüchtlinge und Opfer der Bürgerkriege, die wir aus Europa raushalten; alle, die nicht leistungsfähig sind. Und in Deutschland werden diejenigen gewählt, die am glaubwürdigsten versprechen können, dass sie uns vor diesen Schattenseiten bewahren.

Aber wenn das Götzen sind, dann führt dieser Weg früher oder später in die Katastrophe. Bisher sind wir da immer noch knapp dran vorbeigeschrammt. Das ist aber keine Garantie, dass es so bleibt. Die bessere Perspektive sehen wir hier:

andere WerteMan merkt, dass das ein Zwischenergebnis auf einem Weg ist. Wahrscheinlich müsste man auch noch ausdrücklich dazuschreiben, dass zum Frieden Gerechtigkeit und Solidarität dazugehören. Und dann ist die Aufgabe, das in eine Lebensform zu übersetzen: wie müssten eigentlich die Menschen organisiert sein, wie müssten die zusammen gehören, die so etwas umsetzen? Gott arbeitet immer mit einem Volk, mit Menschen, die so verbunden sind, so organisiert sind, dass sie gemeinsam seine Herrschaft repräsentieren und voranbringen. Da sind wir noch sehr am Suchen und werden miteinander Neues wagen müssen. Denn Gott ist mit den Mutigen.

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