Das Evangelium vom Gericht Gottes

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6 Dann sah ich einen Engel, der hoch oben am Himmel flog. Ihm war ein Evangelium von ewiger Bedeutung anvertraut, die er allen Bewohnern der Erde zu verkünden hatte, allen Völkern und Stämmen, den Menschen aller Sprachen und Kulturen. 7 Mit lauter Stimme rief er: »Unterstellt euch Gottes Herrschaft, und erweist ihm die Ehre, ´die ihm gebührt`! Denn jetzt ist die Stunde gekommen, in der er Gericht hält. Fallt vor ihm nieder und betet ihn an, den Schöpfer des Himmels und der Erde, des Meeres und aller Quellen.«
8 Auf den ersten Engel folgte ein zweiter. Er rief: »Sie ist gefallen! Gefallen ist die mächtige ´Stadt` Babylon, die allen Völkern vom Wein ihrer Unmoral zu trinken gab und damit den furchtbaren Zorn Gottes über sie brachte!« 9 Diesen beiden Engeln folgte ein dritter. Er rief mit lauter Stimme: »Wenn jemand das Tier und sein Standbild anbetet und sich das Kennzeichen des Tieres auf der Stirn oder auf der Hand anbringen lässt, 10 muss er aus dem Becher des Gerichts den starken, unverdünnten Wein von Gottes furchtbarem Zorn trinken. In Gegenwart der heiligen Engel und in Gegenwart des Lammes wird er in Feuer und ´brennendem` Schwefel Qualen erleiden. 11 Keiner von denen, die das Tier und sein Standbild anbeten und das Kennzeichen tragen, das für seinen Namen steht, wird jemals Ruhe finden, weder am Tag noch in der Nacht; der Rauch des Feuers, in dem sie Qualen leiden, wird für immer und ewig aufsteigen.« 12 Hier ist die ganze Standhaftigkeit derer gefordert, die zu Gottes heiligem Volk gehören – die unbeirrbare Treue derer, die seine Gebote befolgen und auf Jesus vertrauen.

13 Aus dem Himmel hörte ich eine Stimme, die mir befahl: »Schreibe: Glücklich zu nennen sind die, die dem Herrn bis zu ihrem Tod treu bleiben! ´Das gilt` von jetzt an ´mehr als je zuvor`.« – »Ja«, sagt der Geist, »sie werden sich von aller Mühe ausruhen, denn ihre Werke begleiten sie.«

Engel

Bild: ClkerFreeVectorImages via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

In dieser Vision sieht Johannes eine Art Prozession von Engeln, die gemeinsam eine Botschaft entfalten. Und ganz zu Anfang, beim ersten Engel, wird ausdrücklich gesagt, dass das ein Evangelium ist, also eine Frohbotschaft und nicht eine Drohbotschaft.

Das muss man gleich am Anfang sagen, weil es ja einige erwartbare Reaktionen gibt, wenn irgendwo der Gedanke an das Gericht Gottes oder der Gedanke einer ewigen Verdammnis auftaucht, so etwas wie eine Art Hölle. Mindestens drei unterschiedliche Reaktionen kann man dann erwarten:

  • Die einen sagen: Genau, es müsste viel mehr über die Hölle gepredigt werden! Wir müssen den Menschen klar sagen, was sie erwartet, wenn sie nicht glauben! Wenn Menschen heute sagen, dass das Evangelium klar gepredigt werden soll, dann meinen sie damit vor allem, dass man nicht versäumen soll, von der Hölle zu reden.
  • Dann gibt es die anderen, die sagen: wie kann ein gnädiger Gott zulassen, dass Menschen ewig im Feuer gefoltert werden! Mit dieser Botschaft hat die Kirche schon immer die Leute in Angst und Schrecken versetzt, das muss endlich aufhören. Und es sind oft Menschen mit einer frommen Herkunft, aus dem katholischen oder dem evangelikalen Bereich, die manchmal ein Leben lang gegen eine Prägung anrennen, die sie schon als Kinder aufgedrückt bekommen haben.
  • Schließlich gibt es die vermutlich meisten, die sagen würden, dass sie über dieses Thema gar nicht so oft nachdenken, und dass es sie nicht wirklich beschäftigt.

Ich glaube, dass keine dieser Reaktionen dem Thema angemessen ist. Wir müssen noch einmal neu auf die Schrift hören, und diese Verse aus der Offenbarung mit ihrer Abfolge der drei Engel sind da sehr hilfreich.

Die Hölle ist politisch

Der erste Engel ruft dazu auf, Gott anzubeten und ihn für seine Gerechtigkeit zu loben. Der zweite Engel verkündet den Fall Babylons. Babylon ist in der Offenbarung das Codewort für Rom, die Hauptstadt des grausamen Imperiums, das sich die ganze Welt einverleibt. Und der dritte Engel verkündet, dass die Anhänger und Mitläufer dieses Imperiums die Konsequenzen ihres Tuns erleiden werden. Schließlich gibt es noch einen Nachsatz, in dem es darum geht, dass die Christen in dieser Situation standhaft bleiben und auch den Tod nicht fürchten sollen.

Alles zusammen bedeutet, dass es bei der Rede vom Gericht Gottes und seinen Folgen zuerst um Zusammenhänge geht, die wir heute politisch-kulturell nennen würden. Damals hat man das ja noch nicht so fein säuberlich auseinander genommen, sondern Weltanschauung, Kultur und Politik in einen Topf geworfen; und eigentlich finde ich: das entspricht viel mehr der Wirklichkeit. Da geht es doch auch immer durcheinander, und alles beeinflusst sich gegenseitig. Die Wirklichkeit springt immer wieder aus den Schubladen, in die die Neuzeit sie einsortiert hat, hört auf die Bibel und lässt sich nicht vorschreiben, was jeweils dran ist.

Auch wenn das Gericht Gottes seine persönliche Seite hat, so geht es bei diesem Gedanken doch von seiner Herkunft her um politisch-militärische Fragen: ob man sich vor den Karren des Imperiums spannen lässt. Es geht nicht darum, Kindern oder auch Erwachsenen ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie nicht brav genug waren. Im Gegenteil, diese Umbiegung zeigt gerade, wie gefährlich der Gedanke des Gerichtes Gott anscheinend war, so dass man große Mühe aufgewandt hat, um aus dem herrschafts- und tyranneikritischen Gedanken, dass Gott die Sache der Unterdrückten und Missbrauchten vertritt, etwas ganz anderes zu machen: eine furchterregende Vorstellung, mit der man die Untertanen dazu brachte, sich brav und angepasst zu verhalten.

Kommen die Täter ungestraft davon?

Bevor man also die Frage des Gerichtes Gottes diskutiert, sollte man wissen, was damit gemeint ist. Es geht um die Frage, ob die Unheilstifter großen Stils und ihre Mitläufer ungestraft davonkommen, ob sie ungestört in ihren Prunkgräbern ruhen können, oder ob sie selbst zu spüren bekommen, was sie anderen angetan haben. Ob z.B. die Autoren von »Strukturanpassungesprogrammen« den Schmerz einer Mutter kennenlernen, deren Kind sterben muss, weil das Gesundheitssystem zusammengekürzt wurde. Oder ob die beiden Psychologen, die das Folterhandbuch für Guantanamo und ähnliche Orte verfasst haben, ungeschoren ihr Honorar genießen dürfen. Ob Leute in Frieden leben und sterben dürfen, die mutwillig schreckliche Kriege vom Zaun gebrochen haben, durch die unzählbares Leid über Menschen gekommen ist.

Es geht beim Gericht Gottes darum, ob den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, und irgendwie kann das ja wohl auch an den Tätern nicht vorbeigehen. Traumatisierte Menschen brauchen nicht nur Therapie, sie wollen auch wissen, ob es für sie Gerechtigkeit gibt. Aber wir wissen, dass man durch Rache Gerechtigkeit wohl suchen kann, aber in der Regel keinen Frieden findet. Also, was tun mit Zerstörern und Unheilstiftern jeden Kalibers?

Weshalb man vom Gericht Gottes reden muss

Dieses Problem lässt uns ratlos zurück. Den Opfern muss Gerechtigkeit widerfahren, aber wie kann das geschehen, ohne dass neues Unheil entsteht? Rache ist nicht wirklich süß.

Genau an diese Stelle gehört der Gedanke an Gottes Gericht. Dieses Problem ist für uns zu schwer, aber Gott wird es lösen auf eine Weise, die wir mindestens jetzt noch nicht wirklich verstehen können. Gott nimmt uns dieses Problem ab und kümmert sich selbst darum – wir wissen nicht wie. Aber so viel können wir doch sagen: ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die all das anrichten.

Am besten fand ich das alles ausgedrückt in einem Gedicht von Matthias Claudius. Ich habe den Eindruck, dass es uns so nah, wie es nur irgend geht, an eine Ahnung davon bringt, was mit dem Gericht Gottes gemeint ist. Matthias Claudius schrieb 1778 über die Verantwortlichen, die Kriege anzetteln – mein Eindruck ist, dass er dabei die Kriege Friedrichs des Großen im Sinn hatte, aber darauf kommt es nicht an. Du kannst dabei an jeden anderen Krieg und jede andere Gewalt denken:

Matthias Claudius: Kriegslied

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!
O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
‘s ist leider Krieg –
und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
‘s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Liebe Freunde, ich glaube, besser kann man es in dieser Welt nicht sagen, dass es schrecklich ist, als Unheilstifter in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Gerade weil Matthias Claudius das nur andeutet, weil er das Rätsel offen lässt, wie das denn geschehen soll. Und so verstehe ich auch die Erwähnung der Qualen der Handlanger des Imperiums in der Offenbarung des Johannes. Es ist ein Versprechen: das Leid der Unterdrückten und Misshandelten wird Gerechtigkeit finden. Aber Johannes hält uns frei davon, uns zu sehr in die Qualen der Übeltäter hineinzusteigern. Die sind ein Hinweis, ein Bild.

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Und direkt anschließend sagt der Engel oder auch jemand anders: Hier ist die Standhaftigkeit der Jesusnachfolger begründet und notwendig! Gerade weil wir es in der Gegenwart nur gelegentlich erleben, dass das Unheil zu seinen Urhebern zurückkehrt. Gerade weil jetzt Gerechtigkeit so fern scheint, sollen Christen um so mehr standhaft bleiben, fest bleiben, weil wir von der Gerechtigkeit Gottes wissen, die kommen wird. Es geht um die Gegenwart. Jetzt, heute sollen wir uns aufrichten an der Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit.

Es wird alles noch einmal zur Sprache kommen. Es wird am Ende nichts mehr vertuscht und schöngeredet werden, und es wird auch nichts verloren gehen von dem, was Menschen durch Glaube, Liebe und Hoffnung getan haben. »Wer euch auch nur einen Becher mit kaltem Wasser gibt«, sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern, »es wird ihm nicht vergessen werden.« (Markus 9,41)

Das Gericht ist eine Frohbotschaft

Wir sind nicht berufen, das Gericht Gottes in die eigenen Hände zu nehmen. Da würden wir uns völlig übernehmen, und leider ist das oft genug Christen passiert. Deswegen hat Jesus seine Jünger ja – wir haben es vorhin in der Lesung (Lukas 9,51-56) gehört – entschieden gestoppt, als sie auf ein unfreundliches Dorf Feuer vom Himmel fallen lassen wollten. Das Gericht hat sich Gott glücklicherweise exklusiv selbst vorbehalten, und wir wissen nicht wirklich, wie es gehen soll. Deutlich mehr als Matthias Claudius gesagt hat, sagt auch die Offenbarung nicht.

Aber dieser Gedanke ans Gericht ist in seinem Ursprung keine Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft. Nur diejenigen, die Kriege anzetteln, Völker verhetzen, Menschen ins Elend treiben und ähnliches tun, müssen sich davor fürchten – und das sollen sie auch! Die Opfer dürfen aufsehen und Hoffnung schöpfen.

Und wir sollen Gott widerspiegeln, nicht in seinem Zorn über die Bösen, sondern in seiner Zuwendung zu den Armen jeder Art. Und gerade so preisen wir den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Schöpfer des Meeres und aller Quellen, der die Welt mit seinem Segen flutet. Und auch wenn uns das das Leben kostet, sagt Johannes, dann werden wir nichts verlieren. Nichts wird vergessen werden. Das sagt das ewige Evangelium, die Frohbotschaft vom Gericht Gottes.

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