Die letzten Tage der Reichskanzlei

Predigt am 21. Februar 2016 zu Offenbarung 16,10-21 (Predigtreihe Offenbarung 28)

Verfasser: Walter Faerber

10 Der fünfte Engel goss seine Schale über den Thron des Tieres. Da kam Finsternis über das Reich des Tieres und die Menschen zerbissen sich vor Angst und Schmerz die Zunge. 11 Dennoch verfluchten sie den Gott des Himmels wegen ihrer Schmerzen und ihrer Geschwüre; und sie ließen nicht ab von ihrem Treiben.

12 Der sechste Engel goss seine Schale über den großen Strom, den Eufrat. Da trocknete sein Wasser aus, sodass den Königen des Ostens der Weg offen stand. 13 Dann sah ich aus dem Maul des Drachen und aus dem Maul des Tieres und aus dem Maul des falschen Propheten drei unreine Geister hervorkommen, die wie Frösche aussahen. 14 Es sind Dämonengeister, die Wunderzeichen tun; sie schwärmten aus zu den Königen der ganzen Erde, um sie zusammenzuholen für den Krieg am großen Tag Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung. 15 Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt und sein Gewand anbehält, damit er nicht nackt gehen muss und man seine Blöße sieht. 16 Die Geister führten die Könige an dem Ort zusammen, der auf hebräisch Harmagedon heißt.

17 Und der siebte Engel goss seine Schale über die Luft. Da kam eine laute Stimme aus dem Tempel, die vom Thron her rief: Es ist geschehen. 18 Und es folgten Blitze, Stimmen und Donner; es entstand ein gewaltiges Erdbeben, wie noch keines gewesen war, seitdem es Menschen auf der Erde gibt. So gewaltig war dieses Beben. 19 Die große Stadt brach in drei Teile auseinander und die Städte der Völker stürzten ein. Gott hatte sich an Babylon, die Große, erinnert und reichte ihr den Becher mit dem Wein seines rächenden Zornes.
20 Alle Inseln verschwanden und es gab keine Berge mehr. 21 Und gewaltige Hagelbrocken, zentnerschwer, stürzten vom Himmel auf die Menschen herab. Dennoch verfluchten die Menschen Gott wegen dieser Hagelplage; denn die Plage war über die Maßen groß.

Im April 1945, also vor fast 71 Jahren, begann die letzte Schlacht des Krieges, die Schlacht um Berlin. Sowjetische Truppen hatten die damalige Reichshauptstadt eingeschlossen und arbeiteten sich Stadtteil für Stadtteil in Richtung auf die Innenstadt mit dem Regierungszentrum vor. Zehlendorf, Charlottenburg, Moabit, Tempelhof – was heute längst wieder belebte Stadtteile sind, das waren damals Schlachtfelder, auf denen erbittert gekämpft wurde, manchmal um jedes Haus. Es gab keinen Strom mehr, Wasser musste man sich aus Pumpen auf der Straße holen. Hitler hatte befohlen, dass Berlin bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Mann verteidigt werden sollte. Man schätzt, dass in diesen Kämpfen 170.000 Soldaten und mehrere zehntausend Zivilisten gefallen sind. Auf deutscher Seite starben auch viele Jugendliche und alte Männer, die kurz vorher noch zum sogenannten Volkssturm eingezogen worden waren.

Am 29. April waren die russischen Soldaten nur noch 300-400 Meter von der Reichskanzlei entfernt. Das Reich Adolf Hitlers war auf einen winzigen Fleck zusammengeschrumpft. Im Bunker fragte Hitler den militärischen Kommandanten, wie lange er die Regierungszentrale noch verteidigen könne, und der antwortete: 20 – 24 Stunden, länger nicht. Am folgenden Tag beging Hitler Selbstmord. Tausende waren gestorben, damit er noch einen Tag länger leben und vom Endsieg träumen konnte. Zwei Tage später kapitulierte Berlin, am 8. Mai war der Krieg zu Ende.

Der letzte Kampf des Drachen

Ich erzähle das, weil es in diesem Abschnitt aus der Offenbarung um die letzte Schlacht des Drachen und seiner Verbündeten, der beiden Tiere, geht. Der Drache oder die alte Schlange, das ist der Widersacher Gottes, der so lange versucht hat, die Schöpfung Gottes zu verderben. Aus dem Himmel ist er vertrieben worden, deswegen versucht er jetzt, wenigstens die Erde, die Welt der Menschen, zu kontrollieren. Aber auch da ist Gott seit dem Kommen Jesu in der Offensive.

Der Drache hat zu seiner Verteidigung das Monster aus dem Abgrund gerufen – ein Bild für die unbesiegbar erscheinende Militärmacht, die Johannes damals im römischen Imperium verkörpert sah. Und dazu kommt ein zweites Tier aus der Erde (vgl. Offb. 13,11) – hier wird es der »falsche Prophet« genannt: das ist die Propagandamacht des Imperiums, all die vielen Tempel, Denkmäler und Versammlungsstätten, wo der römische Kaiser und seine Macht glorifiziert wurden.

Auf das Zentrum dieser Macht gießen nun endlich drei Engel die letzten Schalen des Zornes aus. Die erste trifft den »Thron des Tieres«, also die Regierungszentrale – die Reichskanzlei sozusagen. Die Folge ist Orientierungslosigkeit: die Anhänger des Drachens bekommen keine Befehle mehr, und alleine wissen sie nicht, was sie tun sollen. So war es 1945: als Hitler, Goebbels und all die anderen Zentralfiguren sich töteten, kurz bevor sie in die Hände der Sieger gefallen wären, da ließen sie ihre treuen Anhänger und Verteidiger in Verwirrung zurück. Die einen suchten ihr Heil in der Flucht, die anderen kämpften sinnlos weiter, andere folgten dem Vorbild ihres Führers und begingen Selbstmord.

The point of no return

Das Beeindruckende ist, dass viele durchaus intelligente Menschen nicht rechtzeitig eins und eins zusammenzählen konnten und nicht realisierten, dass das Reich ihres Führers in Kürze zerstört sein würde. Und wenn sie es doch realisierten, dann haben sie nicht zugegeben, dass es ein fürchterlicher Irrweg war, sondern haben sich lieber getötet, als den Zusammenbruch ihrer nationalsozialistischen Welt zu erleben. Magda Goebbels, die Frau des Propagandaministers, vergiftete vorher noch ihre Kinder, weil sie entschieden hatte, dass sie nicht eine Welt ohne Nationalsozialismus erleben sollten.

Das ist es, was Johannes meint, wenn er davon spricht, dass die Anhänger des Tieres immer hasserfüllter werden, je mehr sie selbst von den Folgen ihres Weges getroffen werden. Es gibt anscheinend einen Punkt, von dem ab Menschen nicht mehr umkehren können. Sie sind die Straße schon zu weit hinabgegangen. Vorher wären sie vielleicht noch zur Einsicht gekommen, wenn sie die Folgen ihres Tuns zu spüren bekommen hätten. Aber jetzt verstärken die Schmerzen, die sie spüren, nur noch ihren Hass. Am Ende richten sind Hass und Tod und Zerstörung in diesen Menschen gegen sie selbst.

Harmagedon

Die sechste Schale des Zorns trifft den Euphrat, den Grenzstrom im Osten. So wie der Rhein die natürliche Grenze des Imperiums gegen Germanien war, so war der Euphrat die natürliche Grenze des Imperiums gegen die Parther, die gefährlichen Feinde Roms aus dem Osten. Mit den Parthern sind die Römer nie fertig geworden. Und so wie es eine alte deutsche Angst davor gibt, von den Feinden aus dem Osten überflutet zu werden, so gab es damals wohl die Angst vor den asiatischen Barbaren. Und wenn der Euphrat austrocknet, ist der Weg für sie frei.

Aber der Drache und seine beiden Monster schaffen es, ein großes Bündnis gegen die östlichen Barbaren zustande zu bringen. Aus ihren Mäulern kommen drei Froschdämonen, die die politischen Führer der Welt so in ihren Bann ziehen, dass sie sich mit ihren Heeren zur großen Endschlacht versammeln, in der Ebene von Megiddo in Israel, wo schon viele entscheidende Schlachten stattgefunden haben. Da wird das letzte Aufgebot in die letzte Schlacht geschickt, der Tag des Endkampfes kommt: Harmagedon, seither ein beliebter Titel für Science-Fiction-Filme über Meteoriteneinschläge und andere Katastrophen. Da stehen sich Ost und West hochgerüstet gegenüber, jeden Augenblick kann die Großmutter aller Schlachten losgehen – und Johannes bricht seine Erzählung ab, ohne dass wir erfahren, wer gewinnt. Stattdessen kommt ein Jesuswort, wie es so ähnlich auch in den Evangelien steht: Ich komme wie der Dieb in der Nacht. Glücklich ist, wer dann wach ist und seine Kleider anbehalten hat.

Die Warnung Jesu

Johannes sagt: der angebliche alles entscheidende Endkampf ist Unsinn. Da stehen auf der einen Seite die wilden Barabaren und auf der anderen die angeblichen Verteidiger des Abendlandes und der Zivilisation, aber uns geht das nichts an. Lasst euch da nicht hineinziehen. Lasst euch nicht von Kriegsgerede anstecken. Wir Christen stehen da auf keiner Seite. Das ist nicht unsere Schlacht.

Das ist eine bitter nötige Warnung, weil im Vorfeld eines Krieges ganz häufig die Kriegsstimmung nach und nach herbeigeredet wird. Man hat es dann ganz schwer, sich diesem Sog zu entziehen. Als wir vor einem Jahr an den Ausbruch des 1. Weltkrieges vor hundert Jahren erinnert wurden, da konnte man das im Rückblick gut mitverfolgen, wie sich da die Kriegsstimmung hochschaukelte, erst in den Regierungskreisen und den Eliten, dann in der Presse und schließlich auch im Volk. Auf einmal werden Dinge denkbar, an die man vorher nie gedacht hätte. Auf einmal heißt es, dass man nicht abseits stehen und sich raushalten kann, dass man sich seiner Verantwortung nicht entziehen kann. Und irgendwann wird der Kriegseintritt beschlossen und ausgeführt wie sonst das dritte Änderungsgesetz zur Verordnung über den Ladenschluss bei Autobahntankstellen.

Deshalb dieser Zwischenruf Jesu: bleibt wachsam! Lasst euch nicht da hineinziehen! Da fallen nicht die Entscheidungen, um die es geht, und deswegen ist es egal, wie die große Abwehrschlacht gegen die Barbaren aus dem Osten ausgeht. Da bringen sich die hartgesottenen Kriegsfreunde gegenseitig um.

Am Ziel

Stattdessen gießt nun der siebte Engel seine Schale in die Luft aus. Die Luft ist die Sphäre der Ideologien und Gedanken, die Sphäre der bösen Geister, der Mächte und Gewalten zwischen Himmel und Erde, von der schon Paulus im Epheserbrief (6,12) schreibt. Sie schieben sich zwischen Gott und die Menschen und trennen beide voneinander. Die »große Stadt«, Rom, das Zentrum des Imperiums, die Reichskanzlei, war ihr irdischer Stützpunkt, und jetzt, als die geistlichen Mächte vom Zorn Gottes zerstört werden, da zerbricht auch ihr Führerbunker. Und die ganze Lebenswelt ihrer Anhänger endet in einer schrecklichen Erschütterung, einem Erdbeben, wie es wohl auch Magda Goebbels verspürt hat, als sie das Ende des Nationalsozialismus vor Augen hatte und die Einschläge der russischen Geschütze immer deutlicher zu spüren waren.

Aber diese siebte Schale war der Zielpunkt, darauf ist es hinausgelaufen, und jetzt kommt vom Thron Gottes her das erlösende Wort (im griechischen Text ist es nur ein einziges Wort): es ist geschehen! So wie Jesus in seiner Todesstunde nach dem Johannesevangelium nur ein einziges Wort spricht: es ist vollbracht! Jetzt ist die letzte Bastion des Feindes gefallen. Die bösen Mächte und ihr irdischer Stützpunkt sind zerstört. Auf dem Reichstag weht die Flagge der Sieger, und überall in den Häusern werfen die Menschen ihre Uniformen weg und verbrennen »Mein Kampf«.

Die Bildersprache des Johannes

Der wirkliche Kampf wird nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern die wirkliche Frage ist, ob den bösen Mächten und Gewalten die Herrschaft über die Menschen entrissen wird. Erst wenn sie ihre Macht über die Menschen und die Gesellschaft verloren haben, dann ist das Ziel Gottes erreicht. Und Johannes sagt: täuscht euch nicht – das wird schreckliche Erschütterungen zur Folge haben, mindestens für die, die sich in ihren Dienst gestellt und bis zur letzten Patrone für sie gekämpft haben.

Es geht dabei nicht um Zerstörung der materiellen Erde. Das ist ein Bild für die Zerstörung des sozialen Kosmos. So wie wir heute beispielsweise sagen, dass mit dem ersten Weltkrieg »die Welt des feudalen Deutschland zusammengebrochen ist«. Und wir meinen damit nicht, dass der Himmel auf die Erde gestürzt ist, sondern dass eine ganze Lebenswelt an ihr Ende gekommen ist. Und so meint es auch Johannes. Wären diese ganzen Katastrophen, von denen er spricht, tatsächlich so, wörtlich, über die Erde hereingebrochen, dann wären schon längst keine Menschen mehr übrig, die sich noch gegen Gott verstocken könnten.

Aber Johannes redet von dem Ende der Welt, die von den Mächten des Imperiums, vom Feind Gottes und des Lebens beherrscht wird. Unsere ganze Lebenswelt ist von dieser Herrschaft geprägt, und wir sollen aufpassen, dass wir uns da nicht hineinziehen lassen – sonst wird auch uns das Ende der Weltmächte als Katastrophe erscheinen und nicht als Hoffnung.

Jesus siegt durch seine Leute

Dieser Kampf wird nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern durch das treue Festhalten der Christen an dem, was sie bei Jesus gelernt haben. Das erschüttert die ganze Welt, das wird am Ende die Todesmächte zu Fall bringen. Was den einen dann als Katastrophe erscheint, das werden die Leute Jesu erkennen als das, was sie schon immer erhofft und gelebt haben. Es sind die kleinen, scheinbar machtlosen christlichen Gemeinden, durch die die bösen Mächte am Ende zu Fall kommen. Mit dem Ende der Berliner Reichskanzlei, so entscheidend es für die ganze Welt war, ist noch nicht das Ende der Monster gekommen. Aber das Ende des Nationalsozialismus war durchaus eine wichtige Etappe in diesem Kampf, der noch immer auf der Erde tobt – aber wir wissen nicht, was alles noch kommen wird.

Schlaft nicht ein! sagt Jesus. Auf euch kommt es an. Eure Aufgabe ist es, bei dem Sieg zu bleiben, den ich am Kreuz vollbracht habe. Durch euch soll er die Enden der Erde erreichen. Bis es am Ende heißt: es ist geschehen!

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