Gut, aber völlig neu

Predigt am 22. November 2020 (Ewigkeitssonntag) zu Offenbarung 21,1-7

Verfasser: Walter Faerber

1 Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr. 2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.

3 Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen: »Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird ´immer` bei ihnen sein. 4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.«

5 Daraufhin sagte der, der auf dem Thron saß: »Seht, ich mache alles neu.« Und er befahl mir: »Schreibe die Worte auf, ´die du eben gehört hast`! Denn sie sind wahr und zuverlässig.« 6 Dann sagte er zu mir: »Nun ist alles erfüllt. Ich bin das A und dasO, der Ursprung und das Ziel ´aller Dinge`. Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt. 7 Das alles wird das Erbe dessen sein, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Wir Menschen sind mit unserer Lebensgeschichte, mit unseren Freuden und Leiden, unseren Hoffnungen und Enttäuschungen Teil einer größeren Geschichte. Die Menschen, die von uns gegangen sind, die Menschen, die zu uns gehören, wir, du und ich, wir alle gehören hinein in die große Geschichte Gottes mit der Welt. Und eben gerade haben wir beinahe schon das letzte Kapitel dieser großen Geschichte gehört. Das 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes ist das vorletzte Kapitel der Bibel, und da geht es darum, wie unsere gemeinsame Geschichte enden wird.

Worauf läuft es alles hinaus?

Ich weiß nicht, wie Sie Romane lesen – ich schaue immer gern schon mal zwischendurch auf die letzten Seiten und gucke, wie die Geschichte ausgeht. Das ist dann zwar nicht mehr ganz so spannend, aber man kann dann oft die Zusammenhänge schon besser verstehen und weiß, worauf man achten muss. Und so ähnlich ist das auch mit der Bibel: wenn man weiß, wo es hingeht, versteht man auch die anderen Teile besser.

Deshalb hören wir heute auf den Schlussteil, den Schluss der Offenbarung, damit wir auch schon vorher wissen, worauf man achten muss. Worauf läuft also die große Geschichte Gottes hinaus, und welchen Platz haben darin wir und die anderen Menschen, und auch die, deren Lebenszeit schon zu Ende gegangen ist?

Der Seher Johannes hatte eine Vision, in der er Zeuge von vielen Erschütterungen wurde, die unsere Welt treffen: Kriege, Hungersnöte, Seuchen, Erdbeben – all die vielen Katastrophen, die zur Realität gehören, auch wenn wir hier in Deutschland seit über 75 davon ziemlich verschont geblieben sind. Erst jetzt gerade bekommen wir wieder eine Ahnung davon, wie das wohl gewesen sein könnte in früheren Zeiten, als Seuchen die Menschheit dezimierten. Johannes sieht also: Die Welt wird erschüttert vom Kampf Gottes gegen die Todesmächte, die seine Schöpfung zu zerstören drohen. Keine schöne Vision.

Die Goldene Stadt – jenseits unseres Vorstellungsvermögens

Aber am Ende geschieht etwas ganz anderes: Aus dem Himmel kommt ein neues Jerusalem auf die Erde – die Goldene Stadt, wunderschön, voller Leben und Licht, ein geschäftiges Gemeinwesen, in dessen Mitte Gott wohnt. Die Stadt des Friedens, deren Tore nie verschlossen werden. Die Stadt der Schönheit, voll Glanz und Farbe. Das ist das Zentrum der neuen Welt Gottes, von dem Heilung ausgeht für die zerrissene Erde. Darauf läuft es hinaus. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange es bis dahin noch dauert, aber am Ende werden die Erschütterungen, die Katastrophen, die Schmerzen, Leiden und Ängste verschwunden sein.

»Seht, ich mache alles neu.« sagt Gott. Was wird das für eine Welt sein, wenn es keinen Tod mehr gibt, kein Leid, keine Schmerzen und keine schrecklichen Schreie von Menschen, die es nicht mehr ertragen können! Von unserem ersten Atemzug an begleiten uns Angst, Hunger, Schmerzen und anderes Bedrückendes. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, wie eine Welt ohne Schmerzen und Leid aussehen würde. Und auch hier wird das nur angedeutet, es wird in Bildern gesagt, und das liegt nicht daran, dass Gott uns gerne mal Rätsel aufgibt, sondern unser Vorstellungsvermögen kommt an seine Grenzen. Denn es geht um etwas, was sich von all unseren Erfahrungen und Selbstverständlichkeiten fundamental unterscheidet. Eine ganze Welt zu beschreiben, die sich völlig anders anfühlt als alles, was wir bisher kannten (weil es da keine Angst gibt und kein Unrecht und kein Leid und nicht anderes dergleichen), das ist einfach unmöglich.

Deswegen gibt es hier nur Andeutungen dazu, wie unsere Geschichte enden wird, und das Wichtigste ist: es wird gut sein, aber es wird für uns völlig neu sein. Es wird so gut sein, dass wir es jetzt nur ahnen können. Aber es wird diese Erde sein, dieses Universum. Wir kommen nicht in den Himmel, sondern der Himmel kommt zu uns. Die Goldene Stadt, das neue Jerusalem, kommt aus dem Himmel auf die Erde. Gott bleibt seiner Schöpfung treu. Er wohnt in unserer Mitte, und die Trennung zwischen Gottes Himmel und unserer Welt wird es nicht mehr geben. So hat er es von Anfang an gewollt. Wir werden aufgenommen in die liebevolle, pulsierende Gemeinschaft von Vater, Sohn und heiligem Geist. Wir werden fast so sein wie Gott. Die uns jetzt verborgenen Seiten der Welt werden nicht mehr verborgen sein, und alle Rätsel werden aufgelöst. Aber wir werden dann auch gar nicht mehr so neugierig sein.

Ein gutes Ende …

Finden Sie das kompliziert? Ja, natürlich! Denken Sie nur mal zurück an die Zeit, als wir noch Babies waren. Alles war neu und fremd, auf einmal mussten wir atmen, essen, wir konnten frieren, es gab Gerüche und Licht, wir konnten Hunger spüren – alles, was uns heute geläufig und selbstverständlich ist, war total kompliziert, unverständlich, neu. So anders, dass wir uns heute noch nicht mal mehr daran erinnern können. Und nicht weniger anders wird die neue Welt Gottes sein, auf die unsere Geschichte hinläuft.

Aber sie wird gut sein. Gottes Geschichte mit der Welt und uns Menschen nimmt ein gutes Ende. Hier auf dieser Erde, die dann verwandelt sein wird. Und uns werden die Augen aufgehen, und wir werden sagen: jetzt verstehe ich, wie das alles zusammenhängt! Jetzt verstehe ich, wie es von Anfang an gemeint war! Wie klein war mein Horizont in der alten Welt, und wie weit ist das jetzt alles geworden! Wie gut fühlt sich das Leben jetzt: an ohne Leid, ohne Schmerz und ohne Tod!

… mit Anfängen schon jetzt

Vielleicht haben Sie ja gelegentlich auch schon gespürt, dass in diesem Leben und dieser Welt noch viel mehr drinsteckt, als wir normalerweise denken. Manchmal öffnet sich unser Horizont ein wenig, und wir ahnen, dass da irgendwo noch viel größere Möglichkeiten im Hintergrund unserer Welt verborgen liegen. Bei Jesus haben die Menschen das schon richtig klar gemerkt. Bei ihm sahen sie einen neuen besseren Weg vor sich und begannen schon, den auch zu gehen. Aber wie wird es erst sein, wenn die ganze Welt diesen neuen besseren Weg entdeckt und sich dahin aufmacht? Das ist unvorstellbar.

Aber denken wir auch an die Menschen, die heute nicht mehr leben. Auch deren Möglichkeiten werden noch einmal ganz neu zur Geltung kommen. Jeder einzelne Mensch hat seine Bestimmung, aber unter den Bedingungen dieser beschädigten Welt sind wir natürlich auch beschädigt. So vieles hätte noch sein können, so vieles wäre vielleicht noch möglich gewesen, so vieles hätte noch gesagt werden sollen.

Selbst die Vergangenheit wird neu

Aber Gott sagt: ich mache alles neu! Alles! Gott holt auch das Vergangene noch einmal hervor und schaut es noch einmal neu an. Und unter Gottes freundlichem Blick wird auch die Vergangenheit neu. Gott gibt seinen Plan nicht auf, nur weil wir unter unseren Möglichkeiten geblieben sind. Ich weiß nicht, wie er das macht. Wir stoßen da wieder an diese Grenze unseres Vorstellungsvermögens. Aber für Gott ist auch die Vergangenheit nicht vergangen. Er wird auch diese Grenze überwinden.

Vielleicht fragt jetzt jemand: wirklich? Für alle?

Ja, es gibt tatsächlich die Möglichkeit, dass Menschen sich so verschließen gegen die Möglichkeiten Gottes, dass sie sie vielleicht am Ende gar nicht erkennen werden. Ja, wir können uns so in Lügen und Halbheiten verstricken, dass wir am Ende gar keinen Zugang mehr zur Realität haben und nur noch zu sind. Ich weiß nicht, ob Gott dann immer noch Wege hat. Aber viel wichtiger sind mir diese Momente, in denen schon etwas aufblitzt von der neuen Welt. Wie es das bei Jesus gab. Und immer noch unter Menschen, die zu ihm gehören. Von diesen Momenten, in denen man eine ganze Welt der Liebe und Solidarität schon ahnen kann, will ich mir möglichst keinen nehmen lassen.

Nicht nur, weil Gott daraus seine neue Welt baut. Sondern weil solche Augenblicke jetzt schon diese alte Welt für im neuen Glanz zeigen. Das ist schön. Das lässt nach vorn schauen, mit Hoffnung und Freude. Es ist vernünftig, dafür viel einzusetzen, das ganz oben auf die Prioritätenliste zu tun. Dann kann man vieles ertragen und aushalten.

Wenn man schon weiß, wie die Geschichte ausgeht, dann kann man auch mittendrin den richtigen Weg finden.

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