Eine Geschichte mit Wirkungen bis heute

Predigt am 6. Februar 2016 (Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandengruppe) zu Lukas 10,25-37

Verfasser: Walter Faerber

Die Gruppe hatte sich mit der Geschichte vom Barmherzigen Samariter beschäftigt und einige Aktualisierungen zu dieser Geschichte geschrieben.

25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?
27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?
30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Eine Geschichte ist gut, wenn sie viele andere Geschichten anstößt. Und die Geschichte vom barmherzigen Samariter hat nicht nur in unserer Konfirmandengruppe vier neue Geschichten hervorgebracht, sondern sie hat in der Realität unzählige andere Geschichten angestoßen. Sie steht ganz oben auf der Liste der Geschichten mit der stärksten Wirkung überhaupt. Die Geschichte vom sprichwörtlichen »Barmherzigen Samariter« hat wahrscheinlich den größten Anteil dran, dass es eine feste Verbindung gibt zwischen dem Christentum und dem Begriff der »Nächstenliebe«. Dass man Menschen helfen soll, auch wenn sie nicht zur eigenen Familie, zum eigenen Volk, zur eigenen Religion gehören, dass wir uns von der Not anderer bewegen lassen sollen, auch wenn sie nicht zu den »eigenen Leuten« gehören, das haben unzählige Menschen daran gelernt.

Die eigenen Leute und die anderen

Wir können uns heute kaum noch vorstellen, wie sehr in der alten Zeit die Solidarität auf die Angehörigen der eigenen Gruppe begrenzt war. In der Familie, in der Sippe, im Stamm oder in anderen Gruppen hat man sich gegenseitig geholfen, aber die anderen, die nicht dazugehörten, die mussten sehen, wo sie blieben.

Der Samariter hilft über diese Grenze hinweg einem anderen, einem Fremden. Deshalb erzählt Jesus die Geschichte. Und der entscheidende Satz dabei ist: der Samaritaner hatte Mitleid. »Es jammerte ihn« in der älteren Übersetzung. Der Samariter schert sich nicht um die Frage, ob das Opfer zu uns oder zu den andern gehört. Er kann einfach nicht mit ansehen, wie der da liegt und verblutet, und er hilft ihm.

Das Raffinierte dabei ist, dass Jesus das nicht einfach als eine Geschichte davon erzählt, was man tun soll. Das sagt die Geschichte auch, und so hat sie eine große Wirkung entfaltet. Aber gleichzeitig erzählt Jesus so, dass man merkt: Fremde müssen keine Gefahr sein. Die können uns das Leben retten. Hab keine Angst vor ihnen. Gott braucht nur ihr Herz anrühren, und dann tun sie unter Umständen mehr für uns als die eigenen Leute. Der Priester geht vorbei, der Fremde hilft.

Das Bild einer ungeteilten Menschheit

In dieser Geschichte steckt eine neue Vorstellung über die Menschheit drin: dass wir gleich sind. Dass es nicht mehr »unsere Leute« und die »anderen« gibt, sondern wir sind alle gleich wichtig und wertvoll, egal welche Hautfarbe und Sprache wir haben, egal ob wir Männer oder Frauen sind, behindert oder gesund, alt oder jung, reich oder arm. Der einzige wirklich wichtige Unterschied ist: hältst du an, wenn ein Verletzter am Straßenrand liegt, oder wenn neben dir ein Unfall passiert? Hast du Mitleid, wenn du auf ein heimatloses Kind stößt, oder wenn jemand gemobbt und schlecht gemacht wird? Rührt das dein Herz an oder machst du zu und gehst weiter? Wirst du für jemandem, mit dem du eigentlich nichts zu tun hast, ein Nächster?

In dieser Geschichte steckt das Bild einer Menschheit drin, die durch Nächstenliebe verbunden ist. Und das hat immer wieder Menschen inspiriert, anderen Solidarität zu erweisen, auch wenn sie sie kaum kannten.

Die unbegrenzte Liebe Gottes

Der Schriftgelehrte, mit dem Jesus diskutierte, wollte eine klare Antwort haben: wem muss ich helfen, und wer kann mir egal sein? Jesus fragt stattdessen zurück: wem willst du helfen? Bis wohin reicht deine Liebe? Jesus ist dabei inspiriert von der Liebe Gottes. Gottes Liebe hat keine Grenzen. Sie gilt der ganzen Welt und allen Menschen gleichermaßen. Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist eine Einladung: entdecke die umfassende Liebe Gottes, die manchmal durch Fremde zu dir kommt, nimm dir diese Liebe als Vorbild und lass dich von ihr bewegen. Gib sie weiter.

Ein Impuls, der Spuren hinterlassen hat

Das ist ein Kernimpuls des christlichen Glaubens, der heute weit über den Bereich des Christentums hinaus wirksam ist. Er hat dafür gesorgt, dass wir Menschenrechte kennen, die unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht und Kultur gelten, dass Sklaverei als unakzeptabel gilt, dass es Organisationen wie das Rote Kreuz gibt, und vieles andere mehr.

Im Lauf der Jahrhunderte hat die Geschichte vom »Barmherzigen Samariter« eine unglaubliche Wirkung entfaltet. Und nichts deutet darauf hin, dass ihre Wirkungsgeschichte schon zu Ende ist. Jetzt sind wir es, mit denen sie weitergeht. Die vier Geschichten, die ihr aus dieser Geschichte Jesu heraus entwickelt habt, sollen nicht die letzten sein, die sie in euch angestoßen hat. Zu wissen, dass es richtig ist, wenn man ein Herz voller Mitleid hat, das gehört zu den entscheidenden Dingen, die man lernen muss. Dann gehen wir auf einem Weg, der die Welt zu einem besseren Ort macht.

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