Die Hochzeit von Himmel und Erde

Predigt am 12. Juni 2016 zu Offenbarung 19,1-10 (Predigtreihe Offenbarung 32)

Verfasser: Walter Faerber

1 Danach hörte ich etwas wie den lauten Ruf einer großen Schar im Himmel: Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Macht ist bei unserm Gott. 2 Seine Urteile sind wahr und gerecht. Er hat die große Hure gerichtet, die mit ihrer Unzucht die Erde verdorben hat. Er hat Rache genommen für das Blut seiner Knechte, das an ihren Händen klebte. 3 Noch einmal riefen sie: Halleluja! Der Rauch der Stadt steigt auf in alle Ewigkeit. 4 Und die vierundzwanzig Ältesten und die vier Lebewesen fielen nieder vor Gott, der auf dem Thron sitzt, beteten ihn an und riefen: Amen, halleluja!

5 Und eine Stimme kam vom Thron her: Preist unsern Gott, all seine Knechte und alle, die ihn fürchten, Kleine und Große! 6 Da hörte ich etwas wie den Ruf einer großen Schar und wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen und wie das Rollen mächtiger Donner: Halleluja! Denn König geworden ist der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung. 7 Wir wollen uns freuen und jubeln und ihm die Ehre erweisen. Denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes und seine Frau hat sich bereit gemacht. 8 Sie durfte sich kleiden in strahlend reines Leinen. Das Leinen bedeutet die gerechten Taten der Heiligen.

9 Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist. Dann sagte er zu mir: Das sind zuverlässige Worte, es sind Worte Gottes. 10 Und ich fiel ihm zu Füßen, um ihn anzubeten. Er aber sagte zu mir: Tu das nicht! Ich bin ein Knecht wie du und deine Brüder, die das Zeugnis Jesu festhalten. Gott bete an! Das Zeugnis Jesu ist der Geist prophetischer Rede.

Trauringe

Bild: NikolayF via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Unser heutiger Abschnitt ist der Übergang zum letzten Teil der Offenbarung: der Feind Gottes und seine irdischen Verbündeten sind besiegt, und jetzt kann die Schöpfung endlich ihre ursprüngliche Bestimmung erreichen. Deswegen bricht großer Jubel aus: weil nun endlich sichtbar wird, wie großartig Gott die Welt tatsächlich geschaffen hat. Das geht weit über alles hinaus, was wir bisher gekannt haben. Die Welt birgt in sich eine Bestimmung, die sie noch erreichen soll, und das würde auch gelten, wenn Adam und Eva nicht gegen Gottes Willen verstoßen hätten.

Vorläufiges Paradies

Vielleicht ist es für uns überraschend, aber das Paradies war von Anfang an nicht als Endzustand gedacht. Wir wissen nicht genau, wie Gott sich das vorgestellt hat, aber er hat ja den Baum der Erkenntnis in den Garten hinein gepflanzt, und sicher nicht bloß als Test für den Gehorsam der Menschen. Der Baum ist ein Zeichen dafür, dass da noch mehr auf die Menschen wartet. Und Gott hätte ihnen das auch zur richtigen Zeit enthüllt.

Aber dummer Weise haben Adam und Eva das nicht abgewartet, sondern unter dem Einfluss der Schlange haben sie an sich gerissen, was Gott ihnen schenken wollte. Versuchungen bestehen meistens darin, dass man etwas Richtiges zur falschen Zeit oder in einem falschen Zusammenhang tut. Jesus bestand die Versuchung am Anfang seines Weges, weil er das Vertrauen hatte zu warten. Und am Ende kamen die Engel und schenkten ihm, was der Versucher ihm nur zu einem hohen Preis angeboten hatte.

Jetzt am Ende der Offenbarung wird sichtbar, was Gott schon immer im Sinn hatte. Ein kleiner Hinweis auf das, was noch kommt: am Ende steht kein Garten, sondern eine Stadt, aber die hat den Paradiesgarten integriert.

Eine Welt ohne Böses?

So weit sind wir jetzt noch nicht. Wir wissen auch nicht, wie es ausgesehen hätte, wenn die ersten Menschen sich an Gottes Regeln gehalten hätten. Wir wissen das genau so wenig, wie wir wissen, was passiert wäre, wenn Jesus von den Führungsschichten seiner Volkes nicht abgelehnt worden wäre, wenn sie stattdessen alle gesagt hätten: genau, er hat Recht, wir schließen uns ihm an. Wir können uns nicht vorstellen, wie die Welt wäre, wenn sie auf Gott gehört hätte. Wir haben nur einige undeutliche Hinweise, und viele davon finden sich in der Offenbarung.

Auf jeden Fall: Gott braucht nicht das Böse, um die Welt zu ihrer Bestimmung zu bringen. Es gibt so eine Vorstellung, dass die Welt langweilig und fade wäre ohne den Konflikt mit dem Bösen. Aber da wird das Böse überschätzt. Die meisten bösen Dinge entstehen aus Dummheit oder Gier, oder aus Ungeschick und Angst, und da ist nichts Faszinierendes dran. Auf menschliche Dummheit und Gier ist Gott nun wirklich nicht angewiesen. Er hat in die Welt faszinierende Entwicklungsmöglichkeiten hineingelegt, aber die erschließen sich erst nach und nach.

Zurück an den Anfang?

Das bedeutet auch, dass wir, wenn wir etwas über die Bestimmung der Welt wissen möchten, nicht zurückschauen sollen in einen goldenen Urzustand. Wir kennen ja diese Vorstellung, dass es am Anfang noch alles in Ordnung war, in der guten alten Zeit, egal, wann die war, und es würde alles besser, wenn wir wieder in der ursprünglichen Ordnung leben würden.

Das gibt es in der christlichen Version, dass man sich vorstellt, dass wir am Ende der Zeiten oder nach dem Ende unseres Lebens wieder im Paradies leben werden.

Es gibt auch eine Version dieser Vorstellung, die ohne Gott auskommt: vor knapp 300 Jahren hat ein französischer Denker die Parole ausgegeben »Zurück zur Natur!«. Damals hat man erstmals näher Bekanntschaft mit sogenannten Naturvölkern gemacht, und viele Menschen waren sehr beeindruckt, wie friedlich und harmonisch die anscheinend zusammenlebten. Das stimmt zwar nicht unbedingt, aber damals ist diese Vorstellung entstanden, wir müssten einfach den ganzen Ballast der Zivilisation abstreifen, um wieder zurückzukehren zu dem ursprünglichen, paradiesischen Zustand der Menschheit. Etwas davon finden wir noch in der Vorstellung von »natürlicher Ernährung« oder »natürlicher Medizin«.

Aber schon eine kurze Begegnung mit Zahnschmerzen oder anderen gesundheitlichen Problemen dürfte uns doch darüber nachdenken lassen, ob eine Zeit ohne moderne Medizin und Schmerztabletten wirklich so erstrebenswert ist. Und auch die Bibel verspricht nicht, dass Gott uns eines Tages wieder ins Paradies zurückbringen wird. Am Paradies kann man etwas über den guten Willen Gottes ablesen, aber es ist nicht die Ordnung, die eigentlich in der Welt gelten soll, und es ist nicht Gottes endgültiges Ziel für seine Schöpfung. Dafür hat er viel umfassendere Pläne.

Die „Hochzeit des Lammes“

Diesen Plänen begegnen wir hier erstmals unter dem Stichwort von der »Hochzeit des Lammes«. Eine Hochzeit ist der Inbegriff eines Festes, bei dem Unterschiedliches zusammen kommt. Nicht nur ein Mann und eine Frau mit ihrer speziellen Sicht auf die Welt, sondern auch zwei Familien mit unterschiedlichen Umgangsstilen und Traditionen, möglicherweise sogar zwei unterschiedliche Kulturen. Damit die sich nicht fremd bleiben, sondern zusammenfinden, wird ein großes Fest gefeiert. Man isst gut, man trinkt vielleicht etwas zu viel, und das ist dann eine gute Voraussetzung dafür, dass die unterschiedlichen Leute sich aufeinander einlassen, ins Gespräch kommen und am Ende merken: die anderen sind zwar anders, aber trotzdem ok. Klar, das funktioniert nicht immer, manchmal enden Hochzeiten auch mit Schlägereien, aber die Regel ist das eigentlich nicht.

Und dieses Bild der Hochzeit scheint sich gut zu eignen, um das Ziel Gottes mit der Welt zu beschreiben: dass nicht nur die Vielfalt dieser Welt zusammenfindet, sondern sogar Gott und seine Geschöpfe. So fundamental Verschiedenes wie Schöpfer und Geschöpf soll auf Augenhöhe zusammenfinden. In diesem Bild fließen zusammen die alttestamentlichen Vorstellungen von dem großen Festmahl, auf das diese Welt zugeht, und die anderen prophetischen Gedanken darüber, dass Israel im Bild einee jungen Frau geschildert wird, die eine wechselvolle Geschichte mit Gott hat. Und schließlich findet sich dieses Bild auch in den Gleichnissen Jesu von dem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtet – dieser Geschichte sind wir vor einer Woche begegnet.
Und dieses Bild beschreibt das Ziel der Welt als das Zusammenkommen von Gott und seiner Schöpfung, die Hochzeit von Himmel und Erde. Natürlich ist es ein Bild, und das haben die Menschen auch damals schon gewusst.

Warum es Bilder und Symbole braucht

Wenn von der Hochzeit des Lammes gesprochen wird, dann hat niemand sich vorgestellt, dass an einer festlich geschmückten Hochzeitstafel neben der Braut ein goldener Stuhl mit einem jungen Schaf steht. Erst in unserer Zeit, die von Symbolen wenig versteht, kann man auf die Idee kommen, sich das so vorzustellen. Dinge, die es noch nicht gibt, muss man in Bildern beschreiben, anders können Menschen das nicht verstehen. Wie hätte man noch vor 50 Jahren jemandem das Internet beschreiben sollen? Und erst recht eine ganze neue Welt, wo Gott nicht mehr fremd und fern ist, sondern unter den Menschen wohnt – darüber kann man nur in Bildern sprechen. Deshalb: die Hochzeit des Lammes.

Gemeint ist: Jesus, der mit dem Bild des Lammes beschrieben wird, der schließt einen endgültigen Bund mit seinen Leuten, seinem Volk. Die Braut ist in strahlend weißes Leinen gekleidet, und damit man das Symbol auch versteht, wird extra dazu gesagt: damit sind die guten Taten der Heiligen, also der Christen, gemeint.
Die Verbindung von Himmel und Erde wird also so hergestellt, dass Jesus sich mit seinen Leuten verbindet – stellvertretend für die ganze Welt. Wir haben vorhin in der Lesung (Mk. 2,19f) gehört, wie Jesus seine Gegenwart bei seinen Jüngern als ein Hochzeitsfest bezeichnet hat. Er hat aber auch gesagt, dass das noch nicht für immer ist, und das endgültige Fest steht noch aus. Auch dafür muss die Zeit erst gekommen sein.

Zeit der Erwartung

Eine Hochzeit wird lange vorbereitet, auch wenn es damals noch keine Hochzeitsplaner und Hochzeitsmessen gab. Und also sagt dieses Bild: so wie man lange auf eine Hochzeit zugeht, alles vorbereitet und in der Erwartung dieses großen Tages lebt, so leben wir jetzt in der Zeit, wo wir auf die endgültige Verbindung von Gott und Menschen zugehen. Und alles, was wir tun, steht in diesem Zeichen, dass es eine Vorbereitung darauf ist.

Deswegen sind die vielen Stimmen, die Gott Loblieder singen, voll freudiger Erwartung. Gott hat alles dafür getan, dass die Hochzeit stattfinden kann. Ja, am Ende wird gefeiert werden. Und jetzt hören zum ersten mal in der Offenbarung das Wort »Halleluja«. Dreimal hören wir es. Es kennzeichnet das Loblied der Befreiung. Die große Stadt, Rom, das Zentrum der Unterdrückung und Ausbeutung, Babylon, wie es hier in der geheimen Sprache genannt wird, ist gefallen. Ihre Macht ist endgültig gebrochen.

Eine schlechte Karikatur

Die weltweite Unterdrückung durch das römische System war eine schlechte Karikatur von dem, was Gottes Ziel für die Welt ist. Die vielfältigen Gaben der Menschheit werden dort eingesetzt, um zu herrschen und zu korrumpieren. Die »große Hure« wird Rom genannt: es war der Versuch, auf eigene Faust zu erreichen, was Gott schenken will. So wie schon der Turm von Babel der Versuch war, Gottes Ziel ohne Gott zu erreichen. Aber nun endlich sind diese Karikaturen, die so viel Leid und Zerstörung anrichten, am Ende. Und jetzt heißt es: Gott ist König. Natürlich war er schon immer der Schöpfer und Herr der Welt, aber jetzt ist er tatsächlich der König der Welt, jetzt herrschen wirklich nicht mehr die Unterdrücker, sondern Gott. Endlich erfüllt Gerechtigkeit die Erde.

Als der Seher Johannes das alles erklärt bekommt, da ist er so überwältigt, dass er den Engel anbeten möchte, aber der erinnert ihn daran, dass Gott allein anzubeten ist. Gottes Botschaft ist es, die dem Boten seine Herrlichkeit gibt. Und wir sollen die Quelle kennen, nicht den Boten anbeten.

Der Horizont der Prophetie

Das ist der Horizont, in dem wir als Christen leben: die Erwartung eines großen Festes, der Hochzeit von Himmel und Erde. Alles, was das behindern und verfälschen will, wird überwunden werden, und am Ende finden Gott und die Menschen endlich zusammen. Die Schöpfung ist noch nicht am Ziel, aber sie wird ihre Bestimmung erreichen. Gott wird unbezweifelbar König sein.

Dieser Horizont wird von den prophetischen Stimmen immer wieder in Erinnerung gerufen. Der Geist Jesu lässt sie nicht verstummen. Immer wieder rufen sie uns in Erinnerung, dass unsere Welt auf Größeres und Tieferes zugeht als auf das tägliche Klein-Klein. Sie steht unter der Verheißung der Hochzeit von Himmel und Erde, und diese Verheißung hält sie in Unruhe und treibt die Weltgeschichte voran.

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