Das Morgenlicht des neuen Tages

Predigt am 27. November 2016 (1. Advent) zu Römer 13,8-14

Verfasser: Walter Faerber

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst der Gier keinen Raum geben«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns anständig leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Streit und Neid; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr der Gier verfallt.

Bild: pexels via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

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Was erwarten Sie von die Zukunft? Schauen Sie eher mit positiver Erwartung nach vorn oder erwarten Sie, dass es Ihnen persönlich und der Gesellschaft überhaupt schlechter geht? Das ist eine beliebte Frage, wenn Meinungsforscher die Seelenlage der Deutschen erforschen. Denn wer eine positive Entwicklung erwartet, der gibt sein Geld leichter aus, der gönnt sich gern mal einen Urlaub und legt sich schneller ein neues Smartphone zu. Wer glaubt, dass alles schlechter wird, der achtet auf Sicherheit, der hält sein Geld zusammen und ist vorsichtig in seinen Planungen. Vielleicht haut er aber auch alles auf den Kopf, weil er denkt: wer weiß, wie lange ich das noch kann! Auf jeden Fall: wie wir über die Zukunft denken, das steuert uns in der Gegenwart.

Diesen Effekt beschreibt Paulus hier für die besondere Art, wie Christen in die Zukunft sehen. Die Menschen hatten damals ja nicht die Erwartung, dass jedes Jahr der Wohlstand wieder etwas wächst, dass jedes Jahr zu Weihnachten wieder etwas anspruchsvolleres technisches Spielzeug unter dem Baum liegt. Die Leute wären schon froh gewesen, wenn es keine Seuchen und keinen Krieg gab, wenn die Steuern nicht erhöht wurden und wenn in der Familie keiner ernsthaft krank war. Aber viel zu oft wurden ihre Sorgen nur zu schnell Realität.

Ein verändertes Lebensszenario

Deswegen war es ein neuer Gedanke, wenn Paulus sagt: schaut nach vorn, es wird besser, es geht voran! Das ändert das ganze Lebensgefühl: es sieht nicht überall düster aus, sondern es ist kurz vor Sonnenaufgang, der Himmel hat sich aufgehellt, im Osten wird es immer röter, die letzten Sterne verblassen, gleich werden die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne über den Horizont schauen. Die Nacht liegt hinter uns, der Tag bricht an! Krempelt die Ärmel auf, es gibt viel zu tun – also frisch ans Werk!

Wie kommt Paulus zu dieser Erwartung, dass wir zuversichtlich nach vorn schauen können? Wieso kann er sagen: »steht auf, ein wunderbarer Tag liegt vor uns«?

Paulus denkt von dem Fakt her, dass Jesus auferstanden ist, und jetzt ist er in der Welt. Gott hat angefangen, durch Jesus die Welt zu erneuern. Es vorbei mit der Übermacht des Todes und der Bedrückung, es ist vorbei mit der Nacht, in deren Dunkelheit krumme Geschäfte auf Kosten der Schwachen gemacht werden. Jesus kommt, so wie er damals nach Jerusalem gekommen ist (wir haben es vorhin in der Lesung gehört). Gemeinsam mit seinen Freunden kommt er an alle dunklen Orte und bringt Licht hinein. Ja, wir wissen: damals in Jerusalem hat das Kreuz auf ihn gewartet, und jeder, der an dunkle Orte geht, muss dafür einen Preis bezahlen. Und trotzdem ist das der Weg, den Gott geht. Daran erinnert Paulus: Jesus ist doch auch zu euch gekommen und hat euer Leben hell gemacht. Und dabei ist er nicht stehengeblieben, er macht weiter und ist seit damals schon wieder ein gutes Stück vorangekommen.

Licht in dunklen Zeiten

Advent heißt: Gott ist in der Offensive, er geht voran, er bringt Licht an dunkle Orte. Jetzt sind Menschen nicht mehr schutzlos dunklen Mächten ausgeliefert, die sie ängstigen und ihnen die Lebenskraft aussaugen. Das waren ja damals Gesellschaften, die auf der Ausbeutung von Sklaven beruhten. Ein großer Teil der Bevölkerung war völlig rechtlos, sie mussten nicht nur die ganze schwere Arbeit machen, sie waren auch auf Gnade und Ungnade ihren Herren und deren Launen ausgeliefert. Wenn der Chef schlechte Laune hatte und seinen Diener zum Frühstück erstmal verprügelte, dann gab es niemanden, bei dem der sich beschweren konnte. Das war halt so, es gab schließlichschon immer Sklaven und Herren, und wer Sklave war, der hatte eben Pech gehabt. Und wo solche Unterdrückungsverhältnisse legal und selbstverständlich sind, da gibt es immer eine dunkle Zone der Gewalt und jeder Art von Missbrauch, und die Opfer können nur stumm leiden, niemand hört ihre Schreie, niemand sieht ihre Tränen und ihre Verzweiflung.

Aber jetzt ist Advent, und das heißt: Gott kommt. Er kommt da überall rein, er hat Menschen gewonnen, die nichts mehr zu tun haben wollen mit diesen ganzen Unterdrückungssystemen. Und gemeinsam mit ihnen entert er all die dunklen Orte, und jetzt werden die Schreie gehört und die Tränen getrocknet. Zur Zeit von Paulus war es noch längst nicht so weit, dass die Menschenwürde und die Menschenrechte im Grundgesetz stehen, aber wo die Christen hinkamen, da brachten sie die Botschaft, dass vor Gott alle gleich sind, dass es vor Gott keine Menschen erster und dritter Klasse gibt, dass jede Träne gesehen und gesammelt wird, und dass es nicht die natürliche Ordnung ist, wenn Menschen anderen die Lebenskraft aussaugen und sich auf deren Kosten ein Luxusleben leisten. Und wer Tag für Tag Missbrauch und Gewalt erleben musste, dem ging in all dieser Dunkelheit ein Licht auf, und wenn es nur diese eine Stunde in der Woche war, wo er oder sie in der Gemeinde erlebte, wie es ist, ein Mensch mit einer Würde und einem Namen zu sein, den Gott kennt und den Gott nicht vergessen hat. Für uns und in unserem Land ist das alles für viele selbstverständlich, aber das versteht sich überhaupt nicht von selbst, bis heute nicht.

Eine Stunde in der Woche

Gestern habe ich von einem Vortrag erzählt bekommen, in dem eine Frau zurückgeschaut hat auf die Kinder, mit denen sie vor vierzig Jahren oder so in die Grundschule gegangen ist. Die hatte sie beim Klassentreffen wiedergesehen. Sie lebte als Kind in einem ziemlich schlimmen Viertel, und ihre damaligen Mitschüler haben es zum großen Teil im Leben nicht gut getroffen. Einer ist Zuhälter geworden, einer war im Knast, weil er Menschen getötet hat. Solche Geschichten, auch wenn es nicht bei jedem so drastisch war. Aber die Eltern dieser Frau waren damals in einer Gemeinde engagiert, und sie und ihre Mitschüler und Mitschülerinnen gingen in die christliche Kindergruppe dort. Und im Rückblick haben ihr einige dieser Kinder beim Klassentreffen gesagt: diese Kindergruppe war für uns damals die schönste Stunde in der ganzen Woche.

Anscheinend hat sich das dann nicht unbedingt bei allen fortgesetzt, als die Kinder älter wurden, aber an solchen Momenten versteht man besser, was gemeint ist, wenn die Bibel sagt, dass Jesus Licht in die Finsternis der Welt bringt. Es gibt Orte, die sind so dunkel, dass einige einzige Stunde einen Riesenunterschied machen kann. Das sind Früchte des Advents, Folgen der Ankunft Gottes unter uns. Und Paulus erinnert seine Leute: wir haben uns mit Gott gemeinsam auf den Weg gemacht, und inzwischen sind wir alle gemeinsam ein großes Stück vorangekommen. Der Weg Gottes durch seine Welt braucht Zeit, er arbeitet nicht mit dem Rammbock, er nimmt Rücksicht auf die Gangart menschlicher Herzen, aber es geht voran. Im Vergleich zu der Zeit damals, als ihr getauft wurdet und dazu kamt, sind wir schon wieder ein Stück weiter. Es ist schon wieder etwas heller geworden, die Sonne geht auf über einer dunklen Erde. Der helle Tag bricht an! Lasst uns mit Zuversicht nach vorn schauen und nach vorn gehen!

Hoffnung macht großzügig

Und jetzt kommen wir zurück zu dem Zusammenhang von Zukunftserwartung und Gegenwart. Wer positiv in die Zukunft schaut, bei dem sitzt das Geld locker, der ist großzügig, sagen die Marktforscher. Wer für die Zukunft schwarz sieht, der hält möglichst alles fest. Aber unser Konsumverhalten ist ja nur ein kleiner Ausschnitt von unserem Menschsein. In einer ganzheitlichen Sicht kann man sagen: wenn du zuversichtlich bist, dann bist du großzügig, dann kalkulierst du nicht dauernd, ob es sich auch lohnt, dann beschenkst du Leute, dann teilst du, auch auf die Gefahr hin, dass die anderen weniger großzügig sind. Du steckst andere mit deiner Freude an und bekommst viel zurück, aber du rechnest nicht nach.

Wenn du dagegen schwarz siehst, dann wirst du knauserig, dann gehst du auf Nummer sicher, dann hast du Angst, dass du zu kurz kommst und hältst nicht nur deine Talerchen zusammen, sondern bist auch bei allem anderen zugeknöpft und misstrauisch. Und genau dadurch wird die Welt tatsächlich kälter und härter.

Und jetzt sagt Paulus: weil Gott in die Welt gekommen ist, weil er vorangeht gemeinsam mit uns, weil die Kraft der Auferstehung sich ausbreitet, weil wir schon das Licht des kommenden Tages sehen, die neue Welt der Liebe und Solidarität, weil das alles zwischen uns schon begonnen hat, weil wir voller Erwartung nach vorn schauen, auf das, was Gott alles tun wird, wie er mitten in den Finsternissen dieser Welt Licht anzündet, deshalb sind wir großzügig, deshalb müssen wir nicht auf Kosten anderer leben, deswegen können wir mit vollen Händen schenken und geben. Diese ganze kaputte Art, sich kurzfristig Erleichterung zu schaffen, mit kaputten Exzessen, die meist auf Kosten anderer gehen, wo Menschen zerstört werden und Leere zurückbleibt, mit Neid und Streit, mit Protzen und Prunken, das ist nicht mehr unsere Sache. Vergesst das niemals! Wir segnen, weil wir die Fülle des Segens haben. Wir lieben, weil Gottes Liebe unter uns ist. Wir sehen schon den Reichtum, der jetzt noch in der Welt verborgen ist und enthüllt werden wird, und deshalb müssen wir weder knausern noch Beute machen. Wir müssen nicht anderen die Lebenskraft stehlen, weil wir selbst an der Quelle des Lebens sind.

Hoffnung verbindet

Deswegen bindet Paulus das zusammen, die Zukunftshoffnung und die Liebe. Liebe kann man nicht vorschreiben, sie ist keine Pflicht, die man gezwungenermaßen erfüllt, so wie man Steuern zahlt. Über Steuern redet Paulus im Abschnitt vorher, aber jetzt sagt er: die Liebe spielt in einer völlig anderen Liga. In der Liebe spiegelt sich unsere wahre Bestimmung: Mensch zu sein in Verbindung mit den anderen, ja mit der ganzen Menschheit. Nicht in einer Festung mit hohen Mauern zu leben, wo die anderen Bedrohung und Gefahr sind. Liebe sagt: am Ende wird sich zeigen, dass die anderen uns zum Segen gegeben sind und nicht als Bedrohung. Und wir erleben das jetzt schon. Natürlich gibt es Dunkelheit und Gewalt, das musste den ersten Christen niemand erzählen, aber Liebe pflanzt selbst in die Herzen von Zuhältern und Mördern die Ahnung von der neuen Welt Gottes, in der niemand mehr andere mit Füßen tritt. Gott kommt in die Welt, er geht voran, und wir begleiten ihn.

Schritt für Schritt wird aufgedeckt, dass die Liebe die Kraft ist, die die Welt im Innersten zusammenhält. Die Sonne geht auf, und wir sind die, die schon wach sind und Zeuge werden, wie die Finsternis nicht bleiben kann.

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