Ein Ja zum Menschen

Predigt am 24. September 2016 im ökumenischen Gottesdienst im Rahmen der Feierstunde zum 100jährigen Bestehen des Groß Ilseder Friedhofs

Verfasser: Walter Faerber

»Am Anfang war das Wort, das Ja der Liebe«. So haben wir es eben vom Musikteam gehört. Und damit fangen wir heute an, wenn wir über unseren Friedhof nachdenken. Am Anfang steht das Ja Gottes zu jedem Menschen. Ein schöpferisches Ja, das uns ins Leben ruft. Ein Ja, das wir hören, bevor es uns gibt. Ein Ja, das uns ein ganzes Leben begleitet, auch wenn wir sehr alt oder sehr jung sind, wenn unsere Kraft schwach ist, wenn wir nicht mehr leistungsfähig sind, auch dann, wenn wir uns am Ende selbst nicht mehr kennen. Dieses Ja Gottes verleiht uns unsere Würde. Und dieses Ja hallt wider, auch wenn uns das Leben eines Tages verlassen hat.

Friedhofskapelle

Überall auf der Welt wissen Menschen, dass der Körper eines Menschen, dessen Leben zu Ende gegangen ist, nicht irgendeine beliebige Materie ist. Wie man damit umgeht, das ist in verschiedenen Kulturen immer wieder etwas anders. Nicht überall würde man den christlichen Hintergrund teilen. Aber überall widmen Menschen einem toten menschlichen Körper Aufmerksamkeit. Sie versuchen, gut mit ihm umzugehen. Sie geben ihm einen Ort – selbst wenn es die See ist, in der die Asche verstreut wird. Wir entsorgen einen toten Körper nicht. Das ist ja ein Stück Erde, das von Leben beseelt war. Das ist ein Stück Welt, das das große Ja Gottes gehört und empfangen hat. Ein Ort, an dem das Ja der Liebe sichtbar geworden ist.

Das ist der Grund, weshalb es Friedhöfe gibt. Da wird unsere Ahnung vom großen Ja Gottes übersetzt in ein Stück gestaltete Landschaft. Und dazu gehören dann auch nüchterne Verwaltungsvorgänge: es muss eine Satzung geben und eine Gebührenordnung, man muss Listen führen und Rechnungen schreiben und den Zaun ausbessern. Und weniger nüchtern, aber immer noch praktisch: Menschen kommen, um die Gräber zu pflegen. Ganz viel Handfestes gehört dazu, aber immer geht es darum, dass wir auf das Ja der Liebe antworten, das an einem Menschen sichtbar geworden ist, für wenige Tage vielleicht nur, oder durch viele Jahrzehnte hindurch.

Dieses Ja hat Gestalt angenommen in Lebensgeschichten, in einem Lebensweg mit Höhen und Tiefen, mit gespannter Erwartung, mit fruchtbarer Arbeit, mit zufriedenem, dankbaren Rückblick. Aber auch mit Enttäuschungen und Katastrophen, mit Verbitterung und Streit. Und all das verbindet sich am Ende mit einem Stück Erde und soll hier, wie es der Name sagt, Frieden finden. All diese Lebensgeschichten sind ja noch nicht zu Ende. Hinterbliebene kommen hierher, und wenn sie mit ihren Händen ein Grab pflegen, dann bedenken sie auch immer wieder diese Lebensgeschichte, in Dank oder Trauer, in guter oder schlechter Erinnerung, mit all den komplizierten Gedanken und Empfindungen, mit denen wir auf ein Menschenleben zurückschauen.

Und gleichzeitig ist der Friedhof ein Stück Ortsgeschichte, wo man sich an Menschen erinnert, die einmal diesen Ort mitgestaltet haben, an Familien, die es heute hier nicht mehr gibt oder die immer noch hier leben. Ich habe noch den Grabstein meines Amtsvorgängers sehen können, der zwischen den Weltkriegen hier amtierte, und den ich sonst nur durch seine unlesbare Schrift in den alten Akten kannte. Aber der Grabstein sagte mir: ja, es gab ihn wirklich, ein Mensch aus Fleisch und Blut, und genau an dieser Stelle haben sich vor vielen Jahren Menschen von ihm verabschiedet.

All diese Erinnerungen sind verletzlich, in doppeltem Sinn: eine Erinnerung kann sich nicht selbst schützen. Wir müssen das tun, aber wir schaffen das in der Regel nur für eine begrenzte Zeit. Die nüchterne Umsetzung davon sind die Liegezeiten. Wir führen nicht das ewige Buch Gottes. Aber wir tun das, was in unserer Macht steht. Und wir sollen es gut tun.

Erinnerungen sind aber noch in einem zweiten Sinn verletzlich: Wer trauert, ist verletzlich. Da ist auch ein Stück von meinem eigenen Leben endgültig zu Ende gegangen, es ist mir entrissen worden, und da ist eine Wunde zurückgeblieben. Wer die praktische Verantwortung für den Friedhof und den Umgang mit Verstorbenen ausübt, der erlebt, dass Trauernde Schutz und Beistand brauchen, weil sie sich in diesem Moment nur schwer selbst schützen können. Es ist ein Stück Solidarität der Gemeinschaft, dass wir das verstehen und unsern Beistand zeigen, indem wir einen guten Ort anbieten, wo die Verstorbenen und ihre Geschichte nun sein dürfen. So schützen wir die Würde der Lebenden und der Toten.

Die Würde eines Menschen kann man nicht beweisen oder gar messen. Sie ist tatsächlich ein Glaubenssatz. Wir sprechen uns gegenseitig diese Würde zu, und wir bestätigen damit Gottes großes Ja zu jedem Menschen. Dass jeder Mensch die gleiche Würde hat, egal, ob er reich oder arm ist, leistungsfähig oder nicht, alt oder jung, das ist zu keiner Zeit selbstverständlich gewesen. Es ist ein großer Glücksfall, dass die Menschenwürde in unserem Grundgesetz verankert ist. Aber das müssen wir in vielen kleinen und großen Entscheidungen immer wieder umsetzen und praktisch werden lassen. Deswegen sind Friedhöfe eine Aufgabe der Gemeinschaft. Wir sind ein freies Land, wir zwingen niemandem Überzeugungen auf, aber die Menschenwürde ist unantastbar. Sie ist eine gemeinsame Verantwortung für uns alle, denn wenn sie bei irgendeinem Menschen angetastet wird, dann wird sie bei jedem von uns angetastet.

Ob Friedhöfe dann von der kommunalen Gemeinschaft verantwortet werden, oder ob sie den Kirchen anvertraut sind, ist keine so entscheidende Frage. In Groß Ilsede haben wir beide Modelle erlebt: dieser Friedhof war bis 1969 in der Verantwortung der evangelischen Kirchengemeinde und danach kommunaler Friedhof. Dass die Würde der Lebenden und der Toten gewahrt bleibt und mit Hinterbliebenen gut umgegangen wird, das ist entscheidend. Mit Satzungen und Beschlüssen, mit Gesprächen und Reden, mit Grabsteinen und Blumen, mit Schaufel und Rechen setzen wir ein Zeichen dafür, dass Jeder ein Mensch ist mit einem Namen und einem unverwechselbaren Gesicht, zu dem Gott sein unverbrüchliches Ja gesagt hat.

Und indem wir das tun, richten wir ein Zeichen der Hoffnung auf, dass Gott eines Tages all diese Lebensgeschichten wieder aufnimmt. Gott hat sein Ja der Liebe gesprochen, längst bevor es uns gab, und er hört nicht damit auf, wenn unser Leben zu Ende ist. Als Christen schauen wir aus nach der neuen Welt Gottes, in der alle abgebrochenen Lebensgeschichten wieder aufgenommen werden und auf jeden ein voller und richtiger Platz wartet.

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