Bei Gott gewinnen alle

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Verfasserin: Sabine Meurer

Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er fand etliche und einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch andere untätig herumstehen. „Geht auch ihr in meinem Weinberg arbeiten!“ sagte er zu ihnen. „Ich werde euch dafür geben, was recht ist.“ Da gingen sie an die Arbeit.
Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder hin und stellte Arbeiter ein. Als er gegen fünf Uhr ein letztes Mal zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. „Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?“, fragte er sie. „Es hat uns eben niemand eingestellt“, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: „Geht auch ihr noch in meinem Weinberg arbeiten!“
Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: „Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.“ Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und erhielten jeder einen Denar.
Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen; aber auch sie erhielten jeder einen Denar. Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf. „Diese hier“, sagten sie, „die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genau so viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen!“
Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genau so viel geben wie dir. Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“
So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind
und die Ersten die Letzten.“

Jesus erzählt eine Geschichte, an der er etwas deutlich macht von Gottes Grundeinstellung zu seinen Menschen und zu seiner Schöpfung überhaupt.

Es ist seine Antwort auf die Anfrage von Petrus,
was sie denn dafür bekommen, dass sie Jesus nachgefolgt sind und dafür alles aufgegeben haben.
Und Jesus bestätigt Petrus, dass sie dafür natürlich einen Lohn bekommen werden.

Ob Jesus diese Frage als unschicklich empfunden hat, wissen wir nicht, aber heutzutage fragt man ja nun wirklich nicht, was man für eine erbrachte Leistung bekommt. Man denkt vielleicht intensiv drüber nach, aber nach außen hin tut man so, als würde einen das gar nicht interessieren.
Petrus aber verbiegt sich nicht und Jesus antwortet auch ganz direkt: Alles, was ihr für Gott aufgegeben habt, das bekommt ihr vielfach zurück. Gott etwas zu geben ist ein lohnendes Geschäft.

Aber Jesus hört auch die Frage hinter der Frage.
Denn eigentlich will Petrus wissen:
bekommen wir auch mehr als andere?
Schließlich sind wir ja quasi Männer der ersten Stunde. Das ist doch etwas besonderes!
Wir sind schon mit dir gegangen, als du noch fast unbekannt warst. Das muss doch einen Sonderbonus wert sein.

Jesus antworte ihnen mit einem Gleichnis. Und ich glaube, daran hatten schon damals seine Zuhörer zu knacken.

Er erzählt ihnen von einem Gutsbesitzer, der für die Arbeit in seinem Weinberg den ganzen Tag über Leute einstellt.
Ganz früh morgens, mehrmals über den Tag verteilt und sogar eine Stunde vor Feierabend geht der Mann noch mal los,
und sammelt die Leute ein, die vergeblich in den umliegenden Dörfern nach Arbeit gefragt haben und jetzt zurück sind.

Bis dahin entspricht diese Geschichte von Jesus dem Alltag seiner Zuhörer. So machte man das damals als es noch kein Arbeitsamt und kein Internet gab.
Aber dann wird es merkwürdig.

Denn als am Abend der Lohn ausgezahlt wird, ist das Erstaunen groß, dass auch die Leute, die eigentlich gerade erst angefangen haben mitzuhelfen, trotzdem den normalen Tageslohn bekommen.

Jeder bekam einen Denar. Das war der damals übliche Tageslohn. Damit konnte man seine Familie ernähren.

Wie sehr müssen diejenigen überrascht gewesen sein, die schon dachten, sie würden an diesem Tag ganz ohne Geld nach Hause kommen. Die Kinder können sich satt essen und müssen sich nicht vor Hunger in den Schlaf weinen. Wie sehr werden sich alle freuen! Und die Frau wird überglücklich sein, endlich muss sie sich mal nicht sorgen.

Aber bei denen,
die den ganzen Tag geschuftet haben sieht das ganz anders aus. Die sind stocksauer und wütend:
das ist eine Schande! Wir haben uns hier abgerackert und Stunde um Stunde den Rücken krumm gemacht für diesen Kasper von Weinbergbesitzer
und die kriegen ihr Geld fürs Nichtstun.
Wenn ich das gewusst hätte, wär ich auch nur für eine Stunde zum Arbeiten gekommen. Da hätte ich meine Familie auch mit weniger Anstrengung und Schmerzen satt gekriegt.
Nächstes mal leg ich mich auch erstmal auf die faule Haut in den Schatten und komm dann auf ein Stündchen vorbei.
Das ist eine Schande, vollkommen ungerecht! Ist denn Leistung gar nichts mehr wert?

Ich kann die alle irgendwie verstehen, aber andererseits ist es doch auch nett von dem Gutsherrn so großzügig zu sein. Alle profitieren davon.

Aber ganz ehrlich, ich befürchte, wenn ich einer von denen gewesen wäre, die 12 Stunden schwer gearbeitet hätten,
wäre ich nicht so gnädig mit den anderen gewesen.

Wie kann man mich mit ihnen auf eine Stufe stellen?
So geht es ja auch nicht!
Sie haben weniger gearbeitet.
Das ist eine ganz einfache Rechenaufgabe,
mehr Arbeitsstunden – mehr Geld,
weniger Arbeitsstunden – weniger Geld.
So funktioniert die Welt, und wohl auch unser Denken.

Liebe Gemeinde, jetzt sind wir mitten drin im Dilemma dieses Gleichnisses. Wir freuen uns für die einen und verstehen die Wut der anderen. Aber wo ist hier die Gerechtigkeit?

Hätte der Weinbergbesitzer doch bloß die Langzeitarbeiter zuerst bezahlt.
Dann wären die fröhlich nach hause gegangen und hätten gar nicht bemerkt, dass die Spätgekommenen den gleichen Lohn gekriegt haben. Alle wären glücklich und zufrieden gewesen.

Aber Vertuschen ist nicht Jesu Sache – im Gegenteil. Er bringt es genau auf den Punkt. Und so soll sich dieses Gleichnis auch reiben. Das ist die Absicht.

Aber warum ist uns denn diese Geschichte so quer?
Jesus gibt die Antwort, wenn er davon erzählt, dass der Gutsbesitzer den aufgebrachten Mann fragt: bist du neidisch? Gönnst du es den anderen nicht? Kann ich mit meinem Geld nicht machen was ich will?

Das ist der Punkt,
denn in dem Moment, wo sich der Mann mit den anderen vergleicht, die weniger gearbeitet haben und trotzdem den gleich Lohn kriegen,
wird er stocksauer und das Gefühl von Neid und Ungerechtigkeit schlägt voll zu.

Wahrscheinlich hätte er den anderen den Denar sogar gegönnt. Was ihn so wütend macht ist die Gleichmacherei des Weinbergbesitzers.
Das entspricht nicht seinem Sinn von Gerechtigkeit.
Er hält es nicht aus, gleichgemacht zu werden mit denen, die er unter sich sieht. Und die will er auch weiterhin unter sich sehen.

Denn wenn da keiner mehr ist, ist er ja selber ganz unten.
Das ist ein bisschen so wie in meiner Schulzeit.
Wenn ich die 5 in Mathe zuhause beichten musste, ist es mir deutlich leichter gefallen, wenn ich betonen konnte, dass es ja auch zwei Sechsen gegeben hat.

Ja, ihr habt Recht: das ist billig. Aber ist es manchmal nicht ganz schön, der Einäugige unter den Blinden zu sein?

Nun kann ja nicht jeder ein Matheass sein oder der Superverdiener, aber es ist schon so, dass wir uns irgendwo herausheben möchten.
Wenn es nicht im Beruf ist, dann eben anderswo. Es gibt genügend Bereiche, z.B. die Schönheit, der Erfolg, das Ansehen, die Intelligenz oder die Fitness. Bei irgendeinem Vergleich will man die anderen hinter sich lassen können oder zumindest doch in der höchsten Liga mitspielen.

Selbst die Jünger ticken so,
denn sie haben sich überlegt, dass sie schon viel länger mit Jesus gehen als alle anderen und deshalb doch auch mehr bekommen müssten als die anderen.

Und wenige Zeilen nach unserem Gleichnis wird ein Rangstreit unter den Jüngern ausbrechen, wer denn im Himmel zur Rechten und zur Linken Christi sitzen wird.

Aber warum ist das so? Warum vergleichen wir überhaupt? Welche innere Logik treibt uns da?

Wir messen und vergleichen uns mit anderen, um zu kontrollieren, ob wir noch genügen. Wer mag mich denn noch, wenn ich Schwäche zeige, wenn meine Kraft nicht mehr ausreicht für den Arbeitsalltag. Und wenn doch die Jungen und Schönen bevorzugt werden, was wird denn dann aus mir?

Wir vergleichen, um zu wissen, wo wir uns anstrengen müssen, welcher Schwäche wir den Kampf ansagen sollen.

Indem wir uns vergleichen, kontrollieren wir auch, ob wir den gerechten Lohn bekommen; sei es nun Geld oder Bestätigung oder anderes, je nachdem, welche innere Messlatte wir zugrunde legen. Wenn klar ist, ich bin ein echter Leistungsträger, dann muss ich aber auch mehr kriegen als die anderen.

Und ja, wir vergleichen uns mit den anderen, um zu checken, ob es denn noch jemanden unter uns gibt. Wenn das so ist, bin ich ja wohl ganz ok.

In unseren Köpfen gibt es so was wie eine Rangliste,
und wir vergleichen und bemessen und bewerten,
damit wir im Notfall alles tun können, um nicht auf den letzten Platz zu rutschen.

Denn ganz tief in uns vergraben gibt es immer noch so bescheuerte Sätze wie: den letzten beißen die Hunde, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben und noch anderen Quatsch.

Und so kämpfen wir weiter, gehen dabei viel zu oft über unsere Leistungsgrenze, und sehen neidvoll auf die einen, und von oben herab auf die anderen.

Liebe Gemeinde, wir leben in einer deutlich ausgeprägten Leistungs- und Kontrollgesellschaft.
Wir werden ständig beobachtet und bewertet
und tun das auch selber.
Und wenn wir nicht aufpassen,
agieren wir als Sklaven nicht nur unseres eigenen,
sondern auch des fremdbestimmten Anspruchs.

Die Bereiche, in denen wir funktionieren müssen haben sich erweitert.
Wir sollen nicht nur erfolgreich sein,
sondern auch schön und durchtrainiert, schlank und jung,
ein erfülltes Liebesleben haben und und und.

Wir haben mehr als nur eine Rangliste im Kopf.
Und wir alle können uns vorstellen, wie viel Stress das macht. Es kann uns sogar krank machen.

So hat sich die Zahl der Arbeitsausfälle durch psychische Erkrankungen in den letzten 10 Jahren verdoppelt, und nach einer neueren Forsa-Umfrage gab jeder 2. an, gestresst zu sein und jeder 5. sagte sogar, er sei dauergestresst.

In dem Moment wo wir uns mit anderen vergleichen und eine Messlatte anlegen, legt sich ein dunkler Schatten über unsere Seele.
So wie bei den Arbeitern im Weinberg.
Neid macht sich breit und stürzt uns in tiefe Abgründe,
raubt uns das Gefühl von Zufriedenheit,
verschleiert den Blick für das Schöne
und irgendwann macht das Leben keinen Spaß mehr.
Man wird ein Getriebener und verliert sich dabei.

Mittlerweile gibt es schon moderne Bezeichnungen dafür: der (Kognitions)psychologe Roy Baumeister spricht von der Ich-Erschöpfung, der Philosoph Byong-Chul Han von der Müdigkeitsgesellschaft.

Liebe Gemeinde,
hier hinein spricht unser Gleichnis von Anfang.

Der Weinbergbesitzer macht es anders.
Er gibt allen gleich und er hat mit Sicherheit keine solche Ranglisten im Kopf.
Er fragt nicht: was bringst du an Leistung,
sondern er fragt voller Güte: was brauchst du?
Und er handelt entsprechend.

Radikale Güte,
so heißt die Gegenmelodie, die Jesus gegen die Leistungsgesellschaft zum Klingen bringt.
Ein gütiges Gleichmachen, das das Wohl jedes Menschen im Blick hat.
Der Grundton ist Güte, nicht nacktes Nachrechnen.

Und er sagt: so ist es bei Gott.
Bei ihm müsst ihr euch nichts verdienen.
Er freut sich über jeden der mitmacht, deshalb geht er auch immer wieder los, um uns einzuladen.

Allen gibt er in Fülle.
Und dabei spielt es keine Rolle,
so wie Petrus vielleicht gehofft hat,
ob wir schon besonders lange dabei sind oder nicht.
Wichtig ist es, die Einladung anzunehmen und mitzugehen.

Und dann lasst uns in Gottes Melodie mit einstimmen, seine Güte dankbar annehmen und anderen in Güte begegnen.

Bei Gott gewinnen alle, aber miteinander und nicht gegeneinander.

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