Auferstehung, Bibel, Abendmahl: alles in einer Geschichte

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Verfasser: Walter Faerber

13 Am selben Tag gingen zwei von den Jüngern nach Emmaus, einem Dorf, das zwei Stunden von Jerusalem entfernt liegt. 14 Unterwegs sprachen sie miteinander über alles, was ´in den zurückliegenden Tagen` geschehen war; 15 und während sie so miteinander redeten und sich Gedanken machten, trat Jesus selbst zu ihnen und schloss sich ihnen an. 16 Doch es war, als würden ihnen die Augen zugehalten: Sie erkannten ihn nicht.
17 »Worüber redet ihr denn miteinander auf eurem Weg?«, fragte er sie. Da blieben sie traurig stehen, 18 und einer von ihnen – er hieß Kleopas – meinte: »Bist du der Einzige, der sich zur Zeit in Jerusalem aufhält und nichts von dem weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist?« –
19 »Was ist denn geschehen?«, fragte Jesus. Sie erwiderten: »Es geht um Jesus von Nazaret, der sich durch sein Wirken und sein Wort vor Gott und vor dem ganzen Volk als mächtiger Prophet erwiesen hatte. 20 Ihn haben unsere führenden Priester und die anderen führenden Männer zum Tod verurteilen und kreuzigen lassen. 21 Und wir hatten gehofft, er sei es, der Israel erlösen werde! Heute ist außerdem schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. 22 Doch nicht genug damit: Einige Frauen aus unserem Kreis haben uns auch noch in Aufregung versetzt. Sie waren heute früh am Grab 23 und fanden seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, Engel seien ihnen erschienen und hätten ihnen gesagt, dass er lebt. 24 Daraufhin gingen einige von uns zum Grab und fanden alles so, wie es die Frauen berichtet hatten. Aber ihn selbst sahen sie nicht.«
25 Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr unverständigen Leute! Wie schwer fällt es euch, all das zu glauben, was die Propheten gesagt haben! 26 Musste denn der Messias nicht das alles erleiden, um zu seiner Herrlichkeit zu gelangen?« 27 Dann ging er mit ihnen die ganze Schrift durch und erklärte ihnen alles, was sich auf ihn bezog – zuerst bei Mose und dann bei sämtlichen Propheten.
28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wollte er weitergehen. 29 Aber die beiden Jünger hielten ihn zurück. »Bleib doch bei uns!«, baten sie. »Es ist schon fast Abend, der Tag geht zu Ende.« Da begleitete er sie hinein und blieb bei ihnen. 30 Als er dann mit ihnen am Tisch saß, nahm er das Brot, dankte Gott dafür, brach es in Stücke und gab es ihnen.
31 Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Doch im selben Augenblick verschwand er; sie sahen ihn nicht mehr. 32 »Brannte nicht unser Herz, während er unterwegs mit uns sprach und uns das Verständnis für die Schrift öffnete?«, sagten sie zueinander.
33 Unverzüglich brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort fanden sie alle versammelt, die Elf und die, die sich zu ihnen hielten. 34 Man empfing sie mit den Worten: »Der Herr ist tatsächlich auferstanden! Er ist Simon erschienen!« 35 Da berichteten die beiden, was sie unterwegs erlebt und wie sie den Herrn erkannt hatten, als er das Brot in Stücke brach.

Lukas schafft es, eine Geschichte vom Auferstehungstag so zu erzählen, dass es gleichzeitig eine Geschichte über christliches Leben zu allen Zeiten ist: eine Geschichte von Entmutigung und neuem Lesen der Bibel; eine Geschichte davon, wie sich Jesus unerkannt einschleicht in das Leben von Menschen; und eine Geschichte davon, wie das Abendmahl funktioniert.

Enttäuscht vom Scheitern Jesu

Zwei Jünger sind es, die am Ostersonntag von Jerusalem nach Emmaus gehen, enttäuscht vom Tod Jesu, und nun noch zusätzlich verwirrt von der Entdeckung des leeren Grabes und von der Ankündigung der Engel, dass Jesus auferstanden ist. Das alles ist für sie zu viel, und so tun sie das, was Menschen oft tun, wenn ihnen alles zu kompliziert wird: sie gehen weg, nach Hause, sie fliehen vor der Situation.

Übrigens sind wir ja gewohnt, uns in dieser Geschichte zwei Männer vorzustellen, von denen der eine Kleopas heißt. Viel wahrscheinlicher aber ist es, dass die beiden Kleopas und seine Frau Maria waren. Im Johannesevangelium hören wir von Maria, der Frau eines Klopas, die mit den anderen Frauen bis zuletzt beim gekreuzigten Jesus ausharrte (19,25). Klopas und Kleopas ist aber wahrscheinlicher derselbe Name, und so viele verschiedene Jünger dieses Namens wird es nicht gegeben haben. Und wenn sich am Ende der Geschichte zeigt, dass die beiden ein gemeinsames Haus haben, wohin sie Jesus einladen, dann erklärt sich das am einfachsten so, dass sie ein Ehepaar sind. Die beiden gehören nicht zur Kerngruppe der 12 Apostel, sondern sie standen bisher sozusagen in der zweiten Reihe, vielleicht sind sie erst relativ spät dazu gekommen, sie stammen ja anscheinend auch nicht aus Galiläa, sondern aus der Umgebung von Jerusalem. Aber diese Maria aus der zweiten Reihe hat bis zuletzt am Kreuz ausgeharrt.

Und so liegt es nahe, dass sie immer noch die Bilder des sterbenden Jesus vor Augen hat. Und gleichzeitig ist das das Ende einer großen Hoffnung gewesen: mit Jesus starb ihre Hoffnung, dass er Israel erlösen würde.

Ein neuer Exodus

Das Wort »Erlösen« erinnert an die Befreiung Israels aus Ägypten, an den Exodus, das große Zentralereignis in der Geschichte des Gottesvolkes. An jedem Passafest haben sie sich wieder daran erinnert, dass Gott sie aus der Sklaverei befreit hat; und je dunkler die Zeiten wurden, um so leuchtender wurde die Hoffnung, dass Gott sie noch einmal erlösen würde aus heidnischer Unterdrückung, damit sie als freies Volk für ihn leben könnten. Und die Jünger Jesu waren im Lauf ihrer Zeit mit ihm immer fester davon überzeugt, dass diese Erlösung durch ihn kommen würde. Er selbst hatte ja diese Erwartung in ihnen genährt. Zum Passafest waren sie nach Jerusalem gekommen, und Jesus hatte zuletzt noch ihr Passamahl zum Abendmahl erweitert. Die neue Erlösung, der zweite Exodus, schien zum Greifen nahe. Aber nun war Jesus tot, und die Hoffnung war mit ihm gestorben. Anstatt Israel aus der Gewalt der Heiden zu befreien, war Jesus ein Opfer des heidnischen Imperiums geworden.

Und nun muss Jesus, als er unerkannt zu ihnen stößt, ihnen erklären, dass es anders zusammen hängt: in Wirklichkeit hat er Israel aus der Gewalt der Heiden befreit, indem er ein Opfer des Imperiums geworden ist.

Ein neuer Blick auf den Weg des Gottesvolkes

Und Jesus tut das, indem er ihnen die Schrift neu auslegt. Und das Ergebnis ist, das realisieren die beiden erst hinterher, dass »ihre Herzen brannten«, wie es so schön heißt. Die Bibel ist dazu da, dass wir uns klar werden über die ganze Geschichte Gottes mit der Welt und seinem Volk, damit wir verstehen, an welchem Punkt dieser Geschichte wir angekommen sind. Und je nachdem, wo wir stehen, erschließen sich auch neue Einsichten in den ganzen Weg Gottes durch die Welt. Deswegen finden sich schon in der Bibel selbst solche Rückblicke, und manche Geschichten werden mehrfach erzählt, weil sie im Lauf der Zeit merkten: da steckt noch mehr drin, als wir bisher dachten. Das muss man noch mal anders sagen.

Die Bibel ist ein lebendiges Buch, dessen Inhalt nicht ein für alle Mal feststeht, sondern sie erschließt sich immer wieder neu. So wie ein Mensch, den wir im Lauf der Zeit immer wieder neu und besser verstehen.

Und genauso, wie du einem Menschen dadurch gerecht wirst, dass dein Bild von ihm lebendig und beweglich bleibt, so behält die Bibel ihr Leben dadurch, dass wir sie immer wieder neu verstehen, weil die Zeit sich geändert hat und wir an einem neuen Punkt in der Geschichte des Gottesvolkes und unseres Lebens angekommen sind. Herzen fangen nicht dann an zu brennen, wenn das ewig Gleiche ein weiteres Mal wiederholt wird, sondern wenn wir in einer neuen Situation den Weg Gottes mit Hilfe der Bibel neu verstehen und sagen: ach, so war das also gemeint! Und deswegen verstehen wir die Bibel immer dann neu, wenn wir bereit sind, mit Gott weiterzugehen.

Wenn wir Osternacht feiern, dann geht mir ein Abschnitt dabei immer besonders nahe: der Teil, wo die lange Reihe der Menschen Gottes aufgezählt wird, erst aus der Bibel, aber dann darüber hinaus bis zu den Nachfolgern Jesu und Märtyrern unserer Zeit. Natürlich nicht vollständig, dann wären wir heute noch nicht fertig, aber doch so, dass man merkt: es sind so viele, durch all die Jahrhunderte und Jahrtausende, so viel unterschiedliche Menschen, aber sie sind alle durch Gott und seinen Weg durch die Welt verbunden. Menschen wie wir, die in mehr oder weniger schweren Zeiten ihre Aufgabe hatten und sie mehr oder weniger gut erfüllt haben. Und am Ende wird deutlich: jetzt ist es an uns, diese Reihe fortzusetzen, diesen Weg weiter zu gehen. Dafür wird das alles erzählt und betrachtet, damit wir unsere Situation und unsere Aufgabe begreifen und sie mehr oder weniger gut ausfüllen.

Neue Fragen

Und so geht Jesus an einem entscheidenden Wendepunkt der Geschichte Gottes mit Kleopas und Maria das Alte Testament durch, und es heißt ausdrücklich: all seine Teile. Es geht also nicht um ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Belegstellen, sondern um die ganze Geschichte, darum, wie alle Erzählfäden der Überlieferung sich in Jesus bündeln und zu einem neuen Ganzen werden: musste nicht der Christus Gottes leiden? läuft es nicht darauf hinaus, dass nach all den gescheiterten Versuchen mit Königen, Priestern und Rebellen einer kommen muss, der Macht noch einmal ganz neu definiert? Hat Gott nicht schon immer Macht und Herrlichkeit ganz anders gesehen, als Menschen das normalerweise tun? Und stoßen wir auf die entscheidende Macht in der Welt nicht in Wirklichkeit da, wo ein Mensch die Schmerzen der Schöpfung im Vertrauen auf Gott auf sich nimmt, ohne sie wieder an andere weiterzugeben oder sich von Gott abzuwenden? Schafft er nicht gerade so Raum für die neue Welt Gottes, die mit der Auferstehung beginnt? Ist das nicht der Punkt, auf den es von Anfang an zuläuft?

Und natürlich sage ich das heute auch wieder mit anderen Formulierungen, als es Jesus damals den beiden auf dem Weg nach Emmaus erklärt hat. Aber wenn das geschieht, dass sich aus den alten Texten die frische, lebendige Wahrheit erhebt, wenn wir nicht Heilige Worte wiederholen, sondern unseren Abschnitt auf dem langen Marsch Gottes durch seine Welt verstehen, dann werden Herzen lebendig und im Verborgenen ist Jesus dabei und erfüllt uns mit neuer Energie.

Die Lebensenergie Gottes

Und das ist es eigentlich, was Menschen und alle Kreaturen sich wünschen: Anteil zu bekommen an der Lebensenergie Gottes, die er in die Schöpfung hineingelegt hat. Ob wir Nahrung zu uns nehmen oder arbeiten, ob wir uns mit anderen Menschen verbinden oder schlafen, ob wir Macht ausüben, Reichtum horten oder die Schönheit der Welt in uns aufnehmen: auf ganz unterschiedliche Arten geht es immer darum, dass wir Anteil haben an dieser Lebensenergie, mit der Gott seine Schöpfung erfüllt, und es ist sein eigenes Leben, das er in seine Kreaturen hineinlegt. Es gibt bessere und schlechtere Wege, an diesem Strom des Lebens Anteil zu haben, es gibt auch sehr kaputte Wege, auf denen wir anderen diese Kraft rauben, aber ob heil oder kaputt: alle Kreaturen wünschen sich diese Energie.

Und deswegen bitten Kleopas und Maria den fremden Begleiter, ihr Gast zu sein, weil es einfach gut ist, mit ihm zusammen zu sein. Und als sie zusammen am Esstisch sitzen, da wird er vom Gast zum Gastgeber, nimmt das Brot, dankt und bricht es und gibt es ihnen weiter, und daran erkennen sie ihn. Jesus muss das immer auf eine ganz besondere Art getan haben, in der man die Güte und den Reichtum des Schöpfers sehen konnte. Und daran enthüllt sich ihnen, dass er schon die ganze Zeit unerkannter Weise mit ihnen gesprochen hat.

Das Abendmahl ist dafür da, dass wir den auferstandenen Jesus so gut kennen, dass wir ihn überall wiedererkennen, in all den verschiedenen Gestalten, in denen er uns auf dem Weg begegnet. Das Abendmahl fasst die entscheidenden Stationen von Gottes Weg in einem lebendigen Bild zusammen. Es schafft ein Szenario, in dem all die Gedanken der Schrift Raum und ihren richtigen Ort bekommen. Ohne die Verwurzelung in der Heiligen Schrift und der Geschichte Gottes wird das Abendmahl schnell zu einem magischen Ritual, und ohne das Abendmahl wird aus der Bibel schnell eine Kopfangelegenheit, die nur unseren Verstand in Anspruch nimmt.

Aber über einer Gemeinde, die beides kennt, liegt die Verheißung, dass der auferstandenen Jesus dazu kommt und neue Worte zu uns spricht. Er hilft uns, die ganze Geschichte Gottes zu sehen und dann auch zu verstehen, an welcher Stelle wir unsere unverwechselbare Rolle spielen sollen.

Wir sind nicht die Einzigen, die auf diesem Weg unterwegs sind. Da sind viele andere, die uns vorangegangen sind und jetzt auf uns schauen, und es sind viele andere, die uns noch folgen werden, aber an irgendeinem Punkt auf dem langen Weg ist es auch an uns Christen aus der zweiten Reihe, dass wir unsere Rolle spielen und unsere Aufgabe erfüllen, ob groß oder klein. Dazu will uns Jesus ein frisches Verständnis der Schrift geben und darin die Lebensenergie, die wir brauchen, um unsere Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen.

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