Wo ist heute Babylon?

Predigt am 20. März 2016 zu Offenbarung 18,1-8 (Predigtreihe Offenbarung 30)

Verfasser: Walter Faerber

1 Danach sah ich einen anderen Engel aus dem Himmel herabsteigen; er hatte große Macht und die Erde leuchtete auf von seiner Herrlichkeit. 2 Und er rief mit gewaltiger Stimme: Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große! Zur Wohnung von Dämonen ist sie geworden, zur Behausung aller unreinen Geister und zum Schlupfwinkel aller unreinen und abscheulichen Vögel. 3 Denn vom Zornwein ihrer Unzucht haben alle Völker getrunken und die Könige der Erde haben mit ihr Unzucht getrieben. Ihr Luxus brachte dem Handel einen solchen Aufschwung, dass die Geschäftsleute in aller Welt dadurch reich wurden.
4 Dann hörte ich eine andere Stimme vom Himmel her rufen: Verlass die Stadt, mein Volk, damit du nicht mitschuldig wirst an ihren Sünden und von ihren Plagen mitgetroffen wirst. 5 Denn ihre Sünden haben sich bis zum Himmel aufgetürmt und Gott hat ihre Schandtaten nicht vergessen.
6 Zahlt ihr mit gleicher Münze heim, gebt ihr doppelt zurück, was sie getan hat. Mischt ihr den Becher, den sie gemischt hat, doppelt so stark. 7 Im gleichen Maß, wie sie in Prunk und Luxus lebte, lasst sie Qual und Trauer erfahren. Sie dachte bei sich: Ich throne als Königin, ich bin keine Witwe und werde keine Trauer kennen. 8 Deshalb werden an einem einzigen Tag die Plagen über sie kommen, die für sie bestimmt sind: Tod, Trauer und Hunger. Und sie wird im Feuer verbrennen; denn stark ist der Herr, der Gott, der sie gerichtet hat.

»Zahlt ihr mit gleicher Münze heim! Bringt über sie das, was sie anderen angetan hat!« Das ist der Ruf nach dem Gericht Gottes. Denn Gottes Gericht besteht darin, dass die bösen Taten zurückfallen auf den, der sie getan hat. Dass passiert schon im Alltag gar nicht so selten. Und Johannes redet davon, dass es auch für Babylon die Große dieses Gericht geben wird. Babylon ist der Name für das Zentrum des Gewalt- und Ausbeutungssystems, das die Welt beherrscht. Damals war das Rom, heute kann man das nicht so eindeutig sagen – das System von Gewalt und Geld, das unsere heutige Welt im Griff hat, ist nicht mehr an einen geografischen Ort gebunden.

Babylon ist kein Ortsname

FallRomsJohannes nimmt die Farben für seine Schilderung des Gerichts aus seiner Bibel, unserem Alten Testament. Der Jubelruf: »Gefallen, gefallen ist Babylon!« stammt aus Jesaja 21 (v. 9). Und schon in Jesaja 13 (v. 21f) hören wir, dass die Häuser und Paläste Babylons von wilden Tieren jeder Art bewohnt werden. Und die Hoffnung bei diesem Zitat ist: so wie das ursprüngliche Babylon in Trümmer gesunken ist, so wird es jedem folgenden Babylon gehen, bis das ganze babylonische System zerstört ist.

Aber inzwischen ist es nicht mehr so einfach, Babylon auf der Landkarte zu identifizieren. Rom, das neue Babylon zur Zeit des Johannes, ist zwar das Zentrum, aber sein System der Unterdrückung umspannt die ganze Welt rund um das Mittelmeer und darüber hinaus. Das kann man schon daran erkennen, dass die Aufforderung, Babylon, also Rom, zu verlassen, an Gemeinden in Kleinasien ergeht. Auch das ist wieder ein Zitat, diesmal aus Jeremia 51 (v. 45). Damals ging es darum, die Stadt Babylon vor ihrer drohenden Zerstörung zu verlassen. Aber die Christen aus den kleinasiatischen Städten im Gebiet der heutigen Türkei lebten gar nicht in Rom. Sie werden aufgerufen, das »babylonische« System zu verlassen, die Loyalität gegenüber dem Imperium aufzugeben.

Grenzlinien ziehen

Konkret ging es wohl darum, nicht an Festen im Kaisertempel teilzunehmen, bei denen man Opferfleisch aß. Sie konnten nicht auswandern, aber sie konnten an zentralen Punkten ihre Distanz zum Imperium deutlich machen, zuerst für sich selbst, aber natürlich bekamen das die anderen auch mit.

Ähnlich haben vor zweieinhalb Jahrhunderten englische Christen keinen Zucker mehr gegessen, weil Zucker mit brutaler Ausbeutung von Sklaven produziert wurde. Bis der Sklavenhandel tatsächlich verboten wurde, hat es trotzdem viele Jahrzehnte gedauert, aber es ging zuerst darum, sich selbst und anderen deutlich zu machen: wir wollen davon nicht profitieren!

So wird es auch für uns solche strategischen Punkte geben, an denen wir für uns und andere klarstellen: damit will ich nichts zu tun haben! Das kann z.B. Gentechnik betreffen, Atomstrom, Klamotten, die in Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen hergestellt werden oder Geldanlagen, die von der Rüstungsindustrie oder unfairen Krediten profitieren.

Eine bessere Revolution

Und jedes Mal können Leute sagen: aber dein Frühstücksei kommt auch aus der Massentierhaltung, selbst wenn es biologisch ist! Und vielleicht haben sie damals zu den Christen gesagt: aber die Wohltaten des Kaisers, die ausgebauten Straßen und den Schutz vor Seeräubern, die nehmt ihr gerne mit! Und in der Tat: normalerweise kann man nicht völlig aus dem System aussteigen, in dem man lebt. Aber trotzdem kann man vor sich selbst und anderen immer wieder deutlich machen: ich will – soweit es mir möglich ist – dieses Unrechtssystem nicht unterstützen. Auch wenn ich in ihm lebe und an manchen Stellen auch von seinen Vorteilen profitiere. Aber es ist nicht mein Imperium!

Das ist keine Revolution, aber Revolution ist nicht die einzige Art, wie man ein System verändern kann, und noch nicht mal die beste. Die Christen sind einen anderen Weg gegangen. Sie haben sich vor allem geweigert, ihre Seele an das Imperium zu verkaufen. Sie haben an strategischen Punkten nicht mitgemacht, und zwar gemeinsam. Sie haben bestimmte Seiten des römischen Machtapparats in einen anderen Zusammenhang gestellt – z.B. haben sie den Kaiser als Diener Gottes interpretiert, dessen Aufgabe es ist, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das war schon ganz schön subversiv, wenn man bedenkt, dass der Kaiser sich eigentlich selbst für einen Gott hielt!

Unter anderem damit haben sie schließlich das Imperium von innen unterwandert, bis es das auch offiziell anerkennen musste. Dafür mussten sie allerdings Opfer bringen, Märtyrer sind dafür gestorben, Johannes selbst ist verbannt worden. So etwas gibt es nicht umsonst. Aber es sind wesentlich weniger Opfer, als eine Revolution oder ein Bürgerkrieg in der Regel fordern.

Hoffnung auf das Gericht

Und vor allem sagt Johannes: wenn du dich mit dem System verbandelst, bist du auch dabei, wenn darüber Gericht gehalten wird. Wenn die Verbrechen des Systems zu ihrem Ursprung zurückkehren, trifft das auch die kleinen Mitläufer und Hurraschreier. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.

Johannes malt das Gericht an Rom mit alttestamentlichen Farben, aber genauso hat er vor Augen, was römische Truppen mit einer eroberten Stadt machten: die Stadt wurde angezündet und dem Erdboden gleich gemacht, die Männer wurden getötet, die übrigen in die Sklaverei verkauft. Und er sagt: so wird es dir auch gehen, Rom!

Das alles verkündet ein mächtiger Engel, es kommt also von höchster Stelle. Gott selbst verspricht, dass es Vergeltung geben wird. Wir schauen heute oft etwas naserümpfend auf diesen Gedanken, so als ob es unter Gottes Würde wäre, für etwas so Primitives einzustehen wie Vergeltungswünsche. Aber vielleicht liegt das eher daran, dass wir nicht zu den schlimmsten Opfern gehören? Für viele, die sich kaum wehren können, ist es ein hoffnungsvoller, wichtiger Gedanke: dass wenigstens Gott ihr Leid kennt und nicht vergisst. Dass Gott irgendwie die Gerechtigkeit herbeiführt, die sie in dieser Welt nicht gefunden haben.

An den Grenzen unserer Vorstellungen

Wie auch immer man sich das vorstellt – aber ein gerechter Gott muss auf irgendeine Weise für eine endgültige Gerechtigkeit sorgen, und das Wort dafür ist »Gericht«. Wie das aussieht, dafür haben wir nur Vorstellungen, die unserer menschlichen, sehr vorläufigen Form von Gerechtigkeit entlehnt sind. Die sind natürlich begrenzt, und man sollte sie nicht zu hoch hängen. Aber Gericht muss es geben. Was wäre das denn für ein Himmel, in dem auch Hitler und Stalin fröhlich mitfeiern, und wo die Gewaltopfer zu ihrem Schrecken denen begegnen müssen, die ihnen das angetan haben? Gerade ein Gott der Liebe wird das nicht zulassen.

Aber die Frage, wie den Opfern Gerechtigkeit geschieht und den Tätern vergolten wird, ist zum Glück nicht unser Problem. Die Antwort auf diese Frage gehört zu den Dingen, die Gott sich selbst vorbehalten hat, weil sie unsere Möglichkeiten übersteigt. Wenn Menschen die Vergeltung in eigene Hände nehmen, wird selten etwas Gutes daraus. Aber Gott verspricht mit höchster Autorität, dass er dieses Problem lösen wird. Er vergisst die Taten Babylons nicht.

Vorzeichen des Gerichts

Und man kann ja schon jetzt immerhin einige Hinweise darauf beobachten, wie die Vergeltung zu Menschen kommt. Beispielsweise im Rückblick auf die Nazizeit und aus dem zeitlichen Abstand von heute aus kann man etwa sagen: es sind ja nicht wirklich viele von den Tätern und Schergen des Regimes enttarnt und abgeurteilt worden, und die meisten von den kleinen, gemeinen Mitläufern sowieso nicht. Die meisten kamen irgendwie durch, und allmählich geriet es in Vergessenheit, wer denn damals im Ort der Ortsgruppenleiter oder der Nazi-Lehrer oder der Blockwart war. Am Ende glaubten sie es sogar meistens selbst, dass sie eigentlich nur ihre Pflicht getan hätten, und auf Nachfragen reagierten sie beleidigt oder entzogen sich. Und die meisten anderen glaubten am Ende selbst, dass sie sowieso keine Wahl gehabt hätten.

Aber sie haben dafür einen Preis bezahlen müssen: sie haben sich an die Lüge gewöhnt, sie haben ihre Integrität verloren. Das vergiftet auch weiterhin das Leben. Viele haben nicht die Chance genutzt, die in Reue und Umkehr gelegen hätte. Da hätten sie Format bekommen können, Charakter und Tiefe. Stattdessen haben sie keine Tiefe entwickelt, weil da unten ja all die unangenehmen Fragen gewartet hätten. Und sie haben dann auch bei vielen anderen Dingen geglaubt, dass sie keine Wahl hätten. Meistens sind ihnen selbst diese Zusammenhänge nicht klar geworden, aber oft haben es ihre Kinder instinktiv gespürt, und sind auf Distanz gegangen. Und die Eltern konnten es sich nicht erklären, warum die Kinder so komisch und undankbar sind.

Wem unsere Loyalität gehört

Vielleicht klingt das jetzt wie eine recht harmlose Strafe für Menschen, die um viele Ecken herum doch ein mörderisches System gestützt haben, auch wenn sie selbst nie jemanden getötet haben. Es ist ja auch nur ein Hinweis, und die ganzen Zusammenhänge kennt nur Gott. Aber dieser Rückblick sollte doch reichen, um uns deutlich zu machen, dass es sehr wichtig ist, sich immer wieder klar zu machen, wem unsere Loyalität gehört. Das ist vielleicht die wichtigste Frage im Leben, weil sie darüber entscheidet, was für ein Mensch aus uns wird.

Werden unsere Kinder und Enkel einmal mit Stolz auf uns zurückschauen und vielleicht sagen: mein Opa, der hat schon ganz früh davor gewarnt, dass das Klima aus dem Ruder laufen würde! Meine Oma, die hat damals Flüchtlinge betreut! Ich habe schon Menschen so reden hören im Rückblick auf ihre Eltern und die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, und ich glaube, das ist etwas, was man sich wirklich wünschen kann. Das ist ein Segen, der bleibt.

Vorläufige Bilder, ein klares Versprechen, eine zentrale Entscheidung

Aber wie viel besser wird es sein, wenn wir eines Tages das nicht aus dem Mund von Menschen hören, sondern aus dem Mund Gottes, wenn er sagt: gut gemacht! Ich habe mich oft über dich gefreut! Ich war stolz auf dich! Ich glaube, dass es etwas ganz Großes sein wird, eines Tages so etwas von Gott hören; und es nicht hören zu dürfen, wird schlimm sein.

Auch ich habe eben in vorläufigen, menschlichen Bildern gesprochen. Die sind bruchstückhaft und angreifbar. Besser können wir das jetzt noch nicht. Am Ende wird Gott es noch einmal ganz anders machen. Aber er verspricht, dass es am Ende Gerechtigkeit geben wird. Und es reicht zu wissen, dass es zentral wichtig ist, wem unsere Loyalität gehört: dem lebendigen Gott oder den toten Götzen.

»Geht heraus aus Babylon!« sagt die Himmelsstimme. Das bedeutete im Alten Testament etwas anderes als zur Zeit der ersten Christen, und für uns heute wieder etwas anderes. Aber es geht immer darum, dass wir uns nicht an die Todesmächte verkaufen, und dass wir an strategischen Punkten uns und anderen deutlich machen, dass unsere Loyalität allein dem Gott des Lebens gilt.

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