Partygirls, auf Tigern reitend

Predigt am 13. Februar 2016 zu Offenbarung 17,1-18 (Predigtreihe Offenbarung 29)

Verfasser: Walter Faerber

1 Einer von den sieben Engeln mit den sieben Schalen trat zu mir und sagte: »Komm, ich will dir zeigen, wie Gott die große Hure richten wird, deren Einfluss so weit reicht wie die vielen Wasserläufe, an denen sie thront, 2 die Hure, deren Liebhaber die Mächtigen der ganzen Erde waren und die mit dem Wein ihrer Unmoral die ganze Menschheit betrunken gemacht hat.«
3 Daraufhin nahm der Geist Gottes Besitz von mir, und ich sah mich vom Engel in eine Wüste versetzt. Dort sah ich eine Frau, die auf einem scharlachroten Tier saß. Das Tier hatte sieben Köpfe und zehn Hörner und war über und über mit Namen bedeckt, mit denen Gott verhöhnt wurde. 4 Die Frau selbst war in Purpur und scharlachrote ´Seide` gekleidet, und alles an ihr glitzerte von Gold, Edelsteinen und Perlen. Sie hielt einen goldenen Becher in der Hand, der überquoll von Abscheulichkeiten und vom widerlichen Schmutz ihrer Unmoral. 5 Ein geheimnisvoller Name stand auf ihrer Stirn: »Babylon die Mächtige, die Mutter aller Hurer und aller Abscheulichkeiten auf der Erde.« 6 Ich sah, dass die Frau betrunken war, berauscht vom Blut derer, die zu Gottes heiligem Volk gehörten und wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus umgebracht worden waren. Mich schauderte vor Entsetzen, als ich die Frau sah.
7 Aber der Engel sagte zu mir: »Warum bist du so entsetzt? Ich werde dir erklären, welches Geheimnis sich hinter dieser Frau verbirgt – hinter ihr und dem Tier mit den sieben Köpfen und den zehn Hörnern, auf dem sie sitzt. 8 Das Tier, das du gesehen hast, war schon einmal da, und obwohl es jetzt nicht mehr da ist, wird es wieder aus dem Abgrund heraufsteigen, doch nur, um dann endgültig ins Verderben zu gehen. Alle Bewohner der Erde – alle außer denen, deren Namen seit der Erschaffung der Welt im Buch des Lebens eingetragen sind – werden fassungslos sein vor Staunen, wenn sie das Tier wiederkommen sehen, das schon einmal da war und gegenwärtig nicht da ist.
9 Hier ist Verstand nötig; hier braucht es Weisheit von Gott. Die sieben Köpfe des Tieres sind sieben Hügel; auf diesen thront die Frau. Gleichzeitig stehen die sieben Köpfe für sieben Könige, 10 von denen fünf schon gestürzt sind und einer ´jetzt an der Macht` ist. Der letzte dieser sieben Könige ist noch nicht gekommen, aber wenn er kommt, wird seine Herrschaft – so ist es ihm bestimmt – nur von kurzer Dauer sein. 11 Das Tier, das schon einmal da war und jetzt nicht mehr da ist, ist ein achter König und zugleich einer der sieben, und er geht seinem Verderben entgegen.
12 Die zehn Hörner, die du gesehen hast, sind zehn Könige, die ihre Herrschaft noch nicht angetreten haben. Doch an der Seite des Tieres werden sie für eine Stunde zu königlicher Macht aufsteigen. 13 Diese zehn verfolgen alle dasselbe Ziel und stellen ihre ganze Kraft und Macht in den Dienst des Tieres. 14 Gemeinsam werden sie gegen das Lamm in den Kampf ziehen. Aber das Lamm wird sie besiegen, denn es ist Herr über alle Herren und König über alle Könige; und mit ihm siegen werden alle, die bei ihm sind – die von Gott Berufenen und Auserwählten, die treuen Mitstreiter des Lammes.«
15 »Die Wasserläufe, an denen du die Hure hast thronen sehen«, erklärte mir der Engel weiter, »sind ein Bild für Völker und Menschenscharen, ein Bild für Menschen aller Sprachen und Kulturen. 16 Die zehn Hörner, die du gesehen hast, – ´also die zehn Könige` – werden sich zusammen mit dem Tier gegen die Hure wenden. In ihrem Hass auf sie werden sie ihr alles rauben, sodass sie nackt und mit leeren Händen dasteht. Zuletzt werden sie ihr Fleisch fressen und das, was von ihr übrig bleibt, verbrennen. 17 Gott selbst hat ihnen den Gedanken eingegeben, mit dem Tier gemeinsame Sache zu machen und diesem ihre ganze Macht zur Verfügung zu stellen, ´um gegen die Hure zu kämpfen`. Denn damit führen sie den Plan Gottes aus, bis alles geschehen ist, was er angekündigt hat.
18 Und die Frau, die du gesehen hast, ist die große Stadt, die über alle Könige der Erde regiert.«

Die »große Stadt, die über alle Könige der Erde regiert«, das ist natürlich Rom, die Hauptstadt des Imperiums. Die Metropole, die alles beherrscht. Das Machtzentrum, das alle Herrscher in seinen Bann zieht. Die Stadt des schrankenlosen Luxus, die die Völker ausplündert, damit sie selbst in Saus und Braus leben kann.

Ein universales Machtsystem

Und wenn die Stadt zwischendurch auch mal »Babylon« genannt wird, dann heißt das, dass Rom die Nachfolgerin der alten Großmacht des vorderen Orients geworden ist. Der Name »Babylon« ist aber auch ein Symbol für die Rebellion menschlicher Imperien gegen Gott. Der babylonische Turm ist das bleibende Bild dafür: wenn man ein Reich errichtet, das einen Großteil der jeweils bekannten Völker umfasst, dann ergibt das eine Machtzusammenballung, die den Menschen quasi göttlich vorkommt. Und die Könige und Herrscher haben sich ja meistens auch als Abkömmlinge von Göttern dargestellt.

Rom ist also die Nachfolgerin Babylons als Zentrum eines universalen Machtsystems. Der geografische Ort des Zentrums wechselt, das System bleibt und erschafft sich immer wieder neu. Gleichzeitig ist »Babylon« ein Codewort, weil es zu gefährlich gewesen wäre, offen von »Rom« zu sprechen.

Symbol für die Sphäre der Superreichen

GroßeHure_400Und nun beschreibt die Vision des Johannes die Großmacht Rom als Hure, als käufliche Frau. Wenn man sich das Bild genauer ansieht, dann merkt man: es geht nicht um eine von diesen armen Frauen, die ihren Körper für ein paar Euro verkaufen müssen und denen das meiste dann noch von irgendwelchen Profiteuren wieder abgenommen wird. Die gab es damals wie heute, aber die leben nicht im Luxus, die tragen nicht die kostbaren Klamotten, die Johannes beschreibt. Bei Purpur und Scharlach dachte damals keiner an Kinderkrankheiten, sondern das waren die teuersten Farben, die es gab, unbezahlbar für normale Menschen. Wer solche Klamotten trug, der musste sich nicht zum Geldverdienen an die Straße stellen.

Bei der »Hure Babylon« muss man eher an Party-Girls denken, deren neueste Skandale, Autos, Klamotten und Liebschaften in den Klatschblättern ausgebreitet werden. Die taugen eher als Symbol für die superreiche Oberschicht, die auf Kosten aller anderen ein Leben in unbeschreiblicher Verschwendung führt und wo man trotzdem noch arg darunter leidet, dass die Luxusyacht vom Milliardärskollegen sieben Meter länger ist.

Krasse Bilder zur Orientierung

Den Menschen damals muss es völlig aussichtslos erschienen sein, diese Macht- und Ausbeutungsstrukturen abzuschütteln. So ähnlich, wie es uns aussichtslos erscheint, das reichste 1 Prozent der Menschheit auch nur dazu zu bewegen, wie jeder andere Steuern zu zahlen. Ganz zu schweigen vom Gedanken, ihren Reichtum, den andere erarbeitet haben, einem sinnvolleren Zweck zuzuführen.

Wahrscheinlich haben schon damals die wenigsten verstanden, dass sie durch ihre Billiglöhne die Glitzerwelt der oberen Zehntausend finanzieren. Wahrscheinlich haben damals die wenigsten verstanden, wer ihnen die Lebenskraft stiehlt. So wie heute manche Menschen lieber glauben, die Flüchtlinge, die HartzIV-Empfänger oder die Juden würden ihnen alles wegnehmen, anstatt an die Reichen und Schönen zu denken, von denen sie regelmäßig in ihren Blättchen lesen.

Johannes hilft seinen Leuten, die Zusammenhänge zu verstehen, indem er krasse Bilder beschreibt. Manche Zusammenhänge begreift man ja erst richtig, wenn man sie in einem Symbol zusammenfasst. Also, für uns heute könnte das bedeuten: der Zaun von Idomeni mit den Flüchtlingen, die im Schlamm kampieren, und direkt hinter dem Zaun …. sagen wir, der Wiener Opernball, wo sich die Reichen und Schönen verlustieren. Dann wird sehr deutlich, was diese Zäune wirklich verteidigen sollen.

Das Machtmonster aus dem Meer und die Promi-Hure

Im Bild, das Johannes beschreibt, reitet die Hure Babylon auf dem Tier aus Kapitel 13. Das Monster aus dem Meer, das mit brutaler Macht alles vernichtet, was sich ihm in den Weg stellt, ist die anscheinend unbesiegbare militärische Macht Roms. Der Todesstern sozusagen. Alle sind fasziniert davon. Nur Johannes sagt: das ist Godzilla. Ein bizarres Monster mit Bärentatzen und Löwenmaul, es beleidigt mit seinen widerlichen Sprüchen alles, was lebendig und gesund ist.

Und jetzt in Kapitel 17 setzt Johannes noch eins drauf: auf dem Rücken des Monsters reitet die Promi-Hure, vollgepumpt mit Drogen und immer gut drauf. Eine dekadente Oberschicht im permanenten Rausch, bekleckert mit Kotze und Sperma, dirigiert die größte Militärmacht, die die Welt gesehen hat. Die anderen sind fasziniert, aber der Christ Johannes sagt: wenn ich das sehe, läuft es mir eiskalt den Rücken runter.

Nahe am Zentrum

Und das ist der entscheidende Punkt: Johannes will, dass seine Leute sich nicht durch diese glitzernde Inszenierung von Macht und Kaputtheit blenden lassen. Er beschreibt sie so, dass sie ihre Faszination verliert und erkennbar wird: als ein korruptes Ausbeutungssystem, das auf Kosten der Menschen lebt und es trotzdem schafft, die Leute, die es aussaugt, auch noch in seinen Bann zu ziehen.

Im Lauf der Offenbarung hat Johannes sich immer mehr seinem Zentrum genähert. Schicht für Schicht hat er bearbeitet, und jetzt ist er schon ziemlich nahe am Kern. In Kapitel 16 war es nur ein Satz, der vom Gericht an »Babylon« spricht, jetzt wird die Metropole und ihr Untergang in den zwei Kapiteln 17 und 18 ausführlich beschrieben. Danach kommt der endgültige Siegesgesang.

Es ist, als ob Johannes seine Leute erst langsam da heranführen musste: erst spricht er in Bildern, er redet von allen möglichen Katastrophen und Erschütterungen, die die Menschen bewegen, aber jetzt ist er schon fast im Zentrum des Problems, beim imperialen Machtsystem, der aktuellen Verkörperung des Turms von Babel. Und gegen die Faszination, die solche 1000jährigen Reiche immer ausüben, setzt er den Ausblick auf den Untergang des Imperiums und die Ernüchterung, die das mit sich bringt.

Innerlich morsch

Tatsächlich ist ja das römische Imperium ein paar Jahrhunderte später zusammengebrochen, aber wirklich schuld daran waren nicht die Germanen, die es überrannt haben, sondern es war schon lange von innen her morsch, in seiner Kraft gebrochen durch die Ausbeutung der Menschen für den Luxus der korrupten Oberschicht und die teure Militärmaschine. Man kann nicht unbegrenzt von der Auspressung der Menschen leben, das geht nicht gut. Alle Unrechtssysteme kommen früher oder später durch sich selbst zu Fall.

Im Gespräch mit dem Engel bekommt Johannes dann noch ein paar geheimnisvolle Andeutungen, die wir heute nicht mehr alle mit voller Sicherheit verstehen. Das Tier hat sieben Köpfe – das sind laut Engel sieben Hügel, also, ganz klar: Rom, das auf sieben Hügel gebaut ist. Gleichzeitig sind es sieben Herrscher, von denen fünf schon da waren – das ist mysteriöser. Wahrscheinlich sind das die fünf ersten römischen Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Anschließend kamen noch zwei Kurzzeit-Kaiser, Galba und Otho, die jeweils nach ein paar Monaten ermordet wurden, und viele Leute erwarteten damals, dass danach der wiederauferstandene Nero mit einem großen Heer zurückkommen würde. Es könnte sein, dass Johannes in diesem Augenblick schreibt, und dann wäre der wiederauferstandene Nero der achte, der gleichzeitig schon mal einer der sieben Kaiser war.

Die Selbstzerstörung des Gewaltsystems

Egal, wie das wirklich gemeint ist: die Personen sind austauschbar. Die pokern um den Thron und bringen sich gegenseitig um, und alle fiebern mit, aber das System selbst bleibt stabil und bringt immer neue Kaiserdarsteller hervor. Es geht aber nicht um den Charakter der jeweiligen Imperatoren, sondern das Problem ist das Herrschaftssystem, die Dominanzstrukturen, die die ganze Welt vergiften. Deshalb gibt es dann auch noch 10 Vasallenkönige, die eine Zeitlang vom Monster fasziniert sind, aber irgendwann fallen sie über das Imperium her und zerstören es. Die eigenen Verbündeten werden Rom vernichten. Die zehn stehen vermutlich für all die lokalen Machthaber, die sich vom Glanz Roms oder von seiner Macht kaufen lassen, ihre Völker an das Imperium zu verraten: die lokalen Eliten, die brutal die Steuern eintreiben und in die Hauptstadt überweisen. Dafür bekommen sie dann etwas ab vom imperialen Glanz, und wenn ihre Völker aufmüpfig werden, kommt die CIA oder der KGB und macht den Aufstand platt. Johannes nennt das ein Hurensystem, ein korruptes System, wo die Repräsentanten der Völker gekauft und zu Unterdrückern ihrer eigenen Leute werden.

Auch in Israel war das damals so – im Evangelium vorhin (Johannes 11,45-50) haben wir gehört, wie der Beschluss zum Justizmord an Jesus von der Angst getrieben war, die Römer könnten ihre Jerusalemer Vasallen auswechseln, wenn sie nicht für Ruhe sorgen. Auch bei den privilegierten Vasallen regiert die Angst.

Aber auch wenn ein Reich so aussieht, als ob man nicht dagegen ankommt: es produziert selbst die Kräfte, durch die es am Ende zu Fall kommt. Militärische Macht ist ein schwer kontrollierbares Gewaltpotential. Die kann sich sehr schnell gegen ihre Urheber richten. Die Hure auf dem Monster, die dekadente Oberschicht an der Spitze des Reiches, reitet sozusagen einen Tiger, und das geht nicht ewig gut. Irgendwann fällt man runter und wird gefressen.

Verhasste Störer

Aber zur Zeit von Johannes waren alle noch fasziniert von der Macht Roms. Nur die kleinen Gruppen der Christen entzogen sich dem, und selbst die waren in Gefahr, sich davon blenden zu lassen. Deswegen muss Johannes ihnen ja schreiben, damit sie nicht auch mitsaufen, wenn das Imperium die große Partymeile mit Freibier und Public Viewing ausrollt.

Die Versuchung ist um so größer, weil das Monster und seine Verbündeten sehr heftig auf diese Leute reagieren, die nicht in den allgemeinen Jubel einstimmen. Das Tier führt Krieg gegen das Lamm, also Jesus. Die Hure ist besoffen vom Blut der Christen, sie kommt so richtig auf Speed, wenn die beseitigt werden, die an die Opfer dieses Systems denken, die Sklaven, auf deren Rücken gefeiert wird. Die Sklaverei war ja die ökonomische Basis des Imperiums, ohne die brutale Entwürdigung der Sklaven hätte es nicht funktioniert. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie Johannes auf dem Höhepunkt der Schilderung des römischen Reichtums von der Sklaverei spricht.

Und deswegen ziehen Christen wie Johannes den Hass der Mächtigen auf sich, weil sie die dunkle Seite der Macht sehen und sich nicht von der großartigen Fassade täuschen lassen. Weil sie nicht mitfeiern in den Tempeln, deshalb gelten sie als Atheisten, als Spaßbremsen, Gutmenschen und Feinde der Menschheit. Und gleichzeitig werden sie insgeheim gefürchtet, weil sie ebenso wie das Monster wissen, dass dessen Macht auf tönernen Füßen steht und dass seine Zeit bald abgelaufen ist. Die Imperatoren und ihre Helfer ahnen, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag anbricht. Das macht sie gefährlich. Aber auch mit all ihrer Macht werden sie das Lamm nicht besiegen können. Jesus und seine Leute halten durch, bis das System und seine Verbündeten sich gegenseitig zu Grunde richten.

Bis dahin gilt es, sich nicht faszinieren zu lassen, klar zu bleiben, freundlich zu bleiben, dem Unrecht Erbarmen und Güte entgegenzusetzen. Das ist die wahre Stärke, auf die die Monster keine Antwort haben.

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