Die Christen, die großen und die kleinen Zerstörer

Predigt am 9. Juli 2017 zu 1. Petrus 3,8-17

Verfasser: Walter Faerber

8 Endlich aber: seid alle eines Sinnes, voll Mitgefühl und brüderlicher Liebe, seid barmherzig und demütig! 9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem noch Kränkung mit Kränkung! Stattdessen segnet; denn ihr seid dazu berufen, Segen zu erlangen.
10 Es heißt nämlich: Wer das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht, der bewahre seine Zunge vor Bösem und seine Lippen vor falscher Rede. 11 Er meide das Böse und tue das Gute; er suche Frieden und jage ihm nach. 12 Denn die Augen des Herrn blicken auf die Gerechten und seine Ohren hören ihr Flehen; aber das Antlitz des Herrn richtet sich gegen die Bösen.
13 Und wer wird euch Böses zufügen, wenn ihr euch voll Eifer um das Gute bemüht? 14 Aber auch wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leiden müsst, seid ihr selig zu preisen. Fürchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht erschrecken, 15 sondern haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; 16 aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in (der Gemeinschaft mit) Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen. 17 Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse.

Hier beschreibt einer die Gemeinde der Nachfolger Jesu als den Ort, wo man sicher ist, wo man nicht beständig auf der Hut vor anderen sein muss, wo man eine Ahnung davon bekommt, wie eine versöhnte Menschheit aussieht.

Und diese Erfahrung soll Menschen so prägen, dass sie auch außerhalb dieser schützenden Zone Botschafter eines versöhnten Miteinanders sind. Wir sollen diese Beschreibungen gründlich durchdenken, damit wir ein Bild davon vor Augen haben und dieser Gedanke in uns Wurzeln schlägt.

»Gleichgesinnt«

Bild: geralt via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

»Gleichgesinnt« ist das erste Wort, mit dem dieses versöhnte Miteinander beschrieben wird. Damit ist nicht Uniformierung gemeint, sondern dass man gemeinsam Verantwortung für diese Zone übernimmt, wo man anders miteinander umgeht. Uniformierung, dass alle dasselbe denken, das würde ja überhaupt nicht funktionieren. Da sind Leute beieinander, die verschiedene Überzeugungen haben, aus allen möglichen Parteien kommen, aus unterschiedlichen Lebensaltern, aus ganz verschiedenen Kulturen, die kriegt man nicht in ein Einheitsschema gepresst. Aber an einem Punkt stimmen sie überein: dieser gemeinsame Raum, wo man gut miteinander umgeht, der ist ihnen wichtiger als ihre Herkunft, und für sie steht fest: wir werden hier gemeinsam dafür sorgen, dass diese Zone des freundlichen Miteinanders nicht kaputt geht. Das ist für uns so wichtig, dass wir die Unterschiede aushalten und uns davon nicht auseinanderbringen lassen.

»Mitfühlend«

Wenn man etwas so Wichtiges gemeinsam hat, dann nimmt man auch aneinander Anteil. Deshalb ist das zweite Wort »mitfühlend«, wörtlich: mitleidend. Es ist nicht egal, wie es dem anderen geht. Das ist eine ziemlich hohe Hürde. Wir sind ja in der Regel sofort sehr erleichtert, wenn wir merken, dass ein Problem nur die anderen betrifft und nicht uns selbst. Aber hier wird ein Szenario entfaltet, wo wir immer wieder trainieren, die Belastungen anderer zu sehen und sie mitzutragen. Wir lernen, ein großes Herz zu bekommen, uns hineinzudenken in andere, sie nicht auszublenden. Das ist auch deshalb so wichtig, weil wir oft die Schattenseiten unseres Lebens an andere weitergeben, irgendwohin, wo wir sie nicht sehen. Damals im römischen Reich teilten z.B. Freie und Sklaven diesen Raum der Gemeinde und für die Freien war das vielleicht die erste Gelegenheit, wo sie die Welt tatsächlich mal mit den Augen von Sklaven sehen konnten. Und dann haben sie hoffentlich nach und nach gemerkt, wie ihr gutes Leben mit der Mühsal derer erkauft war, die dafür arbeiten mussten.

Und dieses Prinzip des Mitfühlens hat die Welt verändert. Dass wir heute z.B. Krankenversicherungen haben, kommt aus dem Gedanken, dass man die Belastungen anderer mit trägt. Dass man nicht sagt: ich bin gesund, was interessieren mich die anderen?

Heute wird dieses Prinzip auch im weltweiten Rahmen immer wichtiger. Wir können inzwischen die Schattenseiten unseres Lebensstils irgendwohin exportieren, den Müll oder die Produktion gefährlicher Güter oder einfach schlecht bezahlte Arbeit. Weißt du, wer dein T-Shirt genäht hat, wo, zu welchem Lohn und unter welchen Bedingungen? Mitfühlen bedeutet heute auch, diese verschlungenen Zusammenhänge der Produktion im Blick zu haben. Es ist nicht nur ein Gefühl, sondern dazu gehört auch ein klarer Verstand. Dieser Raum der Freundlichkeit soll so weit sein, dass er die ganzen Widersprüche der Gesellschaft umfassen kann, heute eben auch die Widersprüche unserer globalen Gesellschaft. Im römischen Imperium waren die Christen die einzigen, die alle Gruppen der Gesellschaft integrieren konnten. Und auch heute gibt es ein weltweites Band, das Christen quer zu allen sonstigen Einteilungen verbindet.

»Bruderliebend«

Das nächste Wort ist »bruderliebend«. Wer Kinder hat, der weiß, dass es weder unter Brüdern noch unter Schwestern immer harmonisch zugeht. Und vielleicht kriegt ja sogar der Eine oder die Andere auch einen Schreck bei diesem Wort und denkt: o nein, ich bin ja froh, dass mein Bruder oder meine Schwester weit weg ist und mich nicht mehr ärgert! Aber ich glaube, hier ist an etwas anders gedacht. Zwischen Geschwistern gibt es keine prinzipielle Hierarchie. Gut, die Älteren haben meistens mehr zu sagen als die Jüngeren, schon weil sie stärker sind. Aber als dieser Brief geschrieben wurde, waren die Eltern, insbesondere der Vater, eine bedrohliche Autorität. Und hier ist gemeint: in unserem neuen Raum des Mitfühlens haben diese Machtbeziehungen nichts zu suchen. Wir sind alle gleich, wir stehen auf der selben Stufe, als Brüder und Schwestern, egal, ob du im Rest deines Lebens Topmanager oder einfacher Arbeitnehmer bist. Nur so funktioniert ja auch das mit dem Mitfühlen. Wir sind der Vortrupp einer versöhnten Menschheit.

»Barmherzig«

Es geht weiter mit »barmherzig«, und das ist fast das Gleiche wie »mitfühlend«. Barmherzigkeit hat damit zu tun, dass man die Schwächen anderer nicht ausnutzt, dass man gnädig umgeht mit ihren Fehlern und Verfehlungen. Dass man grundlegend für jemand anderen ist und nicht gegen sie. Dass man zu einem Klima beiträgt, wo jeder aufblühen kann. Es geht um einen Platz, wo jemand auch nach einem Fehler noch dabei sein kann, ohne dass ihm das immer wieder unter die Nase gerieben wird.

»Sanftmütig«

Am Ende der Reihe folgt nun noch »demütig«, man könnte auch »sanftmütig« übersetzen. Das Gegenteil wäre wohl jemand, der seinen Status mit aller Kraft verteidigt, der rote Linien zieht und sagt: wehe, du überschreitest die, dann gibt es Ärger! Und das soll verhindern, dass es in diesem Raum, den Jesus für seine Leute öffnet, Rangeleien um Status und Ehrenplätze gibt. Das hat man ja sonst überall, dass Leuten gezeigt wird, wo ihr Platz im Rudel ist, durch Rangabzeichen, durch die Sitzordnung, oder nur dadurch, wie gut man ihnen zuhört. Und nötigenfalls wird es Menschen auch massiv klargemacht, wo ihr Platz ist in der Rangfolge.

Aber in diesem Raum Jesu soll das nicht so sein. Jesus hat es ja immer wieder vorgemacht, dass er, der Sohn Gottes, keinen Ehrenplatz im Himmel oder auf Erden beansprucht, sondern er hat den schlechtesten Platz von allen akzeptiert, das Kreuz. Keine Hierarchie, sondern Geschwister.

Nicht zur falschen Seite wechseln

So, jetzt bin ich mit dem ersten Satz des Abschnittes durch. Aber das war der Kern der Sache. Was jetzt noch kommt, sind Hinweise darauf, wie man diesen Raum schützt. Denn die Welt funktioniert oft ganz anders. Wie beschützt man diese Keimzelle einer versöhnten Menschheit?

Der erste Hinweis ist, ganz ähnlich wie an vielen anderen Stellen der Bibel: macht euch nicht mit der Bosheit gemein, indem ihr mit gleicher Münze heimzahlt! Wenn man Bosheit bekämpfen will, dann muss man gut aufpassen, dass man nicht selbst zu ihrem Verbündeten wird. Wer Böses mit Bösem beantwortet, stärkt das Böse. Wer Böses bekämpfen will, muss segnen, sonst findet er sich schnell auf der falschen Seite wieder.

Die großen und die kleinen Zerstörer

Wir haben in den vergangenen Tagen wieder jede Menge Anschauungsmaterial dazu ins Haus geliefert bekommen. In Hamburg haben am Verhandlungstisch der G20 ja nicht nur 80% der globalen Wirtschaftsleistung an einem Tisch gesessen, sondern auch 80% der Verantwortung für die Kriege von Syrien bis Afghanistan, für jede Menge Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit, 80% der Verantwortung für den Klimawandel und vieles andere. Und während da die Verantwortlichen für so viele große Zerstörungen zusammensaßen, haben es ihnen auf den Straßen die kleinen Zerstörer gleichzutun versucht. Die haben zwar nicht ganze Städte in Ruinen verwandelt, aber doch ziemlich viel kaputt gemacht. Und wenn man sie hätte fragen können, warum sie das tun, hätten sie wahrscheinlich auf all die Zerstörungen in der Welt verwiesen, gegen die sie etwas tun wollten. »Wenn die das machen, dann dürfen wir das auch.« Ja, die großen und die kleinen Zerstörer arbeiten wunderbar zusammen. Alle denken jetzt nur noch an die Bilder von Feuer und Gewalt in Hamburgs Straßen und nicht mehr an die Bilder von zerbombten Städten und fliehenden Menschen an so vielen anderen Orten. Das kommt dabei heraus, wenn man sich seinen Horizont vom Kaputten und Zerstörerischen diktieren lässt.

Die Welt ist ein Platz, wo es neben vielem Wunderbaren auch schreckliche Gewalt und entsetzliche Verwirrung gibt. Aber Jesus hat seine Jünger berufen, Menschen des Segens zu sein, und nichts anderes. Wir sollen dem Kaputten nicht auf kaputte Weise antworten. Wir stehen auf einem eigenen Boden. Wir denken nach einer anderen Logik als die großen und die kleinen Zerstörer.

Ein Ort der Hoffnung

Und diese neue Grundlage, die Jesus gelegt hat, die soll unter seinen Nachfolgern so präsent sein, dass sie sich nicht von all dem Kaputten anstecken lassen. Dafür reicht es nicht, gelegentlich gute Gedanken zu haben. Man muss das leben, an einem Ort muss man das trainieren und üben, dass soll uns so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass wir dann auch in anderen Situationen so handeln. Und wenn sich dann Leute darüber beklagen, weil sie damit nicht zurecht kommen, dann sollen wir auch sagen können, dass wir Hoffnung haben, weil Jesus auferstanden ist.

Diese Hoffnung bewahrt davor, sich an die kaputten Gedanken und an die zerstörerischen Verhältnisse in der Welt anzupassen. Sie sind nicht alternativlos, und das nimmt ihnen ihre Macht und ihre Faszination. Nichts ist so stark wie eine Alternative des Segens und der Heilung und Menschen, die nötigenfalls auch bereit sind, Angriffe zu erleiden, wenn sie diese Alternative verkörpern.

Wer Jesus Christus im Herzen heilig hält, der soll diese Alternative verkörpern und lernen, das immer besser und klarer zu tun.

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