Die Macht der Weltbilder

[insert_php]the_excerpt();[/insert_php]

Verfasser: Walter Faerber

Titelgrafik Besonderer Gottesdienst 12.10.2014

Weltbilder prägen unser Lebensgefühl. Wir merken das besonders, wenn sie sich ändern. Auf dem Holzschnitt unten ist so ein Augenblick eingefangen, wie jemand durch das traditionelle Weltbild mit dem Himmelsgewölbe, an dem Sonne, Mond und Sterne befestigt sind, hindurchschaut, und da tut sich ihm eine ganz unbekannte Welt auf mit vielen neuen Himmelsphänomenen. Und auf einmal fühlt er sich nicht mehr in einer überschaubaren Welt geborgen, sondern er hat etwas gesehen von einer unendlichen Welt mit ungeheuren Räumen und Weiten.

Wenn Weltbilder nicht mehr passen

WeltbildDieser Holzschnitt bildet den Moment ab, in dem die Astronomie neue Entdeckungen machte, die nicht mehr in das alte Weltbild hineinpassten. Auf einmal wurde die alte Sicht auf die Welt fragwürdig, die man viele Generationen lang für einleuchtend und selbstverständlich gehalten hatte. So lange Weltbilder alle bekannten Tatsachen integrieren, kommt man gar nicht auf die Idee, dass es anders sein könnte. Man hält sie für die einzig denkbaren und natürlichen Erklärungsmuster für die Welt. Aber dann kommt jemand und erfindet das Fernrohr. Oder ein anderer Wandel tritt ein.

Ich möchte heute vor allem darauf achten, wie Weltbilder das Verhältnis von Gott und der Welt beschreiben.

In der Antike gab es die Vorstellung einer engen Verbindung von Himmel und Erde, und zwar nicht nur in der Bibel, sondern eigentlich in allen Kulturen.

Nehmen wir das Beispiel von Mose und der Amalekiterschlacht aus dem zweiten Buch Mose (17,11-12)! Israel wird in der Wüste von den Amalekitern überfallen, einem kriegerischen Nomadenvolk. Weil Israel gerade erst aus der ägyptischen Sklaverei entkommen ist, sind sie nicht besonders geübt im Kämpfen und deshalb in großer Gefahr. Während Josua die kampffähigen Männer in die Schlacht führt, geht Mose auf einen Berg und betet. Und erstaunlicherweise bewirkt dieses Gebet, dass die unerfahrenen Kämpfer Israels die Oberhand gewinnen. Aber dann werden Mose die Arme lahm – man betete damals mit erhobenen Händen – und als er sie sinken lassen muss, dreht sich die Schlacht und die Amalekiter gewinnen. Am Ende halten zwei Männer Mose die Arme hoch und Israel siegt.

Das antike Weltbild

Das ist Weltbilder01ein Beispiel für die enge Verbindung zwischen Gott und der Welt, wie die Menschen im Altertum sie sahen. Jedes Ereignis hat eine himmlische und eine irdische Seite. Himmel und Erde beeinflussen sich gegenseitig. In einem Schema würde das so aussehen:

Jede materielle Realität auf der Erde hat gleichzeitig eine spirituelle Dimension, und jede Veränderung in der himmlischen Welt hat ihre materiellen Konsequenzen in unserem Leben. Die Bibel wird einem sehr rätselhaft und merkwürdig erscheinen, wenn man diese grundlegende Denkvoraussetzung nicht versteht.

Aber schon in der Antike hat sich dieses Weltbild verändert. Ich vermute, dass das etwas mit dem Aufstieg der großen Weltreiche zu tun hatte, besonders mit dem römischen Weltreich. Die Menschen fühlten sich zunehmend ohnmächtig gegenüber diesen Machtzusammenballungen, sie fühlten sich einfach nicht mehr zu Haus in dieser Welt. Der Zusammenhang von Himmel und Erde erschien ihnen zunehmend in Frage gestellt. Sie erlebten Himmel und Erde als getrennte Welten. Mehr noch: die Erde erschien ihnen als ein unwirtlicher Ort, wohin man durch ein böses Geschick geraten ist. Durch die ganze dunkle Zeit von Völkerwanderung und Mittelalter hindurch haben Menschen mit diesem Gefühl gelebt: hier sind wir nicht zu Hause, unsere eigentliche Heimat ist die jenseitige Welt. Das Ziel unseres Lebens ist es, dorthin zu gelangen, fort aus diesem Jammertal.

Das spiritualistische Weltbild

Weltbilder03So entwickelte sich das spiritualistische Weltbild. Eigentlich passte es nicht zu der biblischen Lehre, dass Gott die Welt gut geschaffen hat. Erde und Himmel hatten in diesem Bild wenig miteinander zu tun. Sie schienen voneinander getrennt zu sein. Die materielle Welt war eine Art Gefängnis, in das man durch ein Unglück hineingeraten ist, und so haben Christen durch viele Jahrhunderte angenommen, das eigentliche Leben spiele sich im Himmel ab, und die Erde solle man so schnell wie möglich hinter sich lassen. So ein Weltbild sorgt natürlich für Probleme. Alles, was uns ganz besonders an unsere materielle Seite erinnert, wird abgewertet: der Leib, die Sexualität, das ganze profane Leben überhaupt erscheint als minderwertig. Man soll ihm entfliehen, weil es uns von der geistigen Sphäre ablenkt. Religion ist dafür da, uns an unsere eigentliche spirituelle Heimat zu erinnern. Wenn es bis heute so ein Vorurteil gibt, dass die Kirche mit dem Leben nichts zu tun hat, dann ist das ein Erbe dieses spiritualistischen Weltbildes.

Der Gegenschlag: das neuzeitliche Weltbild

Weltbilder04Aber jede Einseitigkeit provoziert auf die Dauer den Gegenschlag in die andere Richtung. Als die Menschen sich aus dieser Abwertung der materiellen Seite des Lebens befreien wollten, taten sie es, indem sie ein entgegengesetztes Weltbild erfanden, nämlich: das materialistische Weltbild der Neuzeit.

Es dreht den Spieß um und sagte: nur das Materielle ist real. Nur was du mit deinen Händen anfassen und bearbeiten kannst, ist real. Nur was du messen und zählen kannst, ist real. Alles andere sind Spintisierereien und Mythen. Wenn du Lust hast, kannst du privat daran glauben, aber in der Öffentlichkeit zählen nur Fakten und nicht irgendwelche religiöse Seelenbräu, mit denen die Priester die Leute einschüchtern. Heinrich Heine hat das sehr schön zusammengefasst, als er dichtete: »den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen«.

Nachdem sich dieses Weltbild in der Neuzeit erst einmal durchgesetzt hatte, hatten die Christen ein Problem. Hatten die materielle Welt, in der wir leben und arbeiten, und die spirituelle Welt, von der die Kirche sprach, überhaupt noch etwas miteinander zu tun?

Weltverlust des Glaubens – geistlose Materie

Weltbilder05Sie versuchten es zu lösen, indem sie Himmel und Erde sozusagen als unverbundene Parallelwelten ansahen. Sechs Tage in der Woche lebte man in der Welt der materiellen Realitäten, der Sonntag war der Tag der seelischen Erhebung, wo man in die Kirche ging und etwas für sein Gemüt tat, wenn einem danach war. Aber so wurde die himmlische Sphäre erst recht zu etwas Weltfremden und schwer Begreiflichen. Gott schien weit weg zu sein und sich um seine Schöpfung nur noch selten zu kümmern. Während die naturwissenschaftliche Weltsicht sich in der Öffentlichkeit als die einzig realistische Weltdeutung präsentierte, blieb der Religion nur das Private und Innerliche. Glaube und Politik z.B. haben in dieser Weltsicht nichts miteinander zu tun.

Während so die spirituelle Seite der Welt immer mehr zurückgedrängt wird, sieht es auf der materiellen Seite dann so aus, als ob die Welt nur eine Anhäufung von toter Materie ist, mit der man tun und lassen kann, was man will. Kein Wunder, dass die Umwelt dann immer mehr zur Müllkippe wird, und dass ungezählte Tier- und Pflanzenarten aussterben: das ist ja alles nur tote Materie, mit der man machen kann, was man will. So etwas wie »Ehrfurcht vor dem Leben« oder Freude an der Schönheit der Schöpfung ist alles nur Blabla, mit dem ein echter Materialist wenig anfangen kann.

Ein neues Bild für Himmel und Erde

Weltbilder06Aber es bekommt Erde und Himmel schlecht, wenn man sie so auseinander reißt. Sie sind füreinander geschaffen, nur in ihrer miteinander Verbindung gedeihen sie. Eigentlich war das antike Weltbild gar nicht so daneben. Das Problem ist nur: das Bild funktioniert heute nicht mehr so gut. Wir wissen inzwischen, dass wir nicht mehr unter einer Himmelskuppel leben.

Im Weltall gibt es kein Oben und Unten. Schon in Australien sehen sie das genau umgekehrt. Deswegen müssen wir für die enge Verbindung der beiden Seiten der Schöpfung auch neue Bilder finden. Sonst kann es passieren, dass da die Kosmonauten hoch fliegen und sagen: hier oben ist ja gar kein Gott! Und dann denken sie, damit wäre Gott widerlegt.

Weltbilder07Ein mögliches Bild für die enge Verflochtenheit von Himmel und Erde ist dieses keltische Knoten-Ornament. Die alten Iren und Schotten haben ja immer solche Ornamente gezeichnet oder in Stein gehauen, wo viele Stränge sich ganz kompliziert verflochten haben. Und sie wollten damit zeigen: so untrennbar sind die himmlische und die irdische Seite der Schöpfung verflochten. Das eine durchdringt das andere.

Gottes Wirken und Gottes Segen ziehen sich durch die Schöpfung hindurch. Und andererseits reagiert Gott auf das, was Menschen hier tun. Alles ist miteinander verwoben und kann überhaupt nicht auseinander genommen werden. Auch die stumme Schöpfung lobt Gott. Und Gott wiederum kann die Materie beeinflussen.

So ein neues Bild von der Schöpfung zu entwickeln, das wird die Geistlosigkeit des Materialismus heilen und gleichzeitig verhindern, dass wir uns Gott als jemanden vorstellen, der nur mit unserem Innenleben zu tun hat. Nein, er durchwirkt die ganze Schöpfung, die Materie und die geistige Welt, und sogar die Naturwissenschaften haben längst entdeckt, dass Materie nichts Einfaches, Selbstverständliches ist, sondern dass sie unglaublich kompliziert zusammengesetzt ist und vielleicht sogar nur eine besondere Form von Energie. Vielleicht steht uns ja eine Zeit bevor, wo auch in unserem Denken Himmel und Erde, Geist und Materie wieder zusammenfinden.

Und dazu hören wir jetzt auf zwei Verse aus dem Kolosserbrief (1,15-16):

15 Jesus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.

Diese Verse sagen uns: die Welt ist nicht neutral. Sie ist nicht tote Materie, der es egal ist, was man daraus macht: Schwerter oder Pflugscharen, Brot oder Schnaps. Die Welt ist zum Leben geschaffen, nicht zum Tod. Sie soll gesegnet sein, und nicht unter einem Fluch leben. Sie ist für Jesus geschaffen, für die Lebensart, die sich in ihm verkörpert hat. Die Welt hat eine Tendenz zum Guten hin. Nicht als Automatik, nicht als eingebauten Fortschritt, sondern so, dass sie aufblüht, wenn Menschen sie dankbar aus Gottes Hand empfangen und auch so behandeln.

Und diese Welt hat eine sichtbare und eine unsichtbare Seite. Die unsichtbare Seite hat mit Macht zu tun: »Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten« sind die Fachbegriffe des Neuen Testaments dafür. Die Welt wird von unsichtbaren Mächten regiert. Das ist nicht weiter schlimm, das gehört sozusagen zu ihrem Bauplan.

Der Geist hinter den Gemeinschaften

Jeder große oder kleine Zusammenschluss von Menschen hat seinen Geist. Vergleiche mal Familien, die du kennst: in der einen Familie wird dauernd gemeckert und an den anderen rumkritisiert, und in der anderen Familie unterstützen sie sich und freuen sich, wenn einer etwas gut hinkriegt. Oder nimm Fußball-Bundesligavereine: In München herrscht ein anderer Geist als in Dortmund, und in Braunschweig ist er noch mal anders. Oder nimm ganze Länder und Völker: Der Geist Schwedens ist ein anderer als in Saudi-Arabien, und Russland fühlt sich anders an als Brasilien. Oder denk an Schulen: in der einen Schule treten Schüler und Lehrer morgens verdrossen zum Unterricht an und quälen sich durch den Tag, und in einer anderen Schule freuen sie sich darauf; und die meisten liegen irgendwo dazwischen.

Jede Familie, jeder Verein, jedes Land, jede Organisation, jeder Zusammenschluss von Menschen hat seinen Geist, seine verborgene Seite, und auf dieser verborgenen Seite wird über die Stimmung in dieser Gemeinschaft entschieden. Selbst wenn du der Chef bist, du kannst nicht einfach befehlen, dass ab morgen alles unbürokratisch und effektiv läuft. Du kannst auch als Chef nicht einfach beschließen, dass den Leuten ab morgen die Arbeit Spaß macht, wenn sie bisher kollektive Missmut gepflegt haben. Der Geist ist stärker als ein Einzelner, sogar stärker als der Chef. So funktioniert die Welt.

Das Problem ist nur, wenn man das gar nicht weiß, wenn man diese verborgene Seite der Wirklichkeit ignoriert. Aber tatsächlich spielen sich da die entscheidenden Kämpfe ab. Werden die Geister die Materie entsprechend ihrer Bestimmung regieren – oder wird sich der Geist des Habenwollens und der Gier durchsetzen, der die Welt auf einen Kurs gegen ihre eigentliche Bestimmung bringt?

Der Geist des Beutemachens

Unser gegenwärtiges Weltbild hat in sich die Gefahr, dass es das Habenwollen und die Gier unterstützt, weil Geld und Macht das einzig Reale zu sein scheint. Was soll ich mit hehren Idealen, sagt der Vertreter der materialistischen Weltanschauung, das ist alles dummes Gerede, ich orientiere mich an dem, was ich messen und zählen kann, und das ist in erster Linie Geld. Ich bin Realist, sagt er, und das heißt: ich bin Kaufmann, ich schaue auf das, was unterm Strich für mich rauskommt.

Dumm nur, dass die Welt in Wirklichkeit nach anderen Gesetzen funktioniert. Menschen sind nicht schon dadurch glücklich, dass der Kontostand stimmt. Menschen haben viele Wünsche, die man mit Geld nur schwer erfüllen kann. Menschen suchen nach einem Sinn, für den sie leben können, und wenn sie nichts besseres finden, dann sehen sie am Ende den Sinn ihres Lebens darin, Bomben zu legen und möglichst viel Zerstörung anzurichten. Oder sie zerstören sich selbst, sie nehmen Drogen, sie werden krank, sie tun andere dumme Sachen, und alle fragen sich: warum machen die das? Sie haben doch alles!

Der „Brot allein“ – Irrtum

Aber das hat nicht gereicht, weil sie eigentlich etwas vom Himmel gesucht haben: Bedeutung, Sinn, Liebe, wie auch immer man es nennen will, aber sie wussten nicht, dass es das gibt, und so sind sie an dem verzweifelt, was ihnen die materielle Welt geben kann, sie sind verhungert am Brot allein. Denn »der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus Gottes Mund kommt«.

Nicht nur die Materie allgemein hat eine Bestimmung; auch wir selber sind für das Gute geschaffen, auf Gott hin, für die Lebensart, die Jesus verkörpert hat. Und wenn wir unsere Bestimmung verfehlen, dann verkümmern wir und richten überall Zerstörung an.

Freundschaft zwischen Himmel und Erde

Es hat mal eine Zeit gegeben, wo man die Menschen daran erinnern musste, dass Gott auch diese Welt der Materie geschaffen und gesegnet hat, und dass wir uns dieser Welt liebevoll zuwenden sollen, anstatt uns aus ihr fortzusehnen. Heute, meine ich, muss man den meisten Menschen erst wieder sagen, dass diese Welt zugrunde geht, wenn wir nur ihre materielle Seite gelten lassen, wenn wir ihre Schönheit und ihre Tiefe ignorieren, wenn wir die Wunder nicht sehen und stattdessen alles ausplündern und zubetonieren, bis aus der Schöpfung eine vergiftete Betonwüste geworden ist.

Die Welt ist dazu geschaffen, dass sich Materielles und Geistiges in Freundschaft durchdringen – denken Sie an das keltische Knotenmuster! – , dass Gottes Segensstrom in Fülle durch die ganze Welt fließt, und dass Himmel und Erde am Ende zusammenfinden. Jesus Christus hat sie beide zusammengehalten in seinem Leben, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Auf ihn hin, für seine Art zu leben, ist alles geschaffen. Und deswegen, im Vertrauen auf diese Bestimmung, die in allem wohnt, deshalb ist keine einzige gute Tat vergebens. Es wird alles aufgehoben im Himmel, bis die neue Welt anbricht, wo Himmel und Erde sich nicht mehr fremd gegenüber stehen.

Ausdrücklicher Dank und Empfehlung:

Das Schema der Weltbilder stammt in seinem Grundmuster von Walter Wink, dessen 2014 endlich auf Deutsch erschienenes Buch „Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit“ auch noch viele andere hilfreiche Einsichten bietet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir möchten hier nur Beiträge von echten Menschen haben, nicht von Robots. Zur Abwehr von Kommentar-Spam beantworte deshalb bitte die folgende Frage: