Die entscheidende Weichenstellung

Predigt am 16. Juli 2017 zu 1. Mose 12,1-4a

Verfasser: Walter Faerber

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

Diese Sätze sind eine der wichtigsten Schaltstellen in der ganzen Bibel. Das merkt man aber nur, wenn man den größeren Zusammenhang einbezieht. Diese Geschichte von Abram (der damals noch nicht Abraham heißt) folgt auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Und die ist wiederum der Schluss der biblischen Urgeschichte, wo erzählt wird, wie die Welt so geworden ist, wie sie jetzt ist. Am Anfang die Erschaffung der Welt, die ersten Menschen und das Paradies. Dann der Bruch zwischen Menschen und Gott, als Menschen sich unabhängig machen wollen von Gott. Darauf dann der Brudermord von Kain an Abel, die Sintflut und am Ende der Turm von Babel. Da steckt der Karren schließlich völlig im Dreck.

Dieser Turm war eigentlich die Frucht eines großen Aufbruchs (11,2): »Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.« Also, es beginnt mit einem Aufbruch: die Menschen bleiben nicht da, wo sie waren. Und so eine Ortsveränderung bringt immer auch Verunsicherung mit sich. Alles ist neu und anders, und man weiß nicht mehr was gilt. Irgendeinen Halt braucht man. Und weil sie Gott ja inzwischen misstrauen, bauen sie sich selbst etwas, an das sie sich halten können:

»11,3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.«

Hier taucht das Wort »Name« auf. »Name« steht in der Bibel für das, was eine Person ausmacht, ihre Identität. Im Namen fasst sich zusammen, wer wir sind und wie andere uns sehen. Der Name ist die Kurzfassung unserer Identität. Der Name ist das, was die Marke für ein Produkt ist. Wenn du »Mercedes« hörst, dann fallen dir andere Sachen ein, als wenn jemand »Opel« oder »VW« sagt. Und genauso ruft bei dir der Name »Friedrich« ein anderes Feeling auf als »Kevin« oder »Andrea« oder »Maik«. Die Menschen sagen also: wir brauchen eine Identität, eine Marke, damit wir erkennbar sind, damit wir einen Mittelpunkt haben, der uns zusammenhält.

Selbsterschaffene Identität

Das ist in der Bibel der Ursprung der Nationen. Zuerst ist es nur nur eine, aber wir wissen: am Ende der Geschichte vom Turmbau gibt es dann viele Sprachen und viele Nationen, und sie bauen alle ihre eigenen großen und kleinen Türme. Die Nationen sind aus Angst geboren: »Wir brauchen einen Mittelpunkt,« sagen sie, »ein gemeinsames Projekt, ein Symbol, das uns zusammenhält, eine Fahne, ein Zeichen, was auch immer, damit wir etwas haben, worauf wir stolz sein können, damit wir wissen, wer wir sind.« Menschen wollen wissen, wer sie sind, wo sie hingehören und wo sie dazugehören.

Aber was sie da mit dem Turm in die Welt setzen, das ist eine selbsterschaffene Identität. Die haben sie sich mühsam erarbeitet, deswegen sind sie ihrer selbst nicht sicher. Sobald irgendwas schief läuft, fühlen sie sich bedroht und gekränkt, und dann kommt jemand und sagt: »Make XY great again, lasst uns unser Land wieder groß machen«! Eine selbsterschaffene Identutät bedeutet immer Herrschaft und Hierarchie. Irgendwer muss dieses gewaltige Projekt ja leiten. Und tatsächlich waren ja diese gewaltigen Tempelstädte, die damals im Zweistromland entstanden, im heutigen Irak, hochorganisierte Zivilisationen mit einer klaren Hierarchie, mit dem König an der Spitze, durchorganisiert bis zum letzten Sklaven.

Die Welt, wie wir sie kennen

Wenn man sich auf diese Weise »einen Namen gemacht« hat, dann bedeutet das immer eine Abgrenzung von anderen: die gehören nicht zu uns! Die sind anders als wir! Das heißt, der Name, den man sich selbst gegeben hat, der konkurriert mit den anderen Namen, mit den anderen Nationen, und deshalb gibt es dann immer wieder Kriege unter den Völkern. Und damit man sich verteidigen kann, braucht man eine gemeinsame Streitmacht und einen, der sie leitet. So kommt die Gewalt in die Welt.

Das alles meinte ich, wenn ich sagte: zu diesem Zeitpunkt ist der Karren ziemlich verfahren. Am Ende der biblischen Urgeschichte haben wir die Welt, wie wir sie kennen: mit Misstrauen, Gewalt und Krieg, mit Herrschaft und Waffen, mit dem Wunsch, zu einer großen Nation zu gehören, auf die man stolz sein kann. Und heute wissen wir auch, dass diese gewaltigen Zivilisationsprojekte nicht nur Unfrieden stiften, sondern unsere Welt zerstören. Es ist genug für alle Menschen da, aber es ist nicht genug da, wenn sich jeder seine eigene Identität schaffen und sich einen Namen machen will. Dafür reicht es nicht.

Was wird Gott jetzt tun? Seine Schöpfung droht in einem Fiasko zu enden. Schon einmal, bei der Sintflut, war er nahe daran, sein ganzes Werk wieder in die Tonne zu treten, aber vor dieser Konsequenz ist er am Ende zurückgeschreckt. Das will er nicht mehr machen. Was ist die Alternative?

Ein neuer Anfang

An dieser Stelle erzählt die Bibel von der Berufung Abrams. Abram und das Volk, das aus ihm hervorgehen wird, das jüdische Volk, Abram und seine Nachkommen, zu denen viele Jahrhunderte später auch Jesus gehören wird, das ist Gottes Alternative.

Abram wird gerufen. Er macht sich nicht selbst einen Namen, er bekommt ihn verliehen. Aber dann muss er alles aufgeben, was ihn bisher ausgemacht hat: sein Vaterland, seine Familie, sein ganzes bisheriges Leben. Alles, was bis dahin seine »natürliche« Identität ausgemacht hat. Er muss seine Sicherheit aufgeben, die er vorher durch seinen Clan gehabt hat. Und dann bekommt er einen Namen geschenkt. Er muss ihn sich nicht erarbeiten oder erkämpfen, er muss ihn nicht groß machen, um das alles kümmert sich Gott. Er ist raus aus der Angst um seine Identität. Sie wird ihm von Gott geschenkt, ohne dass er dafür etwas tun muss.

Das Geschenk des Namens

Jeder Mensch lebt davon, dass ihm am Anfang andere sagen, wer er ist. Ein Baby entdeckt sich selbst, weil andere es anschauen, weil sie mit ihm reden und seinen Namen nennen. Und ganz am Anfang hat Gott uns ins Leben gerufen: »Ich will dass es dich gibt. Ich liebe dich. Komm in die Welt, die ich dir erschaffen habe!« Damit fängt alles an: mit der Stimme, die uns ins Leben ruft. Wir brauchen uns keinen Namen machen, wir müssen uns unsere Identität nicht gegen die anderen erkämpfen, wir müssen keine Angst darum haben und die deutsche oder die französische oder welche Nation auch immer verteidigen. Am Anfang unseres Lebens haben wir der Stimme vertraut, die uns gerufen hat. Und bei diesem Vertrauen sollen wir bleiben.

Das alles wird an Abram sichtbar. So wird er zum Segen für alle anderen. Gott richtet durch ihn die Alternative für alle auf. Wenn die Menschheit entschlossen in ihr Verderben läuft, dann baut Gott daneben sein neues Volk, in dem auf einem langen Weg sein Wille mit den Menschen sichtbar wird. In Jesus ist er voll da. Die Nationen sind aus Angst gebaut, Abrahams Volk lebt aus dem Vertrauen. Da wird nicht nur eine alternative Menschheit sichtbar, da wird auch ein alternativer Gott sichtbar.

Ein neuer Typ von Gott

Der amerikanische Historiker Larry Siedentop hat beschrieben, wie die Götter der Antike mit Blut und Boden verbunden waren: »Der antike Bürger verteidigte das Land seiner Ahnen, die zugleich seine Götter waren. Seine Vorfahren waren untrennbar verbunden mit dem Boden, auf dem die Stadt stand. Diesen Boden zu verlieren war gleichbedeutend mit dem Verlust der Familiengötter. … Bei der Verteidigung der Stadt kämpfte der Bürger folglich für den Kern seiner Identität. Religion, Familie und Territorium waren untrennbar verbunden, eine Kombination, die den antiken Patriotismus in eine überwältigende Leidenschaft verwandelte.«

Der Gott, der Abram ruft, ist anders: Er steht nicht für den Boden, auf dem ein Volk lebt, er ist nicht die Verkörperung der Familie und der Tradition, stattdessen bricht er den Kosmos des Überkommenen auf, weil das eben nicht die gute Tradition ist, sondern weil das ein Unheilszusammenhang ist, der die Welt und die Menschen bedroht.

Deswegen müssen bei Jesus dann die Jünger alles zurücklassen, ihre Familie, ihre Arbeit, ihre Heimat, als Jesus sie beruft, wie wir es vorhin in der Lesung (Lukas 5,1-11) gehört haben. Die Geschichte von Abrahams Volk, zu dem Jesus dann auch uns berufen hat, ist eine Geschichte von Leuten, die ausbrechen aus den Ordnungen, an die sich alle halten. Egal, ob das altehrwürdige Ordnungen der Tradition sind oder die moderne Ordnung der Märkte.

Hinaus ins Freie

Abrahams Gott ruft sein Volk heraus, in ein neues Land, an den Rand der Gesellschaft. Deswegen war auch Jesus immer unterwegs, oft in der Wüste, am Rand des besiedelten Landes. Der Segen für die Menschheit kommt von denen, die auf Gottes Stimme hören und sich von ihm einen Namen geben lassen. Die sich heraus rufen lassen, aus der babylonischen Sackgasse des eigenen Namens, wo man immer great sein muss, großartig, gegen alle anderen.

Das ist der entscheidende Unterschied: es geht nicht um die fromme Soße auf dem, was schon immer da war. Es geht nicht um den Heiligenschein für die großen und kleinen Mächte dieser Welt. Abrahams Volk ist der Vortrupp einer neuen, versöhnten Menschheit, die nicht mehr kämpft, sondern sich von Gott beschenken lässt.

Die Loyalitäten aufkündigen

In Jesus ist diese neue Menschheit schon da. Und als er getauft wird, da bekommt er von Gott seine Identität geschenkt: du bist mein lieber Sohn. Das ist die Quelle von allem anderen, was er dann gesagt und getan hat. Die Bergpredigt ist eine Anleitung, wie man aus dem Vertrauen leben kann. Und so begründet er das weltweite Gottesvolk unter allen Völkern, zu dem wir auch berufen sind. Durch dieses neue Volk kommt von neuem der Segen in die Welt.

Abraham antwortete auf diesen Ruf, indem er loszog und seine bisherige Welt hinter sich ließ. Die Jünger taten es. Dazu sind wir auch berufen: die Loyalitäten hinter uns zu lassen, an die wir gebunden waren, und aufzubrechen in die Freiheit der Kinder Gottes.

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