Unterwegs nach Weihnachten

Predigt am 8. Dezember 2013 (Besonderer Gottesdienst) zu Psalm 24

Verfasser: Walter Faerber

Besonderer Gottesdienst am 17.11.2013: 

Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt, / der Erdkreis und seine Bewohner.
2 Denn er hat ihn über Meeren gegründet / und ihn über Strömen gefestigt.
3 Wer darf hinaufziehen zum Berge des Herrn, / wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, der seine Seele nicht erhebt zum Nichtigen, / und der dem Trug keinen Eid schwört.
5 Er wird Segen empfangen vom Herrn / und Gerechtigkeit vom Gott seines Heiles.
6 Dies ist das Geschlecht, das nach ihm fragt: / jene, die dein Antlitz suchen, Jakob.
7 Ihr Tore, hebt eure Häupter, erhebt euch, ihr uralten Pforten, / dass Einzug halte der König der Herrlichkeit.
8 Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr, stark und gewaltig, / der Herr, gewaltig im Kampfe.
9 Ihr Tore, hebt eure Häupter, erhebt euch, ihr uralten Pforten, / dass Einzug halte der König der Herrlichkeit.
10 Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr der Scharen: / Er ist der König der Herrlichkeit.

Dieser Psalm ist ein Lied von Pilgern. Er wurde wahrscheinlich in der alten Zeit gesungen, wenn eine Gruppe von Pilgern nach einem mehrtägigen Fußmarsch im Jerusalemer Tempel ankam. Unterwegs haben sie gesungen: »Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner«. Unserem Gott gehört die ganze Welt und alle ihre Geschöpfe, denn er hat das Chaos zurückgedrängt und einen Raum zum Leben geschaffen, über den Meeren und Strömen. Das Meer und das Wasser überhaupt steht in der Bibel immer für das ungeordnete Chaos, für ein tödliches Durcheinander, wo kein Leben möglich ist. Aber über diesem Chaos hat Gott einen Raum zum Leben geschaffen: unsere Welt, geordnet und schön.

Und weil er sie dem Chaos abgerungen hat, deswegen gehört ihm diese Welt. Wo das vergessen wird, da fangen Menschen an, Land und Bodenschätze zusammenzuraffen und führen Kriege um Öl und um Grenzen. Dann baut man Zäune um das Territorium, auf das man Anspruch zu haben glaubt. Und aus dem Geschenk der Erde wird eine Beute, die der Stärkste an sich reißt und nicht mehr hergibt. Und dann kehrt das Chaos zurück in die Schöpfung: der Krieg aller gegen alle. Aber in Wirklichkeit gehört die Erde Gott, und wir haben sie anvertraut bekommen, damit wir uns an ihr freuen und sie gedeihen lassen.

Tagelang waren die Pilger unterwegs gewesen, ihre Lieder hatten sie daran erinnert, dass ihr Gott all diese Herrlichkeit geschaffen hatte, die Berge und die Täler, das zarte Grün des Frühlings und den hohen Himmel über allem.

Warum mussten sie dann aber noch nach Jerusalem pilgern, wenn Gott sowieso die ganze Erde geschaffen hat? Die Dinge, die immer richtig sind, die müssen doch bei besonderen Gelegenheiten extra ausgesprochen werden. Was immer gilt, wird am schnellsten vergessen. Man kann nicht jeden Tag sagen: »Du bist der beste Papi der Welt« oder »du bist die schönste Frau von allen«, das schleift sich ab, aber bei besonderen Gelegenheiten muss es ausgesprochen werden: einmal im Jahr, wenn Geburtstag ist, oder jedes Mal, wenn man goldene Hochzeit feiert, dann erinnern sich alle wieder daran.

Und um sich wieder zu erinnern, dass Gott die ganze Welt gehört, weil er sie dem Chaos abgerungen hat, dafür war der Tempel da, und dazu waren die jährlichen Feste da, sozusagen als Zeichen in Zeit und Raum. Solche Zeichen sind auch der wöchentliche Feiertag, das Abendmahl und die Gemeinschaft der Gemeinde Jesu. Man geht dann jeweils für einige Zeit aus seiner gewohnten Umgebung heraus an einen besonderen Ort, um zu bekräftigen, was immer gilt, oder um sich wieder neu daran erinnern zu lassen.

Bis heute ist das so, dass Menschen, deren Leben irgendwie erschüttert worden ist, oder für die ein neuer Lebensabschnitt beginnt, oder die neu ihre Orientierung suchen, aus ihrer gewohnten Umgebung rausgehen, Urlaub machen, zur Kur fahren, nach Indien trampen, ihre alten Freunde besuchen, ins Kloster gehen oder was auch immer. Eine Unterbrechung, um wieder seinen Weg zu finden. Eine »Auszeit« nennt man das manchmal: eine Zeit, wo der Standardablauf außer Kraft gesetzt ist.

Und so gibt es auch auf dem Weg nach Weihnachten so eine Unterbrechung, eine Auszeit: Als Maria vom Engel gehört hat, dass sie ein Kind zur Welt bringen soll, und zwar ein sehr besonderes, da geht sie raus aus Nazareth, weg von ihrer Familie, sie legt auch zwischen Josef und sich einen Abstand, und erst recht geht sie den Besserwissern im Dorf aus dem Weg, die sich das Maul zerreißen über ihre Schwangerschaft. Sie besucht ihre Tante Elisabeth. Und dazu habe ich hier ein Video:

Es passiert gar nicht so viel in dieser Szene. Eigentlich ist Maria unterwegs und wird von Elisabeth freundlich aufgenommen, und die beiden singen miteinander. Das ist schon alles. Aber das ist ganz viel, wenn ein Mensch sich unsicher ist, wie sein Weg weitergehen soll: dass er freundlich aufgenommen wird, dass er eine Herberge hat für seine Auszeit, und dass da jemand anderes ist, der mit ihm mitschwingt.

Auch Maria hat sozusagen eine Pilgerfahrt gemacht, wenn auch nicht zum Tempel, sondern an einen anderen besonderen Ort. An Maria sieht man, dass jetzt die Zeit anbricht, wo es gar nicht mehr auf bestimmte geografische Orte ankommt, sondern jetzt können auch Menschen zu Tempeln werden, wo man hingeht, um sich daran erinnern zu lassen, was gilt: dass Gott dem Chaos eine Grenze gesetzt hat und dass ihm die Welt gehört.

Jesus, der Sohn Marias, wird seine Gemeinde gründen, und die gibt es überall auf der Welt: Menschen, die ein Zeichen dafür sind, dass Gott die Welt am Leben erhält und sie auch weiterhin ordnet. Deswegen verstehen wir heute die alten Psalmen von der Pilgerwanderung zum Jerusalemer Tempel in einem übertragenen Sinn, weil es inzwischen eine andere Zeit ist. Aber es geht immer noch darum, dass Menschen sich auf den Weg machen und sich in einem besonderen Szenario daran erinnern lassen, was immer gilt. Und auch das Weihnachtsfest ist so eine besondere Konstellation, durch die wir uns erinnern, dass Gott in die Welt hineingekommen ist und das ganze Jahr hindurch daran arbeitet, seine Welt von innen heraus zu erneuern.

Wenn die Pilger in der alten Zeit an ihrem Ziel angekommen waren, dann erinnerten sie sich daran, dass nicht jeder dort im Heiligtum an der richtigen Stelle war. Wer z.B. auch noch andere Götter verehrte, der war da am falschen Platz. Heute würden wir das ungefähr so sagen: das ganze Jahr über ist dir Geld am wichtigsten, das ganze Jahr über benimmst du dich wie Sau, 11 ½ Monate lang machst du dir und anderen dauernd Stress, und zu Weihnachten soll es plötzlich besinnlich werden, da soll die Familie auf einmal voll Harmonie und Liebe sein? Oder, auf einer tieferen Ebene: Gott ist eigentlich nie präsent in deinem Leben, für ihn ist keine Zeit und keine Gelegenheit, aber an Weihnachten soll dann plötzlich so etwas wie Weihnachtsfreude vom Himmel fallen? Das wird nicht funktionieren, da ist die Enttäuschung vorprogrammiert, nicht umsonst haben die Beratungsstellen nach Weihnachten Hochkonjunktur, weil sie den ganzen Streit aufarbeiten müssen und die Enttäuschungen und Depressionen, die über die Festtage entstanden sind.

Am richtigen Ort sind im Tempel und an Weihnachten und an all diesen Begegnungspunkten die Menschen, die nach Gott fragen und sein Antlitz suchen: die ihm wirklich begegnen möchten. Die sich erinnern lassen möchten, dass die Erde immer noch Gott gehört und nicht den Banken und Konzernen und Geheimdiensten. Solchen Menschen kann sogar mitten in unserem sentimentalisierten und kommerzialisierten Weihnachtsfest Gott begegnen. Durch all die Jahrhunderte und Jahrtausende bleibt Gott derselbe, trotz all der unterschiedlichen Wege, auf denen Menschen ihn im Lauf der Geschichte gesucht haben.

Und dann stehen die Pilger endlich vor dem Tempeltor, und es ist zu. Und sie klopfen an das Tor und sagen: macht das Tor auf! Der gewaltige König, der König der Herrlichkeit kommt! Aber die Priester im Innern beeindruckt das gar nicht, sie fragen: wer ist das? was ist das für ein Gott? Da könnte ja jeder kommen und behaupten, er wäre der richtige Gott!

Und die Pilger versuchen es noch einmal und sagen: es ist der Herr, stark und gewaltig, ein mächtiger Kämpfer! Macht das Tor auf!

Das klingt so ein bisschen nach Ronald Reagan, wie er vor der Berliner Mauer stand und rief: »Mr. Gorbatschov, reißen Sie diese Mauer nieder!« Aber auch bei Ronald Reagan hätte man fragen können und sollen: wofür? für die Freiheit? für neue Ansatzmärkte? für Billiglöhne? Das wäre eine Rückfrage wert gewesen!

Und also fragen die Priester beharrlich weiter: wer ist dieser König, den wir reinlassen sollen? Und dann haben die Pilger die richtige Antwort: es ist der Herr der Scharen! Das klang wahrscheinlich schon damals etwas altertümlich. Aber wir können es für uns übersetzen: der Gott der Menschen, dem es um seine Menschen geht und der Menschen zu seinem Volk macht. Der Gott, der mit seinen Menschen unterwegs ist. Der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat, der ihm die Propheten geschickt hat, damit sie ihn nicht vergessen, der in Jesus dann selbst Mensch geworden ist und unser Leben teilt, der mit seiner Gemeinde in die ganze Welt geht und an den unwahrscheinlichsten Orten Zonen der Freiheit schafft.

Ja, er ist mächtig, ja, er kann kämpfen und tut es auch, aber sein entscheidendes Kennzeichen ist, dass er bei seinen Leuten ist. Und man beachte: er ist nicht schon im Heiligtum, sondern er kommt erst mit seinen Leuten. Der Tempel selbst ist keine Garantie für Gott. Weihnachten ist keine Garantie für Gott. Das christliche Abendland ist keine Garantie für Gott. Wo »Heiliger Ort« drauf steht, da muss noch längst nicht Gott drin sein. Gott kommt immer erst, er kommt mit seinen Leuten, er kommt als ungeborenes Kind mit Maria auf ihrer Pilgerfahrt zu Elisabeth, er ist schon bei seinen Leuten, wenn sie auf dem Weg singen: »Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt«.

Und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er dabei ist, wenn heute an den Außengrenzen des christlichen Abendlandes Hunderttausende von Flüchtlingen Einlass begehren und um einen Platz bitten, wo sie eine Auszeit von Krieg, Armut und Unterdrückung haben können. Was könnte sich für eine Weihnachtsfreude in unserem Land ausbreiten, wenn wir zu Weihnachten Zeuge würden, wie unter uns Menschen aufatmen und sich freuen und anfangen zu glauben, dass Gott doch der Herr der Welt ist und nicht die Gewaltherrscher, Milizen und Folterknechte! Was könnte da freigesetzt werden an Freundlichkeit, Solidarität und Begeisterung! Da könnte ein ganz neuer Faktor in die Weltpolitik eingreifen, mit dem keiner gerechnet hat. Und wir würden die Herrlichkeit Gottes mitten unter uns erleben, von der alles Lametta und alle Weihnachtsbeleuchtung nur ein schwacher Abglanz ist.

Gott kommt in sein Eigentum, in die Welt, und wie wir vorhin in der Lesung gehört haben, bringt das Erschütterungen mit sich. Wenn Gott kommt, bringt er alle Verhältnisse ins Wanken. Wir können uns kaum vorstellen, wie eine Welt aussieht, in der den Herren dieser Welt nicht mehr alles gehört, sondern wo Gott in sein Eigentum gekommen ist. Aber es wird großartig sein, unvergleichlich.

Bis dahin sind wir jetzt auf dem Weg nach Weihnachten. Man braucht dazu die Sehnsucht nach Gottes Angesicht, damit man auch die Strapazen des Weges übersteht. Und man braucht Begleiter, denen es auch so geht.

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