Ein echter Teufelskreis

Predigt am 3. Juli 2016 zu Offenbarung 20,1-15 (Predigtreihe Offenbarung 34)

Verfasser: Walter Faerber

1 Dann sah ich einen Engel vom Himmel herabsteigen; auf seiner Hand trug er den Schlüssel zum Abgrund und eine schwere Kette. 2 Er überwältigte den Drachen, die alte Schlange – das ist der Teufel oder der Satan -, und er fesselte ihn für tausend Jahre. 3 Er warf ihn in den Abgrund, verschloss diesen und drückte ein Siegel darauf, damit der Drache die Völker nicht mehr verführen konnte, bis die tausend Jahre vollendet sind. Danach muss er für kurze Zeit freigelassen werden.
4 Dann sah ich Throne; und denen, die darauf Platz nahmen, wurde das Gericht übertragen. Ich sah die Seelen aller, die enthauptet worden waren, weil sie an dem Zeugnis Jesu und am Wort Gottes festgehalten hatten. Sie hatten das Tier und sein Standbild nicht angebetet und sie hatten das Kennzeichen nicht auf ihrer Stirn und auf ihrer Hand anbringen lassen. Sie gelangten zum Leben und zur Herrschaft mit Christus für tausend Jahre. 5 Die übrigen Toten kamen nicht zum Leben, bis die tausend Jahre vollendet waren. Das ist die erste Auferstehung. 6 Selig und heilig, wer an der ersten Auferstehung teilhat. Über solche hat der zweite Tod keine Gewalt. Sie werden Priester Gottes und Christi sein und tausend Jahre mit ihm herrschen.
7 Wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen werden. 8 Er wird ausziehen, um die Völker an den vier Ecken der Erde, den Gog und den Magog, zu verführen und sie zusammenzuholen für den Kampf; sie sind so zahlreich wie die Sandkörner am Meer. 9 Sie schwärmten aus über die weite Erde und umzingelten das Lager der Heiligen und Gottes geliebte Stadt. Aber Feuer fiel vom Himmel und verzehrte sie. 10 Und der Teufel, ihr Verführer, wurde in den See von brennendem Schwefel geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind. Tag und Nacht werden sie gequält, in alle Ewigkeit.
11 Dann sah ich einen großen weißen Thron und den, der auf ihm saß; vor seinem Anblick flohen Erde und Himmel und es gab keinen Platz mehr für sie. 12 Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war. 13 Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. 14 Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee. 15 Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen.

Schon öfter haben wir in der Offenbarung erlebt, dass die Geschichte unerwartete Schlenker hat, sozusagen Abstecher. Als ob Johannes gemerkt hat: ich muss das Ganze nochmal von einer anderen Seite aus beleuchten. Da fehlt noch was, also noch mal zurück! Und so ist es auch hier.

Bild: tombud  via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Eigentlich waren wir schon so gut wie am Ziel, eigentlich müssten wir jetzt die Hochzeit von Himmel und Erde feiern, aber auf einmal geht es wieder um den Drachen, den Satan, der eigentlich schon längst besiegt ist. Seine Handlanger, das Tier und der falsche Prophet, sind schon im Feuersee gelandet. Sie haben mit Militärmacht und Propaganda die Herrschaft des Drachen aufrechterhalten, aber damit ist es jetzt aus.

Jetzt geht es dem Drachen selbst an den Kragen, dem Drahtzieher, der im Hintergrund das alles angefeuert hat. Er wird für 1000 Jahre aus dem Verkehr gezogen, und in dieser Zeit regiert Jesus die Welt, gemeinsam mit denen, die ihm trotz Druck, Gewalt und Verführung treu geblieben sind.

Das Tausendjährige Reich

Diese Stelle in der Offenbarung ist das einzige Mal im Neuen Testament, wo vom sogenannten 1000jährigen Reich die Rede ist. Für uns ist das eine merkwürdige Vorstellung, mancher denkt dabei vielleicht gleich an die Zeugen Jehovas, aber an dieser Stelle steht das wirklich in der Bibel, und diese Verse haben in der Kirchengeschichte durchaus eine Rolle gespielt. Im Jahr 1000 nach Christi Geburt glaubten viele Menschen, jetzt sei wirklich das Ende der Welt nahe und das Gericht stünde bevor. Sie gerieten in Panik, viele verschenkten noch schnell ihren ganzen Reichtum, um Jesus unbelastet entgegentreten zu können. Und dann passierte – nichts. Der Weltuntergang ließ auf sich warten. Eine kleine Wiederholung davon hat es im Jahr 2000 gegeben, als viele Menschen fürchteten, nun würden die Computer lahmgelegt werden, und der Euro rückte auch schon näher. Und es passierte – wieder nichts.

Nicht zum ersten Mal in der Offenbarung merken wir, wie ahnungslos es ist, wenn man solche symbolischen Angaben wörtlich nimmt. Das wäre genauso, wie wenn du jemanden anrufst und fragst: wo bleibst du denn, wir waren doch vor 10 Minuten verabredet? Und er antwortet: ich bin sofort da, ich fliege schon – und dann wunderst du dich, dass er nicht mit dem Hubschrauber kommt, sondern mit dem Fahrrad. Er hat doch gesagt »ich fliege«! So ein Unsinn kommt zustande, wenn man alles wörtlich nimmt und den Sinn nicht versteht. Es ist in der Bibel ganz ähnlich wie bei uns: manche Dinge meinen wir wörtlich so, wie wir sie sagen, und andere meinen wir bildlich.

Welche Wirklichkeit ist gemeint?

Also müssen wir auch beim Bild vom 1000jährigen Reich verstehen, was damit gemeint ist. Welche Realität meldet sich hier?

Dieses Bild sagt zunächst: die Welt kann gut und gerecht regiert werden. Sie ist nicht von Grund auf verdorben, sondern wenn sie richtig behandelt wird, dann kann man auf dieser Welt sehr gut leben. In anderen jüdischen Schriften aus dieser Zeit findet sich ebenfalls die Vorstellung einer solchen guten Zeit, und da wird sogar davon gesprochen, dass man dann aus einer einzigen Rebe 40 Liter Wein pressen kann. Auch das ist natürlich ein Bild, das man nicht wörtlich nehmen darf.

Die Voraussetzung für diese gute Zeit ist aber, dass endlich Schluss ist mit der Vergiftung der Schöpfung, die das Werk des Drachen ist. Der hat im Hintergrund die ganze Zeit beharrlich daran gearbeitet, die Welt und Gott auseinanderzubringen und systematisch überall die Welt zu einem unerfreulichen Ort zu machen. Er macht das nicht direkt und offen, sondern er versteckt sich hinter anderen: hinter dem Herrschaftssystem und dem Propagandasystem, dem Monster aus dem Abgrund und dem falschen Propheten.

Toxiker unterwegs

Das ist ja ein Muster, das wir aus vielen anderen Zusammenhängen gut kennen: da ist einer in der Firma oder in der Klasse, um den herum ist immer Ärger, dauernd gibt es Konflikte. Man weiß gar nicht warum, aber wenn die da ist, dann ist das Klima angespannt, die Zusammenarbeit läuft nicht gut, es gibt alle möglichen Probleme. In der Politik gibt es dieses Phänomen natürlich auch. Viele verstehen gar nicht, woran das liegt, aber trotzdem gehen sie mit Bauchschmerzen zur Arbeit, in die Schule oder zur nächsten Sitzung. Wenn es gut geht, enttarnt sich die Quelle des Übels irgendwann selbst, oder er stößt auf Widerstand und geht von allein. Und wenn dieser Mensch eines Tages nicht mehr da ist, dann geht es den meisten viel besser, die Zusammenarbeit macht keine Probleme mehr. Schon in den Sprüchen Salomos (26,20) heißt es: »Wenn kein Holz mehr da ist, so verlischt das Feuer, und wenn der Verleumder weg ist, so hört der Streit auf.«

Mir ist neulich eine Bezeichnung für solche Menschen begegnet, die ich noch gar nicht kannte: Toxiker, also Menschen, die das Klima in ihrer Umgebung systematisch vergiften. Du kannst mit ihnen reden, kannst ihnen Friedensangebote machen, kannst an ihre Vernunft appellieren, es hilft für einen kurzen Moment, aber dann geht es weiter wie zuvor. Am Ende fragst du dich, ob du selbst nicht vielleicht auf dem falschen Dampfer bist. Toxiker können ganz viel Unheil anrichten, vor allem, wenn sie selbst im Hintergrund bleiben und andere vorschicken. Dann reagieren viele völlig verwirrt, sie schlagen blind in alle Richtungen, weil sie zwar irgendetwas Problematisches spüren, aber sie begreifen es nicht und kriegen es nicht zu packen.

Die verborgene Quelle des Unheils

Und der Satan, die Schlange, ist sozusagen der Toxiker der Schöpfung. Der hat im Verborgenen die Fäden gezogen. Die ganze Zeit über hat er die Leute gegeneinander und gegen Gott aufgebracht, hat an ihren Neid appelliert und ihre Angst geschürt, hat ihre Gier entfesselt und ihnen falsche Bilder von Gott und den anderen eingeredet. Alle haben es gespürt, keiner hat die ganzen Zusammenhänge überblickt. Aber jetzt wird der Verursacher aus dem Verkehr gezogen, zur Abwechslung kommt er mal nach Guantanamo, und die Welt fühlt sich gleich viel besser an.

Aber warum wird er dann nach 1000 Jahren wieder aus der Sicherheitsverwahrung rausgelassen? Hätte man ihn nicht in alle Ewigkeit dort schmoren lassen können?

Anscheinend muss er noch eine letzte Gelegenheit bekommen, seine letzten Truppen ins Feld zu führen, damit es wirklich ganz aus ist mit ihm. So wie ein Boxer, der schon auf die Bretter geschickt worden ist, aber er ist noch nicht ganz ausgezählt, er steht sich noch einmal auf, und beim nächsten Schlag ist er dann wirklich k.o.

Die Rückkehr des Unheils

Das gibt es in der Geschichte gar nicht so selten. Napoleon wurde 1813 besiegt, er wurde nach Elba verbannt, aber er kam noch einmal zurück und musste 1815 noch einmal geschlagen werden, und erst dann endete er endgültig am anderen Ende der Welt auf St. Helena.

Oder denken wir an Deutschland im 20. Jahrhundert: die Niederlage im 1. Weltkrieg hat nicht gereicht, Hitler hat es noch einmal probiert, ob man nicht doch ganz Europa unterwerfen kann, und erst die Niederlage im Zweiten Weltkrieg hat diesen Ungeist der Feindschaft und des Hasses wirklich zerschlagen und bloßgestellt. Alle dachten, jetzt wäre er endgültig tot, und gerade merken wir, dass er irgendwie doch überlebt hat und als Zombie zurückkehrt.

Enttarnung

Immer wieder dieses Phänomen, dass die dunkle Macht zwar mit knapper Not besiegt wird, aber irgendwie doch überlebt, in anderer Gestalt zurückkehrt und sich neue Verbündete besorgt. Im 20. Kapitel der Offenbarung sind das Gog und Magog, so eine Art Geisterheere vom Ende der Welt. Jedes Mal wird es ein bisschen grauseliger, more spooky sozusagen, aber jedes Mal muss sich der Toxiker auch wieder etwas mehr zu erkennen geben. Deshalb werden hier alle seine Namen genannt: der Drache, die Schlange, der Teufel, der Satan. Jetzt ist es deutlich, dass das in Wirklichkeit immer derselbe war, seine Verkleidungen sind entdeckt. Und dann kann er auch endgültig in den Feuersee entsorgt werden. Wider Willen hat er alles enttarnt, was an dunklem Potential in der Welt ist, er hat dafür gesorgt, dass es sich entmischt und isoliert, und dann kann es auch beseitigt werden.

Das scheint ein Muster zu sein, das nicht nur einmal vorkommt, sondern das passiert immer wieder, solange Jesus in dieser Welt im Verborgenen regiert. Das ist seine Art, wie er den Bösen in die Enge treibt: Jesus verkörpert die gute, starke Alternative, dagegen kommt der Feind nicht an, deshalb greift er zur Gewalt und muss sich so klarer zu erkennen geben. So verliert er an Attraktivität und kann die Leute nicht mehr so leicht täuschen. Für ihn ist das ein echter Teufelskreis.

Das Muster bei Jesus

Wir kennen das schon aus dem Leben Jesu: erst kommt der Feind als Versucher und möchte Jesus mit Verlockungen auf seine Seite ziehen. Als Jesus sich darauf nicht einlässt, ist er erstmal geschlagen und verschwindet für eine Zeit. Aber er kommt zurück, und diesmal greift er zur Gewalt. Aber indem er Jesus kreuzigen lässt, wird er auch erkennbar, er verliert seine verlockende Gestalt und zeigt sein wahres, brutales Gesicht. Und als Gott Jesus auferstehen lässt, schlägt er dem Feind seine entscheidende Waffe aus der Hand: den Tod.

In der Lesung vorhin (Matthäus 12,22-29) haben wir gehört, wie Jesus sagt, dass er seine Wunder tun kann, weil er zuerst »den Starken gebunden« habe, ihm also bei dieser Versuchung siegreich widerstanden hat. Aber der Satan kommt dann nach einiger Zeit zurück mit dem Tier aus dem Abgrund, also der römischen Militärmaschine, und lässt Jesus kreuzigen.

Das Muster wiederholt sich

Dieses Muster setzt sich dann fort in der Geschichte der Jünger Jesu. Die 1000 Jahre stehen für die Zeit, in der Jesus die Welt im Verborgenen regiert, nach seiner Himmelfahrt, gemeinsam mit seinen Leuten. Die repräsentieren Jesus und seine Art zu leben, und wo sie die Welt prägen, da lebt es sich gut. Aber so fordern sie den Feind heraus, er geht auf sie los und muss sich zu erkennen geben.

Johannes schildert das abgekürzt, als ob das nur einmal passiert. In Wirklichkeit gibt es davon unzählige Durchgänge. Aber am Ende steht jedes Mal das Gericht: Gutes, Gesundes auf der einen Seite und Dunkles auf der anderen sollen getrennt werden, das Böse wird isoliert und dann wird es endgültig aus der Welt geschafft. Es sind in erster Linie und vor allem die dunklen Mächte, die dabei im Feuersee landen. Der Teufel ist nicht der Chef der sogenannten »Hölle«, sondern er und seine Komplizen werden dahin entsorgt. Jetzt, am Ende, wird auch der Tod getötet, der letzte Feind wird aus der Welt geschafft. Es sind aber möglicherweise auch Menschen dabei, die sich so sehr der dunklen Seite verschrieben haben, dass es sie innerlich aufgefressen hat. Und jetzt sind es nur noch hohle Fassaden, an denen nichts mehr gerettet werden kann.

Zwei Arten von Büchern

Ja, auch das kann aus Menschen werden. In welchem Verhältnis der gute Wille Gottes zum menschlichen Willen steht, der sich auch der dunklen Seite zuwenden kann, das bleibt ein Rätsel, das auch in der Offenbarung nicht aufgelöst wird. Es wird nur beschrieben in Gestalt der Bücher, die nun aufgeschlagen werden: die Bücher, in denen die menschlichen Taten aufgezeichnet sind, und das Buch des Lebens, in dem Gottes Bestimmung für die Welt verzeichnet ist. Erst am Ende wird das zusammenfinden. Und das Gericht sorgt dafür, dass nichts übrig bleibt von der dunklen Macht. Nichts davon soll die neue Welt erreichen und vergiften.

Denn ab dem nächsten Kapitel ist die Auseinandersetzung mit dem Feind endgültig vorbei. Dann geht es nur noch um die neue Welt Gottes, und die hatte Johannes von Anfang an im Auge.

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