Samaritaner und die anderen Anderen seit 1963

Predigt im Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation am 21. September 2014 mit Lukas 17,11-19

Verfasser: Walter Faerber

2014-09-21GoldeneKonf_o

11 Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. 12 Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen 13 und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! 14 Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern ! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein.
15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. 16 Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien. 17 Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? 18 Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? 19 Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.

Am Beginn des Gottesdienstes gab es einen Rückblick auf die Jahre 1963-65, in denen die Jubilare in Groß Ilsede konfirmiert worden waren. Diese Zeit war von Auseinandersetzungen um die Bürgerrechte für Schwarze in den USA, der Ost/West-Konfrontation und dem beginnenden Vietnamkrieg geprägt.

Immer wieder: das Problem der „Anderen“

Als ich mir die Jahre, in denen Sie konfirmiert worden sind, angeschaut habe und dann das Evangelium dieses Sonntages las, da dachte ich: ja, das passt zusammen. Das Thema, das sich durch beides hindurch zieht, das sind die Fremden, die Anderen – die, die nicht so sind wie wir selbst. Damals in den 60er Jahren, da waren es in den USA die Schwarzen, die man aus Afrika ins Land geholt hatte, und die so anders waren. Und jetzt wollten die doch genauso ihre Bürgerrechte wie »normale« weiße Menschen – das bewegte damals das ganze Land und die Welt, und diese Frage ist in den USA ja bis heute noch nicht wirklich geklärt. Auch wenn die entscheidenden gesetzlichen Regelungen damals in den 1960er Jahren beschlossen worden sind.

Deutschland wurde damals durch den Auschwitz-Prozess daran erinnert, dass es hier bei uns nur zwei Jahrzehnte zuvor eine noch viel schrecklichere Form des Rassismus gegeben hatte. Da sollten die »Anderen« nicht nur unterdrückt, sondern ganz vernichtet werden. Das verborgene Ziel war eine Welt ganz ohne Andere – auch ohne Behinderte, Kranke, nicht Leistungsfähige, und am Ende wären wohl auch die Alten nicht mehr geduldet worden.

Damals in den 1960er Jahren gab es aber auch bei uns so etwas wie die Anderen – die lebten etwas weiter östlich jenseits der Grenze zur DDR, und durch die Nachrichten in jenen Jahren zogen sich immer wieder die Berichte über das schwierige Verhältnis zu dieser DDR, die doch auch Deutschland war, aber ganz fremd und anders. Passierscheinabkommen, Reiseerlaubnis, Mindestumtausch – es gab immer neue Wendungen und Schachzüge im Verhältnis zum anderen Deutschland.

Feindliche Brüder in der Zeit Jesu

Die Samaritaner, mit denen Jesus immer mal wieder zu tun hatte, und die in seinen Geschichten öfter vorkommen, die waren im Grunde damals so etwas wie das andere Israel: feindliche Brüder, mit denen es immer wieder zu Reibereien kam. Allerdings dauerte dieses Neben- und Gegeneinander damals nicht nur 40 Jahre, wie zwischen Ost- und Westdeutschland, sondern ein paar Jahrhunderte lang. Es war eine lange Geschichte voller Feindschaft, Verachtung und Gewalt. Aber wie man mit diesen fremden Nachbarn umgehen sollte, dieses Thema begleitete Israel damals so wie uns in den 1960er Jahren die Reibereien und Nickeligkeiten im Verhältnis zur DDR.

Und das war ja nur ein Ausschnitt aus der großen Spaltung, die ganz Europa und eigentlich die ganze Welt durchzog. Bei uns blieb es einigermaßen friedlich, in Vietnam gab es einen blutigen, schmutzigen Krieg. Und sogar den Weltraum erreichte diese Auseinandersetzung damals.

Heilsame Grenzüberschreitungen

Glücklicherweise gab es aber immer wieder auch Bemühungen, die zerstörerische Konfrontation zu überwinden: das Teststopp-Abkommen war so eine Vereinbarung zwischen Ost und West, die wenigstens die Verseuchung der Atmosphäre durch Atombomben-Versuche beendete. Die Passierschein-Abkommen verminderten ein wenig das menschliche Leid, das mit der Teilung Deutschlands verbunden war.

Und mit einem gewissen Stolz kann man sagen, dass damals im Raum der Kirchen erste Gedanken wuchsen, wie die Spaltung Europas zu überwinden und Versöhnung auch nach Osten möglich wäre. Adenauer und de Gaulle hatten das für Deutschland und Frankreich erreicht, aber mit Polen war das schwieriger. Zu akzeptieren, dass die deutschen Ostgebiete – Schlesien, Ostpreußen usw. – endgültig verloren waren, das gehört zu den Voraussetzungen, die unser heutiges Europa ohne Spaltung erst möglich gemacht haben. Wer später geboren ist, der hat davon vielleicht nur im Geschichtsunterricht gehört, aber damals waren das Gedanken, die das ganze Land erschüttert haben, um die heftig gekämpft und gestritten wurde.

Immer wieder die Frage, wie man mit den »Anderen« umgeht, mit den feindlichen Brüdern, mit den Fremden, mit den Feinden. Und nach einer kurzen Zeit der Entspannung bewegen und beunruhigen uns heute ja diese Fragen wieder auf ganz veränderte Weise: wie halten wir es mit den vielen anderen Kulturen, die es inzwischen in unserem Land gibt?

Die Anderen sind uns heute näher als vor 50 Jahren

Aber weil die Welt in den letzten 50 Jahren so viel intensiver verbunden ist, durch Globalisierung, Handel, Migration und die Medien samt dem Internet, deswegen sind wir auch in Kontakt und Auseinandersetzung mit Lebenswelten, die man zur Zeit Ihrer Konfirmation gerade mal aus ein paar Büchern und Filmen kannte. Islamistische Kämpfer grenzen sich heute von uns, von unserer Art zu leben ab, ob wir das wollen oder nicht; und sie tun das, weil natürlich unsere Kultur schon längst dort angekommen ist. Seuchen, die irgendwo in Afrika oder Asien wüten, und von denen wir früher vielleicht kaum gehört hätten, können heute auch für uns zur Bedrohung werden: zu dem, was im Mittelalter die Pest war. Und andersherum reisen wir in die ganze Welt, wir essen exotische Speisen, während vor 50 Jahren sogar ein italienisches Restaurant noch etwas ganz Besonderes war.

An Jesus in seiner Begegnung mit den 10 Aussätzigen, zu denen auch ein Mann aus Samarien gehörte, kann man sehen, wie ein guter Umgang mit den Anderen aussieht. Zuerst einmal bewegt Jesus sich schon längst auf der Grenze zwischen Samarien und seiner Heimat Galiläa. Er hat keine Angst vor dem Fremden. Er ist sowieso aufgewachsen in einer Gegend, wo sich die Kulturen schon lange mischten und beeinflussten.

Die Aussätzigen bleiben zwar auf Abstand, weil sie niemanden anstecken wollen, aber von Jesu Seite aus gibt es keine Distanz: er heilt sie, und sie können in ein normales Leben zurückkehren. Von Jesus geht immer Heilung aus, Segen und Freiheit, und wo Gottes Segen in Fülle fließt, da werden die Unterschiede zwischen Menschen unbedeutend. Von Krankheitserregern heißt es ja, dass sie sich um nationale und kulturelle Grenzen nicht kümmern, aber für Gottes Segen gilt das erst recht.

Den verborgenen Gott erkennen

Also wird auch der Mann aus Samarien gesund, und gerade er ist es, der in diesem Geschehen die Hand Gottes erkennt und zurückkehrt, um das zu bestätigen. Ich werde hier nicht das übliche Lied von der Undankbarkeit der Menschen anstimmen. Ich glaube, das Problem war nicht Undank, sondern sie konnten hinter dem, was ihnen widerfahren ist, nicht den verborgenen Gott erkennen. Gott wirkt im Hintergrund der Welt, er erfüllt die Welt mit Segen, und manchmal ist der so stark, dass es ein richtiges Wunder gibt. Besonders um Jesus herum war dieser Segen konzentriert und stark. Aber selbst dort war man nicht gezwungen, den auch wahrzunehmen.

Und so hat hier nur der Samaritaner verstanden, was wirklich im Verborgenen geschehen ist. Das ist eine der wichtigsten Lektionen über Fremde und Andere: sie erkennen Dinge, die wir nicht sehen, und deshalb brauchen wir sie. Gott hat die Menschheit sehr bunt geschaffen, und nur zusammen können wir unseren Auftrag erfüllen, diese Erde zu bebauen und zu bewahren.

Quer zu allen Einteilungen

Die andere Entdeckung ist: auch auf der anderen Seite der Grenze gibt es erfreuliche Menschen, die gut handeln. Die wirklich wichtigen Qualitäten eines Menschen sind nicht so einfach zu erkennen wie seine kulturelle Wurzeln. Das Herz eines Menschen macht den entscheidenden Unterschied, quer zu allen kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Du kannst zu einem Menschen mit einer ganz fremdem Herkunft eine tiefe Verbundenheit entdecken, weil er dir im Entscheidenden sehr nahe ist.

Und so ist es wohl auch in der großen Politik, dass Menschen über die Grenzen hinweg Gesprächskontakte aufnehmen, und dann entdecken sie: da drüben sind andere, mit denen man reden kann, die man vielleicht sogar zu respektieren und zu schätzen lernt, auch wenn man nicht all ihre Meinungen teilt. Solche Kontakte haben im Kalten Krieg das Schlimmste verhindert, und sie haben den Weg zur Überwindung der Spaltung Europas gebahnt. Ohne solche Menschen auf allen Seiten hätte es vielleicht 1989 ein Blutbad in der DDR gegeben und keine friedliche Wende.

Ein großzügiger Gott

Man kann an Jesus aber auch sehen, dass das nicht immer funktioniert: von den 10 Geheilten merkte anscheinend nur einer, was da los war. War die Heilung der anderen 9 also ein Fehlgriff? Sollten die jetzt womöglich ihre Krankheit zurückbekommen?

Aber Gott verschenkt seinen Segen großzügig, er rechnet nicht nach, er ist nicht kleinlich. Es ist genug für alle da. Gott kann sich Fehlschläge leisten. Wenn die eine Grenzüberschreitung nicht auf Gegenliebe trifft, dann tut es vielleicht die nächste. Man kann mit Menschen von der anderen Seite ebenso Enttäuschungen erleben wie mit den eigenen Leuten, aber Gott lässt sich davon nicht beirren.

Frieden entsteht nicht durch Abgrenzungen, sondern durch Segen und Großzügigkeit. Das war damals so, und das gilt heute nicht weniger. Nichts ist gewonnen, wenn man die auf der anderen Seite zu Feinden macht oder dämonisiert und die eigenen Reihen fest schließt. Der Weg des Segnens und Schenkens führt in eine gute Zukunft. Das entdecken wir, wenn wir Gott vertrauen, dass er im Hintergrund der Welt Tag für Tag und Jahr für Jahr an der Arbeit ist.

2 Kommentare

  1. Ich bin heute auf Ihre Seite gestoßen und möchten Ihnen zur inhaltlichen und formellen Gestaltung meine Hochachtung ausdrücken. Sie ist wirklich gelungen und beachtenswert. Gottes Segen für Ihre Arbeit.

    Hans-Christoph Schilling
    Pfarrer in Tannroda

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