Ein neuer Himmel – eine neue Erde

Predigt am 17. November 2013 (Besonderer Gottesdienst) zu Offenbarung 21,1-2.9-11.22-27; 22,1-2

Verfasser: Walter Faerber

Besonderer Gottesdienst am 17.11.2013:

 

Der Gottesdienst begann mit dem Videotrailer zu einem Film, der mit ausgefeilten Spezialeffekten einen spekulativen Weltuntergang in der Gegenwart beschreibt. Im Kontrast dazu wurden Passagen aus der Offenbarung des Johannes verlesen, die von einem neuen Himmel und einer neuen Erde sprechen. Bilder aus Natur, Kultur und Kunst wurden auf ihre Perspektive zur Erneuerung der Schöpfung hin befragt.

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. 2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. …
9 Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen mit den sieben letzten Plagen getragen hatten. Er sagte zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes. 10 Da entrückte er mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, 11 erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. …
26 Und man wird die Pracht und die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt bringen. 27 Aber nichts Unreines wird hineinkommen, keiner, der Gräuel verübt und lügt. Nur die, die im Lebensbuch des Lammes eingetragen sind, werden eingelassen. 22,1 Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus. 2 Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.

Die Geschichte, die die Bibel erzählt, beginnt am Anfang des Alten Testaments in einem Garten, und sie endet am Ende des Neuen Testaments in einer Stadt, in der sich Natur und Kultur in harmonischer Weise verbinden. Da entsteht eine neue Welt, ein neuer Himmel und eine neue Erde, und die Bibel hat das Problem, wie man überhaupt von so etwas völlig Neuem reden kann. Alle Bilder und Beschreibungen benutzen ja Worte und Begriffe aus der alten Welt. Und wenn tatsächlich alles neu wird, dann sind auch die alten Begriffe untauglich, das zu beschreiben.

Jenseits der Grenzen unserer Vorstellungsmöglichkeiten

Deshalb findet man im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Sehers Johannes so viele Bilder, die man sich eigentlich gar nicht realistisch vorstellen kann. Über das neue Jerusalem wird z.B. an einer Stelle gesagt, dass es jeweils 2200 Kilometer lang, breit und hoch sei. Die Stadt würde damit einen guten Teil des östlichen Mittelmeeres bedecken und ein ganzes Stück in den Weltraum hineinragen. Oder es heißt, dass die Tore der Stadt jeweils aus einer einzigen Perle bestehen. In welcher Riesenmuschel sollten die gewachsen sein?

Das sind Bilder, die eigentlich jenseits der Grenzen unserer Vorstellung liegen, und damals, als das geschrieben wurde, erst recht. Es sind Beschreibungen, die deutlich machen, dass eine Beschreibung eigentlich unmöglich ist, aber wenn man überhaupt etwas sagen will, dann muss man zu solchen Bildern Zuflucht nehmen. Man muss in irgendeiner Weise Künstler sein, man muss auf etwas zeigen können, was noch nie dagewesen ist, um anderen den Horizont dehnen zu können, bis er die Grenzen unserer bekannten Welt überschreitet.

Falsch verstandener Realismus

Wer im Internet nachschaut, der findet da viele Versuche, mit den Mitteln heutiger Grafikprogramme die Schilderungen der Bibel möglichst realistisch umzusetzen, aber das ist manchmal eher unfreiwillig komisch, wenn das neue, würfelförmige, goldene Jerusalem dann wie ein Borg-Raumschiff kurz vor der Landung aussieht. Wenn man versucht, etwas nicht wirklich Beschreibbares realistisch darzustellen, das funktioniert nicht.

mittelalterliche Buchmalerei: Neues JerusalemMan merkt das sehr gut an den mittelalterlichen Buchmalereien, wo das neue Jerusalem meistens eher aussieht wie ein mittelalterliches Landstädtchen, sehr überschaubar, und man merkt: der Künstler kannte nur solche für unsere Verhältnisse kleinen Städtchen, aber er hat eben mit dem Vorstellungsmaterial gearbeitet, das er damals hatte. Aus unserer Perspektive kann man dazu sagen: na ja, das war eben das Mittelalter! Man kann aber auch sagen: genau, so begrenzt sind unsere Möglichkeiten und Vorstellungen im Prinzip heute auch noch, und lasst uns nur hoffen, dass wie es mit unseren heutigen Mitteln nicht schlechter hinkriegen als der Mönch, der das damals gemalt hat!

Wenn man aber erst verstanden hat, dass es alles immer nur Annäherungen an etwas Unbeschreibliches sind, dann kann man all diese Bilder eben als Bilder sehen, als Hinweise auf etwas, das jenseits der Grenzen unserer Vorstellungskraft liegt. Und dann kann man sogar in sehr vielen Bildern einen Hinweis auf Gottes kommende Welt finden, weil unsere alte Welt, die wir kennen, ja eben auch ein Zeichen und Hinweis auf Gottes neue Schöpfung ist. Gott sagt ja nicht: »Mist, das ist mir danebengegangen, weg damit«, tritt die erste Schöpfung in die Tonne und macht etwas ganz anderes. Nein, Gott macht etwas Neues, aber er macht nichts Anderes. Er erschafft etwas, worin sein Traum von der ersten Schöpfung aufbewahrt bleibt, aber jetzt kommt sie an das Ziel, das er schon immer im Auge hatte.

Bilder als Zeichen und Hinweis

Und deshalb ist schon unsere ganze alte Welt, wenn man sie richtig versteht, ein Hinweis auf die neue. Auch in dieser alten Welt, die wir kennen, leuchtet manchmal schon etwas auf von der Herrlichkeit des Neuen, das Gott heraufführt. Und zwar nicht nur in der Schönheit der Natur, sondern genauso in den Schöpfungen des Menschen. Und wenn wir lernen, richtig zu sehen, dann finden wir auch jetzt schon viele Hinweise auf den neuen Himmel und die neue Erde, obwohl wir hoffentlich wissen, dass spätere Generationen die Grenzen unserer Vorstellung genau so deutlich wahrnehmen werden wie wir die Grenzen der mittelalterlichen Malerei.

In diesem Sinn möchten Daniel Keding und ich Sie jetzt mit Bildern und Musik einladen, die Welt zu betrachten aus der Perspektive ihrer Erneuerung. Natur und Kultur – beide sind daraufhin angelegt, auf etwas Größeres, noch Schöneres, noch Herrlicheres hinzuweisen, und wir sollen uns darin üben, das zu sehen.

An dieser Stelle sah die Gemeinde Bilder und hörte live Musik dazu.

Alles ist durchsichtig auf etwas anderes hin. Oder, besser: alles kann für uns durchsichtig werden, wenn wir lernen, das zu sehen. Alles ist mehr als es scheint. Jeder Mensch, auch ein Feind, kann uns zum Nächsten werden, sagte Jesus. Die ganze Welt soll zu etwas Neuem werden, sagt die Offenbarung. Und es geht dabei nicht um Naturromantik, auch wenn wir in der Schönheit der Natur oft besonders viel von der Freude Gottes an seinen Werken spüren. Aber die neue Welt ist eben nicht einfach das wiedergefundene Paradies, der Garten, in dem zwei ursprüngliche nackte Menschenkinder sorglos in den Tag hinein leben. Zur kommenden Welt gehört auch die menschliche Kultur, obwohl sie ganz besonders durch eine Verwandlung, eine Erneuerung hindurch muss.

Natur und Kultur in der neuen Schöpfung

Gott wollte nicht nur Geschöpfe, die ihn kennen und ihn verstehen, sondern er wollte auch Geschöpfe, die an seinem Schöpfungswerk teilnehmen. Deswegen läuft die Welt auf eine Stadt zu, mit all der Komplexität und Entwicklung menschlicher Fähigkeiten, die Städte mit sich bringen. Städte haben schon immer Menschen dazu angeregt, sich weiterzuentwickeln, kunstfertiger zu werden, erfindungsreicher und vielseitiger. Wo viele Menschen konzentriert sind, da sind die Kommunikationswege kürzer, da gibt es mehr Anregungen und Herausforderungen, da lernt man, auf vielerlei Weise zu kommunizieren und nicht nur in ewig gleichen Mustern vor sich hin zu brummeln. Dass Städte auch gefährliche und anstrengende Orte sind, voller Hektik und Nervosität, das ist klar. Die Städte, die wir kennen, sind ja noch von den Mustern der alten Welt geprägt. Aber Städte haben eine Berufung, die auch jetzt schon ein wenig zu erkennen ist.

Deswegen steht im Mittelpunkt der neuen Schöpfung das neue Jerusalem. Es klingt ja in der Offenbarung so, als ob die neue Welt größer ist als das neue Jerusalem. Denn es gibt ja auch Völker und Könige außerhalb von Jerusalem, die ihre kostbarsten Schätze in die Stadt bringen werden. Und die Blätter von den Bäumen des Lebens bringen ihnen Heilung. Anscheinend wird die neue Schöpfung von ihrem Mittelpunkt her geprägt. Das neue Jerusalem strahlt aus nach überall hin.

Vom Segen durchströmt

Das Bild dafür ist der Strom des Lebens, der von der Stadt aus in die Welt fließt. Er entspringt zu den Füßen Gottes, und an seinem Ufer wachsen viele Bäume des Lebens, nicht nur einer wie im Paradies. Und dieser Strom des Lebens durchzieht die ganze Schöpfung. Er ist ein Bild dafür, wie die ganze Welt durchströmt wird von den Segenskräften Gottes. Gott hat nicht irgendwann einmal die Welt zusammengebastelt, und jetzt steht sie im Museum, und ab und zu kommt er noch mal und schaut nach, ob sie immer noch funktioniert. Nein, Gott ist in jedem Moment im Hintergrund der Welt am Wirken. Er tränkt sie mit Leben, Segen und Freude. Er nimmt Anteil an ihr.

Und das gilt natürlich nicht erst für die neue Schöpfung, sondern für unsere Welt genauso. Im Grunde kommt durch die neue Schöpfung erst richtig ans Licht, wie es schon immer gewesen ist: nämlich Gott im Hintergrund der Welt, die neue Schöpfung als das Geheimnis der alten, der neue Mensch als die Berufung von uns allen. Die Johannesoffenbarung enthüllt diese verborgene Wahrheit, damit wir jetzt schon von ihr leben.

MISEREOR-Hungertuch aus IndienEs gibt ein Bild eines indischen Künstlers, es ist ein MISEREOR-Hungertuch, in dem das sehr schön deutlich wird. Da sehen wir Szenen aus dem armen, ländlichen Indien. Die Menschen sind bei ihrer mühsamen Arbeit, rechts ist es so trocken und dürr, dass der Brunnen versiegt ist und die Bäume verwelken. Sogar ein Toter liegt im Fluss. Aber das ganze Bild ist durchzogen von Lichtstrahlen, und wo sie auf die Menschen treffen, da sieht es anders aus. Da gibt es Hoffnung, und die Menschen schauen nach oben. Da schöpfen sie Wasser aus dem Strom des Segens, die Erde wird zur blühenden Landschaft und ein ländlicher indischer Dorftempel zum neuen Jerusalem. Und vielleicht wird sogar der Verstorbene wieder lebendig, wenn das neue Leben ihn berührt.

MISEREOR-Hungertuch aus Haiti (Ausschnitt)So wie dieses Bild will uns auch die Johannesoffenbarung die Augen öffnen für die Präsenz des Neuen schon im Hintergrund der Welt. Jesus, der diesen verborgenen Hintergrund neu aufgeschlossen hat, ist beide Male die zentrale Gestalt.

Gemeinschaften des neuen Lebens

Und alles zusammen soll dazu beitragen, dass die neue Menschheit jetzt schon Gestalt annimmt in den Gemeinschaften des neuen Lebens im Namen Jesu, die schon in der alten Welt das deutlichste Zeichen der neuen sind. Deswegen beginnt die Johannesoffenbarung mit Botschaften an solche kleinen Gemeinschaften im Gebiet der heutigen Türkei, und auf einem anderen MISEREOR-Hungertuch sieht man das Bild einer kleinen Gruppe, die die neue, versöhnte Menschheit repräsentiert: versöhnt miteinander und mit den Mitgeschöpfen, in Freundschaft mit dem Kosmos, versammelt um das Licht, das jetzt schon in die Welt gekommen ist und denen leuchtet, die Augen haben, um es zu sehen.

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