Tote Wahrheiten und gedeihendes Leben

Predigt am 25. Oktober 2020 zu Markus 2,23-28

Verfasser: Sabine Meurer

Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjartars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als der Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Diese Geschichte führt uns in eine ganz fremde Welt. Eine Welt, in der genau darauf geachtet wird, ob einer sich an die religiösen Vorschriften hält oder nicht. Da ist es sogar verboten, sich am Sabbat ein paar Ähren auszureißen, um den Hunger zu stillen. Und wenn man es doch tat, so wie die Jünger hier in unserem Text, dann ist sofort ein Pharisäer zur Stelle, erwischt sie und stellt Jesus zur Rede. Für uns ist das nur schwer nachzuvollziehen, und ich glaube, bei uns wurde nie derart streng auf die Sonntagsheiligung und den Gottesdienstbesuch geachtet.

Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit, also ungefähr 50 Jahre zurück, da wurde schon darauf geachtet, am Sonntag nicht zu arbeiten, und da war auch Zeit für Gottesdienst, Ruhe und Erholung. Außerdem versuchte man, alle in der Woche liegengebliebene Arbeit am Samstag zu erledigen. Den Sonntag hielt man schon irgendwie arbeitsfrei. Einige von uns erinnern sich vielleicht noch daran, dass die Mutter früher den Sonntagsbraten schon am Samstag vorbereitete, um am Sonntag mehr Zeit zu haben. Aber ich glaube nicht, dass es jemanden gab, der kontrolliert hat, was man tat oder nicht tat. Da hatten es die Menschen zu Jesus Zeiten echt schwerer.

Aber doch, an eine Sache erinnere ich mich, da gab es etwas, was man am Sonntag auf keinen Fall tun durfte: das war das Wäscheaufhängen draußen im Garten. Das durfte man auf gar keinen Fall tun, und das hat auch niemand getan bei uns im Dorf. Und ich gestehe, das hat mich derart geprägt, dass ich noch Jahrzehnte später nicht gewagt habe, sonnntags Wäsche rauszuhängen. Schon ziemlich schräg. Da muss es irgendein dorfinternes Gesetzt gegeben haben, und wahrscheinlich liebe Nachbarn, die genau aufgepasst haben, ob man sich daran hält.

Heute, 50 Jahre später, hat sich das nochmal gewandelt und der Sonntag droht zum Alltag zu werden. Da reden wir nicht mehr vom Wäscheaufhängen, sondern von Schichtarbeit, verkaufsoffenen Sonntagen, einem Übermaß an Arbeit, das dann Sonntags nachgearbeitet werden muss, weil man sonst gar nicht mehr durchkommt. Alles, wofür wir in der Woche keine Zeit mehr haben, versuchen wir auf den Sonntag zu schieben und der Stress wird immer größer.

Da haben wir uns als Gesellschaft schon recht weit entfernt vom 3. Gebot „du sollst den Feiertag heiligen“.

Diese Aushöhlung des Feiertags hat Jesus nicht gewollt. Aber wenn er sich mit den Pharisäern anlegt, geht es um etwas anderes. Der Feiertag ist Gottes gutes Gebot. Das sehen auch Jesus und seine Jünger so. Gott hat seinem Volk ein großes Geschenk gemacht: ausruhen vom Alltag, heraustreten aus dem ewigen Rhythmus von Arbeiten, Essen und Schlafen, Zeit haben sich auf Gott zu besinnen und ihm die Ehre geben.

Nirgendwo sonst gab es sowas. Kein anderes Volk rings um Israel kannte einen wöchentlichen Ruhetag. Die Einführung des Sabbatgebots war in der Menschheitsgeschichte eine große soziale Errungenschaft. Der Sabbat sollte der Tag der Ruhe sein und der Tag, der dem Lob Gottes vorbehalten ist.

In der Bibel wird der Sabbat an zwei Stellen eingeführt und jedes Mal etwas anders begründet:
Einmal heißt es: „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes, da sollst du keine Arbeit tun.“
Und an einer anderen Stelle lesen wir: „Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie der Herr, dein Gott geboten hat. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägypten warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat. Darum hat dir der Herr, dein Gott, geboten, dass du den Sabbat halten sollst.“

Diese beiden Aussagen weisen auf den zweifachen Sinn des biblischen Ruhetags hin: Der wöchentliche Feiertag ist des Tag des Ausruhens, so wie Gott in der Schöpfungsgeschichte am 7. Tag einen Ruhetag gehalten hat, und er ist der Tag des Gottesdienstes. Hinter beidem steht der Anspruch der Freiheit und der Befreiung.

Das zu verteidigen hatten sich die Pharisäer auf die Fahnen geschrieben. Aber in all ihrem Eifer ist irgendetwas schiefgelaufen. Ursprünglich war der Sabbat als Feier gedacht, als ein Fest, an dem das Volk die Arbeit niederlegte und an seine Befreiung dachte. Man feierte, dass Gott sein Volk aus Ägypten befreit hatte. Aber das Feiern hatte sich ins Gegenteil verwandelt.

Um ja alles richtig zu machen, haben die Pharisäer noch viele Gebote dazu erdacht, damit man wirklich und ganz genau das Sabbatgebot hielt. Und statt nun einen arbeitsfreien Tag zu haben, gab es ein Übermaß an religiösen Pflichten und es war nichts mehr zu feiern. Alle dachten nur noch, hoffentlich tue ich nichts falsches, nicht zu viel und nicht zu wenig, damit ich dieses Gebot ja nicht übertrete. Alles wurde Krampf und die Menschen waren in der Sorge gefangen, Fehler zu machen. Jede Bewegung, jedes Tun hätte ja zu viel sein können.

Das alles ist Jesus klar. Und ich finde, er gibt sich viel Mühe, dem Pharisäer, der da mit erhobenem Zeigefinger steht, zu antworten. Aber der hat nichts verstanden von dem, was Jesus da sagt. Den Pharisäern war Ordnung, Ruhe und Gesetzlichkeit wichtig und da störte Jesus nur.

Liebe Gemeinde, hier wird deutlich: das Feiertagsgebot wird zu einem starren Prinzip und durch diese sprichwörtliche Gesetzlichkeit der Pharisäer wird hier das Gebot: “du sollst den Feiertag heiligen“ ausgehöhlt und der Liebe Gottes beraubt. Die Heiligung des Sabbats war nicht mehr eingebettet in eine lebendige Beziehung zu Gott. Der Feiertag war eine leere Hülle geworden, eine tote Wahrheit. Eine Wahrheit ja, aber abgespalten von Gott, kein Bindeglied mehr zwischen den Menschen und Gott. Das Feiertagsgebot existiert zwar noch, aber nun wird es gegen die Menschen benutzt.

Wir können jetzt sagen: ja, das ist schrecklich, aber Gott sei Dank ist ja mit Jesus alles anders geworden und wir haben dieses Problem nicht mehr. Und Wäscheaufhängen und Ährenausraufen am Sonntag ist doch jetzt wirklich nicht mehr unser Thema.

Aber dieses Muster: dass biblische Wahrheiten von ihrem Ursprung in Gott getrennt werden, dieses Muster richtet immer noch Schaden an, heute vielleicht noch mehr als damals. Menschen hören in der Schöpfungsgeschichte die Aufforderung: macht euch die Erde untertan! Aber dann reißen sie es heraus aus dem Zusammenhang mit dem fürsorglichen, liebevollen Gott, der uns diesen Auftrag gegeben hat. Der meinte natürlich, wir sollten mit der Erde so fürsorglich umgehen, wie er das tut. Aber wenn dieser Auftrag vom Auftraggeber abgetrennt wird, dann spielen sich Menschen als Tyrannen gegenüber der Schöpfung auf. Und das endet mit Klimawandel, Umweltkatastrophen, ausgerotteten Tier- und Pflanzenarten und vielem anderen.

Genauso ist es, wenn jemand sagt: ich bin ehrlich, ich stehle nicht, ich töte niemanden , das reicht doch. Da bin ich doch ein guter Mensch. Aber wenn er das von Gottes Liebe abspaltet, dann kann es passieren, dass er all die Hungernden, alle Flüchtlinge in den Lagern wie in Moria, alle Not rund um die Erde übersieht, für die ihm Gott doch die Augen und das Herz öffnen will. Und genauso kann es sein, dass er kein Gespür hat für all die kleinen Gemeinheiten, mit denen man Menschen das Leben schwer machen kann, auch wenn man sie noch nicht bestiehlt oder tötet.

Jesus will uns daraus befreien. Er deckt auf, wo etwas aus dem Ruder läuft. Bei allem was ihm begegnet, ist seine Frage: ist das eine Regel oder ist das Liebe? Geht es um die Menschen oder werden hier tote Wahrheiten bedient?

Denn die Liebe ist das Wichtigste. Aus Liebe hat Gott uns die Gebote gegeben, damit sie uns das Leben leichter machen, damit wir gut und respektvoll miteinander umgehen, damit wir Zeit für Gott haben. Wir müssen dann nicht jedes Mal neu überlegen, wie Liebe konkret aussehen könnte, sondern wir haben schon mal ein paar hilfreiche Muster. Aber Liebe erschöpft sich nicht in Standardmustern. Gottes Liebe schafft Raum für die Nächstenliebe, die Liebe zu Gott und auch für die Liebe zu uns selbst. Und das in allen Situationen.

Deshalb geht es Jesus nicht um das Auflösen der Gebote, aber ebenso wenig geht es ihm um das sture Befolgen der Standardmuster. Und sein eigenes Ding machen und sich alles so hinbiegen, wie man will, und damit seine eigenen Regeln, Gebote und Gesetze machen, das geht genauso wenig.

Jesus geht es um das Leben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele – für Gott und den Nächsten. Da reichen Pflicht und Gehorsam nicht aus. Da muss Liebe rein!

Jesus wurde mal gefragt: was ist das wichtigste Gebot? Und er antwortete: das höchste Gebot ist das: höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Das andere ist dies: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als dieses.

Das ist die Wurzel, aus der Jesus lebt. Von dieser Liebe ist er geprägt, in all seinen Facetten. Deshalb tut er alles, damit es uns Menschen gutgeht. Und so deckt er auch diese toten Wahrheiten auf, die in der Welt herumschwirren. Er stellt Liebe und Freiheit gegen Gesetzlichkeit, Moral und Zwänge und fragt: was ist liebevoll, was ist hilfreich, was ist nötig?

Und so steht Jesus dort im Kornfeld bei den Jüngern und an jedem anderen Ort der Welt. Er steht da und sieht, was gut ist, und er sieht, was so nicht bleiben kann. Er steht mittendrin in unserem Leben und ruft uns zu: Folge mir nach, lass dir mein Wort und mein Leben ein Vorbild sein auf deinem Weg inmitten der Gebote. Es gibt nur ein großes Ziel inmitten all der Ordnung und Gesetze und Standardmuster: liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Diene nicht toten Wahrheiten, diene dem Leben! Deshalb prüfe alles. Guck, ob da die Liebe noch im Spiel ist und das Leben gedeiht. Und wenn nicht, dann geh neue Wege. Aber vor allem: Folge mir nach! Denn wo Jesus ist, wirst du das Leben finden.

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